Die Toten Hosen drehen den Strom ab

Die Toten Hosen

Mit ihrem neuen Akustik-Album „Alles ohne Strom“ fordern sich Die Toten Hosen noch einmal selbst heraus. Frontmann Campino spricht über das ambitionierte Werk, ein weiteres Studioalbum und den langsamen Beginn von einem eventuellen Ende.

Foto: Enno Kapitza

Vor fast exakt 14 Jahren haben die deutschen Punk-Rebellen Die Toten Hosen erstmals darüber nachgedacht, sich akustisch nackt zu präsentieren und im Rahmen der „MTV-Unplugged“-Reihe an zwei Abenden im Wiener Burgtheater die Verstärker ausgestöpselt. Heraus kam das 20 Songs starke Album „Nur zu Besuch“, das den Fans neue Facetten und der Band eine neue musikalische Spielwiese eröffnete. Knapp eineinhalb Dekaden später hatten Campino und Co. wieder Lust auf ruhige Momente und ihrer Heimat Düsseldorf mit „Alles ohne Strom“ einen Quasi-Nachfolger gefertigt, der sie 2020 unter anderem auch nach Wien und Graz führt.

Auf eurem neuen Album „Alles ohne Strom“ habt ihr auch vier neue Songs drauf. Man könnte fast den Eindruck haben, die sind dir auch schnell und problemlos aus dem Ärmel gefallen.

Teilweise ja. Manchmal ist es Glück, was mit den Liedern passiert. Gelegentlich fehlt einem die Inspiration und man ist ratlos. Aber in diesem Fall hat es auf den Punkt geklappt.

Wann gab es die ersten Überlegungen, Skizzen und Ideen, erstmals nach 14 Jahren wieder ein solches Unplugged-Album zu machen?

Am Heftigsten berührt waren wir von unserem Projekt „Entartete Musik“ und dem Orchester von der Musikhochschule in Düsseldorf. Wir wollten unbedingt mit diesem Programm auf Tour gehen und haben uns vor allem Berlin, Wien und Zürich vorgestellt. Ein Orchester mit 100 Musikern auf Tournee zu schicken war logistisch einfach nicht möglich. Allein die Hotelkosten hätten alles gesprengt. In Räumlichkeiten für 2.000 bis 3.000 Zuhörer spielen sich die Kosten nicht ein. Da hätte man für eine Eintrittskarte so viel verlangen müssen, dass die Leute uns den Vogel gezeigt hätten. Den Menschen ist nicht bewusst, dass die Opern alle subventioniert sind. Wenn du so etwas privatfinanzierst, bringt dich das in der Größenordnung um. Wir mussten uns von diesem Gedanken also verabschieden. Von da an haben wir an eine abgespeckte Version gedacht, die trotzdem eine totale Bandbreite an Musikfarben anbietet. Die Frage war: Wie viele Leute brauchen wir? Streicher: klar, Piano: klar. Ein guter Bläsersatz, Percussion und als Sahne auf dem Kuchen ein Akkordeonspieler. Entgegen dem Vorurteil über dieses Instrument, kann es sich sehr gut in verschiedenen Stilen einfügen. Die Besetzung war der erste Schritt. Dann ging es um das Programm. Dazu haben wir Themenkreise gebildet, neue Lieder sollen dabei sein, ein paar Cover-Versionen, mit denen wir zeigen können, von welcher Musik wir selber Fans sind. Vom eigenen Material wollten wir unbedingt auch alte Perlen aus unserer Musikgeschichte hervorholen und auch aktuelle Sachen im neuen Gewand servieren.

Das Ergebnis ist etwas ganz Anderes als euer erster Versuch, der 2005 im Wiener Burgtheater entstand. Nicht nur euch selbst, sondern auch die Fans mit völlig neuen Ansätzen zu beliefern, war wohl eine der wichtigsten Prämissen für euch?

