C. Freude: Alles wird gut

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Zeitgenössischer Popmusik mangelt es oft an Inhalt. Mit seinen ersten beiden Singles schickt sich C. Freude an, dieses Ruder herumzureißen – selbst in der Krise.

Foto: Miriam Zach

Die Corona-Pandemie hat 2020 schon sehr früh aus dem Ruder geworfen, in Windeseile blieb kein Stein mehr auf dem anderen und sämtliche wohlfeil geschmiedeten Pläne wurden über den Haufen gehaut. Am deutlichsten sind die Nachwirkungen in der Kulturszene zu spüren: Während sämtliche anderen Lebensbereiche nun sukzessive wieder erblühen, ist die reiche Welt der Musik noch lange von der alten Präsenz und auch Prominenz entfernt – viele geplante Veröffentlichungen mussten verschoben werden und abertausend Konzerte harren noch auf eine neue Terminfindung. Kurz: Es gibt wahrlich bessere Umstände für Kunstschaffende, viel mehr noch für jene, die sich erst einen Namen machen müssen – so etwa der in Wien beheimatete Songwriter C. Freude, der zu Krisenbeginn mit „Sabine“ debütierte und erst letzte Woche „Ich schau dir zu“ nachlegte.

Doch liegt es ihm fern, über die widrigen Umstände zu murren, vielmehr zeigt sich C. Freude im angeregten Gespräch – wie auch schon in seinen zwei Musikstücken – als vifer Beobachter des nun einmal vorliegenden Ist-Zustandes, der selbst aus einem Ärgernis noch Kraft und – pun intended – Freude schöpfen kann. Für Vorschusslorbeeren ist es zwar vielleicht noch zu früh, zumal sich C. Freude noch nicht auf der Bühne – das Setting, das Spreu von Weizen trennt – beweisen musste, aber: Wenn sein weiteres Schaffen die Brillanz, die nun aufgebaut wurde, hält, ist Österreich um einen ausgezeichneten Künstler reicher – das Feingefühl, das C. Freude in der Inhaltsschwere seiner Erzählungen an den Tag legt, während er gleichzeitig aber auch leichtfüßig über die Tabulatur huscht, ist bemerkenswert und fesselnd zugleich. Angelehnt an Karl Farkas lautet meine Empfehlung: „Hör’n Sie sich das an!“

Beinahe zeitgleich mit der COVID-19-Pandemie in Mitteleuropa bist auch du als C. Freude mit deiner ersten Single „Sabine“ ins Rampenlicht getreten; Etwas plakativ an den Künstlernamen angelehnt: Wie bewahrst du dir, wenn an allen Ecken und Enden Kartenhäuser zusammenbrechen, die Freude?

Indem ich an mein Lieblingszitat von Oscar Wilde (oder John Lennon, das weiß man ja anscheinend immer noch nicht, von wem das kommt) denke: „Everything is going to be fine in the end. If it’s not fine it’s not the end.”

Oftmals wird in der Musik eine Realitätsflucht, eine heile Parallelwelt aufgebaut, damit Zuhörerinnen einen Ausgleich zum Alltag erleben. Mit den Themen, die du in deinen Liedern ansprichst, vollziehst du jedoch das genaue Gegenteil: Die Themen, wo man gerne wegsieht, werden explizit aufs Tableau gelegt. Was bewirkt diese Aufarbeitung deiner Erlebnisse in dir selbst und was bezweckst du damit bei deinem Publikum?

Für mich bedeutet Musik machen / Texte schreiben, dass ich Dinge, die ich nicht verstehe, versuche, mir selbst zu erklären. Soll heißen: Wenn mich eine Thematik irritiert, oder ich keine Antwort zu einer Frage finde, schreibe ich einen Song. Aktuell geht es mir so gut, dass ich das Glück habe über die Themen nachdenken zu können, die in Vergessenheit geraten beziehungsweise in den Hintergrund gerutscht sind. Und auf den ersten Teil der Frage bezogen: Ja, leider. Der Großteil der Popmusik (vor allem Deutsch-Pop) hat seit vielen Jahren keinen Inhalt mehr, das möchte ich ändern. Das soll auch das Publikum spüren.

