Conchita: From Vienna with Love

Conchita

Conchita changiert nicht nur gekonnt zwischen den Geschlechtern, sondern auch zwischen Klassik und Rockmusik. Kein Wunder, dass es da auch ihm zu Ehren „rote Rosen regnet“.

ConchitaMit „From Vienna with Love“ erfüllte sich Conchita, nunmehr mit dem Artikel „der“ zu versehen, einen Traum: Ein Album mit den Wiener Symphonikern. Im Kreativ-Rausch gibt‘s im Dezember nicht nur das große Klassik-Konzert, sondern anschließend eine rockigere Tournee mit Band. !ticket traf den Conchita zu Kaffee und Tratsch.

Jetzt, da du deine männliche Seite entdeckt hast, wie sagt man zu dir? Der Conchita?

Conchita: Ja, ich weiß, das mit dem Artikel. Der Tom. Aber es ist immer noch Conchita. Ja, Conchita, das reicht fürs erste (lacht).

„Der Conchita“ ist grammatikalisch nicht richtig, passt aber zum Rest deiner außergewöhnlichen Karriere.

Conchita: Das stimmt! Ich hab‘ immer damit gespielt, gerade mit Geschlechterrollen, mit Schubladen in die man denkt, dass man reinpasst, in denen man gar nicht ist. Dann kommt man drauf, dass man gar keine Schubladen braucht. Dann wieder merkt, oje, ich denk‘ auch in Schubladen. Es ist ein stetiges Hinterfragen und Reflektieren. Das macht es am Ende des Tages auch spannend. Zumindest in meinem Kopf.

Gerade für dich gibt es ja keine Schublade. Ist es ein ganz bewusstes Spiel, dass du dich gestern in die Songcontest-Schublade stecken lässt, morgen in die für Klassik, um die Menschen ein bisschen am Schmäh zu halten?

Conchita: Naja, vor allem sind das alles Interessensfelder, die ich wirklich habe. Ich würd‘ nie etwas machen was mich nicht interessiert. Das vorneweg. Dann gibt es gewisse Sparten, die ich gerne bediene, die ich gerne auslebe und da bin ich ein Stück weit auch sprunghaft. Wenn es Songcontest-Zeit ist, dann liebe ich es, darüber zu sprechen, mich auszutauschen. So, wie jetzt das Orchesteralbum raus kommt, bin ich in einer anderen Mood und lebe diese Seite von mir aus, die ich bis zum Exzess feiere.

Sind deine Stilwechsel von Pop bis Klassik für deine Fans nicht verwirrend? Mit „From Vienna with Love“ bist du ja schon sehr weit weg vom Songcontest-Sound.

Conchita: Bisher ging das ganz gut (lacht). Die Fans, die einen ganz intensiv verfolgen, sehen in mir schon ein Stück mehr als, unter Anführungsstrichen, die Musik, die ich mache. Die lieben es mir dann zuzusehen wenn ich spreche, wenn ich tanze oder eben singe. Somit bin ich in einer sehr privilegierten Situation, dass mich die Menschen, die mich begleiten auch so sein lassen, wie ich denn momentan sein möchte.

Im Song „Writings on the Wall“ gibt es die Textzeile „I Risk it All“. Hast du bei dieser Platte alles riskiert?

Conchita: Naaaa (lacht)! Das ist Unterhaltung und keine Herzchirurgie.

Naja, orchestral zu arbeiten ist schon etwas ganz Neues.

Conchita: Ist es das? Ich find‘, dass es gar kein neues Feld ist. Ich hab‘ mit „Rise Like a Phoenix“ auch einen orchestralen Song präsentiert und das, was ich mache, ist Pop-Musik von einem Orchester begleitet. Also ich glaube, wenn du Klassikern sagst, dass das klassische Musik ist, dann rollt es ihnen die Zehennägel auf. Das ist immer noch Pop, in einem klassischen Gewand. Von daher glaube ich nicht, dass da irgendein Risiko eingegangen wurde, im Gegenteil. Ich glaub‘, das ist auch das Wunschalbum, das sich alle erwartet oder eben gewünscht hätten nach dem Songcontest-Sieg. Es macht halt großen Spaß, immer wieder etwas Neues auszuprobieren.

Wie kam es überhaupt zur Zusammenarbeit mit den Wiener Symphonikern, die ja doch die Elite der Elite in diesem Fach sind?

Conchita: Ich weiß was das für ein Privileg ist! Wie ist das passiert? Ich hab‘ die Festwochen-Eröffnung moderiert und die Wiener Symphoniker haben das ganze Programm dargeboten. Wenn man so eine Fernsehshow macht, hat man davor vier Tage intensive Proben und wir sind alle ständig am Platz. Da bekommt man ein bisschen ein Gespür für einander. In den Pausen unterhält man sich. Da hat man gemerkt, dass man sich gegenseitig schätzt und einfach eine Freude an diesem Projekt hat. Ich würde behaupten, dass das ein erfolgreicher Abend für alle war und im Freudentaumel entstand durch René, meinem Manager, die Idee, ob man da nicht etwas zusammen machen sollte. Ich hab gesagt: Naja, sicher!

Bevor du gefragt hast war nicht der Gedanke da: Denk‘ nicht einmal dran?

Conchita: Na sicher! Natürlich ist es kühn und ein bisschen weit gedacht oder hinausgelehnt. Wenn sich einmal so ein wahnsinnig großer Traum erfüllt, dann glaubt man plötzlich daran, dass alles möglich ist.

Ein echter Wiener würde sagen, dass man so etwas einfach nicht macht, die Symphoniker zu fragen.

Conchita: Wenn man sich solche Regeln auferlegt, sollte man diese Regeln überdenken, denn die sind schwachsinnig.

Hast du dich mit dem Thema Farinelli und Kastratenstimmen beschäftigt?

Conchita: Es hat mich beschäftigt. Ich hab‘ das Glück, dass meine Stimme aus natürlichen Umständen so hoch ist. Das ist eine spannende Thematik, dass das (Kastration zum Zweck des Erhaltens der präpubertären Stimme bei Buben in Italien bis ins 19. Jahrhundert, Anm.) gemacht wurde. Ja, ich spiele immer wieder mit meinem Falsett, weil mein Register relativ weit hinauf geht für einen Mann. Und es macht natürlich auch Spaß, wenn man zeigen kann was man kann. Das ist in diesem Genre und bei diesen Songs der Sache auch dienlich gewesen.

Täuscht mich der Eindruck, dass du dich bei den ganz hohen Noten nicht so wohl fühlst?

Conchita: Nein, ich schrei‘ wahnsinnig gern.

Hast du ab und zu darüber nachgedacht, dass es nur ein feiner Grat zwischen dem süßlichen Wien-Klischee und Klasse ist?

Conchita: Die Herausforderung war, dass ich keine Kopien von den Original-Songs mache. Ich wollte nicht versuchen, jemanden zu imitieren, sondern das Gefühl, das die Interpreten in die Songs gelegt haben zu verstehen und in meine Sprache umzuwandeln. Insofern war mir das schon sehr wichtig, dass es keine Disney-Musik wird, ohne das abwertend zu meinen. Aber es sollte kein Märchen-Soundtrack werden, sondern ein Album mit einem klassischen Orchester.

Als einzige deutschsprachige Nummer ist „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ auf dem Album. Weshalb Hildegart Knef?

Conchita: Ich hab‘ mit meiner Oma eine kleine Fehde am Laufen. Meine Oma ist einer meiner größten Fans und sie sagt immer zu mir: „Thomas, du singst so schee, aber i versteh‘ di net.“ Seitdem habe ich in meine Sets immer zumindest einen deutschen Song eingebaut weil ich weiß, dass meine Oma partiell dabei sein wird. Um ihr einen Moment zu schenken, hab‘ ich mich für einen deutschen Song entschieden und das wollte ich auf diesem Album auch machen. Wenn ich den Text von „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ singe, hab‘ ich das Gefühl, das Lied wurde auch für mich geschrieben. Dass ein fremdes Stück Musik einem so aus der Seele sprechen kann ist etwas ganz besonderes. Deshalb wollte ich die Nummer unbedingt am Album haben.

Nach der Show im Konzerthaus mit Orchester geht es mit der Rock-Band auf Tour. Was ist der Unterschied? Da gibt’s den rockigen Conchita?

