Bodyguard – Das Musical: Wenn die Bühne zum Popcorn-Pop-Erlebnis wird

Bodyguard

„Bodyguard – Das Musical“ ist auf den Wiener Bühnen angekommen: Ab 27. September rettet im Wiener Ronacher Bodyguard Frank Farmer Soul-Diva Rachel Morron vor einem verrückten Stalker – inmitten von aufwendigen Choreographien und reichlich Mitsing-Songs.

BodyguardSpätestens seit dem ABBA-Musicalerfolg „Mamma Mia!“ sind sogenannte Jukebox-Musicals in aller Munde – und sorgen für ausverkaufte Häuser. Egal ob Michael Jackson, die Spice Girls, Udo Jürgens, Reinhard Fendrich oder eben das schwedische Pop-Phänomen: das Publikum rennt den Theaterhäusern (weltweit) die geschichtsträchtigen Türen ein, wenn einander Nostalgie, Tribut-Hochachtung, große Emotionen und Karaoke-Feeling die Hand geben und so für einen unvergesslichen Abend sorgen. Denn was macht mehr Spaß, als seine Lieblingssongs eingebettet in eine spannend-unterhaltsame (Love-)Story zu erleben und dabei jedes einzelne Wort mitsingen zu können? Da kann nicht mal ein tatsächlicher Retro-Jukebox-Abend mithalten!

Es war also nur eine Frage der Zeit, bis einer der erfolgreichsten Blockbuster der jüngeren Popkultur auf die Bühne gehievt und als Musical adaptiert wird. „The Bodyguard“ war der zweiterfolgreichste Film im Jahre 1992, spielte das 16-fache seiner Produktionskosten ein und gilt heute vor allem dank seines unvergleichlichen Soundtracks und der außergewöhnlichen Liebesgeschichte zwischen den Protagonisten als Filmklassiker. Mit über 45 Millionen verkauften Exemplaren avancierte der Soundtrack zum bis heute erfolgreichsten Filmmusik-Album aller Zeiten. Zwei Oscar-Nominierungen, drei Grammys und zahlreiche andere Auszeichnungen verliehen Engelsstimme Whitney Houston endgültig den Legenden-Status. Die Musical-Adaption steht dem Filmerfolg um (fast) nichts nach: Mehr als vier Millionen Besucher waren bisher in Großbritannien und Deutschland dabei und erlebten live mit, wie die bekanntesten Houston-Songs auf der Bühne zum Leben erweckt werden! Zurecht: Denn „Bodyguard – Das Musical“ ist nicht nur ein Must See-Liveevent, sondern stellt sich ab der ersten Minute als Pop-Sensation heraus, als hedonistischer Genuss für alle Sinne.

Schlag auf Schlag

Das Stück beginnt mit einem lauten Knall (wer bis dahin nicht bei der Sache war, ist es spätestens jetzt!) – und schon sehen wir, effektiv genreübergreifend hinter einer Art Leinwand, Frank Farmer („Verbotene Liebe“-Star Jo Weil) mit abgefeuerter Pistole in der Hand seinen Auftraggeber vor einem Attentäter beschützend. Ganz im Blockbuster-Manier geht’s zügig weiter und man ist sich kurz nicht sicher, ob wir einem Kinofilm, einem Popkonzert oder doch einem Musical beiwohnen: Bombastische Video-Einspieler kündigen den Superstar Rachel Marron (Patricia Meeden) an – und schon steht die, umringt von halbnackten sexy Tänzern und sprühenden Feuerfunken, auf der Bühne und gibt mit gewaltigem Stimm- und Körpereinsatz ihren Hit „Queen of the Night“ zum Besten. Die erste Möglichkeit dieses Abends, in seinem Sitz den Hintern zu schwingen, mitzuschnipsen, mizuwippen und mitzusingen – und viele, viele solcher Möglichkeiten sollen noch folgen.

