🇦🇹 EAVliche Weihnachten

EAV

EAV-Mastermind und Musik-Urgestein Thomas Spitzer hat sich mit dem ersten Weihnachtsalbum der EAV einen langgehegten Herzenswunsch erfüllt.

Das Christkind kommt diesmal früher als gewohnt – und es ist laut, frech, divers, bisserl gaga, sozialkritisch, satirisch, bissig, aber auch nachdenklich und ernst, weil Weihnachten ist halt nun mal Weihnachten. „Ihr Sünderlein kommet“ heißt das allererste Weihnachtsalbum der heimischen Dadadismus-Kultband EAV, mit dem Thomas Spitzer, Gründer der „Märchenprinzen“, sich einen Wunsch erfüllt, den er schon seit vielen Jahrzehnten im stets aktionistisch-künstlerisch schlagenden Herzen herumtrug. Genauer gesagt seit 1979, denn damals sorgte die EAV mit ihrer anarchischen Weihnachtstournee durch österreichische und deutsche Clubs für frenetischen Jubel und konservative Schockstarre (je nachdem, wen man fragt). Es ist sein letztes Projekt unter der EAV-Marke, betont Spitzer. Ein runder Abschluss also, bei dem nochmal den hungrigen Anfängen gewürdigt wird. Zu Weihnachten erinnert man sich eben gerne.

Weihnachtliche Diversität

„Ihr Sünderlein kommet“ hat viele Überraschungen im Geschenkesack, namentlich: Paul Pizzera, Christoph Seiler, Ostbahn Kurti, Lemo, Turbobier, Horst und Gert Steinbäcker. Dass bei so viel musikalischer Diversität ein äußerst buntes Album entstehen musste, liegt in der Klangnatur unterschiedlicher Stimmbänder. „Ihr Sünderlein kommet“ steht damit ganz in der Tradition der vorherigen 18 EAV-Studioalben. Humoristischer Nonsens-Pop mischt sich unter makabere Balladen, Rock und Bluesrock sowie weitere Wortwitz-gespickte und Ironie-geschwängerte Songs. „Last Christmas“ findet man hier bestimmt nicht …

Lassen Sie uns über Weihnachten sprechen!

Ich mag Weihnachten an sich sehr gerne. Obwohl ich in jungen Jahren ein ganz böser Bube war und mit Gert Steinbäcker, dem späteren EAV-Sänger, in der Rockgruppe Mephisto in Graz mein Unwesen getrieben hab, war ich bis zum 20. Lebensjahr sehr erpicht darauf, die Bescherung erst dann zu erleben, wenn alles fertig hergerichtet war. Der Baum musste aufgeputzt sein, die Bienenwachskerzen brennen, das Glöcklein ertönen – und erst dann wollte ich das Ergebnis sehen. Auch in Kenia (seit 1992 der Zweitwohnsitz von Spitzer; Anm.) bemühe ich mich, Weihnachtsstimmung und -Deko aufkommen zu lassen. Statt Tannen oder Fichten müssen halt andere Zweige und Blätter aus dem Dschungel herhalten!

Was Sie an Weihnachten stört …

… ist der Konsumwahn. Nichts ist peinlicher, als kurz vor Jahresende noch schnell die Geschenke umzutauschen. Bei mir ist es ja so: Ich liebe ganz wenige Menschen und hasse als Misanthrop die Menschheit. Den geliebten Menschen schenke ich etwas von mir selbst Gezeichnetes oder etwas anderes sehr Persönliches. Wobei dieses Jahr werde ich, geküsst von der Altersmilde, wahrscheinlich eine Ausnahme machen: Mein Sohn ist beinahe drei Jahre alt, also werden ein paar Packerl unterm Weihnachtsbaum liegen (lacht). Ganz entkommt man dem Wahnsinn halt dann doch nicht.

Was nervt Sie an Weihnachten noch?

Dass sich Nächstenliebe und Kriegspause nur auf 24 Stunden beschränken anstatt auf das ganze Jahr. Würde ich ans Christkind glauben, würde ich ihm einen Brief schreiben und um langfristigen Frieden bitten! Nicht nur zu Weihnachten ist es wichtig, in sich zu gehen und das Gute im Menschen zu suchen.

Wie lange haben Sie ans Christkind geglaubt?

Ich bin relativ früh verdorben worden. Ich wollte es aber lange nicht wahrhaben, wie wahrscheinlich jedes Kind.

Hat die EAV auch mal gemeinsam Weihnachten gefeiert?

In den ersten Jahren haben wir auch am 24. Dezember Konzerte gespielt, da waren wir also gezwungenermaßen zusammen. Einige Weihnachten habe ich natürlich gemeinsam mit Klaus (Eberhartinger; Anm.) verbracht, der ja auch in Kenia lebt und mit dem ich dort ein gemeinsames Studio habe. Zu Weihnachten kam oftmals auch der Ambros vorbei, der ebenso viele Jahre in Kenia gelebt hat. Gemeinsam verbrachten wir nicht nur besinnliche, sondern auch trinkfeste Weihnachten.

Die Idee des aktuellen EAV-Weihnachtsalbum geht bis zu den Bandanfängen zurück …

1979 sind wir mit anarchischen Weihnachtsshows durch die alternative Clubszene Österreich und Deutschland getingelt und haben für jede Menge Aufsehen gesorgt, in Bayern bekamen wir sogar Auftrittsverbot. Es war die Zeit, in der der EAV prophezeit wurde, dass sie zwar den einen oder anderen Kleinkunstpreis gewinnen, aber keine einzige Platte verkaufen wird. Wir konnten also machen, was wir wollten. Unsere allererste Single war „Ihr Kinderlein kommet (verdammt noch einmal)“ in feinster Drahdiwaberl-Manier und mit der Textzeile „Ich bin der geile Weihnachtsmann!“. Das wurde – eh kloar! – von keinem einzigen Sender gespielt (lacht)! Ich erinnere mich mit diebischer Freude an diese Zeit. Ich wollte diese Shows unbedingt auf eine Platte bannen, zwischen 50 und 60 Prozent der Lieder am Album entspringen dem Ur-Bühnenprogramm. Ein EAV-Weihnachtsalbum ist also ein über all die Jahrzehnte gehegter Traum von mir, der nun endlich in Erfüllung ging. Zwar mit 42-jähriger Verspätung, aber manche Dinge brauchen halt ihre Zeit.

Wieso hat es bis zur Veröffentlichung so lange gedauert?

Klaus hielt von der Idee wenig. Verständlich, er war bei den Shows ja auch nicht dabei gewesen. Als die EAV unerwartet solch großen Erfolg hatte, geriet das Album in den Hintergrund. 2010 haben wir es nochmal probiert, aber Klaus fand keinen Zugang zu diesem Thema, hatte keine Freude daran. Ich muss ihm aber dafür danken, denn so ist die Zusammenarbeit mit vielen anderen österreichischen Künstlern aus allen Altersgruppen zustande gekommen, von Willi Resetarits über Paul Pizzera und Christoph Seiler bis hin zu Turbobier, Lemo und Gert Steinbäcker.

Eine tolle Gästeliste!

Aufgrund der Pandemie konnte keiner auf Tournee gehen. Sie alle hatten also Zeit und somit keine Ausreden, den Spitzer’schen Klauen zu entkommen! Jeder war mit großer augenzwinkernder Freude bei der Sache dabei. Wenn du solch ein Weihnachtsalbum der besonderen Art machst, brauchst du ganz viel Humor. Obwohl es auch einige ernste und kritische Songs auf der Scheibe gibt. Gleich vorweg: Wegen des Geldes wegen haben wir es alle nicht gemacht, denn verdienen tust mit so einem Projekt nix! Ich habe die Platte selbst finanziert. Aber vielleicht gibt es ja eine kleine humoristisch denkende Minderheit, denen es gefällt, was wir da fabriziert haben. Auch für einen besonders lieben Feind eignet sich das Album als tolles Geschenk (lacht).

Wie kam die Auswahl der Künstler am Album zustande?

Paul Pizzera beispielsweise ist ein lieber Freund von mir und besucht mich heuer in den Weihnachtsfeiertagen sogar für zwei Wochen in Kenia. Ich schätze ihn zum einen als blitzgescheiten Herzensmenschen und zum anderen als unglaublich guten Texter. Mit den anderen Künstlern hatte ich zum Teil auch schon früher Kontakt.

Wir alle verbrachten zehn tolle Tage in einem Underground-Studio in Graz und es war sehr schön zu sehen, wie alle einander unterstützen und dass wie eine Familie zusammengehalten wird. Diese zehn Tage waren für mich wie ein Flashback und eine Zeitreise in die Anfangsjahre der EAV: Als junger Mensch brennt man einfach noch so richtig für die Sache, man ist hungrig, voller Tatendrang und überall mit Freude dabei. Das zu beobachten war für mich ein verfrühtes, wunderbares Weihnachtsgeschenk und ein Jungbrunnen gleichermaßen. Abgesehen davon, dass endlich wieder die Liebe zur deutschen Sprache entdeckt wurde: Ein großes Kompliment an unseren heimischen Musik-Nachwuchs! Ich kann also beruhigt in Pension gehen. Vorher quäle ich aber den einen oder anderen noch … (lacht)

Ist die EAV Vorbild für Nachwuchs-Künstler?

Ich befürchte es fast. Pizzera & Jaus haben mir an einem Abend zweistimmig das Gesamtwerk der EAV vorgesungen – nicht mal ich selbst kann mich an all die Texte erinnern! Auch Lemos erstes Konzert war von der EAV. Christoph Seiler hat mir gestanden, dass er sich als Kind vor mir immer gefürchtet hat (lacht laut)! Jeder kam scheinbar irgendwie irgendwann mit der EAV in Berührung. Ich hoffe, wir haben nicht allzu Schlimmes angerichtet – aber wenn ich mir die Kollegen so anschaue, dürft’s schon gepasst haben!

Gab es Künstler, die Sie gerne am Album gehabt hätten, mit denen die Zusammenarbeit aber nicht zustande gekommen ist?

Wolfgang Ambros wäre mein Wunschkandidat für den Song „Am Christkindlmarkt“ gewesen. Er hat mir aber über einen gemeinsamen Freund folgendes ausrichten lassen (in erschreckend authentischer Ambros-Manier): „Heast Spitzer, zwa Sochn samma heilig: Schifoan und Weihnochtn!“ Damit war die Sache gegessen (lacht). Christoph Seiler hat dann dafür umso begeisterter zugesagt. Außerdem war ein Song mit Ankathie Koi geplant, die war aber gerade mit ihrer Niederkunft beschäftigt.

Die Texte sind großteils frech und auch nicht immer besinnlich. Wird das Album, ähnlich wie die Shows 1979, für Aufregung sorgen?

Das glaube ich nicht. Damals waren die Shows auf Konsumkritik ausgelegt, ein Thema, das in den 70er Jahren ohnehin sehr beliebt war. Heute kümmert das keinen mehr. Deshalb habe ich weitergestreute Ideen aufs Album genommen, wie beispielsweise „Vereinsamt“, eines meiner Lieblingsgedichte von Nietzsche. Auch die Kunstfigur „Kuttel Daddeldadu“ habe ich am Album weiterverarbeitet (überlegt). Mit was willst du denn heute noch aufregen? Als Karikaturist habe ich immer versucht, Politiker zu überzeichnen. Mittlerweile kann man die gar nicht mehr überzeichnen! Beim Album stand ganz einfach der Spaß und die Erfüllung meines Wunsches im Vordergrund.

Ihre Augen leuchten, wenn Sie von den Bandanfängen und den wilden 70er Jahren erzählen. Trauern Sie dieser Zeit nach?

Es war halt einfach lässig. Wir haben alle noch studiert, die Welt stand uns offen. Ich hätte niemals gedacht, dass ich von meiner Kunst leben kann, dementsprechend bin ich auch vollkommen locker und entspannt an die ganze Sache rangegangen. Wir hatten niemanden gegenüber Verantwortung zu tragen. Für Freibier und Übernachtungsmöglichkeiten haben wir überall gespielt (lacht)!

Und dann kam plötzlich der gigantische Erfolg …

Ich schäme mich für unsere großen Hits nicht, ich habe sie ja selbst geschrieben und gespielt. Und sie brachten gutes Geld ein. Aber der Wermutstropfen war natürlich, dass die EAV bald nur noch auf die berühmte, sehr leicht verdauliche Kost reduziert wurde. Da rutscht man natürlich sehr schnell in eine bestimmte Schublade rein. Wir wurden aus diversen Sendungen wieder ausgeladen, weil wir nicht die Songs spielen durften, die wir eigentlich wollten. Aber es gibt schlimmere Schicksale auf dieser Erde (lacht)! Zudem haben uns die letzten Alben wieder zurück auf die Titelseite der Süddeutschen Zeitung gebracht, was mir sehr wichtig war. Als dort zu lesen war, die EAV sei „politischer denn je“, habe ich mit unserer Vergangenheit Frieden geschlossen. Wir haben uns mit Würde und Abstand mit den letzten Alben verabschieden würden – und das ist sehr schön.

Stellt die Scheibe ein Comeback der EAV dar?

Nein! Wir haben uns 2019 zu einem sehr günstigen Zeitpunkt verabschiedet. Denn durch Bierzelts tingeln und die Handvoll Hits spielen, die man hatte – wer will das schon? Das Weihnachtsalbum war noch ausständig und wurde nun abgeliefert, ist aber gleichzeitig auch das letzte Projekt, das unter dem Namen EAV erscheint. Was aber nicht heißen soll, dass sich die Menschheit zu sicher fühlen darf. Das eine oder andere Werk werde ich schon noch abliefern, aber eben nicht als EAV.

Sie bleiben uns also noch lange erhalten?

Solange es meine Leber- und sonstigen Blutwerte zulassen, ist mit mir noch ein Weilchen zu rechnen!

Über was werden Sie dieses Jahr zu Weihnachten nachdenken und reflektieren?

Dass leider kein Song die Welt verändern kann, wie wir inzwischen wissen. Trotzdem kann man alles, was möglich ist, dazu beitragen, damit die Welt zu einem besseren Ort wird. Zu tun gäbe es genug. Mein Motto: Humor ist das Rettungsboot im Meer des Elends. Humor ist eine Notwendigkeit, um den Ernst der Lage zu überstehen und zu bekämpfen.

„Ihr Sünderlein kommet“ ist am 5. November bei Gridmusic erschienen und ist hier oder im gut sortierten Fachhandel erhältlich.