Conchita: Wenn ich Orchesterkonzerte spiele, ist mein Mindeset ab dem Aufwachen schon ein anderes. Ich bin eine andere Version meiner selbst, ich bin ein bissl ruhiger, trinke ruhig meinen Tee. Ich channel meine innere Diva weniger als meine innere Rampensau. Und wenn es Band-Konzerte sind …

… gibt es Whiskey zum Frühstück?

Conchita: Zum Frühstück vielleicht ned, aber nachher … Da ist es in allen Belangen etwas unfrisierter. Es wird mehr improvisiert, es gibt mehrere spontane Momente. Es kann sein, dass ich die Tonart nicht erwische und sag‘, Entschuldigung, wir fangen noch einmal von vorne an.

Das ist bei einem Rock-Konzert ja durchaus üblich, dass der eine oder andere Ton daneben geht.

Conchita: Genau. Bei einem Orchesterkonzert will ich, dass es in dieser Gesamtheit und Perfektion, die dieses Orchester mit sich bringt, vonstatten geht. Ein Band-Konzert ist lockerer und es gibt mehr Witze und Geschichten, die ich bei einem Orchesterkonzert vielleicht nicht erzählen würde.

Auf was freust du dich mehr?

Conchita: Ich werde auf beiden Bühnen schwitzen, weil das Orchesterprogramm ist sehr anspruchsvoll.

Angstschweiß?

Conchita: Ja. Definitiv. Das eine kann man mit dem anderen nicht vergleichen. Alle Arten von Konzerten die ich geben darf, haben etwas eigenes und verschiedene Energien. Insofern könnte ich mich nicht entscheiden.

Klassikalbum, Proben mit Band und Orchester, Moderationen, unzähliges mehr. Wie viele Stunden hat dein Tag?

Conchita: Ach, das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Zeiten, die sind ganz dicht und dann gibt’s Zeiten, wo man mehr Zeit hat kreativ zu sein, wo mehr Freizeit vorhanden ist. In diesem Job sind es Wellen.

Und du füllst die Wellentäler dann mit Moderationen und dergleichen.

Conchita: Natürlich! Wenn ich arbeiten kann ist es das, was ich will. Aber es gibt eben Zeiten, in denen nicht so viel zu tun ist, die nutzt man, um sich weiterzubilden in welcher Richtung auch immer.

Andere legen sich zwei Monate an den Strand.

Conchita: Ich lieg‘ auch am Strand. Wie alle hat man gerne ein paar Wochen Urlaub und liegt am Strand oder besucht Freunde. Ich hab‘ jetzt, durch den Verlauf meines Lebens, Freunde in ganz Europa verstreut und das ist total nett, wenn man die mal besuchen kann. Ich liebe es Künstler zu treffen, man tauscht sich aus, man lernt so viel voneinander. Man geht zu vielen Shows. Natürlich ist das Freizeit, aber man nimmt ja was mit. Ich schalt‘ mein Hirn nie ab wenn ich raus gehe, mich inspiriert ja alles. Ich schreib‘ mit, ich sing‘ etwas in mein Handy, ich hab‘ plötzlich die Erleuchtung für ein Videokonzept und muss das sofort jemandem kommunizieren.

Weshalb tust du dir das alles an, denn wegen der Kohle kann es ja nicht mehr sein?

Conchita: (lacht) Na weil es Spaß macht! Ich darf Menschen kennenlernen, ich darf mich in Berufsfeldern bewegen, die vielen verschlossen bleiben oder wo viele wahnsinnig lang drauf hin arbeiten müssten. Ich bin wahnsinnig neugierig und die Neugier treibt mich an.

Du hast öfters von deiner Transformation vom Weiblichen zum Männlichen gesprochen. In Deutschland wurde nun offiziell ein drittes Geschlecht eingeführt. Ist das ein Thema für dich?

Conchita: Ich beschäftige mich damit, weil es in unserer Gesellschaft eine Entwicklung gibt die ich großartig finde: Dass für alle Platz gemacht wird und dass alle gleich behandelt werden sollen. Ich hab‘ in den vergangenen Jahren viel dazu gelernt was mir tatsächlich wichtig ist. Und, wie sehr ich mich doch über mein Geschlecht definiere. Ich bin aber auch zu dem Schluss gekommen, dass das für mich wichtig ist. Aber in der Gesamtheit unserer Gesellschaft ist es vollkommen egal.

