Der heimliche Gigant Albert Hammond

Albert Hammond

Er zeichnet für über 30 Top-40-Hits verantwortlich, sein Gesicht kennt trotzdem kaum jemand: Mit 75 Jahren tritt Albert Hammond aber vermehrt an die Öffentlichkeit.

Foto: Andreas Weihs

Im Mai feierte einer der erfolgreichsten und wichtigsten Songwriter der vergangenen fünf Jahrzehnte seinen 75. Geburtstag: Albert Hammond. Noch nie gehört? Doch, garantiert: Mega-Hits wie „It Never Rains in Southern California“, „The Air That I Breathe“, „Down by the River“, „I’m a Train“, „The Free Electric Band“, „Nothing’s Gonna Stop Us Now“ (Starship) oder die Whitney Houston-Hymne „One Moment in Time“ – um nur einige zu nennen – stammen aus seiner Feder. Seit gut einem Jahrzehnt hat Hammond das Touren für sich entdeckt und beglückt Fans mit seinen Klassikern. Bei der „Songbook Tour 2019“ nimmt sich der Maestro im November für gleich drei Österreich-Gigs Zeit.

Verspätet noch alles Gute zum Geburtstag! Wie fühlst du dich in diesem magischen Alter von 75 Jahren?

Albert Hammond: Es fühlt sich, ehrlich gesagt, wunderbar an! Vieles sieht man im Alter klarer, vor allem, was so in einem selbst vorgeht. Alles, was man in seiner Umgebung und der Welt wahrnimmt, auch unbewusst, stört. Je älter ich werde, desto besser kann ich das aus meinen Gedanken ausblenden. In einer gewissen Art ist das eine unglaubliche Erleichterung. Man wird spiritueller und das fühlt sich wunderbar an.

Ist das Altwerden ein Privileg oder eine Bürde?

Albert Hammond: Es hat seine guten und schlechten Seiten, wie alles im Leben. Leider beginnt der körperliche Verfall. Die Haut wird schlechter, die Haare fallen aus, die Zähne machen Probleme. Ich lese viel zu diesem Thema, und alles weist auf eine größere Macht hin. Es ist das einzige Leben, das wir haben. Also sollte man einen Weg finden, es friedlich und vernünftig zu nutzen, mit Liebe und Hingabe. Das wird man nur in sich selbst finden. In den vergangenen Jahren habe ich versucht, diese spirituelle Seite des Lebens zu verstehen. Das muss einfach der Grund und Zweck unseres Daseins sein und nicht das Kaufen von Gucci, Louis Vuitton oder Mercedes Benz. Im fortschreitenden Alter beschäftigt man sich mit diesen Dingen. Ich bin noch weit weg davon, in dieser Richtung perfekt zu sein, aber ich arbeite daran. Wenn das halbwegs gelingt, kannst du die letzten Tage deines Lebens mit einem Lächeln verbringen.

Ist das auch die Motivation, dass du in den vergangenen Jahren permanent auf Tour bist?

Albert Hammond: Ich habe vor kurzem einen Artikel über David Crosby von Crosby, Stills and Nash gelesen. Er meinte, er weiß nicht, wie lange er noch zu leben hat. Ab einem gewissen Alter und nach einem langen, erfüllten Leben ist es nicht sicher, ob man am nächsten Tag nicht mehr aufwacht oder ob man noch einmal zehn, fünfzehn Jahre hat. Ich gebe der Welt das Beste von mir, solange ich noch die Energie, die Stimme und das Gefühl für die Musik habe. Es ist wunderschön, meine Fans zu sehen, das Lachen und die Freude. Es ist egal, ob da fünfzig und oder fünftausend sind. Nach den Konzerten, wenn ich Autogramme schreibe, erzählen mir Fans auch sehr persönliche Geschichten. Viele haben sich bei meinen Konzerten kennengelernt und sind seit Jahren miteinander in Kontakt, treffen sich bei meinen Shows. Das ist doch ein wunderbares Gefühl des Komplettseins, der Liebe. Wenn man älter wird, muss man auch sein Ego besser unter Kontrolle haben. Wenn man jung ist, übernimmt das Ego oft, ohne dass man es merkt. Die Gedanken aufräumen ist wichtig, denn sonst kontrolliert dich dein Ego und nicht umgekehrt.

Viele deiner Songs sind seit Jahrzehnten Klassiker. Was ist das Geheimnis, dass sie all die Zeit überstehen und noch immer angesagt sind?

Albert Hammond: Ich mache Musik, seitdem ich 16 Jahre alt bin. Damals war mein Debüt als professioneller Musiker. Mein erster Hit stammt aus dem Jahr 1968, „Little Arrows“. Ich bin überaus dankbar, dass ich die Gelegenheit für eine solche Karriere hatte. Da draußen gibt es garantiert unzählige Menschen mit mehr Talent, die aber niemals die Chance bekommen, es auch zu zeigen. Ich kann nur Danke sagen. Ich bin dem Universum unglaublich dankbar, dass es gerade mich ausgesucht hat, Lieder zu schreiben, die hunderte Millionen Menschen auf der ganzen Welt gehört und bewegt haben. Manchmal kommt es mir vor, als ob es gar nicht ich bin, der die Songs schreibt, sondern, dass ich nur ein Instrument des Universums bin. Ich habe Musik nie aus finanziellen Gründen gemacht, sondern aus Liebe und Leidenschaft. Ich höre eine Melodie in meinem Kopf und meine: Wow, wie wunderschön sie doch ist! Da geht es nicht darum, ob sie andere Menschen mögen oder ob das ein Hit wird und Geld einbringt. In diesem Moment denke ich nur an die wunderbare Musik in meinem Kopf, in meinem Herz, in meiner Seele und meinen Träumen. Weshalb gerade ich dazu auserwählt wurde, weiß ich nicht. Ich würde nichts ändern wollen.

