„Die Formel 1 muss elitär bleiben!“

Formel 1

Seit 2009 kommentiert Ernst Hausleitner die Formel-1-Rennen für den ORF. Ein Gespräch über den „Elitensport“, der 2022 wieder in Spielberg gastiert.

Foto: ORF / Roman Zach-Kiesling

Bei den ständigen Regeländerungen, Adaptierungen und Impulsentscheidungen in der Formel 1 kann man schnell einmal den Überblick verlieren. Zum Glück gibt es ORF-Kommentator Ernst Hausleitner, der mit seinem profunden Team ganz genau weiß, wie die Dinge in den schwierigsten Situationen einzuordnen sind. Er kennt von den Fahrern vielleicht nicht so viele Bettgeschichten wie sein legendärer Vorgänger Heinz Prüller, hat sich nach mehr als einer Dekade als Chef der Kommandobrücke am Küniglberg aber längst selbst zur Kultfigur geredet. Wir führten mit dem 53-Jährigen ein Gespräch über seine Profession, den elitären Rennsportzirkus und den besonderen Kultfaktor, den das ORF-Team seit Jahren versprüht.

Ernst, 2009 hast du von Heinz Prüller den vielleicht schwierigsten Job der ORF-Sportredaktion übernommen – Hauptkommentator der Formel 1 zu werden. Prüller hat diesen Posten weit über die Landesgrenzen hinaus etabliert und geprägt.

Es ist dem Heinz zu verdanken, dass überhaupt so ein großes Interesse an Formel-1-Kommentatoren besteht. Ich habe vorher schon Skirennen kommentiert und dort haben wir mindestens vergleichbare Zuschauerzahlen wie in der Formel 1, aber das Interesse an mir war viel geringer.

Prüller kommentierte von 1965 bis 2008 und war so markant wie sonst niemand. Hattest du Angst, dich nicht selbst verwirklichen zu können oder angenommen zu werden?

Überhaupt nicht. Die große Aufmerksamkeit ist mir erst beim ersten GP 2009 in Australien bewusst geworden. Viele Zeitungen wollten Interviews und Porträts machen und ich habe mir nicht viel dabei gedacht. Ich war im F1-Zirkus schon seit Mitte 2004 bei jedem Rennen dabei. Ich hatte mich bis 2009 schon gut eingearbeitet, etabliert und hatte tolle Kontakte. Bis es losging war ich sehr gelassen, aber dann habe ich erst das Tamtam gesehen. Heinz zu kopieren kann ich und will nicht und es geht auch nicht. Ich habe nicht intensiv darüber nachgedacht, wie wir was anlegen werden und alles passierte so, wie es dann kam. Im ORF-Haus hat man uns die Freiheiten für den eigenen Stil gegeben – das habt ihr jetzt alle davon (lacht).

Spontanität durchzieht auch das Zwischenspiel zwischen dir und deinem Co-Kommentator Alexander Wurz. Ihr versteht euch so gut wie sonst kaum ein Moderationsdoppel – beim Fußball geht es im ORF zum Beispiel nicht immer so lustig und harmonisch einher.

Die verbringen sicher nicht so viele Tage miteinander wie wir. Nehmen wir die letzten zwei Corona-Saisonen heraus, aber ansonsten verbringen wir vier Tage miteinander. Man ist im selben Hotel und fährt im selben Auto zur Rennstrecke – das ist anders, als wenn man einmal ins Stadion geht und wieder heimfährt. Die Formel-1-Redaktion ist sehr zusammengeschweißt und einzigartig. Beim ersten GP kam Alex zu mir und fragte, wie wir es anlegen wollen. Ich sagte, dass jeder einfach das sagt, was er will (lacht). Ich wollte nie einen Plan haben, wie wir etwas anlegen und bin ein Freund der Improvisation. Sonst kannst du auch keine Emotionen rauslassen. Bei den früheren Ski-Kommentatoren haben früher einige für sich beansprucht, die Zwischenzeiten mitzuteilen. Ich bin dem Alex nicht böse, wenn er mir in der Formel 1 eine Zwischenzeit sagt (lacht). Wer etwas sieht, der sagt es und so herrscht eine harmonische Grundstimmung miteinander.

„Was sich liebt, das neckt sich“ – das trifft auf euch beide gut zu. Ging eine Blödelei schon mal so daneben, dass es eine längere Missstimmung zwischen euch gab?

Einmal in Monaco ging der Ferrari-Sieg per Stallregie zu Sebastian Vettel und nicht zu Kimi Räikkönen. Da habe ich mich recht laut aufgepudelt, weil ich seit jeher eine Tendenz zu Kimi habe. Ich habe mich richtig reingesteigert und Alex hat das alles viel pragmatischer gesehen. Das unterscheidet uns grundsätzlich als Menschen. Ich bin ein bisschen impulsiver, er ist abgeklärter und analytischer. Im Nachhinein war es gut, dass Alex da nicht in meine Kerbe schlug, sonst wäre es ausgeufert. On Air hatten wir aber noch nie einen Wickel.

Um der Formel 1 folgen zu können, muss man sich das ganze Jahr laufend informieren. Dazu hast du mit Wurz einen Experten an deiner Seite, der wirklich über alles Bescheid weiß. Motiviert dich das zusätzlich, dass du dich selbst bei allen Details noch besser auskennen willst?

Druck ist das falsche Wort, aber die Zuschauer legen uns die Latte hoch. Wir haben es mit einer Stammseherschaft zu tun, die in der Materie sehr gebildet ist. Das freut mich irrsinnig, weil man das an den Fragen merkt, die von außen kommen. Wir haben schon die letzten gut zehn Jahre auf Twitter mit ihnen kommuniziert und tun es jetzt auf Instagram. Sie haben viel Ahnung und eine große Expertise. Der Anspruch von mir ist, etwas draufzulegen, was sie selbst noch nicht wissen. Ich will auch die Experten nicht langweilen, sondern Dinge recherchieren, mit denen sie nicht gerechnet haben. Ich orientiere mich dabei an denen, die sehr viel wissen. Alex ist für mich das Netz beim Zirkussalto. Er ist in der österreichischen Formel-1-Community die höchste Instanz. Wenn er auf Sendung sagt „ich weiß es nicht“, ist es kein Zeichen von Schwäche – dann weiß es einfach niemand.

Seit dieser Saison gibt es das „Motorhome“, wo in größerer Expertenrunde über die Rennen diskutiert wird, dazu bist du im ständigen Austausch mit Fans. Wurdest du über die Jahre dadurch immer mehr zum Teamplayer, oder warst du das schon immer?

Die Interaktion ist die höchste Kunst des Fernsehens. Schon vor Jahrzehnten gab es Versuche, per Voting einen Krimi mitzubestimmen. Es gab viele Abstimmungsvarianten und man wollte das Publikum immer in die Sendungen reinzuholen. Mit „Motorhome“ gelingt uns das exzellent. Wir haben innerhalb weniger Wochen viele Abonnenten auf dem Instagram-Kanal versammelt und sie beteiligen sich auch rege. Wenn es strittige Situation gibt, beteiligen sich ca. 30.000 Leute. Das ist ein Wahnsinn. Die Menschen sind mit so viel Enthusiasmus dabei und das taugt mir extrem.

Wie kannst du als Kommentator einen langweiligen GP spannend machen? Das musste ja vor allem in den letzten Jahren oft sein …

Da haben wir uns die Freiheit genommen zu sagen, dass ein fader GP einfach fad ist. Wir umschreiben das manchmal durch die Blume. Wenn ich sage, mir hat etwas nicht aus den Schuhen gehaut oder der Alex gerne einen Espresso hätte. Wenn ein Rennen langweilig ist, dann stehe ich dazu. Ich bin dem Zuschauer verpflichtet, mit dem Wahrheit nicht zurückzuhalten. 2021 hatten wir hochinteressante, dramatische und spektakuläre Rennen gesehen und wenn ein paar fad sind, dann muss man das nicht beschönigen. An manchen Tagen fällt uns mehr Blödsinn ein, an anderen weniger. In Spa fand vor wenigen Wochen am Ende kein Rennen statt, aber wir waren fünf Stunden auf Sendung. Wir haben improvisiert und diese Art von Entertainen hat mir auch Spaß gemacht. Man kriegt mit den Jahren eine Routine, mit unvorhergesehenen Situationen klarzukommen.

Gibt es gewisse Strecken, wo du schon im Vorhinein weißt, das wird zu 90 Prozent langweilig und zäh?

Die beste Strecke ist Suzuka in Japan, auch wenn sie heuer nicht im Kalender war. Paul Ricard in Frankreich ist für mich dafür absolut untauglich für einen GP. Das geht sich einfach nicht aus und ich finde es ein Unding, dass man dort fährt. Sotschi in Russland würde ich auch als verzichtbar einordnen.

Seit heuer habt ihr Konkurrenz von ServusTV und ihr kommentiert nur mehr jeden zweiten GP live. Alle anderen kommentiert ihr ganz normal, aber sie werden zeitversetzt ausgestrahlt. Fühlt es sich anders an, wenn man weiß, da schaut jetzt gerade live keiner zu, wenn ihr redet?

Es wäre gelogen würde ich sagen, es wäre gleich. Ich würde natürlich gerne live fürs Publikum kommentieren, keine Frage. Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber in absehbarer Zeit werden wir wohl nicht alle Rennen für live kriegen.

Live dabei wart ihr heuer in Spa und in Monza – ansonsten passiert alles vom Studio aus in Wien.

Und wir hoffen, dass wir beim Saisonfinale in Abu Dhabi hinfliegen können. Dass wir aber nicht live reisen ist keine Maßnahme des ORF, sondern eine Maßnahme der Formel 1. Das mag paradox anmuten, wenn bei einem GP wie in Zandvoort 100.000 Menschen herumkugeln und die Party des Jahres feiern, wir Kommentatoren aber nicht hindürfen. Es liegt aber daran, dass wir natürlich viel zu nahe an den Piloten, Managern und Technikern sind. Die Formel 1 sperrt die Kommentatorenkabinen derzeit gar nicht auf, um die Teams besser zu schützen. Man limitiert die Anzahl der Personen im Paddock. Mehr und mehr Fernsehstationen haben sich im Laufe des letzten Jahres und heuer darüber hinweggesetzt, selbst Container in die Nähe gestellt und die Kommentatoren live teilnehmen lassen. Es ist nicht dasselbe wie sonst, aber wir haben den gleichen Rhythmus wie sonst. Man kommt Donnerstag bei der Strecke an und trifft die Menschen, wenn auch unter erschwerten Bedingungen, für ein paar Interviews. Der Austausch mit anderen ist irrsinnig befruchtend und das Um und Auf. Aus dem Container sehen wir nur das Fernsehbild, das auch die Zuschauer sehen, aber durch die Nähe und den Rhythmus ist es viel besser, als in Wien im Studio zu sitzen.

Wie viel Nähe ist – wenn wir Corona wegdenken – denn heute überhaupt noch möglich zu den großen Stars?

Da geht im normalen Leben durchaus noch was. Man hat immer die Möglichkeit, zwischendurch einen Rennfahrer anzusprechen, auch wenn sie ein extrem knappes Zeitkorsett haben und von der Pressebetreuerin von A nach B geführt werden. Wir zapfen uns die Quellen an, setzen uns wo dazu und sprechen mit Leuten wie Andreas Seidl, Helmut Marko, Günther Steiner oder Toto Wolff auch mal über Privates. Die Österreich-Connection würde ich durchaus als Freunde bezeichnen und dann kennt man natürlich noch ein paar Ingenieure und Techniker.

Bei der MotoGP kannst du als Zuseher ins Paddock und direkt auf Tuchfühlung mit den großen Stars. Die Formel 1 ist bei weitem nicht so nahbar für den Durchschnittsbürger. Ist das gut oder schlecht?

Die Formel 1 darf sich gar nicht weiter öffnen. Diese Verknappung ist ein Geisteskind von Bernie Ecclestone und damit hat er die Formel 1 wahrscheinlich zum Weltsport Nummer eins gemacht. Das Unnahbare ist ein entscheidendes Asset des Sports und daran muss er festhalten. Hunderte Menschen haben mich in den letzten 17 Jahren, seit ich bei der Formel 1 dabei bin, gefragt, ob sie ins Paddock reinkönnen. Wäre das möglich, wäre das Interesse nicht so hoch, wie es jetzt ist. Das Marketingsystem der Verknappung ist ein großer Erfolgsfaktor und daran sollte man unter allen Umständen festhalten.

Du hast gesagt, Kimi Räikkönnen wäre einer deiner Lieblingsfahrer. Resultiert das aus seiner Persönlichkeit oder kommt es daher, dass du ihn vielleicht anders kennengelernt hast als andere?

Ich finde ihn einfach großartig, aber auch Daniel Ricciardo. Es gibt viele Junge, die ein Charisma haben. Ich halte gar nichts von der These, dass der Formel 1 die Typen fehlen würden und früher alle cooler waren. Man darf nicht vergessen, dass man selbst immer älter wird. Das ist das Schicksal des Sportreporters: die Athleten bleiben immer gleich alt, man selbst aber nicht. Dass ich Menschen wie David Coulthard auf einer anderen Ebene begegnet bin als heute Lando Norris liegt in der Natur der Sache. Man darf nicht versuchen mit Jungs, die deine Enkel sein könnten, eine Party zu machen. Das war mit Coulthard noch möglich, aber da waren wir in einem ähnlichen Alter (lacht). Aber es sind extrem coole Jungs dabei. Max Verstappen, Lando Norris, Lewis Hamilton – auch Charles Leclerc ist auf seine Art sehr lässig.

Gab es auch Fahrer, zu denen du nie einen Draht gefunden hast?

Ich weiß nicht warum, aber in meiner Anfangszeit, wo ich noch Interviewer war, hat mich regelmäßig Juan-Pablo Montoya angepflaumt (lacht). Sonst war immer alles sehr okay.

Erfolgreiche Fahrer werden immer geliebt und gehasst gleichermaßen, aber warum ist deiner Meinung nach gerade Lewis Hamilton ein derart extremer Spaltpilz für die Öffentlichkeit?

Der polarisiert mit seinem Auftritt, mit seiner Kleidung, mit seinen Handlungen und in welchen Gesellschaftsschichten er sich bewegt. Für mich ist er trotzdem der wichtigste Fahrer, den die Formel 1 jemals hatte. Er hat den Sport für neue Schichten und Szenen geöffnet, die sonst nie für den Sport zugänglich gewesen werden. Man muss nur einmal schauen, welche Promis und Celebritys er immer zu den Rennen bringt. Man muss ihn nicht mögen, aber man muss akzeptieren, was er für den Sport macht. Er ist nicht nur der erfolgreichste aller Zeiten.

Formel 1 ist ein Weltsport, dein zweite Spielwiese Skifahren eher provinziell, denn da hört der Hype über die Bergregionen Mitteleuropas schnell wieder auf. Unterscheidet sich dadurch auch deine Arbeit und die Wahrnehmung darauf?

(lacht) Das ist schwierig zu vergleichen. Skifahren ist schon ein österreichisches Phänomen. Ich bin selbst leidenschaftlicher Skifahrer und es ist ein Teil unserer Kultur. Das Interesse an den Skirennen ist nach wie vor extrem hoch, aber für einen Kommentator ein ganz anders Betätigungsfeld. Die Formel 1 ist eine Weltsportart und du in der Woche vor einem GP von einer Lawine an Informationen überrollt wirst. Beim Skifahren musst du aktiv danach suchen, dass du was rausfilterst, was die Leute noch interessiert. In der Formel 1 muss ich aussortieren, was wichtig und was unwichtig ist. Wenn du in der Formel 1 eine Regeländerung verpasst, ist das fatal. Da musst du 365 Tage im Jahr am Ball bleiben.

Sind die Typen im Sport anders? Formel-1-Fahrer und Skifahrer unterscheiden sich doch sicher gewaltig.

Grundsätzlich sind mir alle zusammen alle sympathisch – in beiden Sportarten. Ich fühle mich im Skizirkus auch extrem wohl. Die Leute sind gerne in der Natur und am Berg und das interessiert mich auch. Interessant ist aber, wie viele Skifahrer und Trainer mich auf die Formel 1 ansprechen. Es gibt einen hohen Prozentsatz von denen, die sehr hoch Motorsport-affin sind und mich dann immer fragen, warum was wie wieso passiert ist. (lacht). Von den Charakteren sind die Skifahrer extrem easy und gemütlich. So sicher die Formel 1 geworden ist, so brutal ist der Skisport. Schon vor der Saison reißen sich alle die Bänder und brechen sich Knochen – das ist schon eine harte Kost und trübt die Freude am gesamten Sport.

Bei den Beliebtheitswerten der Zuschauer ist der Großteil doch deutlich pro ORF und nicht unbedingt pro ServusTV. Beschert das dir und deinem Team eine gewisse Genugtuung?

Das ist wohl nicht objektiv messbar. Einen Österreich-GP haben wir beide übertragen und da ging das Match doch ganz klar zugunsten von uns aus. Das war das einzige Mal, wo der Zuschauer die freie Wahl hatte, welchen Sender er sich anschaut.

Wie zeitgemäß ist ein Sport wie die Formel 1 in Zeiten der Klimakrise und der steigenden Elektromobilität?

Die Umstellung auf den Turbohybridmotor im Jahr 2014, den viele kritisiert haben, sehe ich als lebensnotwendig – auch wenn damals Personen wie Bernie Ecclestone oder Sebastian Vettel hämische Kommentare abgaben. Wenn man das nicht gemacht hätte, wäre die Formel 1 heute tot. Dann hätte man der Formel E die Tür geöffnet, ihr den Rang abzulaufen. Ob dieser neue Motor der Beste ist, das kann man bezweifeln, aber die Änderung war notwendig, um ein brauchbares Marketingtool für Automobilhersteller zu bleiben. Man sieht jetzt, dass der Trend wieder weg von der Formel E läuft und die Formel 1 bleibt stabil. Honda steigt aus, obwohl die wohl selbst nicht wissen, warum, weil ihr Motor gut ist (lacht). Aber ansonsten sind alle sehr happy mit diesem Bewerb.

Lewis Hamilton, Sebastian Vettel und Co. positionieren sich auch immer politischer und gesellschaftskritischer. War das in den letzten Jahren nicht schon dringend notwendig?

Man gibt den Fahrern vor dem Abspielen der Hymne bei den GPs auch die Möglichkeit, ihre Statements für Gleichberechtigung und gegen Rassismus abzugeben. Das ist absolut okay. In diesen Belangen war Hamilton natürlich ein Vorreiter und finde es cool, wie es Vettel anlegt. Es gibt noch einige andere, die ihre Message gut rüberbringen. Das sind Sportler, die global in einem ganz großen Fokus stehen und Abermillionen Follower auf ihren Social-Media-Kanälen haben. Da ist es gut, wenn man sich klar positioniert.

Wie weit darf die Formel 1 von den Rennen her gesehen noch Richtung Vereinigte Arabische Emirate gehen, wo man mittlerweile doch recht konzentriert unterwegs ist?