Dürfen sich denn nun auch die Damen Hoffnungen machen?

Conchita: Ich bin nach wie vor schwul (lacht).

Auf der einen Seite lebst du deinen Traum. Auf der anderen muss es doch immer wieder ein Albtraum sein, Stichwort Klatschpresse. Denkst du dir schon mal, dass man diesen Teil des Geschäfts weglassen könnte?

Conchita: Ja. Darauf hab‘ ich aber wenig Einfluss. Das Einzige was ich machen kann ist, dass ich mich nicht damit beschäftige und das tu ich auch nicht.

Der Großteil deines Lebens hat sich öffentlich abgespielt. Gibt es etwas wo du heute sagst, dass du es hättest auslassen können, sollen, müssen?

Conchita: Nein. Aber natürlich gibt es Dinge wo man zurückschaut und denkt: Na, Serwas, pfff! Aber ja, was soll‘s, man sammelt Erfahrungen, man kommt nicht mit einem Handbuch in diese Branche wo steht, mach das und das und das. Und wenn es das gebe, würde es auch nicht immer passen. Somit, nein.

Du bist auch eine der Galionsfiguren der LGBT-Bewegung, bist in der HIV-Aufklärung aktiv. Das bedeutet aber auch Verantwortung. Wie breit sind deine Schultern?

Conchita: In Wahrheit gar nicht. Ich habe nie gesagt, dass ich das bin. Ich hab‘ mich nie hingestellt und gesagt, dass ich eine Galionsfigur bin. Die einzige Person, die ich vertrete, bin ich selbst. Und ich sage die Dinge, die ich für richtig halte. Wenn es Menschen gibt, die meiner Meinung sind, dann ist das toll. Aber deswegen tue und sage ich nicht, was ich tue und sage. Somit ist es manchmal schon immer wieder notwendig, Menschen den Unterschied zwischen Erwartungshaltungen und dem, was tatsächlich passiert, zu erklären. Ich kann nichts dafür, was andere von mir erwarten. Ich selbst versuche auch keine Erwartungshaltungen zu haben. Wenn ich etwas zu sagen habe, dann sage ich es. Ich hab‘ aber zu vielem auch nichts zu sagen.

Könntest du dir angesichts der politischen Lage, bei der Flüchtlinge und Immigranten die Sündenböcke sind, vorstellen, dass auch Homosexuelle zu Feindbildern werden? Diese Entwicklung gab es ja schon einmal.

Conchita: In unserer Gesellschaft gibt es meines Erachtens eine Schere, die immer weiter auseinander geht und es finden große Entwicklungen in beide Richtungen statt. Es gibt eine Welt, wo androgyne Makeup-Artisten Millionen und Millionen an Followern haben, Milliarden mit ihren Produkten verdienen und so akzeptiert werden wie sie sind. Dann gibt es Geschichten wie unlängst in Chemnitz, wo man sich fragt … das kann nicht wahr sein, dass es wirklich Menschen gibt, die so denken, die so handeln und die Ideale vertreten, die einzig und alleine von Hass geschürt sind. Es liegt daran, in welcher Bubble man sich befindet. Für mich ist das Allerwichtigste, dass ich prinzipiell kein Mensch bin, der gegen etwas ist. Ich bin lieber für etwas. Natürlich ist es zu verurteilen, wie manche unserer Politiker denken und die Menschen, die ihnen folgen. Aber die Europawahlen stehen an. Ich kann nur sagen, dass jeder wählen gehen muss. Es gibt keine Alternative! Es ist mir vollkommen egal, was jeder einzelne Mensch wählt. Aber es muss gewählt werden. Ich glaube daran, dass die Menschen, die ein friedvolles Miteinander möchten, in der Mehrzahl sind.

Conchita spielt mit Band im Dezember im Orpheum Graz, im Linzer Posthof, in der Szene Salzburg und im MuseumsQuartier (Halle E) in Wien. Tickets gibt es bei oeticket.com.