Die Lebensgeister von Adel Tawil

Adel Tawil

Mit Adel Tawil lässt sich’s gut plaudern. Was wir auch ausführlich getan haben: über sein aktuelles Album, die neu gewonnene Lebensfreude, musikalische Verantwortung und den perfekten Beat.

Foto: Sebastian Magnani

Wenn man sich mit Adel Tawil zu einem Interview trifft, bekommt man genau das, von dem man irgendwie aufgrund seiner Musik ausgegangen ist: Mit dem ehemaligen „Ich + Ich“-Sänger kann man über alles plaudern, was einem – und ihm – gerade so einfällt. Über Gott und die Welt – und zwar buchstäblich, wie wir noch erfahren werden. Locker, unprätentiös, vor allem authentisch und ehrlich. Da gibt’s kein langsames Herantasten, sofort ist man mittendrin im Gespräch. Einem Gespräch, bei dem man Adel tief in die Augen blicken sollte. Die sind bei ihm nämlich tatsächlich das Fenster zur Seele: Sie sind tiefgründig und strahlen solche Güte aus, dass man nicht überrascht wäre, würden jeden Moment kleine Engerl daraus hervorfliegen.

Licht und Dunkelheit

In den kommenden 45 Minuten wird mehrmals deutlich, wie sehr es der Sänger genießt, sich mit Menschen auszutauschen, seine Gedanken zu teilen, Neues zu lernen, gegenseitig den Horizont zu erweitern. „Ich rede ja unheimlich gern!“, lacht er. Also gibt er uns zum Beispiel Tipps für lässige Sneakerläden in Wien (Solebox), erzählt, wo man hier die besten Pita der Stadt bekommt (Miznon) und welche Patisserie man unbedingt besuchen sollte (Parémi). Ein Berliner, der einem Wiener Wien-Tipps gibt – für Adel nicht allzu außergewöhnlich. Vielleicht deshalb, weil er möchte, dass sein Gegenüber das Leben genauso genießt, wie er es selbst seit geraumer Zeit tut. „Endlich wieder die Sonne spüren, die Wolken, den Himmel und den Wind. Endlich durchatmen.“ Das sei nicht immer so gewesen, während seiner Scheidung und seines schweren Unfalls (2016 brach er sich vier Halswirbel) habe er sich durchaus manchmal die gefährlich-sinnlose „Wieso ich?!“-Frage gestellt. „Mir wurden plötzlich alle Fäden des Lebens aus der Hand gerissen.“ Klar, Licht und Dunkelheit gehören zum Leben dazu, das sei auch gut so, besonders für Künstler können Schmerz, Leid und vor allem Melancholie wertvolle Kreativitätsquellen sein, meint er. „Aber wenn du nicht mal mehr aus dem Bett kannst, dann ist es zu viel.“

Universelle Sprache

Adel schaffte es, sich aus diesem Loch wieder herauszuziehen. „Ich habe gecheckt, wie gut es mir eigentlich geht.“ Nachsatz: „Wenn du positiv denkst, geschieht auch Positives.“ Anfang 2019 kam Adels Kind auf die Welt, welches Geschlecht möchte er nicht verraten, manches muss dann eben doch privat bleiben. Die neu gefundene Lebensfreude, ja: Lebenssinn, spiegelt sich auch im aktuellen Album wider, das Pop und urbanen Sound zusammenbringt und Adel sowohl als „neue Ära“ als auch „meine bisher beste Arbeit“ bezeichnet: Die Songs sind beschwingt, abwechslungsreich, klingen befreit, machen Laune. Mit Texten, die zum Nachdenken anregen, ohne dabei runterzuziehen. Mit Oberflächlichkeit hat das Ganze nichts zu tun, ganz im Gegenteil: „Gerade in einer Zeit des lauten Populismus ist es die Verantwortung von uns Künstlern, Menschen zu vereinen, jenseits aller Arten von Grenzen. Toleranz ist für mich von jeher selbstverständlich. Musik muss wieder zu seinem Ursprung der universellen Sprache zurückfinden!“ Anders ausgedrückt: „Ich möchte mit der neuen Platte Hoffnung rausschreien!“

Alles fließt

Das möchte er auch mit seinen Konzerten erreichen, sagt Adel, und seine Augen strahlen in diesem Moment noch ein Fünkchen gütiger. Auch er, immerhin mit ägyptischen und tunesischen Wurzeln, werde „immer wieder mal“ mit „harmlosem, kleinem Alltagsrassismus“ konfrontiert. Das nehme er meist locker. Wenn ihm aber zum Beispiel in Dresden geraten wird, zur Mittagszeit nicht das Hotel zu verlassen, er könne nämlich der Pegida begegnen, dann wird auch der gutmütige Adel wütend. Schließlich sind wir alle eins. Das will er auch mit seinem Albumtitel ausdrücken, inspiriert vom philosophischen Buch „Sofies Welt“: „Alles rund um uns ist lebende Materie. Alles ist miteinander verbunden. In uns allen ist Gott.“ Von vielen Religionen und Philosophen lässt sich Adel zu neuen Denkanstößen inspirieren, Scheuklappen und Tunnelblick lehnt er ab. „Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt, lasse das Leben fließen. Ich beobachte genau, auch mich selbst.“ Wenn das Adel Tawil sagt, klingt das nicht mühsam, sondern chillig wie nur sonst was.

Veränderungen

Nachdenklich, aber umso leidenschaftlicher wird Adel auch, wenn es um das Musikbiz geht. In Zeiten von Streaming-Plattformen sei es schwierig, das Monster „Erfolg“ zu definieren. „Ich war nie einer, der sich um Chartplatzierungen gekümmert hat – und jetzt noch weniger!“ Ihm komme es viel mehr auf Radio-Airplay, gute Kritiken, das Kommunizieren mit den Fans auf Social Media und auch ein bisserl auf Klick- und Downloadzahlen an. Er stimme Pharrell Williams vollends zu, der einmal sagte, den perfekten Beat gebe es nicht. „Auch wenn Songs wie ‚Let It Be‘ oder ‚Don’t Worry, Be Happy‘ sehr nah dran sind.“ Perfektion sei aber ohnehin nicht etwas, nach dem Adel Tawil strebt: „Ich schreibe Songs für Momente, in denen sich jeder wiederfinden kann!“ Nicht zuletzt er selbst, denn die Suche nach Identität nimmt in seiner Arbeit, seinem Leben nach wie vor einen hohen Stellenwert ein. „Ich bin noch nicht angekommen, habe aber einen großen Schritt nach vorne getan.“ Er lacht: „Ich weiß zumindest, was ich nicht will!“ Die Geburt seines Kindes habe ihn geerdet, reifer, bodenständiger, gelassener gemacht. Der Rock ’n’ Roll sei zwar nicht ganz aus seinem Leben verschwunden, grinst er, vieles in seinem Leben sei heute aber anders. Er strahlt Glück aus, wenn er das sagt. Veränderung und Neues erschaffen: Nur wenige haben davor so wenig Angst wie Adel Tawil.

Adel Tawil gastiert im Rahmen seiner „Alles lebt“-Tour am 31. Jänner im Gasometer.