Dragony: eine kleine Geschichtsstunde

Dragony

Am 15. Jänner legen die Wiener Power Metaller Dragony mit „Viribus Unitis“ nicht nur ihr 4. Album, sondern auch eine etwas andere Geschichtsstunde vor. Wir präsentieren zwei Tage zuvor die neue Single „Legends Never Die“.

Sofern irgendein Mensch außerhalb von Österreich überhaupt an Österreich denkt, dann triefen selbige Gedanken entweder vor lauter kaiserlichem Pomp, oder werden von unheilschwangeren Düsterschwaden umzogen: In der breiten Mitte, die sich zwischen Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Sisi auf der einen, Schnauzbärtchengrummelgnom und Kellerkindern auf der anderen Seite auftut, passiert nicht viel. Kein Wunder, dass beide Extrempunkte künstlerisch augesaugter darniederliegen als eine bleiche Jungfer in einem „Dracula“-Film – und jede neue Auseinandersetzung mit einem enervierten Augenrollen goutiert werden mag.

Doch das Wiener Sextett, das unter der Flagge Dragony aufmarschiert, schafft auf seinem vierten Album eine passable Gratwanderung – zwar erzählt „Viribus Unitis“ Österreichs Geschichte, aber neu. Wir reisen zwar zurück zu den letzten Habsburger-Regenten, die tatsächlich gelebt und gewirkt haben, aber plötzlich finden wir uns in einem Wien voller Zombies und Cyber-Punks – und so: fernab einer Gegenwartsanalyse – wieder. Grund genug, das Gesicht und die Stimme der Band – Siegfried „Dragonslayer“ Samer – zum Gespräch über Österreich zu bitten; Leider mussten coronabedingt das traditionelle Schnitzel (ohne Tunke!) und die üblichen drei Mittagsbier ausfallen – trotzdem ist das Gespräch gehaltvoll wie eine klassische Wiener Taxifahrt morgens um halb Fünf geraten.

Dragony durchleben nicht nur als Berufstätige und Privatpersonen, sondern auch als Kunsttreibende soeben die COVID-19-Krise. Wie erlebt ihr eine etwaige Unterstützung in eurer österreichischen Heimat?

Ja, für die Künstler ist es besonders hart. Für uns bei Dragony geht es ja noch so halbwegs, weil wir nicht von der Musik leben sondern alle unsere „normalen“ Day Jobs haben, aber für die vielen professionellen Musiker, Veranstaltungstechniker, Booking Agents und natürlich Veranstalter und Spielstätten und deren Mitarbeiter ist dieses Jahr verheerend. Leider gibt es seitens der Regierung selbst hier nur sehr wenig Rückhalt; gerne wird zwar auf „den Handel“ und „die Wirtschaft“ geschaut, aber gerade das Unterhaltungsbusiness, in dem es auch um viele Millionen wenn nicht Milliarden Euro Wertschöpfung geht jedes Jahr, wird ein wenig stiefmütterlich behandelt, was sehr schade ist.

Ich arbeite ja selber bei AKM und austro mechana, den Verwertungsgesellschaften für Musik-Urheberrechte in Österreich, und da merkt man natürlich sehr stark den Rückgang an öffentlichen Aufführungen (insbesondere Konzerten) dieses Jahr.

Immerhin gibt es einige Fördertöpfe für Kunstschaffende in Österreich, einige davon werden auch von AKM und austro mechana zumindest teilweise gespeist. Hier kann ich interessierten KünstlerInnen einerseits den SKE-Fonds der austro mechana empfehlen, der unter anderem Tonträgerproduktion fördert, und andererseits die GFÖM (Gesellschaft zur Förderung österreichischer Musik), einer Tochtergesellschaft der AKM, die vor allem Veranstaltungen und Ensembles zeitgenössischer Musik unterstützt. Ebenfalls zu erwähnen ist der österreichische Musikfonds, der mehrmals im Jahr in sogenannten „Calls“ Tonträgerproduktion- und auch Tourförderungen vergibt. Hier lohnt es sich auf alle Fälle, mal reinzuschauen!

