Das scheiß Krisenjahr im Schnelldurchlauf

Jahresrueckblick

Ist man Musik- oder Kulturjournalist, ist ein Jahresrückblick stets gespickt mit den besten Konzerten im In- und Ausland, mit den Alben, die der persönlichen Ansicht nach zu Klassikern reifen können. Dieses Jahr herrschte jedoch Ausnahmezustand.

Eigentlich wollte ich um diese Zeit einen gänzlich anderen Text verfassen: Letzten Jahreswechsel hatte ich mir vorgenommen, meine zahlreichen Konzertreisen einmal genauer unter die Lupe zu nehmen und meinen grünen Fußabdruck kritisch zu beäugen. Dann kam Corona und mein Fußabdruck wurde ohne großartige Eigeninitiative tiefgrün: Ein gutes Dutzend Flüge ins nahe und ferne Ausland mussten storniert werden – wo kein Konzert oder Festival, da keine Reise. Ganz zu schweigen davon, dass natürlich auch daheim in Wien alles abgesagt wurde: Corona ist ein Freund von Gottesdiensten und Skipisten, nicht jedoch von Konzerten, und deswegen lernte ich mein eigenes Wohnzimmer wieder kennen und dort die Füße hochlegen – anstatt in der Arena, dem WUK, der Stadthalle, im Gasometer, im Viper Room oder einer der zahlreichen anderen Locations selbige in den Bauch zu stehen und bei der Bar wieder einmal mit „Das Gleiche wie gestern?“ begrüßt zu werden.

Natürlich, aus privater Perspektive ist es eigentlich ein Kinkerlitzchen, mal keine Konzerte besuchen zu können – auch wenn sie für die psychische Hygiene wichtig sein können, so sind lärmende Schmelztegel nicht überlebensnotwendig. Zumal zahlreiche Künstler ihr Bestes gaben, um zumindest online eine Ersatzbefriedigung zu schaffen: Metallica versorgten über Wochen hinweg jeden Montag mit einer historischen Zeitreise, Nick Cave sendet auf YouTube rund um die Uhr diverse Videos und Livemitschnitte – und gab zudem ein Solo-Konzert aus dem Alexandra Palace in London, dem ich in einer intimen Runde sogar live aus dem WUK folgen durfte. Bei Scooter habe ich mich im Zoom-Meeting unter den Tisch gesoffen, und (kleine Tröstung) zumindest der Kater am nächsten Tag war wirklich live. Ariana Grande ließ mit ihrem pompös aufgezogenen Netflix-Konzertfilm tief auf und hinter die Bühne blicken, während sowohl Dua Lipa als auch Billie Eilish eine multidimensionale Live-Experience, das Adult Swim Festival mit einer Spannungsbreite von Algiers über Rick & Morty bis Kamasi Washington ein geschickt kuratiertes Potpourri aus „Music, Comedy & Mayhem“ auf die Couch zauberte. Apropos mayhem: Vor 10 Jahren fuhr ich noch literweise Kunstblut triefend mit der U-Bahn von der ((szene)) heim und musste missbilligende Blicke der Mit-Passagiere über mich ergehen lassen – bei der Livestream-Performance von GWAR („Scumdog XXX Live“) war im Schutz der eigenen vier Wände freilich jedwede triefende Ausfälligkeit möglich, ohne wieder einmal als Sozialschande an den Pranger gestellt zu werden.

Einmal, im Sommer, hatte ich aber nicht nur die Möglichkeit, einer intimen, halböffentlichen Probe des Wiener Kollektives Pure Chlorine beizuwohnen, sondern wurde auch auf eine Alm mitten im Nirgendwo zu einem Konzert geladen, bei dem – Trommelwirbel! – gestanden und Bier getrunken werden durfte. Momente wie diese riefen mir inmitten der Krise wieder deutlich vor Augen, wie viel Emotion Livekonzerte potenzieren – und musste im selben Atemzug an den Jänner zurückdenken, als ich mir in Bologna von Sunno))) den mit Biowein und Prosciutto angefüllten Brustkorb zerdrücken ließ. Oder an den Februar, als in London wenige Tage vor Stattfinden eines Festivals der Veranstalter desselbigen mit dem Geld abhaute, Besucher und Bands gleichermaßen im Regen stehen ließ und die Headliner Darvaza dann trotzdem spielten, mit ihrer vor Wut und Zorn geifernden Stimmung beinahe ganz Camden in Schutt und Asche legten.