Schwierige Frage. Wir haben mittlerweile vier Rennen in der Gegend und da muss man schon aufpassen. Da ist eigentlich die Grenze überschritten. Gerade in Zeiten von Corona kann man den Verantwortlichen der Formel 1 aber nicht ganz böse sein, dass sich dort hingehen, wo das Geld abgeschafft ist. Ob mit oder ohne Zuschauer ist ihnen das einfach egal, weil sie dort die Formel 1 als Prestigeobjekt kaufen.

Dann gab es Bereicherungen wie eben den GP von Holland in Zandvoort.

Vom Renngeschehen her war es einer der langweiligsten GPs, aber die Stimmung dort suchte natürlich seinesgleichen. Den Holländern muss man allgemein sehr dankbar sein, denn was wäre auch der Österreich-GP in Spielberg, ohne die Horden, die da über uns einfallen würden? Solche Völkerwanderungen wie die Verstappen-Fans hat früher in seinen besten Zeiten noch nicht einmal Michael Schumacher ausgelöst. Zandvoort war atmosphärisch ein absolutes Highlight. Den GP von Miami 2022 begrüßen alle, weil im ganzen Land dort ein gehobenes Interesse an der Formel 1 besteht. Schon damals in Indianapolis war das bemerkbar, auch wenn die dort die Nascar haben. Damals war die Formel 1 etwas für die gehobenen Gesellschaftsschichten und ich hoffe, dass man das alles dort verbreitert. Wenn wir vier Rennen im arabischen Raum haben, dann vertragen wir auch zwei in den USA (lacht).

2022 wird die Saison sein, wo sich sehr viel verändert. Wo wird die Reise der Formel 1 hingehen?

Es ist ganz klar, dass nächstes Jahr viel anders sein wird. Der Logik nach werden wieder die großen Teams im Vorteil sein, weil sei mehr Ressourcen haben, das 2022-Auto schon länger zu entwickeln. Es würde mich überraschen, wenn nicht Mercedes, Red Bull und Ferrari als die finanzstärksten Teams vorne mitfahren würden. Es kann aber sicher auch Überraschungen geben, dass einer in diesem noch unausgegorenen Reglement ein Schlupfloch findet und allen um die Ohren fährt. Ich freue mich schon irrsinnig darauf, denn die jüngsten Simulationen haben ergeben, dass man von den Rundenzeiten nicht so weit weg ist wie jetzt. Das klang anfangs noch viel dramatischer.

Wird Lewis Hamilton weiterfahren, auch wenn 2021 nicht seinen erhofften achten WM-Titel holt?

Definitiv. Ich weiß gar nicht, ob er so an den Rekordtitel denkt. Ich glaube, dass er einfach noch heiß aufs Rennfahren ist. Ich sehe überhaupt nicht, dass er Ende der Saison aufhören wird. Bei den Jungs besteht auch eine Neugierde auf das neue Auto, das nächstes Jahr ansteht. Jeder will bei der neuen Ära dabei sein. Die Frage ist eher, ob er danach noch einmal eine Vertragsverlängerung kriegt. Die Verpflichtung von George Russell als sein Teamkollege war klar eine Entscheidung für die Zukunft. Mit Verstappen bei Red Bull, Leclerc bei Ferrari und Norris bei McLaren gibt es überall Youngster und da musste Mercedes reagieren. Sie müssen sich strategisch für eine Zeit nach Lewis Hamilton aufstellen. Ob das in zwei Jahren soweit ist oder er noch einmal ein Jahr anhängt, das werden wir sehen, aber muss man vordenken.

Hamilton fährt Bottas seit Jahren locker davon. Wenn ihm das auch bei Russell gelingt, wird es das Standing von dem Jungstar nicht verbessern …

Russell zeigt im Williams konstant so gute Leistungen, dass er es aushält, sollte ihm Hamilton ein Jahr um die Ohren fahren. Da würde trotzdem niemand an ihm zweifeln und er selbst auch nicht. Hamilton ist der letzte Mohikaner, der sich gegen die Jungen entgegenstellt und Mercedes hat sich den nächsten geholt – eben George Russell.

Wird Mick Schumacher in der Formel 1 noch länger überleben?

Ich bin davon überzeugt. Haas wird nächstes Jahr nicht mehr so weit daneben sein wie heuer. Sie haben 2021 geopfert und sehen als Übergangsjahr. Im Hintergrund gibt es auch das eine oder andere Gerücht, was mit den Entwicklungsstunden des Teams hätte sein können. Die werden nächstes Jahr wohl näherkommen und dann kann der Mini-Schumi auch mal zeigen, was er kann.

Früher gab es x Teams in der Formel 1, seit Jahren hat sich der Sport auf ungefähr 20 Fahrer eingependelt. Ist das ausreichend?

Das ist eine Frage des Systems. Ich glaube nicht, dass man unbedingt scharf darauf ist, das Feld massiv zu verbreitern. Man will an den zehn Teams festhalten und die Plätze in der Formel 1 mit ihnen so lukrativ und teuer machen, dass man mit ihnen auch ein Geschäft machen kann. Da spreche ich gar nicht von den Mitarbeiten und von der Technik, sondern vom Startplatz an sich. Man müsste sich eine Lizenz als Interessent an einem Team kaufen, aber es werden nicht viel mehr Teams werden. Das ging damals mit HRT, Caterham, Virgin und wie sie alle hießen, ziemlich daneben.

Die Strecke in Spielberg gilt immer als eine der beliebtesten im Formel-1-Zirkus. Wie viel ist davon wahr, wie viel Marketinggag?

Naja, Lewis Hamilton sagt natürlich bei jedem Rennen und in jedem Land, dass er sich so freut, gerade hier zu sein. Solche Aussagen muss man immer mit Vorsicht genießen. Auf der anderen Seite ist die Inszenierung, die Red Bull hier macht, einzigartig. Das kriegen auch die Fahrer mit. Ich hatte die Freude, dass ich oft bei der Diver’s Parade am Truck mitfahren durfte und wenn du dann durch das Menschenmeer und die Natur kurvst, ist das schon sehr speziell. Für die Piloten als Gesamtpaket ist Spielberg sicher einer der besseren GP.

Gibt es Dinge, die du auch nach 17 Jahren Formel-1-Journalistenkarriere noch gerne ändern oder verbessern würdest?

Im Nachhinein schaue ich mir nahezu jedes Rennen an und ich bin nie restlos zufrieden (lacht). Ich klopfe mir nicht auf die Schulter, sondern bemerke immer Dinge, die ich hätte sehen oder anders erklären müsste. Ich kann mich in den letzten 15 Jahren an keinen Tag erinnern, wo ich nicht zumindest mal am Smartphone auf Seiten oder Accounts nachschaue, die mit Formel 1 zu tun haben. Das ist ein permanenter Prozess. Die letzte Vorbereitung mache ich old school handschriftlich. Ich habe für jede Saison ein Buch und dort schreibe ich meine Gedächtnisstützen ein. Das ist wie in der Schule – wenn du es aufschreibst, merkst du es dir leichter. Wie früher mit dem Schummelzettel. Was ich aus dem Buch dann rauslese oder mir sowieso schon gemerkt habe, das unterscheidet sich manchmal. Es geht einfach darum, nichts Wichtiges zu vergessen.

Daraus könntest du mal deine eigenen „Grand Prix Storys“ zimmern, die Heinz Prüller seit den frühen 70er-Jahren jährlich herausgibt.

(lacht) Solange es der Heinz macht, werde ich es sicher nicht machen. Schon allein aus Respekt vor ihm. Wenn er mal nicht mehr schreibt, kann ich mir das aber durchaus vorstellen.

Zwischen 8. und 10. Juli gastiert die Formel 1 wieder in Spielberg. Tickets gibt es bei oeticket.com.