Blockbuster-Feeling

Denn mit atemberaubender Geschwindigkeit geht’s auf der Bühne weiter: Schlag auf Schlag, aber trotzdem, ohne dabei jeweils erschlagen zu werden, zieht sich die Schlinge um den zarten Hals von Marron (der es, natürlich, gar nicht taugt, plötzlich einen Aufpasser an ihren Stiletto-besetzten Fersen kleben zu haben) immer enger und Farmer, der schnell eine enge Beziehung zu Marrons Sohn Fletcher aufbaut, tut alles daran, um den Superstar vor den verrückten Stalker und sich selbst zu schützen – und bricht nebenher auch noch das Herz von Rachels Schwester Nikki (Ana Milva Gomes), die nicht mit aufmüpfigen Fans, sondern mit dem überpräsenten Schatten der Superstar-Schwester zu kämpfen hat.

So weit, so bekannt (und beliebt!). Aber wie bringt man einen romantischen Thriller auf die Theaterbühne? Indem man nicht nur die eine oder andere dramaturgische Unlogik des Originals ausmerzt, sondern vor allem ganz tief in die moderne Inszenierungs-Kiste greift: Zahlreiche Videoprojektionen, atemberaubende Kostüme, realistische Kulissen, ein triumphal aufspielendes (verstecktes) Orchester und das hohes Tempo sorgen dafür, dass sich filmisches Blockbuster-Feeling im Saal breitmacht. „Bodyguard“ ist oft weniger Musical als ein auf die Bühne gebrachter Kinofilm (inklusive Slow-Motion-Einlage!) – wobei die Bühnenadaption streckenweise sogar besser funktioniert als der Film selbst. Weil gestraffter, dichter, leibhaftiger, mutiger, abwechslungsreicher. Ja, origineller und grenzenüberschreitender. Denn „Bodyguard – Das Musical“ erweist sich als außergewöhnlicher, als man auf den ersten Blick meinen mag:

Das Durchbrechen der vierten Wand

Neben den Videoprojektionen, die mehr sind als bloße Effekthascherei, sich (fast immer) perfekt in die Story einfügen und diese somit auf die nächste (Spannungs-)Ebene heben, ist es vor allem das Einbeziehen des Publikums, das Durchbrechen der vierten Wand, das einem bei „Bodyguard – Das Musical“ so richtig mitleben lässt. Wer jetzt panikartig ob der Angst, in Form von peinlichen Spielen auf die Bühne geschleift zu werden, die Flucht ergreift, der sei beruhigt: Vielmehr werden die Zuschauer indirekt, ja zuweilen durchaus subtil und unbemerkt in das Bühnengeschehen miteinbezogen. Wenn Rachel einen ihrer Auftritte zum Besten gibt, dann singt und performt sie tatsächlich für uns, den Zusehern im Ronacher. Wenn sie bei der Oscar-Verleihung debütiert, klatscht nicht nur das imaginäre, sondern auch das echte Publikum (und ist zu Tränen gerührt!). Wenn der Stalker seine Waffe ins Oscar-Publikum richtet, sind es echte Gesichter, nämlich unsere, auf denen sich der rote (Todes-)Laserpunkt widerspiegelt – und somit für beklemmende Gefühle sorgt. Und in der Karaokebar mit echtem Mitsing-Text sind es erneut wir, die Teil der Handlung werden. Am Ende wird sogar zum Mitttanzen aufgefordert – aber zu diesem Zeitpunkt sind wir ohnehin schon hin und weg und überlegen uns, wieso wir nicht eigentlich selbst Musicalstars geworden sind.

Spannung, Spiel und Überraschung!

Außergewöhnlich auch die sicheren Sprünge zwischen den Genres: „Bodyguard – Das Musical“ ist, mehr als es der Film zu bewältigen schaffte, Popkonzert, Oscar-Spektakel, Thriller (mit stets unterschwelliger bedrohlicher Atmosphäre), Romanze und Jukeobox-Sing-a-long gleichzeitig. Man hat tatsächlich immer wieder das Gefühl, einem echten Konzert eines echten Pop-Superstars beizuwohnen, was vor allem den spektakulären Choreographien und den aufwendigen Bühnenshows geschuldet ist. Sogar bei der Oscars-Szene können wir endlich nachempfinden, wie es wohl sein muss, im echten Dolby Theatre in L.A. bei der Preisverleihung dabei zu sein. Kudos an Patricia Meeden, die mit jeder Faser ihres Körpers vor allem bei den Showeinlagen die unerreichbare Diva und den globalen Superstar ausstrahlt.