Abgesehen davon, dass dieses Jahr das Livegeschehen über weite Strecken flach gefallen ist, sind auch zahlreiche Veröffentlichungen verschoben worden. Einerseits, weil Presswerke stillstanden oder überfordert waren, andererseits, weil das Album eben nicht betourt werden konnte. Euer neues Album erscheint nun zu Jahresanfang. Geht ihr mit den erschwerten Rahmenbedingungen anders um, als bei den Alben zuvor?

Für uns hat sich tatsächlich nicht wahnsinnig viel geändert, auch wenn wir ursprünglich einen etwas früheren Releasetermin bereits im Herbst 2020 ins Auge gefasst hatten. Aber durch unseren jüngst unterschriebenen neuen Plattenvertrag mit Napalm Records wurde es ohnehin notwendig, die Veröffentlichung auf Anfang 2021 zu schieben, und angesichts der Verunmöglichung von Touren dieses Jahr ist uns das jetzt nicht mal so ungelegen gekommen. Klar macht es allerdings die Promotion des neuen Albums schwieriger, weil man eben nicht gleich mit einer Tour zum Beispiel als Support-Act rausgehen kann, um die neuen Sachen ordentlich zu präsentieren. Insofern müssen wir eben verstärkt auf Online-Präsenz und Promotion setzen, und da ist natürlich ein starker Partner wie Napalm Records jetzt eine Riesenhilfe.

Wir hoffen aber natürlich, dass wir zumindest in der zweiten Jahreshälfte 2021 dann schon nochmal ein paar Wochen Tour hinbekommen, weil die neuen Songs wollen ja auch live gespielt werden!

David Hasselhoff ist nun kein österreichischer Staatsbürger, er ist sogar deutscher Provenienz – aber immerhin hat er mit der Familie Fechter einige Bezüge nach Österreich und wird hierzulande immer noch wie ein Gott verehrt. Auch in deiner Historie spielt Hasselhoff eine wichtige Rolle – mit 7 das erste Konzert, 1991 die Kassette “David” auf Dauerschleife und schließlich eure Veredelung von “True Survivor” 2015. Kannst du allen nicht-ÖsterreicherInnen die hofftastische Brillanz näherbringen?

The Hoff kann man nicht erklären, den kann man nur erleben!

Aber ja, es ist einfach so ein Fall von „Held der Kindheit“ – man wächst einfach mit einem Musiker, einer TV-Show oder auch einem Buch auf und heran, und dieses spezielle Element wird immer einen ganz besonderen Stellenwert für einen selbst haben, auch wenn – objektiv betrachtet – es vielleicht nicht die höchste aller Minnen darstellt. Bei mir war’s eben der „Knight Rider“, der mich da als Kind mitgerissen hat – und so hat auch David Hasselhoff immer noch absolute Narrenfreiheit bei mir, und ich unterstütze sehr gerne auch seine aktuellen Projekte, wie zuletzt etwa seine Metal-Single, die er gemeinsam mit Martin Kames und Bernth Brodträger von CUESTACK produziert hat. Find ich einfach geil!

Begriffe wie “Heimat”, “Nationalstolz” und ähnliche sind vorbelastet, wenngleich auch Van der Bellen bei der Bundespräsidentenwahl mit erstem warb. Was bedeutet Österreich und Wien im Speziellen für dich?

Als Wahlwiener bin ich nach wie vor von „meiner Stadt“ begeistert, und lebe nach wie vor sehr gerne hier. Diese Mischung aus Weltstadt und doch auch immer wieder einem Bisschen Dorfcharakter irgendwie, das ist schon super. Klar gibt’s auch Schattenseiten, wie überall auch sonst, aber eine Großstadt in der Form zu finden, mit so einem reichen Kulturangebot, vielen Sehenswürdigkeiten und hohem Level an allgemeiner Lebensqualität, das ist schon nicht einfach.

Und weil du sagst „vorbelastete Begriffe“ – man kann denke ich schon heimatverbunden sein, ohne gleichzeitig xenophob sein zu müssen. Das wird glaube ich von manchen Seiten gerne vergessen. Nur weil ich „mein“ Land mag, heißt das nicht, dass ich nicht auch andere Länder und Kulturen interessant finden kann, oder dass alles andere gleich schlecht sein muss. Es kommt, wie der Jurist gerne sagt, immer drauf an.

Den Begriff „Nationalstolz“ mag ich hingegen weniger; „stolz“ sein kann und will ich eigentlich nur auf Dinge, die sich selbst geleistet beziehungsweise verdient habe. Die Leistung, in ein bestimmtes Land hineingeboren zu werden, wurde aber wohl eher von meinen Eltern erbracht als von mir selbst (lacht). Daher „Heimatverbundenheit“ gerne – „Nationalstolz“ eher weniger.

Wien schwankt stets zwischen “lebenswerte Stadt” und dem berühmten Wiener Grant. Wie würdest du einem Alien oder einem Amerikaner den Parade-Wiener erklären?

Ich find’s schön, dass du Aliens und Amerikaner von der „Andersartigkeit“ gegenüber Europäern her quasi gleichstellst hier (lacht). Aber Spaß beiseite – wir haben glücklicherweise auch sehr viele Fans in den USA, und ich daher auch etliche persönliche Freunde dort, und mag die Amerikaner mit all ihren Eigenheiten eigentlich ganz gerne. Aber klar, einen Wiener verstehen – das wird einem Ami wohl schwerfallen!

Ich denke, anno 2020 würde ich daher „den Wiener“ so beschrieben: Für den Wiener wurde die Kommentar-Funktion bei YouTube-Videos erfunden.

Du hingegen stammst aus “vor den Toren Wiens”, dem Burgenland: Neben der Wachau wohl das berühmteste Weinbaugebiet Österreichs. Möchtest du an dieser Stelle etwas Werbung für das Burgenland betreiben, nachdem du erst kürzlich bereits touristische Eckpunkte Wiens in einem Video präsentiert hast?

Absolut! Mir war ja in meinen Sturm- und Drang-Jahren die burgenländische Ruhe gegenüber der Hektik der Wiener Stadt immer etwas zu beschaulich; mit voranschreitendem Alter hingegen lerne ich gerade diesen Aspekt meiner Heimat wieder mehr zu schätzen. Empfehlen kann ich daher auf jeden Fall die vielen Weinbaugebiete, die wirklich absolute Top-Weine hervorbringen. Mein persönlicher Favorit hier ist das „Phantom“ vom Weingut Kirnbauer. Ansonsten sind auch noch die zahlreichen Thermen immer mal wieder einen Besuch wert, wenn man mal Ausspannen möchte.

Österreich ist jedoch nicht Wien oder Burgenland allein: Welche heimischen Ecken und Enden würdest du euren Fans noch nahelegen, zu bereisen?

Facebook und Instagram geben da eine klare Antwort: Hallstatt, anscheinend.

No offense: Ich hatte das neue Album noch nicht in den Händen, lediglich die Promomaterialien, die dich nicht (mehr) als Dragonslayer ausweisen. Hand aufs Herz, bei aller fantasievollen Überhöhung, die in jeder Sparte des Metals ihre Kreise zieht, wurde dir dieser Beiname mit fortschreitender Reife nun zu peinlich?

Eigentlich gar nicht! Der „Drachentöter“ hat sich halt bei mir ob meines nicht ganz so alltäglichen Vornamens gerade im Power Metal von Anfang an so richtig angeboten; und wieviele Bands aus unserem Genre gibt’s sonst, die einen „echten“ Siegfried als Sänger haben? Genau.

Aber ob das Stage-Alter-Ego jetzt noch explizit erwähnt wird in Promomaterialien oder nicht, das ist mir mittlerweile eher nebensächlich; und zu peinlich darf einem im Power Metal sowieso nichts sein, sonst hat man das Thema verfehlt!

Ihr habt am neuen Album Unterstützung durch bekannte Musikerkollegen wie etwa Tommy Johansson (Sabaton), Tomas Svedin (Symphony Of Tragedy), Michele Guaitoli (Visions Of Atlantis) oder Georg Neuhauser (Serenity) erhalten. Welchen Mehrwert bringen Gastbeiträge – abseits vom Namedropping – im besten Falle mit sich, wann wirken sie deplatziert und aufgesetzt, wo sind sie überhaupt nötig?

Nötig sind sie wohl fast nie, außer man heißt Avantasia oder Ayreon. Aber Gastbeiträge sind schon ein feines „nice to have“, besonders wenn es sich bei den betreffenden Songs inhaltlich auch anbietet, wie diesmal die Gastperformance von Georg Neuhauser beim Song „A.E.I.O.U.“ bei der er den Part des Kaiser Franz Joseph übernimmt. Und ein Gastauftritt von Georg war bei uns eh schon längst überfällig zumal wir ja nun auch schon über ein Jahrzehnt befreundet sind und Gigs miteinander spielen; ich glaube, die erste gemeinsame Show war 2009, als wir noch als das „Dragonslayer Project“ firmierten.

Der Gastbeitrag von Tommy Johansson und Tomas Svedin ist diesmal aber auch etwas ganz Besonderes, da die beiden ja sogar einen ganzen Song beigesteuert haben, nämlich die erste Single „Gods of War“. Der Songwriting-Stil der beiden ist natürlich stark skandinavisch geprägt und daher hat der Song auch eine deutliche Hammerfall-Schlagseite, die es sonst bei uns in der Form noch nicht gab. Insofern ergibt sich daraus der Mehrwert des Beitrags: Einfach mal das Soundspektrum der Band um eine weitere Facette bereichern.

Für euer persönliches Epos “Viribus Unitis” reist ihr zurück in die Zeit von Franzl und Sisi und dem armen Rudolf. Wieso habt ihr gerade jene Epoche erwählt, die allerorts programmatisch für “Österreich” hervor gekehrt wird und kitschtriefend ausgeschlachtet wird?

Genau deswegen! Gerade die k.& k.-Zeit ist ja bei uns in Österreich nach wie vor eine sehr verklärte und romantisierte Zeit, nicht zuletzt ob der alljährlich im Weihnachtsprogramm wieder entstaubten „Sissi“-Filme, oder den quasi allgegenwärtigen Produktionen der „Elisabeth“ und „Rudolf – Affäre Mayerling“-Musicals an diversen Spielstätten Wiens. Wir wollten mit „Viribus Unitis“ daher genau diese Zeit auch aufgreifen um zu zeigen, dass man, wenn man schon aus der Geschichte bloß „eine“ Geschichte macht, das auch mal anders angehen kann als im Heimatfilm-Weichzeichner, und eine etwas absurdere und surrealere Herangehensweise probieren kann. Und auch, um zu zeigen, dass auch die romantisierten Versionen der Charaktere und deren Geschichte nicht immer 100 % historisch akkurat sind, und es sich daher lohnt, diese zu hinterfragen und sich etwas mehr über die „echte“ Geschichte der Habsburger und des Endes des Kaiserreichs zu informieren.

Es gab in der Musikgeschichte zahlreiche Auseinandersetzungen mit Österreich, aus jüngerer Historie Rammstein und Laibach. Was wären für dich treffende musikalische Beschäftigungen mit deiner Heimat?

Das ist glaube ich schwierig zu beantworten, weil ein Österreicher naturgemäß einen anderen Blickwinkel auf sein Land hat als jemand aus dem Ausland, speziell aus Deutschland – uns verbindet ja vieles mit unseren nördlichen Lieblingsnachbarn; allein es ist die Sprache, die uns trennt!

Ich denke, das Wichtigste, das es bei einer Behandlung von Österreich zu beachten gilt, das ist unser Hang zu tiefschwarzem Humor – den muss man ein bisschen verstehen, dann versteht man auch Österreich.

Die Geschichte auf eurem Album nimmt einen anderen Lauf, als in Geschichtsbüchern festgehalten. Beinahe könnte man euch “Fake News” unterstellen. Dein Kommentar zum Zeitgeistproblem, dass jeder Österreicher nicht nur Bundestrainer, sondern mittlerweile auch Virologe ist? (Obwohl: Das ist natürlich kein rein österreichisches Problem.)

Genau, die ganze „Fake News“-Thematik schwebt bei unserem Albumkonzept natürlich unterschwellig mit, keine Frage! Wir sind zwar keine offensichtlich politisierende Band (Schock, ich weiß!) und unsere Texte strotzen nicht gerade vor sozialkritischen Aussagen, aber wenn man ein bisschen zwischen den Zeilen liest, kann man schon auch ein paar Seitenhiebe oder Verweise auf zeitgenössische Geschehnisse ausmachen. Und damit komme ich auch wieder zum vorhin schon erwähnten Punkt zurück: Wir stellen klar, dass unsere Geschichte „frei erzählt“ ist und nicht unbedingt den wahren Begebenheiten entspricht, aber wollen die Leute dadurch auch gleichzeitig anregen, sich über ebendiese wahren Begebenheiten mehr zu informieren. Das wäre denke ich auch in Bezug auf viele andere aktuelle Themen hilfreich, egal ob das jetzt Politik, Geschichte oder andere Wissenschaften betrifft. Und, soviel sei gesagt: Der Besuch nur der „YouTube-Universität“ kombiniert mit lautem Reinrufen in die eigene Social-Media-Echokammer ist da wohl in vielen Fällen zu wenig, auch wenn das oft leider die einzige Art der vermeintlichen Weiterbildung bleibt.

Entspräche eure Geschichte auf “Viribus Unitis” der Wahrheit, wie anders würde Österreich heute dastehen?

Vermutlich wie in „Blade Runner“, nur mit Sebastian Kurz in der Hauptrolle.

“AEIOU”, einer der Songs, ist ein nationales Symbol, ein habsburgerischer Wahlspruch, dem zahlreiche Bedeutungen zugesprochen werden – am häufigsten wohl im Sinne, dass Österreich die Welt beherrsche. Am schönsten finde ich die Deutung von Rosenstock 1951, “Austria Europae Imago, Onus, Unio”. Wo und wie verortest du Österreich heute in der Welt – politisch, sozial und künstlerisch?

Naja, wir sehen uns in Österreich und speziell Wien immer noch gerne als künstlerischen Nexus und Nabel der Welt. Ganz so glänzend ist der Stern Wiens vielleicht nicht mehr, aber ich denke doch, dass wir immer noch zu den einflussreichsten Städten der Welt zählen, wenn es um die klassische beziehungsweise Orchestermusik geht. In der modernen Musik, in Pop und Rock, da suhlen wir uns aktuell vielleicht ein bisschen zu gerne im eigenen Fett. Klar ist es fein, dass wir wieder mehr heimische richtig populäre Acts haben wie Wanda, Bilderbuch, Seiler & Speer oder auch Raf Camora; aber die sind halt alle letztlich doch ein bisschen auf den deutschsprachigen Raum beschränkt. Der große internationale Anspruch fehlt uns da, mal wieder einen Held der Marke „Falco“ hervorzubringen, der auch außerhalb der DACH-Region für Aufsehen sorgt.

Politisch und sozial – das ist schwierig zu sagen denke ich, und eine umfassende Analyse würde wohl den Rahmen dieses Interviews sprengen.

Die Donau, titelgebend für euren ersten Song/Intro, gilt gemeinhin als Fluss zum Paradies und als goldener Strom, wie sie auch Teil unserer Bundeshymne ist. Wie singst du jene: Als Heimat großer Söhne, oder als Heimat großer Söhne und Töchter?

Ich hab da ehrlich gesagt kein Problem damit, auch die Töchter zu besingen – warum auch? Es ist 2020, wer damit ein Problem hat, hat ein bissl die Zukunft verschlafen, würde ich sagen.

Bleiben wir beim Gendergap: Seit Jahren ist es auch hierzulande ein großes Thema, dass Frauen in der Kulturbranche – wenngleich sehr links und offen – nicht denselben Stellenwert wie der Mann haben, sei es bei der Präsenz auf der Bühne, der Entlohnung oder auch der Wahrnehmung als “optischer Aufputz”. Die Metalszene gilt ebenfalls als überaus männerdominiert. Wie relevant findest du, als weißer, heterosexueller Mann, die Frage nach dem Geschlecht in der Kunstwahrnehmung? Sind Frauen ein “Aufputz”? Ein “USP”? Ist der Begriff einer “Frauenband” oder “female fronted” überhaupt zeitgemäß und nicht erst recht: sexistisch?

Ui, ein ganz heißes Thema. Auf der einen Seite ist es recht simpel beantwortet: Natürlich sollten Frauen auch in der Metal-Szene gleich behandelt werden wie Männer. In der Praxis schaut es natürlich ganz anders aus. Es hat aber schon in den vergangenen, sagen wir, fünf bis zehn Jahren eine deutliche Zunahme an Frauen auch im Rock- und Metalbereich gegeben, allerdings ist auch da oft zu hinterfragen, warum das geschah und weiterhin geschieht, und vor allem: Passiert es wirklich alleine auf Grund der künstlerischen Klasse, oder spielen auch Faktoren wie Marketability und der von dir angesprochene „optische Aufputz“ eine Rolle?

Klar ist es unfair, eine Band nur als „female fronted“ zu bezeichnen; weil das ja nichts über das eigentliche Genre der Band aussagt. Das ist sexistisch. Andererseits gibt es in der Szene genauso eine sehr spezielle Fangemeinde, die sich insbesondere (wenn nicht ausschließlich) für Bands interessiert, in der Mädels als Sängerinnen oder Instrumentalistinnen beteiligt sind – und dann nutzt man natürlich diesen Aspekt wieder sehr gerne, um die entsprechende Zielgruppe anzusprechen. Ist das dann weniger sexistisch, weils einem plötzlich zum Vorteil gereicht? Selten stellt sich eine gutaussehende Sängerin oder Instrumentalistin dann in Baggy Pants und XXL-Hoodie auf die Bühne, damit sie ja nur auf Grund der musikalischen Performance beurteilt wird, oder?

Aber genauso lässt sich natürlich eine Band mit einer feschen Sängerin auch eine Ecke leichter vermarkten als eine, die aus fünf übergewichtigen männlichen Kuttenträgern mittleren Alters besteht. Wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten; man muss denke ich abwägen, gerade als Band, in der auch Mädels dabei sind, inwieweit man das Image der Band über den „Look“ aufbaut, und inwieweit wirklich (nur) die Musik für sich spricht. Man könnte auch sagen: „You can’t have your cake and eat it, too…“

Allein, das gilt ja für rein „männliche“ Bands genauso, wenn diese letztlich (mehr) auf Image setzen als auf Inhalt. Man denke an Ghost etwa (oha, unpopular opinion!), die sicherlich auch gerade wegen der visuellen Inszenierung, die bei ihnen wirklich top ist, so immens erfolgreich sind. Kann man das dann umgekehrt Bands mit weiblicher Beteiligung vorwerfen, dass sie vielleicht hier und da mal besser ankommen, weil halt die hübsche Sängerin auch ein Hingucker ist und daher dieser visuelle Aspekt automatisch besser „passt“ und ankommt als bei einer musikalisch vielleicht gleichwertigen reinen Männerband?

Ich denke, es ist am Ende das Tages halt „Showbusiness“ – es geht und ging eben auch immer um das „showing“; und dazu gehören der Look und das Image einer Band genauso wie die Musik; und das war auch im Metal noch nie anders. In der NWoBHM war es halt der Nieten-und-Leder Look von Judas Priest, Saxon und Iron Maiden, in den Neunzigern der Casual Look des Grunge oder das Corpse Paint des Black Metal, und genauso spielt der Look eben bei „female fronted“ Bands verstärkt eine Rolle. Das lässt sich nicht leugnen, muss man aber auch nicht verteufeln. Wenn die Mucke passt und den Leuten Spaß macht, dann sollte es letztlich auch wurscht sein, ob eine Band aus drei Schirchperchten oder dem Centrefold des Palmers-Katalogs besteht.

Den Abschluss des Albums bildet der Fendrich-Klassiker über Wien bei Nacht. Wieso gerade Fendrich?

Für mich war gerade Rainhard Fendrich immer so eine zentrale Figur der österreichischen Musik, nicht zuletzt natürlich auf Grund seines unsterblichen „I am from Austria“. Und wenn wir schon das vielleicht österreichischste Power Metal-Album aller Zeiten machen, dann kam für mich eigentlich nur Fendrich oder Falco als Cover in Frage! Falco zu singen (respektive zu rappen) ist allerdings eine ganz besondere Challenge, und darin liegt meine Stärke nicht – daher hat es mich eher zum „klassischeren“ Gesang eines Rainhard Fendrich gezogen. Und da unsere Storyline vornehmlich in Wien spielt, war dann „Wien bei Nacht“ die logische Konsequenz.

Fendrich war auch jener Musiker, der im ersten Lockdown in Wien von der patrouillierenden Polizei zum Zwecke des Zusammenhaltes (Viribus Unitis!) aus Lautsprechern abgespielt wurde. Wie hast du die etwas skurrile Situation erlebt?

Also in meiner Gasse kam keine Patrouille vorbei, insofern hab ichs eher nur aus den Medien mitbekommen. Persönlich kam mir das etwas zu bemüht und gezwungen vor, aber in diesem Jahr sind so viele andere seltsame Dinge passiert … Da ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Ich bin sehr froh darüber, dass Österreich – wenngleich keine wirkliche Prominenz auf der weltweiten Musiklandkarte – mittlerweile aus dem Status erwachsen ist, dass wir unsere Musik auf Klassik, Schlager und Austropop reduzieren müssen. Welche österreichische Musik gehört gehört?

Ich hab ja vorher schon einige der kommerziell erfolgreichsten Acts aus Österreich angesprochen, die hierzulande und teils auch in Deutschland seit einigen Jahren die Charts mit-dominieren; aber es gibt auch immer noch sehr gute Musik aus dem Metal-Underground. Neben den international sehr erfolgreichen Bands wie Harakiri For the Sky, Visions of Atlantis, Edenbridge und Serenity gibt es aktuell auch ein paar weitere Bands die aus meiner Sicht so „auf dem Sprung“ sind und es in die internationale Liga schaffen können; man denke da etwa an Black Inhale oder auch Roadwolf, die jetzt ganz frisch mit ihrem Debütalbum durchstarten und gerade in der nationalen wie internationalen Presse Traum-Reviews abstauben. Da heißt es dann aber dranbleiben – es ist schon ein bissl auch ein Problem der heimischen Szene, dass sich viele Bands mit zu wenig zufrieden geben oder nicht intensiv genug an ihrer Karriere arbeiten. Wenn man in dem Business weiterkommen möchte, dann muss man es auch als solches – nämlich als Business – betrachten, und entsprechend Zeit, Arbeit und Geld hineinstecken. Viele jüngere Bands glauben oft, es reicht, sich sechs Monate in den Proberaum zu stellen, eine Handvoll Songs zu schreiben und vielleicht eine EP oder ein Album rauszuhauen, und auf einmal ist man der Superstar und ein Label bewirft einen mit Geldkoffern. In der Realität funktioniert das selten bis gar nicht, sondern man muss über viele Jahre lang konstant gute Releases veröffentlichen, oft (und oftmals teuer) als Support-Act auf Tour mitfahren, und auch in die Promotion der eigenen „Marke“ als Band investieren.

Apropos Genres: Wien ist die Stadt der Musik, das spannt sich von Klassik über Schrammelmusik bis Jazz und Austropop. Könntest du dir als stimmbegabter Sänger vorstellen, auch in anderer Besetzung und Stylistik zu musizieren?

Ich glaube, da fehlt mir für viele Genres das Know-How. Also Jazz oder Klassik könnte ich zum Beispiel nie singen, da sind ganz eigene Stilmittel notwendig. Ich bin ja mehr so der Autodidakt-Sänger, und dementsprechend auch sehr auf meinen eigenen Stil eingeschossen. Aber ich denke, so ein Pop-Rock-Projekt der Marke Bon Jovi oder auch Austropop könnte schon reizvoll sein mal auszuprobieren!

Du hast mit Dragony und Visions of Atlantis bereits aller Herren Länder betourt: Worin unterscheidet sich Österreich deutlich vom Livegeschehen und in der öffentlichen Wahrnehmung von Musikern anderswo – sowohl für dich als Bandmitglied, aber auch als Fan – und das gerne im Positiven wie auch im Negativen?

Ich denke, die öffentliche Wahrnehmung von Künstlern ist vielerorts ähnlich – aber die Publikumsreaktionen sind natürlich sehr unterschiedlich. Da stechen halt die vielzitierten „südlichen“ Fans positiv hervor; egal ob Italien, Spanien oder Südamerika – die doch etwas temperamentvolleren Völker machen natürlich auch bei Gigs ganz anders Stimmung als die sicher etwas kühleren und zurückhaltenden Österreicher. Das heißt jetzt nicht, dass man als Band nicht goutiert wird in Österreich – es geht da eher einfach um die Atmosphäre bei Liveshows, die doch anders ist; ich erinnere mich an einen Headliner-Gig mit Visions of Atlantis in Mexico City 2016. Da haben wir vor vielleicht 100 Leuten gespielt, aber da war vom ersten Ton des Intros an eine Stimmung wie du sie in Wien vielleicht in der großen Arena bei 1.000 Leuten hast. Da stehen die Hardcore-Fans einer Band in der ersten Reihe und heulen das halbe Set hindurch, das ist schon total krass und eine irre Erfahrung.

“Viribus Unitis” ist ein Konzeptalbum, wie wir bereits gehört haben: Meine Einschätzung ist, dass abgesehen vom haptischen Album auch das Album an sich an Bedeutung verliert, in der Welt der Populärmusik überhaupt nur mehr Singles zählen. Wie siehst du diese Entwicklung? Könnte Dragony auch auf Kurzstrecke, dafür öfter im Jahr erzählen? Oder braucht es bei der Epik des Power Metals zwingend die Langform?

Ich habe da erst kürzlich wieder mit meiner Freundin drüber gesprochen, die auch in Bands aktiv ist, und das ist definitiv der Trend – weg vom Album hin zu den Singles. Ich glaube, dass das über kurz oder lang auch im Metal Einzug halten wird beziehungsweise teilweise auch schon hat, vor allem bei Bands, die näher am Mainstream dran sind. Grad im Mainstream wird ja die Aufmerksamkeitsspanne der Konsumenten immer kürzer, da tust du dir mit einem komplexen Konzeptalbum wohl wirklich keinen Gefallen mehr. Im Metal denke ich hat das Album schon noch seinen Platz, und ich mag auch das Konzept eines Albums: So eine Sammlung an Songs, die den Stand und Zeitgeist einer Band zu einem bestimmten Zeitpunkt einfangen. Aber ich könnte mir vorstellen, zusätzlich zu Album-Releases auch während des „Lebenszyklus“ eines Albums zwischendurch so ein, zwei neue Songs als Videosingles rauszuhauen, einfach um konstant im Gespräch zu bleiben und die Fans bei Laune zu halten. Ich denke, das wird eher das Konzept für Dragony in der Zukunft werden, wenn es Zeit und Budget zulassen.

Daran angeschlossen: Welche Unterschiede siehst du im Komponieren eines Stückes und des Albums im Ganzen, also der Guss, die Form, in die die einzelnen Stücke möglichst harmonisch fließen?

Gerade bei einem Konzeptalbum wie „Viribus Unitis“ ist es glaub ich sehr wichtig, dass die Songs insgesamt auch zusammenpassen und als Album ein harmonisches Ganzes ergeben. Aber irgendwo gilt das für jedes „normale“ Album auch. Letztlich funktioniert das meistens ganz gut, weil die Songs für ein Album in der Regel zur selben Zeit entstehen. Man folgt also bei jedem Song immer irgendwo seinem aktuellen Geschmack und aktuellen Präferenzen, die man zu diesem Zeitpunkt hat, und durch die einheitliche Produktion im Studio klingen die Songs dann auch zusammenpassend. Ein einheitliches Konzept wie bei „Viribus Unitis“ kann das dann sogar nochmal verstärken, weil man dann ja schon so ein gewisses „Feeling“ für das Konzept oder in unserem Fall die entsprechende geschichtliche Ära hat, und dieses dann auch in die einzelnen Songs einfließen lassen kann.

Euer Album wird in überraschend wenig Formaten veröffentlicht: Digipack, colored Vinyl und digital. Wenngleich ich das Aufflammen der Vinyl – nicht nur wegen des Sounds, sondern auch ob der Aufwertung des Covers – immens schätze, wie stehst du zur Modeerscheinung, Alben in zig verschiedenen Variationen (und selbstverständlich hoch limitiert!) anzubieten?

Ich denke, zig Variationen und limited Editions sind bei einer Band unserer Größenordnung einfach nicht wirklich sinnvoll. Klar, wenn du mal eine Festival-Headliner-Band bist, dann machen auch verschiedene Variationen mehr Sinn, weil viele Fans einfach alles von dir haben, und die holst du dann nur noch mit ganz besonderen Goodies ab. Aber über den Vinyl-Release freu ich mich ganz besonders, weil das auch das erste Dragony-Album sein wird, bei dem es das gibt. Ich hoffe mal, das sehen unsere Fans genauso!

„Viribus Unitis“, das neue Album von Dragony, erscheint am 15. Jänner beim österreichischen Label Napalm Records und ist bereits vorbestellbar.

Dragony spielen am 19. Juni in der ((szene)) Wien – eine Tour soll später im Jahr folgen. Tickets gibt es bei oeticket.com.

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