Ja, ich bin in einem Jahrzehnt aufgewachsen, als YouTube noch der neue, heiße Scheiß war und das fortführte, was MTV Jahre davor erfolgreich zelebriert hat: Livemitschnitte und Bandvideos zeigen. Und natürlich habe ich – so archaisch das für die heutige Spotify-Generation klingen mag – unzählige Abende im Freundeskreis damit verbracht, so neue Bands kennenzulernen oder Auftritte aus grauen oder halbgrauen Vorzeiten sehen zu können. Heute, nach gut über 1.000 Konzertnächten am Buckel, ist digitales Musikerlebnis nicht einmal die halbe Miete: Eigentlich hätte ich dieses Jahr noch Taylor Swift in Berlin sehen müssen und Billie Eilish in Birmingham. Eigentlich hätte ich dieses Jahr noch mehrere Tage auf einem Festival in Island verbracht und hätte den Einstürzenden Neubauten in der Elbphilharmonie lauschen dürfen. Eigentlich wäre ich im September wieder in Kopenhagen gewesen, und hätte mir traditionell mittags einen leckeren Kuchen gegönnt und anschließend derb wummernde Klänge im Pumpehuset, zum Runterspülen dazu ein paar überteuerte IPAs. Eigentlich. Und ja, irgendwann wäre mir vermutlich der lange Lulatsch in der Reihe vor mir auf die Nerven gegangen. Irgendwann wäre ich vermutlich auch enerviert gewesen, genau bei meinem Lieblingssong unter Hochdruck das Bier wegstellen gehen zu müssen, ohne dabei das Konzert pausieren zu können. Und ja, vermutlich hätte gerade bei Billie Eilish oder Taylor Swift ein kleines Mädchen neben mir den Song schrecklich falsch, dafür unglaublich laut mitkrakeelt. Aber: So muss live. Und das wird digital erlebte Musik mit all ihren Annehmlichkeiten niemals doppeln können, egal ob irgendwann auch Geruchs-Fernsehen kommt, ob man für ein Konzert am Bildschirm das Dosenbier extra schal werden lässt, oder gar 40 Euro aus dem Fenster streut, damit das Konzert auch vollpreislich erlebt wird. Es wird niemals das Gleiche sein. Rein wirtschaftlich gesehen wären digitale Konzerte freilich eine optimale Zukunftsperspektive: Je nach Aufwand kann so ein Konzert fünf bis fünfzehn reguläre Konzerte ersetzen, rechnete Dreamstage-Chef Thomas Hesse im Juli gegenüber der F.A.Z. vor – schließlich könnten quasi unbegrenzt Karten verkauft werden und fallen Kosten für den Tourtross weg (Da wären wir dann auch wieder beim grünen Fußabdruck.). Aber dass in einer Branche, in der Stimmung und Energie der größte USP sind, wird sich das digitale Pendant wohl maximal als Additiv durchsetzen können – dem sind sich auch die größten Sparefrohs bewusst. Schließlich wird Pornhub auch nie eine Beziehung ersetzen können.

Und trotzdem war Musik wohl eines der wenigen guten Dinge, die dieses Jahr passiert sind – denn wenngleich auch zahlreiche Labels von groß bis klein Veröffentlichungen schweren Herzens verschieben mussten oder der Versand aufgrund des reduzierten Flugverkehrs plötzlich ewig dauerte (Bussis übrigens an meinen Paketboten!), waren es doch die Musiker, die Licht in den diesmal beinah das komplette Jahr überschattenden Herbst zauberten. Es war sicher nicht das stärkste Jahr, das ich erlebt habe – aber immerhin gab es Überraschungen (Taylor Swift!) und Rundum-Sorgenfrei-Pakete (Urfaust!), die doch einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.

Welche das sind, zeigt folgende kleine (alphabetisch gereihte) Auswahl-Liste – wobei ich wie jedes Jahr die Musik für sich allein sprechen lassen möchte und auf den „Beipackzettel“ meines Berufes zum Trotz ausnahmsweise verzichte:

Anna von Hausswolff: „All Thoughts Fly”

Bartees Strange: „Live Forever”

Beabadoobee: „Fake It Flowers”

Bob Dylan: „Rough and Rowdy Ways”

Charli XCX: „How I’m Feeling Now”

Destroyer: „Have We Met”

Einstürzende Neubauten: „Alles in Allem”

Fides Inversa: „Historia Nocturna”

Fiona Apple: „Fetch The Bolt Cutters”

Fontaines DC: „A Hero’s Death”

Grimes: „Miss Anthropocene”

Idles: „Ultra Mono”

Jehnny Beth: „To Love Is To Live”

Jessie Ware: „What’s Your Pleasure?”

Moses Sumney: „Græ”

Napalm Death: „Throes Of Joy In The Jaws Of Defeatism”

Pågå: „The Evil Year“

Perfume Genius: „Set My Heart On Fire Immediately”

Phoebe Bridgers: „Punisher“

Regarde Les Hommes Tomber: „Ascension”

Rina Sawayama: „Sawayama”

Róisin Murphy: „Róisin Machine”

Soccer Mommy: „Color Theory”

Tame Impala: „The Slow Rush”

Taylor Swift: „Folklore“ und „Evermore”

The Soft Pink Truth: „Shall We Go On Sinning So That Grace May Increase?”

The Weeknd: „After Hours”

Urfaust: „Teufelsgeist“

Yves Tumor: „Heaven To A Tortured Mind”

ШТАДТ: „Мразь”

Außer Konkurrenz, da nur eine EP – allerdings dafür mit dem einnehmendsten Cover-Artwork des Jahres, sei noch Septage mit „Septic Decadence“ genannt: