Ed Sheeran: Anti = Pop

Ed Sheeran

Ed Sheeran durchbricht auch mit seinem neuen Album „=“ sämtliche Grenzen der ungeschriebenen Pop-Gesetze und revolutioniert den Ruf eines ganzen Genres – als Typ von nebenan.

Popstars sind für gewöhnlich glamourös und unnahbar. Sie heben sich optisch bewusst von der Masse ab, setzen modische Trends und animieren ihre Fans mitunter auch zur dauerhaften Ernährungsumstellung. Als wichtigste Prämissen für den Starstatus gelten jedenfalls: eine nationenübergreifende Medienpräsenz, ein prominentes Gesicht und zahllose Hits, die Jung und Alt möglichst detailgetreu mitsingen können. Freilich nicht zu vergessen ist ein bestimmter Skandalfaktor. Ob amateurhafte Schmuddelvideos ans Tageslicht kommen, mit schneeweißen Naseninnenwänden in Nachtclubs randaliert wird oder Mitbewerbern in schlagzeilenträchtigen Wutanfällen Kompetenz und Lebensberechtigung abgesprochen werden. Ein echter Superstar lässt es gerne medienwirksam krachen. Und die Geschichte lehrt uns: so manch zum Staunen bringender Skandal ist bewusst hausgemacht, um sich immer wieder einmal ins Gespräch zu bringen. Ob Michael Jackson, Madonna, Justin Bieber, Rihanna oder Britney Spears – die Geschichte wiederholt sich und variiert inhaltlich nur in Nuancen.

Auf gleicher Stufe

Doch dann kam Ed Sheeran. Der sympathische Rotschopf begeistert mit jugendfreiem Witz, guter Laune und einer liebenswerten Tollpatschigkeit, die so gar nicht in das Schema der Champions-League-Popstars passt. Und dann ist der gute Mann auch noch aus dem semiattraktiven Halifax im britischen West Yorkshire. Nicht umsonst die Heimat getragener Doom-Gothic-Bands wie Paradise Lost oder My Dying Bride, die ihr Seelenheil lieber in Melancholie und Elegie, anstatt in knackigen Beats und Dur-Akkorden suchen. Natürlich spielt Sheeran auch sehr gut auf der Klaviatur des Balladesken, aber den hemdsärmeligen Singer/Songwriter-Pop des Künstlers durchzieht meist eine juvenile, fast schon naive Fröhlichkeit, die ungemein authentisch wirkt, weil sie so viel mit dem Komponisten gemein hat. Sheeran ist in seiner ganzen Ausformung das, was man den absoluten Anti-Popstar nennen würde. Ehrlich, greifbar, emotional und bodenständig – so weit man das nach geschätzt mehr als 150 Millionen verkaufter Alben noch sein kann. So sehr Stars und Starlets ihre Nähe zu Fans und Hörern predigen und in die Auslage stellen, am Ende gelingt ihnen die Gleichstufung mit dem Publikum noch nicht mal im Ansatz. Bei Sheeran ist das anders.

Handyverzicht

Schon 2015 hat er in Interviews mitgeteilt, dass er kein Handy besitzen würde. Einerseits hätte es ihn auf Tour viel zu oft von den Schönheiten beim Stadtbummel abgelenkt, andererseits wollte er nicht morgens aufwachen, um „50 Nachrichten meiner Freunde beantworten zu müssen“. Sheeran verbannte sein iPhone, ging 2015, kurz nach dem globalen Megadurchbruch mit seinem Zweitwerk „x“, auf Weltreise und war plötzlich nicht mehr erreichbar. 2017 besorgte er sich schlussendlich ein iPad, um zumindest mobil E-Mails beantworten zu können, wodurch sein Stresslevel auf ein Minimum reduziert blieb. Während die Manie und der Hype um ihn und seine Songs spätestens mit dem 2017er-Werk „Divide“ einen absoluten Höhepunkt erreichten, tauchte Sheeran immer mehr in die Anonymität ab. Hier und da machte er mit einem Instagram-Foto von sich reden, doch während andere Popsängerinnen ihre Hintern tagtäglich in der Strandsonne räkeln oder ganze Modekollektionen in den virtuellen Orbit stellen, bleibt Sheeran lieber bei Schusters Leisten – und die heißen Songwriting und Privatleben. Mittlerweile besitzt er für den Notfall ein Nokia 3310. Weil ihn das Gesundheitsamt während der Corona-Zeit erreichen wollte…

Privat bleibt privat

Obwohl Sheeran zu den allergrößten Popstars der Welt gehört, tauchte nicht ein einziges Bild seiner Hochzeit mit Jugendliebe Cherry Seaborn im Netz auf. An einem zufälligen Tag mitten im Jänner, mitten im Nirgendwo hätten sich die beiden, die sich trotz leichten Altersunterschieds schon in der Schule kennenlernten, aber anfangs nur befreundet waren, das Ja-Wort gegeben. „Wir zündeten Kerzen an und aßen danach ein Curry“. Ein paar Monate später gab Sheeran dann doch noch eine große Party, bei der alte Freunde und Wegbereiter, aber auch so manch großer Star eingeladen war. Mobiltelefone waren verboten und daran haben sich alle gehalten. Dass bis heute kein einziges Bild der Feier veröffentlicht wurde, überrascht Sheeran selbst. Doch genau so funktioniert das System „normaler Ed“: selbst seine glitzernden Promifreunde akzeptieren die selbsterwählte Zurückhaltung des Künstlers, der sein Privatleben noch nicht einmal mit Zähnen und Klauen verteidigt, sondern einfach kein großes Bahö darum macht.

Echte Freundschaft

Sheeran gelingt es auch sehr gut, die richtigen Grenzen zwischen Freundschaft, Bekanntschaft und Business zu ziehen. So ist der sympathische Witzbold seit seinen frühen Karrieretagen von großen Namen umgeben, ließ sich aber niemals vom Glanz Hollywoods und der Musikindustrie blenden. Nur drei bis vier enge Freunde hätte er aus dem Prominentensegment, hat Sheeran einmal betont, und auch die passen perfekt zu seiner Persönlichkeit. Etwa Taylor Swift, die sich zwar gerne als Drama-Queen inszeniert, anfangs aber genauso hart unter dem steilen Karriereaufstieg litt und noch immer den nötigen Respekt in der Welt des Showbusiness sucht. Oder James Blunt, ehemaliger NATO-Soldat im Kosovo, der aufgrund seiner Vergangenheit sehr gut mit Kritik und Internethäme umgehen kann und genau weiß, wie man Wertigkeiten im Leben richtig setzt. Abseits der wenigen schillernden Namen umgibt sich Sheeran mit Jugendfreunden aus der Suffolk-Schulzeit, mit denen er in Pubs schon mal die Nacht zum Tag macht und der Schnaps in Strömen rinnt. So geerdet und greifbar ist in der UK-Promiriege sonst maximal Oasis-Hälfte Liam Gallagher.

In den Okkultismus

Sheeran lässt sich auch musikalisch nicht in ein Raster stecken. Selbst wenn seine Pophits und Balladen nach mittlerweile gut zehn Jahren Karriere einem nachvollziehbaren Schema folgen, lässt er sich die Freiheit offen, seinem Herzen zu folgen. Unlängst schockierte er die britische Boulevardpresse mit der Ankündigung, Dani Filth ins Songwriting-Boot holen zu wollen. Filth ist Frontmann der Gothic-angehauchten Black-Metal-Band Cradle Of Filth und damit seit etwa 30 Jahren Teil des britischen Subkulturgutes. Sheeran gab bekannt, in jüngeren Jahren gerne mal Cradle Of Filth oder Slipknot gehört zu haben und schloss es nicht aus, einmal eine Death-Metal-Scheibe zu produzieren. Auch wenn es bei den Extreme-Metal-Subgenres offenkundig noch Recherche-Nachholbedarf gibt, eine Kooperation zwischen Filth und Sheeran wäre doch eine mittelschwere Weltsensation. Immerhin begibt sich nice guy Sheeran damit nicht nur musikalisch auf unbetretene Pfade, er würde mit der Zusammenarbeit auch die Pforte des Okkultismus und dunkler Horrorliteratur betreten – was auf viele seiner Stammhörer befremdlich wirken könnte. Doch Ed ist eben nicht der „average Popstar“ und hat sich als solcher wesentlich mehr Gestaltungsfreiraum erarbeitet.

Ein Ritterschlag wurde ihm zuletzt auch im englischen Fußball zuteil. Er wurde für die laufenden Saison offiziell in den Mannschaftskader seines Lieblingsvereins Ipswich Town aufgenommen, denen er schon seit geraumer Zeit die Trikots sponsert und – wenn Zeit bleibt – live im Stadion die Daumen drückt. Sheerans Reaktion war üblich wie immer: „Ich hoffe, dass sie mich nicht spielen lassen, denn ich will ja, dass die Mannschaft endlich aufsteigt.“ Kann so viel Bodenständigkeit bei so einem Weltstar-Status überhaupt wahr sein? Ja, das kann es. Der Autor dieser Zeilen begegnete Sheeran zweimal. Einmal vor dem ganz großen Durchbruch und einmal knapp danach. Der Unterschied lag bei null. Das ist neben dem grandiosen Songwriting wohl auch das entscheidende Erfolgsrezept. Die Menschen wollen ihre Stars am liebsten ungefiltert und natürlich. Und Sheeran beweist, dass man keine Social-Media-Omnipräsenz zeigen muss, um den Fans nahe zu sein. Das neue Album „=“ wird die Kunstfigur Sheeran noch höher gen Pop-Olymp schupfen. Der Mensch dahinter bleibt weiterhin unbeeindruckt und macht lieber das, was er will.

Ed Sheeran gastiert mit seiner „The Mathematics Tour“ auf einer Centerstage am 1. & 2. September im Ernst-Happel-Stadion. Tickets gibt es bei oeticket.com.