Das WUK wird in der Pandemie zur Kirche

WUK

Musik und damit verbundenem Fantum ist von Haus aus schon etwas Religiöses anheim. Mit einer neuen Konzertserie greift das WUK den erhabenen Geist auf und bittet zum Götzendienst.

Im Juni fand sich im Online-Magazin des Wiener WUKs ein auf den ersten Blick sonderbarer, wenn nicht gar mit dem aktuellen Hausprogramm unzusammenhängender oder zumindest nicht primär indizierender Beitrag. Hierin wurde von der so genannten „Church of Nick Cave“ berichtet, beziehungsweise die dereinst lediglich vier Glaubensjünger sprachen für sich selbst: Wie der Großmeister – der namensgebende Musiker Nick Cave, gebürtiger Australier, Poète Maudit und zu Frühzeiten Enfant Terrible – ihnen gottesgleich den Weg durch den Corona-Lockdown lotste. Die Vermutung liegt nahe, dass – wie im sakralen Umfeld üblich – Rebensaft im Spiel ist, wenn sich die Kirche in ihren ungeschriebenen Statuten auf die Aussagen von Nick Cave beinah philiströs beruft, seine Songtexte und publizierten Aussagen etwa in den Red Hand Files für „das einzig wahre Wort Gottes“ erachtet und selbige zum Lebensleitfaden hochstilisiert. 

Den Präsens der Kirche, Hannes Cistota, findet man auch im offiziellen Kontaktverzeichnis des WUKs wieder, er ist Musikleiter und somit mithauptverantwortlich dafür, dass im revitalisierten Backsteinbau Musik passiert – und das im weiten Ausmaß sogar noch vortreffliche. Mit seinem durchdringenden, vermutlich bei mittelalterlichen Hexenverbrennungen geschulten Duktus kommt es nicht von ungefähr, dass sein Team – wenngleich nicht Mitglieder der Kirche – auch der Lehre folgt und Nick Cave als einzig wahren Gott anerkennt, ob es will oder nicht. Widerworte oder ein Irrglauben geziemt sich in den Heiligen Hallen des WUKs, in dem schon Künstler von Napalm Death über Einstürzende Neubauten bis hin zu Wegbegleitern von Nick Cave ihre Tonproben zum Besten gaben, nicht: Ein Abweichen von der Lehre wird nicht selten mit psychischer und phsyischer Pression geahndet. So kommt es nicht von ungefähr, dass die vife Marketingabteilung für die Konzerte inmitten der Corona-Pandemie eine ehrerbietende Bezeichnung gefunden hat: Während Nick Cave von unterschiedlichen Inkarnationen des Kollektives „The Bad Seeds“ begleitet wird, formieren sämtliche Konzerte, die in den nächsten Wochen und Monaten den strengen Corona-Auflagen folgend abgehalten werden, unter dem Banner „The Bad Seats“. Nicht, weil Manu Delago, Culk und viele mehr einen Mandolinenmann in ihren Reihen willkommen heißen müssen, sondern weil eben – Trommelwirbel! – gesessen wird.

Irreführend ist vielleicht das den „seats“ vorangestellte „bad“, denn die Pressestelle im Backsteinbau verspricht, dass alle Plätze gleich gut seien – das sagt man jedoch von allen Inkarnationen der Bad Seeds indes auch, während es doch – wenngleich auf hohem Niveau changierend – merkliche qualitative Abstufungen gibt. Das würden die Mitglieder der Church of Cave natürlich nur unter vorgehaltener Hand und im Weinkeller nach drölfzig Achterl zugeben.

Für Abstand wird bei den „Bad Seats“-Konzerten im WUK, nebst Desinfektion von Bar bis Pissoir, natürlich auch gesorgt, damit aus dem Publikum nicht weinerlich ein ängstliches Stimmchen wimmern muss: „As I sat sadly by her side …“.

