Black Metal ist Krieg: „Lords Of Chaos“ im Filmcasino

Lords Of Chaos

„Lords Of Chaos“ erzählt die Geschichte junger norwegischer Musiker, deren Freundschaft schließlich an einem Mord zerbrach: Am 16. Februar im Wiener Filmcasino!

Lords Of ChaosSchon das 1998 erschienene Buch „Lords Of Chaos“ über die Anfänge der zweiten Black Metal-Welle in den frühen Neunzigern war in der (gelinde formuliert: engstirnigen) Szene schwer umstritten. Da wirkt die Idee, über die Thematik einen breitenwirksamen Spielfilm (wohlgemerkt: keine Dokumentation!) zu drehen, zumindest naiv und vermessen, wenn nicht sogar töricht. Auch, wenn die verwegene Idee von Jonas Åkerlund verantwortet wird, der nicht nur mit seinen Musikvideos – darunter mit Metallicas „ManUNkind“ ein „Teaser“ zu „Lords Of Chaos“ – bereits mehrfach bewiesen hat, dass er sein filmisches Handwerk versteht, sondern – und das ist in diesem Falle vielleicht sogar elementarer – als Gründungsmitglied der Szene-Legende Bathory mitverantwortlich für den Grundstein des Black Metals war.

Åkerlunds Film versteht sich dabei jedoch nicht als Verfilmung des Buches, wie er metal1.info erklärt:

Ich hatte die Idee tatsächlich schon bevor das Buch erschienen ist. Ich war in Los Angeles und habe dort an irgendwas gearbeitet, als ich in den amerikanischen Nachrichten auf CNN von den Kirchenbränden gehört habe. Und ich dachte mir: Das ist interessant. Das ist speziell. Ich meine, klar, es hat noch viele Jahre gedauert, ehe ich mich dazu entschieden habe, diesen Film zu machen – aber es ist mir quasi schon lange im Kopf herumgegeistert. Das Buch hat mir mein Bruder zu Weihnachten geschenkt, als es herausgekommen ist. Ich habe es damals, 1998, zum ersten und einzigen Mal gelesen.

Meine Recherchen für den Film gingen weit über das Buch hinaus. Dennis Magnusson, mit dem ich das Drehbuch geschrieben habe, und ich haben viel recherchiert, indem wir alle Dokumentationen angeschaut, alle Bücher gelesen haben – es gibt dazu viele Bücher da draußen –, die Polizeiberichte studiert und Leute getroffen haben. Als wir das Drehbuch schrieben, gab es so viele Inspirationsmöglichkeiten – das Buch „Lords Of Chaos“ war nur eine davon. Deswegen steht im Vorspann, dass der Film von dem Buch „Lords Of Chaos“ inspiriert ist. Der Grund, warum wir die Rechte an „Lords Of Chaos“ gekauft haben, war aber vor allem, alle Namensrechte zu klären – das war eher eine technische Sache. Dann haben wir das Projekt „Lords Of Chaos“ genannt. Ich dachte immer, dass wir den Titel später zu etwas anderem ändern würden, aber wir haben uns irgendwie in den Titel verliebt, dann habe ich dieses Logo entworfen, das ich wirklich mochte, und bevor wir es wirklich merkten, war es genau der Titel, den wir wollten. Wir haben zwar mehrmals darüber gesprochen, den Titel zu ändern, aber er ist geblieben.

Ja, Åkerlund geht sogar so weit, dass „Lords Of Chaos“ nicht einmal ein Musikfilm oder ein Biopic von Mayhem sein soll, sondern vielmehr eine Geschichte über das Coming of Age von insbesondere Øystein „Euronymus“ Aarseth, Mitgründer der legendären Band Mayhem und selbst ernannter Erfinder des „wahren norwegischen Black Metals“ (im Film impersoniert von Rory Culkin, Bruder von Kevin-Star Macaulay), und all der Charaktere, die um ihn kreisten – darunter natürlich seine Bandkollegen (etwa Sänger Per Yngve „Dead“ Ohlin, der von Val Kilmers Sohn Jack Kilmer gespielt wird) und sein Mörder Varg Vikernes:

Die Wahrheit ist, dass es in diesem Film für mich nicht wirklich um Black Metal, nicht wirklich um Mayhem geht. Es ist kein Musikfilm. Es geht eigentlich viel mehr um die Beziehung zwischen diesen kleinen Jungs, wenn sie die Band gründen, ihre Haare färben, versuchen, ihren Sound zu finden, unangenehm mit Mädchen umgehen und Partys schmeißen … Die zahlreichen Dokumentationen zeigen die Dunkelheit der Geschichte, die Bösartigkeit darin. Die Charaktere werden fast wie Dämonen dargestellt, wie böse Menschen. Meine Meinung ist, dass das sehr, sehr kleine Jungen waren, die aus guten Familien kamen. Ich habe mir immer gedacht: Hinter dem Corpsepaint, hinter alledem muss ein Mensch stecken, den wir noch nicht gesehen haben. Also war mein Ziel, die Geschichte zu vermenschlichen, diese Kinder zu Menschen zu machen und zu versuchen, die Story aus einer etwas anderen Perspektive zu erzählen.

Klar, dass ein hollywoodesker Film in der Black Metal-Szene gelinde formuliert nicht gut ankommt: Fenriz, seines Zeichens Schlagzeuger von DarkThrone, bezeichnet den Film als „dümmste Idee seit ungeschnittenem Brot“, und Burzums Varg Vikernes, immerhin Euronymous‘ Mörder, fühlt sich von der Darstellung durch einen – wohlgemerkt – „fetten, jüdischen Schauspieler“ missinterpretiert und missverstanden. Andere wiederum, wie Euronymous‘ Eltern und Øysteins Mitmusiker Jørn „Necrobutcher“ Stubberud und Jan Axel „Hellhammer“ Blomberg, waren am Film sogar involviert:

Die Wichtigen waren immer dabei – angefangen mit Euronymous’ Eltern. Es war mir sehr wichtig, sie mit einzubeziehen und sicherzustellen, dass sie wissen, was ich da tue. Sie haben das Drehbuch sehr früh gelesen. Und ich war schon früh mit Necrobutcher und Hellhammer in Kontakt. Das musste ich, weil ich die Rechte an ihrer Musik brauchte. Ich habe versucht, sie mit Respekt zu behandeln – schließlich drehten wir da ihre Geschichte. Aber gleichzeitig war es sehr wichtig für mich, dass es nicht ihr Film wird – es ist mein Film. Es war ein Balanceakt, mit ihnen in Kontakt zu stehen und zu entscheiden, wie viel Einfluss ich ihnen geben wollte. Aber wir sind alle Freunde und es ist alles gut. Es hat deswegen viele Gerüchte gegeben, aber soweit es mich betrifft, stand ich mit allen, die für mich wichtig sind, in Kontakt. Pelles Bruder hat mich sehr unterstützt, Attila hat mich sehr unterstützt, Necrobutcher ist ein Freund und am wichtigsten sind mir eben Euronymous’ Eltern.

Dass Åkerlund jedoch Varg – immerhin einer der Hauptcharaktere – ebenso nicht involviert hat, wie auch Snorre „Blackthorn“ Ruch, der am Mord von Aarseth immerhin am Rande beteiligt war, ist diskutabel: Immerhin wird hier die Freundschaft zwischen jungen Musikern erzählt, die letztlich in einem blutigen Mord endet. Und sowohl zur Freundschaft, als auch zum Mord, gehören immer noch (zumindest) zwei.

Kann man den Film als Szenekenner also als eine Form der Erzählung zumindest akzeptieren, wenn schon nicht lobpreisen? Ist die Geschichte auch für Cineasten interessant, die mit (Black) Metal wenig bis gar nichts am Hut haben und „Nothing Else Matters“ schon als bretterharte Metal-Nummer und Judas Priest als „Death Metal“ bezeichnen würden? Lassen wir im Gegensatz zu Åkerlund Varg Vikernes abschließend zu Wort kommen:

– und zwar am 16. Februar im Wiener Filmcasino.