Das Farbenspiel von Max Mutzke

Max Mutzke

Im September veröffentlichte Max Mutzke „Colors“, sein neues Album – eine Liebesbekundung an den Soul und den Hip-Hop. Live führt er es im Jänner im WUK vor.

Max MutzkeVor beinahe 15 Jahren wurde der Student aus der Provinz von TV-Guru Stefan Raab entdeckt und zum Eurovisionssongcontest geschickt. Gewonnen hat er 2004 in Istanbul zwar nicht, doch der Grundstein zu einer außergewöhnlichen Karriere war gelegt. Der bekennende Prince-Fan driftete weg vom Mainstream und erforschte Jazz und Soul. Mit dem neuen Album „Colors“ kommt noch ein kräftiger Schuss Hip-Hop dazu.

Ein Album nennt man nicht ohne Grund „Colors“?

Nein, überhaupt nicht. Was macht man sich Gedanken bei einem Albumtitel? Das ist meist das Übelste am Ende der Produktion, wo man seinen Kopf schon ganz leer hat. Es macht keinen Sinn, einen Titel vorher zu wählen, weil man weiß ja nie, was bei der Produktion alles passiert, welche Erfahrungen man macht. Man hat so einen Arbeitstitel für ein Album, aber man weiß, dass das nicht der richtige sein wird.

Wie hat der gelautet?

Ich habe das Album zuerst „Hip-Hop goes Soul“ oder „Hip-Hop Back to Soul“ genannt, danach war es nur „Back to Soul“. Das wäre aber zu oberflächlich und langweilig gewesen, man hat ja viel mehr zu sagen. „Colors“ heißt natürlich auf der einen Seite, dass es von der Idee her ganz bunt ist. Wo die Songs alle herkommen, aus welchen Zeiten und Jahrzehnten, von welchen Künstlern, von deutschen, englischen, von Underground-Songs bis hin zu Hip-Hop-Klassikern. Wir haben versucht, all die Farben des Soul wiederzuspiegeln. Soul vergleiche ich mit einer Küche in der du sagst: Ich ess‘ gern Italienisch. Ja, gut, isst du gerne Lasagne oder Pasta oder Pizza oder Artischocken eingelegt in Irgendwas oder Antipasti oder Büffelmozzarella? Soul ist ein wahnsinnig breit gefächerter Begriff und es ist unglaublich bunt.

Und, das ist mir das Allerwichtigste, es geht mir um das Politische. Wir stehen mit Musikern auf der Bühne, die aus aller Welt kommen, unterschiedliche Sprachen sprechen, aus Marokko, aus New York, aus England, Holland. Das macht es auch bunt. Und unsere politische Einstellung natürlich. Wir sind stolz, dass wir in Deutschland leben, einem Land, in dem es noch ganz normal ist, dass Menschen aus der ganzen Welt kommen können und mit uns Musik machen. Wir lieben dieses bunte Deutschland. Wir verstehen auch nicht, dass andere das Bunte, die Vielfalt ablehnen können. Wir leben davon, Geschichten aus der ganzen Welt auf die Bühne zu bringen. Wir holen uns Inspiration aus der ganzen Welt. Wenn wir nur unter uns wären – ich komm‘ aus dem Schwarzwald, Black Forrest heißt nicht Black Music! Da würd‘ ich mit einer Ziehharmonika, gelben Brillen und mit einer Pfeife im Mund im Fernsehgarten auftreten.

Dann wärst du vielleicht Andreas Mutzke …

(lacht) Ja, dann wäre ich wahrscheinlich Andreas Mutzke. Dann würd‘ ich nicht einmal Mutzke heißen, denn dann wäre nicht schon mein Vater aus Schlesien hierhergekommen. Da würde es mich nicht geben. Deshalb finde ich alles, was mit Rassismus zu tun hat nur abscheulich, unverständlich, dumm, kurzsichtig und geprägt von der Angst. Das Wort Fremdenhass kommt ja tatsächlich daher, dass man vor Fremdem Angst hat.

In einem Interview hast du gesagt, dass deine Kinder „bunt“ sind und du den Alltagsrassismus nicht mitbekommst. Hast du trotzdem nicht Zukunftsängste in dieser Richtung, wenn sie mal von der Provinz nach Berlin zum Studieren gehen?