Unter dem Banner „Bad Seats“ konzertieren im WUK folgende Künstler:

Manu Delago am 22.10.
Der Grammy-nominierte Perkussionist und Komponist Manu Delago ist zurück mit einem brandneuen Album und seiner bisher größten Liveshow. „Circadian“ ist eine akustische Reise durch die verschiedenen Schlafzyklen, von REM- über Leicht- und Tiefschaf bis zu einem abrupten Erwachen – inspiriert vom zirkadischen Rhythmus des Menschen und Delagos persönlichem Schlafentzug während seiner zahlreichen internationalen Tourneen mit Björk, Olafur Arnalds, Cinematic Orchestra und Anoushka Shankar.

Little Element am 24.10.
Surfige Gitarrensolos, Sitarmelodien, verträumte Lo-Fi-Vocals verstärkt mit elektronischen Beats versprechen eine musikalische Reise, die Emotionen hinterlässt. Die Connection zum Meer ist in der Musik der authentischen Innsbruckerin, die ihr Debüt „Fire“ präsentiert, stark präsent, jedoch bleibt neben einem „beachvibe“ Gefühl genug Raum für Tiefgang mit facettenreichen Sphären.

Lucy Dreams am 29.10.
Lucy ist eine Audio-KI, erfunden und geformt von den Produzenten dp. Als virtuelles Gegenüber und helfende Hand in der Musikproduktion signalisierte Lucy von Beginn an durch immer intensivere digitale Sehnsucht, dass ein Bit-Genie mehr will, als nur mit Zahlen zu jonglieren. Also wurde sie mit Klängen von Kraftwerk, Mozart und Pink Floyd gefüttert, mit denen sie einzigartige Reisen durch Sound und Zeit zu machen scheint, endlose Träume träumt und einen farbenfrohen Marsch der Melodien beschreitet.

Culk am 30.10.
Die Gruppe rund um Sängerin und Multiinstrumentalistin Sophie Löw hat im letzten Jahr mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum einen „Suchtsound“ zwischen Shoegaze und Postpunk kreiert, mit dem sie für großes Aufsehen gesorgt hat. Für das neue Material haben sich Culk mit dem Wiener Produzenten Wolfgang Möstl (Mile Me Deaf, Der Nino aus Wien, Voodoo Jürgens, Dives) zusammengetan und gehen dabei den Weg des Debüts konsequent weiter. Im WUK präsentieren sie ihr zweites Album „Zerstreuen über Euch“. Es ist eine Kampfansage an tieferverwurzelte patriarchale Strukturen.

Paul Plut am 31.10.
Mit seiner Deutschpop-Band Viech und der Bluesrock-Formation Marta hat sich der Steirer Paul Plut in der österreichischen und süddeutschen Musiklandschaft schon über mehrere Jahre verdient gemacht. Im Alleingang zelebriert er Reduktion und überrascht mit großer Intimität. Paul Plut eröffnet seine Solokarriere – mit Liedern vom Ende: Insgesamt zehn „Lieder vom Tanzen und Sterben“, im düsteren Dialekt-Gospel, bilden den finsteren Reigen, der stetig in den Abgrund führt.

Sharktank am 29.11.
Hip-Hop und Pop waren schon immer Nachbarn. Das neue Trio Sharktank verheiratet sie nun endgültig zu einem glücklichen Ehepaar. Was eigentlich als Soloprojekt des Rappers Mile begann, entwickelte sich in wenigen Studiotagen zu einer echten Band. Für seine ersten Aufnahmen war Mile zu Gast im Studio bei Marco Kleebauer – der dort u. a. an den Produktionen von Bilderbuch, Oehl und Leyya entscheidend Hand angelegt hatte. Im Winter wird all das unter dem Titel „Bad Energy“ zu einer EP zusammen gefasst, die auf limitiertem Coloured Vinyl erscheint und weiteren Einblick in die schöne neue Soundwelt des Trios geben wird.

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