Der Wiener Grant ist größenwahnsinnig

Grant

Grant aus Wien veröffentlichen am 29. Jänner ihr drittes Album „Größenwahn“ – und vertonen dabei die Wiener Seele gekonnt.

Grant, österreichisch für schlechte Laune, wird gerne als allgemeine Gemütsregung den Wienern zugeschrieben: Wien ist nicht nur die wiederholt lebenswerteste Stadt, sondern auch einer der unfreundlichsten Städte der Welt – das eine schließt das andere nicht aus, ist doch dem Wiener Grant mit seiner locker-flockigen Attitüde auch ein unheimlicher Sympathiefaktor anheim. Das fängt schon damit an, dass die übermäßige Verwendung von Schimpfwörtern – von „Trottel“ über „Geh scheißen!“ bis „oasch“ – im Normalfall keine absolute Beleidigung darstellt, sondern einfach ein laxer Umgang mit Widrigkeiten des Alltags, der ihnen somit den Ernst nimmt. Das ständige Sudern – egal, ob beim Nahversorger nur drei der fünf Kassen offen sind oder die Bim wegen leichtem Schneeregen 10 Sekunden verspätet ist – ist ein Ventil, das zwar Unmut ausdrückt, aber gleichzeitig die Situation als Selbst- und vermutlich auch Fremdschutz gleich relativiert. Ja, selbst wenn das Außenministerium inmitten der Corona-Pandemie plötzlich einen möglichen Atombombenabwurf auf Wien als naheliegendste Gefahr stilisiert, reagiert der gemeine Wiener mit einer königlichen Gelassenheit und schmettert der destruktiven Gefahr viel lieber ein „Schleich di, du Oaschloch!“ entgegen, als in Panik zu verfallen. Somit hat der Wiener viel mit dem Briten gemein, der es sich trotz seiner generellen Noblesse nicht nehmen lässt, den Alltag mit gehörig „cunts“, „bollocks“ und „wanker“ zu würzen – ganz im Gegensatz zum konservativen Amerikaner, der anstatt zu fluchen lieber mit automatischen Waffen im Debate Club argumentiert. Das Raunzen des Wieners ist – wenn man dem Philosophen Franz Schuh glauben mag – „immer eine Antwort auf Ohnmacht, und sei es auf eine angemaßte; es ist die Antwort auf eine Impotenz, die man durch Taten nicht beseitigen kann oder besser gar nicht beseitigen möchte, ohne allerdings andererseits in der Lage zu sein, diese Ohnmacht zu ertragen“. Der Wiener Grant, das ist in allererster Linie eine Art transzendentale Meditation, ein Bewusstseinsstrom, der einfach fließen muss und für Erleichterung sorgt.

Selbige fließende Erleichterung ist auch dem Wiener Quintett Grant anheim, wenngleich sie musikalisch weit entfernt sind von aktuellen (und demnach ein bisserl ausgelutschten, sprich: oasch) Retro-Austropop-Erfolgen, sondern mehr beeinflusst vom Rock’n’Roll zeitgenössischer britischer Schule. Ihr Debütalbum erschien im November 2016 auf Problembär Records unter dem schlichten Titel „Grant“. Im November 2017 erschien das zweite Album „Unter dem Milchwald“. Darauf nahmen Grant das, was sie auf dem ersten Album ausgezeichnet hat, nämlich ihre „gelungene Wiener Melange aus Britpopbands wie Oasis und österreichischen Indie Bands wie Wanda oder Ja, Panik“ (Bayerischer Rundfunk), fügten noch etwas Prog Rock à la Pink Floyd hinzu, und rundeten das Ganze mit dem geschickten Einsatz von Bläsern, diversen Percussionelementen, Synthesizern und Piano ab. Ihr drittes Album „Größenwahn“ erscheint nun am 29. Jänner.

„Der Titel ist sehr wienerisch, nihilistisch und wir machen ja auch in manischer Manier Songs, beschreibt Grant-Sänger Dima Braune „Größenwahn“. Grant singen darauf von besessener Liebe, linker Mythologie und den Verlockungen der Großstadt. Dabei beherrschen sie das Spiel mit Referenzen und Anspielungen wie keine zweite deutschsprachige Band. So treiben sie mit den Geistern Kurt Waldheims und Leonhard Cohens durchs Weltall („Galaxien“), sind der Max Brod des Fatalismus („Kaffeeeck“) oder erfreuen uns mit einer österreichischen Version des Princess Chelsea-Hits „The Cigarette Duet“ („Tschick“). Produziert wurden die 14 Songs von Alexander Lausch. „Alex hat viele Soundkasterl hervorgkramt – das hat uns sehr gut getan. Im Vergleich zu den ersten beiden Alben haben wir uns diesmal mehr Zeit gelassen im Studio“, so Dima Braune weiter.

Das Album ist ein wilder Ritt, romantisch, punkig, es ist schnell, jedoch an den tiefen Stellen langsam. Es ist laut, hat offensive Gitarren, aufgehübscht, aber nie kitschig. Die deutschen Texte wirken an manchen Stellen leichtfüßiger, jedoch ohne die Melancholie zu verlieren, in die sich Fans der ersten beiden Alben verliebt haben: Wiener Slang Poesie und der kategorische Zweifel. Und mit der richtigen Portion Grant fließt das Leben wieder so richtig schön.

„Größenwahn“ erscheint am 29. Jänner und beinhält folgende Tracks:

1. Kaffeeeck
2. Mondlied
3. Ich bin Ibiza
4. Galaxien
5. Größenwahn
6. Donauauen
7. Du brauchst mich doch auch
8. Müde
9. Wann kommst du heim
10. Epimetheus
11. Keine Zeit
12. Verkehrt
13. Tschick
14. 3He+1e