Da gibt es eine ganz wichtige Erfahrung in meinem Leben. Es gibt ein Buch, von dem ich mir wünsche, es würden alle Menschen lesen, das heißt „Factfulness“. Es ist interessant zu sehen, dass sich die Welt im Großen und Ganzen enorm verbessert hat und sie geht in Riesenschritten auf eine tolle Zukunft zu. Man kann sich aber nicht entspannt zurücklehnen, die Augen zu machen und das kommt dann schon. Man muss natürlich unglaublich dafür kämpfen, auch für Dinge, die für uns heute selbstverständlich und wieder rückläufig sind, wie die Anerkennung von Homosexualität. Ich glaube ganz fest, dass es immer besser wird, aber dass man sehr aufpassen muss. Wenn der Onkel früher zu Weihnachten seine rassistischen Sprüchlein abgelassen hat und man meinte, das kann man sich einmal im Jahr anhören, dann ist das heute nicht mehr so. Man muss dem Umfeld unbequeme Fragen stellen und auch unbequeme Momente schaffen, wenn es fremdenfeindlich und damit gefährlich wird. Daher hab‘ ich eigentlich keine Angst vor der Zukunft.

Der Opener des Albums, „Augenbling“, ist mit seinem Deep Soul-Sound nicht gerade ein einfacher Titel. Weshalb stellst du ihn an den Anfang?

Du erkennst ja die Parallele zu „Let’s Stay Together“ von Al Green, das war einer der großen Ideengeber und Einflüsse für das Album. Ich hab‘ mir gedacht, egal, ob du 15, 45 oder 65 bist, wenn die Nummer in der Disco oder im Auto läuft: Kein Mensch schaltet bei der Nummer weg, der Sound ist so warm, so großartig und freundlich, der umspült einen so unglaublich. Und wie zerbrechlich Al Green singt, das ist wahnsinnig geil und sexy. Vor vielen Jahren haben wir „Let’s Stay Together“ live gespielt und die Leute sind vor der Bühne durchgedreht. Ich dachte mir, weshalb gibt es heute keine Produktionen mehr die so warm, so liebevoll, zerbrechlich, sexy und bescheiden in Allem sind? Warum sind alle so auf Stadionrock? Das muss man ändern! Das ist wie in den Neunziger Jahren, als Supermärkte überall hoch geploppt sind, jeder war noch billiger und es gab noch schlechteres Essen für noch weniger Geld. Dann gab es aber ganz schnell Leute, die wollten Bio-Essen, die wollten Fleisch aus der Region haben und gesundes Gemüse essen. Supermärkte haben ganz schnell Bio-Ecken aufgemacht, es gibt eigene Shops, in denen die Menschen bereit sind, das Fünffache zu zahlen.

Max Mutzke ist also die Bio-Ecke der Musik?

Das klingt ein bisschen esoterisch. Aber für Liebhaber, für Leute, die bewusst gut essen. Menschen, die einmal in der Woche Fleisch essen, aber dafür einen geilen Hüftschnitt vom Rind aus der Region. Deshalb haben wir zu allererst auch eine Vinyl von „Colors“ gemacht. Es ist alles analog, jedes Instrument ist echt gespielt, es hat alles ein Arrangeur bekommen. Wir haben die Basics mit sehr viel Liebe und Detailverliebtheit so aufgenommen wie wir das wollten. Wir haben schon mal nochmals von vorne angefangen… man muss dazu sagen, die ersten Tracks, die wir aufgenommen haben, haben wir alle komplett nochmal neu in anderen Versionen gemacht. In dem Jahr, in dem wir uns mit Hip-Hop und dessen Geschichte auseinandergesetzt haben, fanden ein Reifeprozess und eine Entwicklung statt. Die ersten Songs wurden dem dann nicht mehr gerecht.

„White Lines“ klingt in der Originalversion komplett anders und es ist ein Koks-Song. Weshalb kam der aufs Album?

„White Lines“ ist einer der ersten Hip-Hop-Tracks überhaupt, von Grandmaster Flash. Der gilt als einer der Kult-Bausteine des Hip-Hop. Bei der Nummer haben wir innerhalb von drei Minuten gewusst, wo es hingeht. Es war klar, dass das eine Otis Redding-Nummer sein muss, die so perlt. Eine richtig geile, perlige Motown-Soul-Nummer.

Du coverst auch „Men in Black“. Bist du ein Will Smith-Fan?

Will Smith ist einer der Prominenten, die mir noch nie auf den Sack gegangen sind. Wenn er sich mal äußert, dann ist das alles cool was er sagt. Ich finde die Filme von ihm alle geil. Ich habe mit ihm nur positive Verbindungen. „Men in Black“ ist eine Nummer, die ich total großartig finde. Ich will dem Publikum das Gefühl schenken, dass es vielleicht am Anfang nicht weiß welcher Song das ist, aber sobald der Refrain kommt … Das ist ein ganz wertvoller Moment für das Publikum, den wollten wir ihnen schenken. Die Nummer zeigt auch extrem, wie sehr Hip-Hop vom Soul inspiriert wurde.

Als achter Track kommt der erste originäre Mutzke-Song. Weshalb so spät?

Man guckt, wie die Songs ineinander übergehen und wie die Dramaturgie eines Abends ist, wenn man ein Konzert spielt. Da sind bestimmte Dinge wichtiger als andere, insofern war es mir gar nicht wichtig, einen eigenen Song nach vorne zu schieben.

„Die Show deines Lebens ist im Schlafzimmer.“ Ist das eine autobiografische Textzeile?

(lacht) Ich kann mich da schön rausreden, weil ich hab‘ die Songs mit anderen Leuten geschrieben. Aber jeder Song, den ich schreibe, hat immer ganz große autobiografische Züge, sind gemischt mit Gedanken die man da rein wirft, mit Erfahrungen anderer Leute, Geschichten, die man in einem Buch gelesen hat. Sachen, die einen beeinflusst haben. Es geht schon darum, dass die zwei zusammenkommen, die Beziehung dann scheitert … Ich fand‘ es spannend, diese Geschichte zu schreiben und dass auch andere sagen können: „Ich verstehe, was du da meinst.“

Eine freie Interpretation: Max Mutzke ist also ein größerer Star im Schlafzimmer als auf der Konzertbühne?

(lacht) Schlafzimmer, die Show meines Lebens … Das ist auch so zu verstehen, dass es schon peinlich ist, wenn derjenige der neben dir im Bett liegt meint, er oder sie habe die Show seines Lebens abgeliefert.

Mit dem Abstand der Jahre betrachtet, war der Songcontest eher Fluch oder Segen?

Ich würde sagen, es ist ein Segen gewesen, weil ich mach‘ seit meiner Kindheit immer schon Musik. Ich bin in einem Haus aufgewachsen, wo das immer Thema war, mein Vater war immer am Spielen und Konzerte besuchen. Ich durfte auf jedes Herbie Hancock- oder Miles Davis-Konzert um die Leute live zu sehen. Dadurch hab‘ ich ganz früh meine Band gehabt, Konzerte gespielt und ich war immer der Schlagzeuger und Sänger. Ich konnte mich immer voll entfalten. Es war immer auch etwas dabei, das keine Schülerband hatte, wir haben Songs gecovert, die keiner kannte, von den Crusaders, den Yellowjackets oder Neville Brothers, B.B. King oder Eric Clapton, ein bisschen James Brown und Prince. Wir haben uns natürlich ständig komplett übernommen, weil das alles so kompliziert war. Die Entwicklung ist rasant gegangen, weil man schon mit 13, 14, 15 Jahren geile Songs von Miles Davis gespielt hat … Das klang schon ganz geil, obwohl wir Jungs noch keine Schamhaare hatten. Später meinte mein ganzes Umfeld, dass ich auftreten sollte oder an Castingshows teilnehmen. Ich hab‘ immer nein gesagt, denn die Castingshows, die damals liefen, waren alle erniedrigend, ekelhaft und die Jury vollgepackt mit Vollidioten, wo es nur darum ging, sich selbst zu profilieren. Das fand ich grauenhaft und hat dem widersprochen, wie ich erzogen wurde. Als Stefan Raab dann seine erste Show gemacht hat, wusste ich, dass jemand, der jeden Tag eine sauteure Live-Band im Studio hat, einen ganz anderen Zugang zu Musik hat. Das hat sich total bewahrheitet. Deshalb konnte man mich dazu überreden. Das war absolutes Glück, denn sonst wäre ich Hobbymusiker geblieben und hätte hauptberuflich etwas anderes gelernt.

Du bist bekannt für deine Kopfbedeckungen …

Privat gar nicht, nur auf der Bühne. Das ist für mich wie eine Arbeitskleidung. Wenn ich in den Wald gehe, dann habe ich eine Schutzhose und einen Helm an. Wenn ich zum Arzt gehe, ziehe ich was Schönes an, wenn ich in die Werkstatt gehe, hab ich was Schmutziges an.

Aber bist du auch ein Sockenverweigerer wie auf dem Album-Cover?

Das liegt daran, dass die Hosen, die ich trage, unten zusammenlaufen und da finde ich es total geil. Ich hab‘ auch so Lederschuhe, die riechen immer nach Leder, selbst wenn ich zwei Stunden ein Konzert gespielt hab‘. Ich liebe dieses Gefühl ohne Socken. Aber auch nur auf der Bühne.

 

Live erlebt man Max Mutzke am 30. Jänner im Wiener WUK. Tickets gibt es bei oeticket.