Ein Hauch von Festival

Der Festivalsommer ist dieses Jahr weltweit abgesagt: die COVID-19 Pandemie hat uns einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir möchten uns zumindest einen Hauch von Festival trotzdem bewahren.

Aktuell habe ich viel Zeit, mich nebenbei durchs Fernsehprogramm zu zappen und in Punkto Angebot fortzubilden. Auf DMAX bin ich im Zuge dessen auf “Überleben in der Wildnis” gestoßen, eine Doku-Serie über den Abenteurer Bear Grills, ehemals Mitglied einer Spezialeinheit der britischen Armee, der sich nun als Survival-Experte seine Brötchen verdient. Er zeigt, wie man in der Wildnis selbst unter extremen Bedingungen und mit nur minimaler Ausrüstung überleben kann.

Etwas, das geübte Festivalbesucher ohnehin aus dem Effeff beherrschen, denn: Seien wir uns ehrlich, nichts anderes als Wildnis sind Festivals. Und wer alljährlich in der Wildnis überleben will, der muss die Wildnis verstehen. Das gilt selbst dann, wenn die Wildnis nur ein Reservat ist, ein kontrollierter Ausnahmezustand – eine Parallelwelt, in der eigene Gesetze herrschen. Und wenn schon die Parallelwelt für dieses Jahr abgesagt ist, dann kann man sich doch zumindest ihre Gesetzmäßigkeiten nach Hause holen, oder? Schließlich gilt es, im Training zu bleiben, möchte man kommendes Jahr wieder bestehen.

Kreativität:

Stilikone Wolfgang Petry hat es begründet, Festivalbesucher peitschen das modische Accessoire der Festivalbänder bis zum Exzess. Sollten zwischen eurem Handgelenk und Ellbogen noch einige Zentimeter an Haut vorhanden sein, verlangen sie nach eurer Kreativität! Immerhin habt ihr euch schon an den simplen Nähanleitungen der MNS-Masken versucht, da kann doch ein individuelles Festivalband nur ein Leichtes sein! Sucht euch im Wäschekasten eurer Mitbewohner Stoffreste zusammen und bastelt euch im Handumdrehen neuen Schmuck!

Essen:

Ich gebe es zu, auch ich nutze die Zeit im Homeoffice, um mich auch in der Küche zu verwirklichen. Es wird tagtäglich ausgiebig gekocht, öfter sogar gebacken – von Brot und Jourgebäck über Muffins bis hin zu Kuchen war schon alles dabei. Für das richtige Festivalfeeling ist das natürlich alles nichts, da muss euch mal scheißegal sein, was der Darm gut findet – eine jahrelange Festivalerfahrung hat die Magenwände auf diesen Ernstfall ohnehin bestens vorbereitet, frisch, gesund und ausgewogen ist da nicht drinnen. Deckt euch mit dem billigsten Rotz ein, Hamsterkäufe können wir mittlerweile alle: Toastbrot, Kabanossi, YumYum-Nudeln und Dosenmahlzeiten stehen für die nächsten Tage auf eurem Speiseplan. Die Besserverdiener dürfen sich einmal am Tag auch das Luxusmenü einverleiben, etwa eine Großpackung Chicken Wings vom Hofer mit Pommes. Gegebenenfalls grillt ihr auch hie und da am Balkon, denkt aber daran, unbedingt etwas anbrennen zu lassen, damit auch die Nachbarn merken: euer Festivalsommer ist nicht abgesagt. Klar, nach all den Verwöhn-Wochen (der eine Besuch im McDrive zählt nicht) wird eure Verdauung jetzt vielleicht rebellieren – aber Klopapier habt ihr ohnehin alle zum Saufüttern zuhause. Aber Obacht! Vierlagiges Kamillenpapier gibt es im Dixie freilich nicht, also zieht mindestens zwei Lagen ab, bevor ihr zum Prozess schreitet!

Hygiene:

Die Körperpflege ist im Homeoffice vielleicht ohnehin nicht ganz auf dem Niveau der sonst alltäglichen Notwendigkeit – so ist man schon auf den nun angestrebten Extremfall bestens vorbereitet. Duschen ist ja bekanntlich auf Festivals eher eine sportliche Angelegenheit: Hat man einmal eine freie Dusche gefunden, hat man gefühlt drei Sekunden Zeit für die eiskalte Ganzkörper-Reinigung mit Sand-Peeling. Das kann man natürlich zuhause ebenfalls bestens nachstellen, einfach die Dusche lediglich tröpfeln lassen und die Mitbewohner bitten, nach spätestens 30 Sekunden gegen die Badezimmertür zu pumpern. Was dann ungewaschen bleibt, bleibt eben ungewaschen. Die Hardcore-Fraktion überspringt freilich den heren Versuch der Reinigung ganz und bleibt einfach gleich vier Tage lang ungeduscht. Ein zumindest zweitägiges Zähneputzen (Ausspülen mit Bier, nicht Wasser!) empfehlen wir aus gesundheitlichen Gründen dennoch.