Meine Befürchtung ist, dass die Pandemie auch im Übermaß Einzug in die Kunst finden wird, breitgetreten wird. Corona-Lieder gibt es ja bereits zuhauf, und es werden sich wohl auch Theatermacherinnen und Kabarettistinnen nicht nehmen lassen, das Thema wieder und wieder aufzugreifen. Was macht Corona für dich künstlerisch interessant oder uninteressant?

Alle noch nie dagewesenen Dinge sind meiner Meinung nach äußerst spannend für einen Künstler / eine Künstlerin. Es bringt neue Ideen, neue Ansichtsweisen auf Themen usw. Corona hat auch mehr Zeit zum Nachdenken gebracht.

Kannst du der Pandemie auch etwas Positives abgewinnen?

Absolut. Ich bin davon überzeugt, dass die Menschen durch die Pandemie beginnen umzudenken. Vor allem was Luxus und Lebensfreude betrifft.

Konträr zum Inhalt wirkt deine Musik alles andere als trist und betrübt, vielmehr beschwingt und heiter. Ein bewusster Kunstgriff mit Hintergedanke?

Ja! Es ist ein bewusstes Arbeiten mit dem Unterbewusstsein. Soll Folgendes heißen: Ich bin grundlegend ein sehr glücklicher Mensch, der wirklich viel Spaß an und im Leben hat. Das ist mir klar, und das möchte ich nicht verlieren. Deshalb schreibe ich Lieder, die melodisch fröhlich klingen. Den Rest möchte ich aber gerne für Interpretation vorerst noch offenlassen. Es ist ein bewusstes Arbeiten mit Emotionen, hat auch mehrere Gründe.

Nun sind wir schon seit über zwei Monaten in der Krise, einer Krise, die die Kunstbranche mit am stärksten und dauerhaftesten betroffen hat. Wie weit ist auch dein Leben – gerade als neu aufstrebender Künstler, der gerade jetzt auch das Live-Publikum nicht nur gebraucht, sondern auch verdient hätte – auf den Kopf gestellt worden?

Ja klar, optimal ist es nicht. Jammern möchte ich jetzt aber auch nicht sonderlich. Es wird kommen, wie es kommen soll. Vielleicht hat mir als Künstler der Lockdown gutgetan, vielleicht hat er meine Karriere schon vor dem ersten Release beendet, das weiß ich nicht, und es ist auch gut so, dass ich es nicht weiß.

In einem anderen 2020 hättest du jetzt bereits geprobt, vielleicht konzertiert und persönlich Interviews gegeben – wie weit füllst du die entstandenen Leerstellen als Künstler nun produktiv auf?

Leerstellen habe ich glücklicherweise keine. Ich bin einer der Menschen, die nie Ruhe geben können und immer etwas zu tun haben müssen. Das heißt ich studiere nebenbei, habe mit Freunden ein Modelabel aufgebaut und arbeite auch an der einen oder anderen Social Media Kampagne mit. Sollte also irgendwo noch zeitlicher Spielraum sein, meist in der Nacht, schreibe ich Lieder.

Apropos live: Wie wirst du auftreten? Allein und reduziert? In Besetzung mit Licht und Nebel? Was hast du dir dahingehend überlegt?

Um wie beispielsweise Ed Sheeran ganz alleine vor einem Happel-Stadion zu spielen, bin ich meiner Meinung nach einfach zu untalentiert (lacht). Außerdem mag ich lieber mehr Menschen auf der Bühne haben, dann ist nicht jedes Auge auf mich fokussiert. Aber aufgrund von Corona, mache ich mir vorerst noch keine Gedanken. Ich will mal Musik veröffentlichen und alles step by step angehen.

Livekonzerte werden ja gerne als „Stimmungsmacher“ gesehen, als wohlfeiler Abendausklang. Ob der Schwere deiner Stücke – ist das Liveumfeld überhaupt eines, das dir für deine Musik dienlich erscheint?

Ich denke schon. Nur weil meine Texte hart sind und keine heile Welt darstellen, heißt das doch nicht, dass man dazu nicht tanzen könne. Eher im Gegenteil: Ich möchte, dass man durch meine Musik lernt, die guten Dinge im Leben zu erkennen, das Leben lernen zu genießen und zu zelebrieren. Gründe zum Feiern und Genießen gibt es immer. Man muss sie nur erkennen.