Zum Großteil spielst du bei Konzerten deine Hits. Wird es in absehbarer Zeit neues Material zu hören geben?

Albert Hammond: Ich schreibe gerade an neuen Songs. Das habe ich immer gemacht. Wenn ich diese Welt verlasse, möchte ich so viel wie möglich hinterlassen. Bei Konzerten spiele ich das, was die Leute kennen. Neue Lieder müsste ich veröffentlichen, bevor ich sie auch live spielen kann. Allerdings sind die Chancen, dass neue Titel heutzutage im Radio gespielt werden, gleich null. Dass via Streaming Massen an Menschen die Songs eines 75jährigen entdecken, ist ebenfalls sehr unwahrscheinlich. Aber ich habe im vergangenen Jahr vieles geschrieben und hoffe, dass im kommenden Jahr ein oder sogar zwei neue Alben erscheinen werden. Ich habe da so einige Ideen, aber über ungelegte Eier möchte ich nicht sprechen.

Hat sich das Music-Biz in den fünf Jahrzehnten deiner Karriere zum Besseren oder Schlechteren verändert?

Albert Hammond: Es hat sich einiges zum Besseren verändert, manches nicht. Aber auch die Welt hat sich mit all ihren Konflikten verändert. Wir sind uns nicht bewusst, dass wir einer Handvoll Menschen erlauben, über unser Schicksal zu entscheiden. Egal, was wir davon halten. Solange es uns nur gut geht, kümmert uns der Rest einen Dreck. Solange wir das zulassen, wird sich nichts ändern, es wird nur immer schlechter und schlechter werden. Wir ignorieren die Zerstörung der Natur aus Gier nach Macht und Geld. Ich habe den Eindruck, dass die heutige Jugend in dieser Hinsicht mehr Bewusstsein hat. Die Entwicklung in Hong Kong hat gezeigt, dass man Veränderungen bewirken kann wenn man sich anstrengt. Solange man gemütlich und gut vor sich hinleben will, ohne viele Störungen der vermeintlichen Idylle, wird sich aber gar nichts ändern. Ich würde heute gerne Songs wie damals „Down by the River“ schreiben. Das müssen ja nicht unbedingt alles Lovesongs sein, sie können auch eine Message haben. Im Vergleich zur Dauer der Existenz unseres Planeten sind wir völlig irrelevant. Das alles geht mir durch den Kopf, aber ich bin nur ein kleines Staubkorn. Ich bin ja kein Michael Jackson.

Naja, du bist einer der bedeutendsten und wichtigsten Songwriter unserer Tage …

Albert Hammond: Die Menschen kennen meine Songs, wissen aber nicht, wer ich bin.

Ist es ein Vorteil, kein bekannter Mega-Star zu sein?

Albert Hammond: Ja, das ist eine Gnade und hilft. Wenn man zu berühmt wird, dann übernimmt oft das Ego und man verliert sich. Wenn ich raus gehe, erkennt mich kaum jemand. Allerdings passierte vor einigen Tagen in einer Kleinstadt in Deutschland etwas Seltsames. Ich ging in eine Shoppingmall und ein Blinder stupste mich mit seinem Stock an und fragte, ob ich nicht Albert Hammond bin. Ich glaube, dass ihm sein Begleiter einen Tipp gegeben hat.

Du hast unzählige Hits für andere Stars geschrieben. Gibt es einen Song, den ein Superstar abgelehnt hat und der später dennoch ein Hit wurde?

Albert Hammond: Ja! Celine Dion hat meinen Song „Just Walk Away“ aufgenommen, doch er kam nicht auf das reguläre Album, sondern war bloß ein Bonus-Track. Es ist einer der schönsten Songs die ich jemals komponiert habe. Später ließ ich einen spanischen Text dazu schreiben. Ein Typ namens Josh Groban hat ihn aufgenommen und 14 Millionen Stück davon verkauft.

Vor vielen Jahren hast du mit Starship „Nothing’s Gonna Stop Us Now“ aufgenommen, einem Projekt des Österreichers Peter Wolf. Gab es sonst noch Berührungspunkte zu österreichischen Musikern?

Albert Hammond: Ich kenne Peter gut, ich habe oft in seinem Haus in Malibu aufgenommen, unter anderen mit Leo Sayer. Er hat dort sein Studio. Wir sind gute Freunde, haben einander aber schon lange nicht mehr gesehen, da ich seit 2012 eigentlich ständig unterwegs bin. Aber abseits von Peter: Gibt es andere Österreicher in L.A.? Mir war es immer egal, woher jemand kommt. Das Talent ist wichtig, nicht der Pass.

Dein Sohn Albert Jr. ist ein Mitglied der Strokes. Sprecht ihr über seine Musik?

Albert Hammond: Nein, gar nicht.

Albert Hammond gastiert am 14. November in Amstetten (Johann-Pölz-Halle), am 15. in St. Pölten (VAZ) und am 16. in Wien (Simm City).