Trinken:

Apropos Bier: Ausreichend zu trinken ist wichtig, immerhin läuft der menschliche Körper schnell Gefahr, zu dehydrieren. Auf Festivals ist Bier Grundnahrungsmittel und hat dort die Bedeutung, die Wasser und Brot in der normalen Welt besitzen. Nicht umsonst heißt Bier im Volksmund “flüssiges Brot”: Die Kohlenhydrate, Mineralstoffe und B-Vitamine halten den Motor in Gang. Der bestens ausbalancierte Alkoholgehalt von rund 5 Prozent ermöglicht das Verzehren großer Mengen ohne Hirntod, führt aber auch schon nach wenigen Dosen zu geruhsamen Glücksgefühlen. Glücklicherweise erlaubt es das Homeoffice, die “kein Bier vor 4”-Regel über Bord zu schmeißen, denn dank Internetzugang ist immer irgendwo auf der Welt 16 Uhr – allerdings achtet bitte darauf, nur am ersten Tag das Bier aus dem Kühlschrank zu trinken, ab Tag 2 tut es Not, das Bier zimmerwarm zu genießen. Einen besonderen Kick erlebt ihr, wenn ihr das Bier ein Weilchen offen herumstehen lasst, damit es so richtig schön ausraucht. Und nicht vergessen: Eine Lage Ottakringer kostet im Supermarkt eures Vertrauens ein Hauseck weniger als am Festivalgelände, schmeißt also pro Bier mindestens drei Euro in euer Sparschwein, um den wahren Festivaleffekt zu erzielen – mit genügend Trinkbegeisterung vorfinanziert ihr so gleich das Bier der nächsten Saison, die dann wirklich am Acker passiert!

Schlaf:

Wie gesagt, ich schaue zur Zeit öfter fern als noch vor Corona. Da kam ich natürlich nicht umhin, hie und da von der selten dämlichen Matratzenwerbung (“Die beliebteste Matratze Deutschlands, um nur 200 Euro!”) zum Umschalten gezwungen zu werden. Für die nächsten Tage sind eure ergonomischen Matratzen und angepassten Pölster natürlich Tabu, das Paradies Bett ist geschlossen! Für vier Tage verlassen wir unsere Komfortzone und nächtigen am Boden auf der Yoga-Matte unserer Mitbewohnerin. Handwerklich begabte und/oder besonders kindlich veranlagte Festivalbesucher können sich aus den Couchpölstern ja zusätzlich ein Fort basteln, das den Zeltcharakter imitiert – tatsächlich Karabiner in den Parkett zu schlagen empfehlen wir eingedenk der hinterlegten Wohnungskaution eher nicht. Beweist euch und euren Lendenwirbeln, dass ihr es noch immer drauf habt!

Lärm:

Dank Balkonkonzerten, klatschenden Superunterstützern und mit Fendrich patroullierenden Streifenwägen ist Österreich schon viel Leid gewohnt und anscheinend der Tatbestand “Lärmbelästigung” vorübergehend aus dem Strafkatalog gestrichen. Dennoch tut es unbedingt Not, dass euer direktes Umfeld mitbekommt, dass ihr euch gerade zuhause am Festival befindet. Es empfiehlt sich daher, zur ungebührlichen Stunde in voller Lautstärke die Gasse mit musikalischen Kleinodien zu beschallen, freilich allesamt mit künstlerischer Wertigkeit – Namen wie Scooter und David Hasselhoff bürgen dafür, wahlweise kann man auch auf das breite Spektrum der “Besten Hits der Neunziger” zurückgreifen. Ganz wichtig: Es zählt nicht nur die Musik allein, sondern auch eure eigene Euphorie – singt also mit und arbeitet mit Inbrunst daran, H.P. und David zu übertönen, denn: ihr seid besser!

Die Meisterklasse versteht es natürlich, nicht nur das umliegende Umfeld, sondern auch etwa den Bekanntenkreis miteinzubeziehen: Stimmungsvoll wird euer eigenes Festival erst dann, wenn ihr entspannt um 5 Uhr morgens mittels Video-Chatanruf eure Kontakte durchgeht und ihnen den Rhythmus zu “I’ve Been Looking For Freedom” vorrülpst.

Musik:

Sie darf letztlich natürlich nicht fehlen, denn sie macht ein Zusammentreffen ungewaschener Suffköpfe erst zum Festival: die Musik. Sie allein legitimiert, dass man sich für vier Tage aufführt wie ein Barbar. Es muss also nicht nur zu ungebührlichen Stunde, sondern auch tagsüber lautstark Musik dröhnen, dazu wird freilich getanzt, mitgesungen, die Luftgitarre ausgepackt und gegen die Wände gepogt. Etwaige Mitbewohner vollziehen im Optimalfall zeitgleich ein ähnliches Ritual, nur mit anderer Musik – immerhin brillieren die meisten Festivals mit mehreren Bühnen. Wenn sich dann auch die Nachbarn vom Fieber anstecken lassen und das ganze Haus mitmacht, habt ihr den Slogan von oeticket gekonnt in die Tat umgesetzt: Live spürt man mehr.

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