Viele Künstlerinnen – und so auch du – leben freilich nicht von der Kunst allein: Das wäre, nicht nur hierzulande, ein immens unsicheres Unterfangen. Wie gehen Brot und Butter bei dir Hand in Hand, vor und während der Krise – und insbesondere auch: danach?

Wie schon erwähnt bin ich sehr rastlos und arbeite beinahe immer. Neben dem Studium habe ich ein Modelabel mit Freunden, arbeite im Social Media Bereich und gebe Workshops.

Gibt es etwaige Fonds, die dich jetzt fernab von deinem Brotberuf fördern? Wenn ja, wie unbürokratisch war es für dich, Unterstützung zu erhalten?

Mit Fonds habe/hatte ich noch nichts am Hut. Die sollte man meiner Meinung auch nicht ausnützen. Natürlich könnte ich Geld beantragen, jedoch brauche ich es glücklicherweise gerade nicht, demnach überlasse ich das gerne jenen, die es eher benötigen.

Zahlreiche Künstlerinnen wanderten von der Bühne ins Netz, etwa auf Instagram, oder auf ihren Balkon – du warst hier zurückhaltender. In einigen Ländern gaben auch ganze Bands professionell aufgezogene Geisterkonzerte, die kostenfrei oder kostenpflichtig ins Netz gestellt wurden. Siehst du für diese Art von Konzertieren eine Zukunft – nicht als Ersatz für das althergebrachte Livegefühl, aber additiv?

Ich hoffe nicht. Ich liebe Live-Konzerte, vor allem als Besucher. Diese Instagram-Live Konzerte waren eh ganz lustig für 2, 3 Tage, danach war‘s dann für mich aber Schluss. Es ergibt für mich wenig Sinn, sich vor ein Handy zu setzten und Musik zu machen.

Musik war aber nicht nur für die Künstler selbst wichtig, auch die Polizei Wien dachte sich, es wäre ein Zeichen des Zusammenhaltes, für einige Zeit die Stadt mit Fendrichs Kulthymne „I Am From Austria“ zu beschallen. Deine Gedanken dazu?

Zusammenhalt ist super, Solidarität auch. Von Imagekampagnen halte ich nichts. Entweder man tut Dinge aus Überzeugung oder nicht. Ob es sich hierbei um eine Imagekampagne oder um ein ehrlich gemeintes Zeichen von Solidarität handelt kann ich aber nicht sagen, dazu müsste ich bei der Planung dabei gewesen sein.

Die Kulturbranche war die erste, die von der Krise betroffen war, und wird wohl die letzte sein, die wieder im vollem Umfang erblüht: Anfangs präsentierte sich die Branche noch kreativ-motiviert, mit der katastrophalen und überhaupt ersten Pressekonferenz zum Kulturthema Mitte April kippte die Stimmung doch gewaltig: Denkst du, wird die Kultur sowohl in der breiten Masse, auch in der Bundesregierung als verzichtbares Luxusgut wahrgenommen?

Gute Frage. Ich denke schon, dass Kultur ein Luxusgut ist. Die Frage ist nur, ob Kunst und Kultur verzichtbar ist. Wahrscheinlich erkennt man die Wichtigkeit der Branche erst dann, wenn sie nicht mehr vorhanden ist.

Was mir sauer aufstößt: Die Partei der Grünen, seit jeher hofiert von Kulturschaffenden, versteht ihre Kernzielgruppe nicht, aber es gibt auch keine lautstarke Lobby im privaten Sektor – und das, obwohl ihr Künstlerinnen jeden Tag abertausend Menschen bestens unterhaltet. Warum?

Weil Künstlerinnen und Künstler meiner Meinung zu intelligent sind um in die Politik zu gehen. Was ich damit meine: Will man verändern oder bewegen, geht man nicht in die Politik, man macht Kunst. Demnach kümmern sich Künstlerinnen und Künstler wahrscheinlich weniger um Lobbyismus, sondern mehr um die Botschaft.