Auf jeden Fall. Das Konzept „Unplugged“ wurde von MTV erfunden und die haben das Wort auch geschützt. Zu der Zeit waren die Regeln sehr streng. Publikum und Band mussten sitzen und alles in reduzierter Form wiedergegeben werden. Man hätte Lieder auch weiterentwickeln können, aber auf die Idee kamen nur wenige. Dennoch ist zum Beispiel die Nirvana-Akustik-Platte ein Meilenstein der Musikgeschichte und ein Beweis, dass Intensität nichts mit Lautstärke zu tun hat. Meiner Meinung nach ist „MTV Unplugged in New York“ absolut gleichwertig mit der „Nevermind“. Die Erfahrungen bei unserem eigenen Konzert im Burgtheater haben uns damals so euphorisiert, dass wir immer den Traum hatten, damit fortzufahren. Leider haben wir es zu jener Zeit versäumt, mit der Platte auf Tournee zu gehen und das wollten wir jetzt nachholen. Warum das so lange gedauert hat, eine Fortsetzung zu erarbeiten, weiß ich nicht, aber ich bereue es auch nicht. Wir hatten die Geduld und Reife, uns hinzusetzen und diese Lieder neu zu entdecken und ihnen Substanz hinzuzufügen. Mit manchen Versionen bin ich besonders zufrieden und vielleicht haben manche das Original sogar überholt.

Jeder weiß, welche Energien ein Konzert der Toten Hosen freisetzt. Auf und abseits der Bühne. Wie wollt ihr das mit dem Akustik-Setting hinkriegen, denn das Ziel ist ja auch hier, für Euphorie und Stimmung zu sorgen?

Wir planen keinen in sich gekehrten, besinnlichen Abend. Wenn das geschieht, haben wir versagt. Vom Level an Energie und Spaß sollen diese Gigs die gleiche Punktzahl bekommen wie ein klassisches Konzert der Toten Hosen. Es wird dieselbe Schlacht mit anderen Waffen. Unser Leitbild ist immer die Vorstellung von einer Balkan-Truppe, die man für jede Gelegenheit wie Hochzeit, Beerdigung oder Firmung buchen kann. Am Ende tanzen und lachen alle miteinander und lassen los. So müssen die Abende im kommenden Sommer aussehen. Da wird auch kein Wert auf Bestuhlung gelegt, auch wir als Band werden nicht sitzen. Wir versuchen schon, den optimalen Druck zu erzeugen und haben dabei Bands wie die Pogues, die Specials oder auch Seeed im Hinterkopf. Die kriegen das auch alle ohne E-Gitarren-Krach hin.

In Österreich gibt es das Indoor-Konzert in der Wiener Stadthalle und das Open-Air am Messegelände in Graz. Das sind dann auch zwei völlig verschiedene Welten, wenn es um Atmosphäre und Produktionstechnik geht.

Wir werden bei der Tour auch ein paar Hallen spielen, damit wir von den äußeren Umständen nicht so abhängig sind und da gehört die Stadthalle in Wien auf jeden Fall dazu. Indoor bedeutet immer weniger Risiko. Du bist nicht wetterabhängig. Es gibt Hallen, die sind besser geeignet, andere weniger. Die Stadthalle ist ein alter Kasten, aber ich bin sehr glücklich mit ihr. Ich habe dort schon so viele unvergessene Abende, auch mit anderen Bands wie etwa Metallica, erlebt. Es ist auf den ersten Blick vielleicht nicht die allerschönste Halle, aber sie hat eine Wahnsinnsatmosphäre. Die Leute hier feiern grandios und sie erinnert mich an die Berliner Max-Schmeling-Halle. Da kann es kochen bis zum geht nicht mehr. Als Gegenentwurf gibt es die schickeren neuen Mehrzweckhallen, wo die Ordner schon einen Herzinfarkt bekommen, wenn sie ein Feuerzeug sehen. Das ist immer scheiße für ein Rockkonzert. Ein Abend in einer Open-Air-Location bei tollem Wetter ist natürlich etwas Schönes, ich mag zum Beispiel die Waldbühne in Berlin sehr gern. Für Graz freuen wir uns, dass die Leute in Österreich auch mal die Möglichkeit haben, bei ihnen so ein Open-Air-Event zu erleben. Uns ist natürlich klar, dass wir auch etwas Glück haben müssen, wenn alles zusammenpassen soll.

Ihr tretet dann mit dem Instrumentarium auf, das du vorher erwähnt hast?

Exakt. Es sind 16 Leute auf der Bühne – genau die Band, die auch in der Tonhalle zu sehen war. Alle haben zugesagt und die Verabredungen stehen.

Als Musiker und auch Fan weiß man, hinter aufgedrehten Verstärkern kann man sich manchmal auch ganz gut verstecken. Das geht im Akustik-Setting natürlich weniger, denn dort hört man schnell jeden Fehler. Müsst ihr daher intensiver, öfter und konzentrierter proben?

Ich gehöre ja eher zu den Friedhelm Funkels in der Szene, bin also eher der Typ „Arbeiter“, der gerne und viel probt. Unser Drummer Vom sieht das anders und hält das für übertriebenen Quatsch, weil er eine andere Lässigkeit hat. Ich finde immer, dass wir mehr proben müssen, aber in diesem Fall ganz besonders, weil diese Konzerte für uns wie Auswärtsspiele und wir hier auf nicht ganz so bekanntem Terrain unterwegs sind. Das macht aber auch den Reiz aus. Es wird aber auch eine Freude, dass die Leute die Songs einerseits kennen, aber andererseits auch völlig anders erleben können.

Wird das Liveset aus dem Album „Alles ohne Strom“ bestehen, oder habt ihr da anderes vor?

Nicht nur. Das ist noch sechs Monate hin und wir werden uns aus unserem Gesamtrepertoire bedienen. Alte Versionen werden neu aufgefrischt. So fließen Songs aus dem Burgtheater ein, möglicherweise auch Stücke aus dem „Entartete Musik“-Projekt, soweit das mit 16 Musikern zu lösen ist. Der Prozess ist nicht abgeschlossen und Songs wie „Wort zum Sonntag“ haben wir zwar im Burgtheater schon gespielt, aber nicht sorgfältig ausgearbeitet. Es ist auch gut möglich, dass wir bis zum Sommer auch Lieder dabei haben werden, die bislang nirgends erschienen sind.

Stehen die vier neuen Songs auf „Alles ohne Strom“ in dem Kontext für sich selbst, oder sind sie auch eine Variante für das nächste Studioalbum?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Songs auf dem nächsten Studioalbum sein werden. Sie passen ja auch genau in diesen Rahmen und sind nicht einfach so ins Blaue entstanden. Man kann das ganze Vorhaben als kollektiv begangenen Seitensprung verstehen. Wir erlauben uns auf einem Spielplatz rumzutoben, und alle Geräte auszuprobieren. Dann irgendwann kehren wir wieder zurück zu dem, was unser Herz immer ausmachte. So wie ich uns kenne schätze ich, dass das Pendel von hier aus in die andere Richtung schlagen wird. Ich würde also eher darauf tippen, dass ein nächstes Tote-Hosen-Album ziemlich heftig, laut und hart werden würde. Wer weiß schon was passiert, aber das ist meine Vermutung.

Du nimmst damit zumindest vorweg, dass es auf jeden Fall ein nächstes Studioalbum geben wird.

Ein weiteres Album wird es für mich in jedem Fall geben. Dabei sind wir auch eher old-school. Wir kommen aus dem Vinyl-Zeitalter, wo man ein Album und seine Dynamik, die Reihenfolge der Stücke und Dramaturgie noch mit Herz und Seele lebte. Heute scheint es so zu sein, dass die Menschen einfach nur Songs anklicken und nach vier Sekunden entscheiden, ob sie ihnen gefallen oder nicht. Sie nehmen Alben auch gar nicht mehr wirklich als Einheit wahr. Ich hingegen schon und allein aus dieser Romantik und der Verpflichtung unserer Geschichte heraus, möchte ich bewusst ein letztes Album aufnehmen. Ich will ins Studio zu unserem Produzenten gehen und sagen: „Heute ist der erste Tag meiner letzten Scheibe. Und jetzt lass uns das Ideen-Regal ausräumen.“ Am Schluss will ich die Bude abfackeln. Diesen Moment hatte ich noch nicht, deshalb spüre ich, dass mindestens noch eine Scheibe kommen wird. Es ist für mich aber auch nicht unvorstellbar, dass es das letzte Album sein könnte.

Das mit dem letzten Album hast du aber zumindest bei den beiden letzten auch immer mal wieder anklingen lassen. Nimmt euch das den Druck, in der Karriere zu weit nach vorne planen zu müssen?

Es nimmt etwas Druck. Für mich macht es auch keinen Sinn, etwas großmäulig zu verkünden, das dann doch nicht klappt. So etwas finde ich immer albern. Man hat schon den Gedanken, wie es in den nächsten Jahren aussieht. Wir starten nicht als Nachwuchstalente, die in Düsseldorf gerade den Preis „Newcomer des Jahres 2019“ gewonnen haben (lacht).

Unterliegt ihr – bewusst oder unbewusst – einem gewissen internen Druck, dass ihr euch mit jüngerer Konkurrenz messen müsst, die ja glücklicherweise massenhaft nachkommt und in verschiedenen Genres für Furore sorgt?

Ganz ehrlich: Mir macht es viel Spaß, quasi als „Elder Statesmen“ rumzulaufen. Es ist eine Riesenfreude, mit jüngeren Bands zusammenzuarbeiten, die uns ernst nehmen und man sich gegenseitig auf Augenhöhe behandelt. So wurden wir zum Beispiel zum Konzert gegen Rechts in Chemnitz eingeladen und nehmen auch immer wieder andere Künstler, die wir schätzen, mit auf Tour. Kraftklub, Feine Sahne Fischfilet, Marteria, Beatsteaks und Co. haben alle große Sympathien füreinander und gönnen sich auch gegenseitig den Erfolg. Das macht mich richtig glücklich, denn dort gibt es keine Konkurrenz. Deshalb lieben wir Festivals – einerseits ist es immer ein Klassentreffen mit anderen Bands, andererseits spielst du nicht nur vor eingefleischten Fans und musst dich immer wieder aufs Neue beweisen und dich mit den Bands vor und nach dir messen lassen. Wir leben ja nicht in einer Seifenblase, sondern treten bei Festivals wie dem Nova Rock an einem Wochenende mit 70 oder 80 anderen Bands auf. Wer da nicht besteht, wird auch nicht mehr eingeladen. Solange uns das noch gelingt, ist die Welt für uns in Ordnung.

2019 war ja auch ein bisschen das Jahr der Demystifzierung angedichteter Rivalitäten. Dass ihr zum Beispiel mit den Ärzten schon länger könnt, weiß man, aber beim Nova Rock standet ihr das erste Mal gemeinsam auf einer Festivalbühne. Zudem habt ihr auf „Alles ohne Strom“ Rammsteins „Ohne dich“ gecovert. Denen gegenüber hast du erst unlängst zugegeben, die Botschaften und den Witz dahinter immer missverstanden zu haben. Werden die Toten Hosen altersmilde oder sind sie auf einem Friedensfeldzug?

Wir sind wohl ruhiger geworden. Es ging uns nie um Provokation um jeden Preis. Wenn wir mitunserer Einstellung anecken, dann tut uns das leid, doch manchmal muss es so sein. Wir gehen keinem Streit aus dem Weg, aber suchen ihn auch nicht. Es mag sein, dass es für manche Menschen komisch anmutet, wenn man zu einer Gruppe, die auch schon fast 40 Jahre unterwegs ist und zu der man anfangs ein schlechtes Verhältnis hatte, seine Meinung ändert. Aber im Fall von Rammstein ist das so. Im Grunde machen die Bands die gleichen Schwierigkeiten durch und feiern ähnliche Triumphe. Man kann über dieselben Sachen lachen, weil man auch in denselben Situationen steckt. Mit den einen wird man sehr herzlich und wird zum „Partner in crime“. Bei anderen bleibt es einfach bei einem netten Auskommen. Eine Band wie Feine Sahne Fischfilet hat zum Beispiel meiner Meinung nach sagenhaft viele Parallelen zu uns,  im Backstage-Verhalten oder in der Art, wie sie Sachen sagen – auch wenn sie sehr viel jünger sind als wir. Die Ärzte gehen viele Sachen wiederum anders an. Da ist es hinter der Bühne eher ruhiger, es sind dort nicht viele Leute. Obwohl sie lockere und humorvolle Abend präsentieren, sind sie sehr konzentriert und gerne unter sich. Das Konzert wird auch anders verarbeitet als bei uns. Wir sind immer noch die klassische Altherrenmannschaft, die dann das Bierfass öffnet (lacht). Wir feiern nicht exzessiv, aber bei uns schlägt die Erleichterung direkt in einen Partymodus um. Da werden sich die beiden Bands in diesem Leben nicht mehr näherkommen, aber das muss auch nicht sein.

Du hast auch öfters gesagt, die Toten Hosen werden nicht wie die Rolling Stones werden und irgendwann muss einmal Schluss sein. So mancher könnte denken, mit „Alles ohne Strom“ ist der erste Schritt zu einem leisen Rückzug. Siehst du wirklich ein Ablaufdatum für die Toten Hosen?