Whitney Houston-Tribut mit großartigem Cast

Womit wir auch beim letzten Punkt wären – und das Beste hebt man sich bekanntlich immer für den Schluss auf: Meeden und Gomes alleine (!) stemmen die insgesamt 16 larger-than-life-Songs, nur ganz selten von dem einen oder anderen Ensemble-Mitglied unterstützt. Meeden und Gomes gehören stimmlich zum Besten, das das Musicalgenre derzeit zu bieten hat: da stimmt jeder Ton, jedes Gefühl, jeder Takt, jeder Augenaufschlag. Die Whitney Houston-Songs werden mit einer Leichtigkeit zum Besten gegeben, die einem nicht nur einmal den Atem stocken und bewundernd nicken lässt. Beide Sängerinnen imitieren Houston nicht, sondern finden eine eigene Interpretation der Songs, die den manchmal bisserl angestaubten Liedern einen frischen Touch verpasst. Allen voran Gomes erinnert in ihrer Bühnenpräsenz an die echte Houston und erntet wohl auch deshalb den größten Applaus.

Bei der Songauswahl selbst beschränkten sich die Macher nicht nur auf den Bodyguard-Soundtrack, zu dem Houston streng genommen nur sechs Songs beisteuerte, sondern griffen beherzt und mit Freude aus den Erfolgsvollen der Sängerin: Von „Saving all my love“ über „I wanna dance with somebody“ bis hin zum späten „Million Dollar Bill“ erwachen die größten Hits der Soul-Legende vor unseren Augen (endlich erneut!) zum Leben und erinnern uns schmerzhaft daran, welch große Künstlerin viel zu früh von uns gegangen ist. Damit wird „The Bodyguard – Das Musical“ auch zum großen, liebevoll zelebrierenden Whitney Houston-Tribut. Ein Tribut, das dem von ABBA um nichts nachsteht: Wie in „Mamma Mia!“ gliedern sich auch hier die Songs perfekt in die Story ein, sind nicht nur nettes Entertainment-Beiwerk, sondern wesentlicher Bestandteil der Dramaturgie. Spätestens jetzt wird deutlich, welch grandiose Geschichtenerzählerin die Houston war.

Und der Rest des Casts? Der kann zwar nicht ganz mit Meeden und Gomes mithalten, spielt aber mit sichtlicher Lust und Laune und macht Stimmung. Maximilian A. Ortner sticht hier besonders heraus: Er schafft es, die gefährliche Besessenheit des Stalkers auch ohne viel Worte, dafür mit bedrohlich, langsamen Bewegungen und irrem Blick (und durchtrainiertem Muskelkörper!) eindringlich zu transportieren. Der eine oder andere Gestus der Schauspieler mag vielleicht etwas übertrieben sein, aber was soll’s, übertrieben ist hier alles – ganz so, wie es sich für ein echtes Pop-Spektakel gehört. Ironischerweise ist eines der absoluten Highlights des Stückes ein (beinahe) gänzlich unmusikalischer: Wenn Weil alias Frank Farmer in der Karaokebar die Power-Ballade „I will always love you“ nach Herzenslust mit falschen Tönen intoniert, sorgt er für die lautesten Lacher des Abends. Weil, ganz klar kein Sänger, beweist hier erfrischende Selbstironie, weshalb man ihm auch das ansonsten eher gekünstelte Spiel verzeiht.

Fazit

Hohes Tempo, Glamour, Glitzer, Action, überbordende Emotionen, eine hochmoderne, aufwendige Inszenierung, sexy Darsteller mit großen Stimmen, bisserl nackte Haut, sensationelle Choreografien und Mitsing-Lieder am laufenden Band machen „The Bodyguard“ zum Musical-Ereignis des ausgehenden Jahres. Beeindruckend, wie spektakulär der Blockbuster auf die Bühne gebracht wurde. „The Bodyguard – Das Musical“ setzt neue Maßstäbe in der ohnehin nicht einfallslosen Musical-Welt. Nicht nur für Whitney Houston-Fans ein Muss! Tickets gibt es bei oeticket.com!

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