Nun wird zaghaft versucht, wieder langsam in ein Konzertieren zurückzufinden, vorerst mit Sitzplatzkonzerten und großen Abständen und anderen Einschränkungen. Auch im Herbst werden, bei einer etwaigen Öffnung für Stehkonzerte, noch keine Superstars aus Amerika die Stadthalle füllen. Denkst du, wird dies für einen zumindest temporären Hype an heimischen Künstlern sorgen? Immerhin wurde während der Krise auch propagiert, heimische Unternehmen zu unterstützen, im Sommer dann im Inland zu urlauben.

Ich denke schon, dass sich der Fokus mehr auf das heimische Kunstschaffen legen kann. Ob dies schlussendlich auch die Realität sein wird, ist unvorhersehbar. Hoffen tu ich es natürlich schon. Wobei mir ein dauerhafter Fokus lieber wäre als ein Hype.

Es ist für mich persönlich immer eine Gratwanderung, Maßstäbe wie eine Quote – sei es Geschlecht, sei es Herkunft – an die Musik heranzutragen; Ich verstehe den hehren Gedanken, weiblichen Künstlerinnen selbstverständlich eine Plattform zu geben oder auch heimische Musiker mit einer Wertigkeit aufzuladen. Aber im besten Fall ist doch der Autor selbst sogar unerheblich und allein seine Musik steht im Raum. Wie erwartest du als Künstler, vom potentiellen Publikum gelesen zu werden?

Simpel: So wie ich bin. Ich möchte dem Publikum keine „Sichtweise“ mir gegenüber aufdrängen, ich möchte, dass jene, die meine Musik gut finden sie gut finden können und jene, die meine Musik schlecht finden sie auch schlecht finden können. Jede Art der Kunst findet sein richtiges Publikum solange sie „echt“ ist.

Die „neue Normalität“ ist ein schrecklicher Begriff, der von der Bundesregierung geprägt wurde. Allerdings: Die Krise hat auch gezeigt, ein Zurückkehren in die „alte Normalität“ ist vielleicht an gewissen Ecken und Enden unklug, weil der Alltag etwa unökonomisch war – ich denke da an die zahlreichen Dienstreisen – oder auch ohne Krise schon prekär – ich denke da etwa an Anstellungsverhältnisse oder Förderungen in der Kulturbranche. Welche Änderungswünsche für die „neue neue Normalität“ nimmst du für dich mit, wenn du jetzt Wunschkonzert spielen darfst?

Mich ärgern Aussagen, dass man wieder zurück in die Normalität möchte. Das will ich auf keinen Fall … Ich möchte nicht in eine “Normalität“ zurückkehren, in der man die Ökonomie vor die Umwelt und den Menschen stellt. Ich wünsche mir eine Normalität, in der sich der Mensch nicht mit der Natur und Umwelt bekriegt. Ob es mit einer Einschränkung der Dienstreisen schon getan ist, wage ich zu bezweifeln. Ich bin der Meinung, dass wir viel mehr als das tun müssten. Es kann nicht sein, dass beispielsweise der Regenwald weiterhin gerodet wird, damit Herr/Frau Österreich sein/ihr Schnitzel für € 1,50 kaufen kann. Oder dass Europäerinnen und Europäer genüsslich in Lignano am Strand liegen, während wenige Luftkilometer weiter Menschen in dem selben Meer ersaufen müssen. Meine neue Normalität sieht eben nicht so aus.

Nach den ersten Wochen des kompletten Shutdowns, auf was hast du dich am meisten gefreut?

A Schnitzl für € 1,50 (lacht) … Natürlich nicht: Statt dem Schnitzel war es bei mir ein Dosenbier am Donaukanal mit Freunden, die ich lange Zeit nicht gesehen habe.

Im Gegensatz zum gewohnten Kunstschaffen kündigen deine ersten beiden Singles noch kein volles Album an: Hat für dich selbst das Format des Albums ausgedient?

Nein. Für mich steht ein Album außer Frage. Für ein gutes Album braucht es aber ein wenig mehr Zeit um die Kombination und Auswahl der Titel perfektionieren zu können.

Was können all jene, die du mit „Sabine“ und „Ich schau dir zu“ bereits gefesselt hast, im weiteren Jahresverlauf von dir erwarten?

Noch mehr Popmusik mit Sinn und Inhalt.

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