Am Ende zählt immer noch der Glaube daran, dass man mal ein gutes Lied schreiben wird. Wenn der uns verlässt, dann ist es Zeit einzupacken. Einen Wurf kannst du auch noch bringen, wenn du dich kaum noch bewegen kannst. Das entscheidet ja der Kopf. Solange diese Lust aufeinander und darauf, es zusammen zu versuchen, da ist, ist alles in Ordnung. Weiter will ich da jetzt auch nicht gehen. Ich finde es irre, was die Rolling Stones abliefern. Du siehst, dass sie sich in einem guten Umfeld bewegen und top betreut werden. Die Cremé de la Cremé der Licht-, Ton- und Videotechniker will mit ihnen arbeiten –  manche sogar umsonst, weil man die Rolling Stones in der Vita stehen haben will. Alles, was sie machen, ist immer gerade das Heißeste und die Band schafft es trotzdem, in Freundschaft und als Musikgemeinschaft älter zu werden. Das ist schön und überhaupt nicht peinlich, aber die Stones gibt es nur einmal und ich wüsste nicht, wie verrückt ich sein müsste, mich mit ihnen zu vergleichen. Das sind völlig verschiedene Planeten, über die wir da sprechen.

Ist das Thema Freundschaft innerhalb der Band ein immer wichtiger werdendes? Neben dem Job an sich, der nicht nur Geld einbringt und Spaß macht, sondern auch zwischendurch mal hart sein kann.

Freundschaft ist immer wichtig, aber man ist sich dessen nicht so bewusst. Wenn man jünger ist, schon gar nicht. Dann nimmt man das, was einem der Tag so anbietet. Wenn man älter wird, kann man sein Glück ganz anders würdigen. An solchen Freundschaften musst du arbeiten wie an einer Liebesbeziehung. Sie ist nie fertig und du musst immer sensibel bleiben und darauf achten, dass das Ganze nicht zu einer Routine verkommt und Umgangsweisen sich nicht zu sehr einschleifen. Man muss Freundschaften pflegen und sich immer wieder versuchen zuzuhören – das tut man heute in vielen Lebenslagen einfach nicht mehr. Bei der Band im Proberaum kann das genauso sein. Wenn man monatelang vor sich hinprobt, kommt irgendwann jeder nur noch rein, nimmt sein Instrument und legt einfach los. Das klassische „Wie geht’s dir?“ oder „Was ist bei euch zuhause los?“, fällt oft flach. Dass man sich darum kümmert, ist keine Selbstverständlichkeit und wenn dann doch mal nach dem Wohlbefinden gefragt hat, muss man gefälligst auch die Antwort abwarten (lacht). Wenn man als Band mehr als 30 Jahre verheiratet ist, dann ist es immens wichtig, sich immer noch wie ein Team zu fühlen und sich einander gewiss zu sein. Da reicht es nicht aus, sich nur sonntagabends vor dem „Tatort“ auf der Couch zu treffen.

Fällt es einer Band wie euch vielleicht auch leichter ans Aufhören zu denken, wenn ihr wisst, dass da Bands wie etwa Feine Sahne Fischfilet nachkommen und die nicht nur den Spirit von euch, sondern auch Ideologie und Message weitertragen?

Wir nehmen uns selbst nicht so wichtig, dass es uns Sorge bereiten würde, dass nach uns niemand mehr käme, der genauso gut streiten kann wie wir. Jede Generation braucht ihre eigenen Helden und ich kann das heute nicht mehr für die Teenager und Anfang-20-Jährigen übernehmen, deshalb bereitet es mir eine Freude, dass Bands wie Feine Sahne Fischfilet nachfolgen. Wenn du Monchi siehst, der irgendwo gegen Rechts schimpft und klar sagt, dass er aus Mecklenburg-Vorpommern ist, auch gerne dort bleibt und den Leuten klarmacht, dass er zwar gegen die Seuche kämpft, es aber auch viel Liebenswertes gibt, berührt mich das sehr. Wenn ich ihn dann treffe und wir uns umarmen, ist das keine bloße Höflichkeitsfloskel, sondern wir sind uns tief verbunden. Mittlerweile kennen wir uns auch so gut, dass wir das schätzen.

Die Toten Hosen gastieren (fast) ohne Strom am 4. Juli in der Wiener Stadthalle (D), am 29. August am Open-Air-Areal der Messe Graz. Von Liebe und Freundschaft und dem Blitz der Erkenntnis in den bizarrsten Situationen berichtet der glühende Hosen-Anhänger Thees Uhlmann in seiner witzig-ironischen Hommage, die im April in Linz, WIen, Graz und Dornbirn gastiert. Tickets gibt es bei oeticket.com!