Eine Oper ohne Divas

Der Klang der Offenbarung des Göttlichen

Im Wiener Volkstheater wird mit „Der Klang der Offenbarung des Göttlichen“ ein ganz besonderes Werk aufgeführt. Die Musik stammt von Kjartan Sveinsson, lange Zeit Mitglied von Sigur Rós – und seit kurzem: wieder.

Mit glutvollem, euphorischem Bombast, der nicht selten an den frühen Thomas Mann erinnert, schwingt sich der isländische Autor und Nobelpreisträger Halldór Laxness in seinem überbordenden Roman „Weltlicht“ in paradiesische Höhen, wenn er über die Hauptfigur Olafur Karason erzählt: „Er war nämlich noch keine neun Jahre alt, als er seine ersten religiösen Erlebnisse hatte. Er steht vielleicht unten an der Bucht, und es wird allmählich Frühling, oder draußen auf der Landzunge westlich der Bucht, und dort ist ein Hügel und oben auf dem Hügel ein leuchtend grüner Grasbuckel, oder vielleicht droben am Berghang oberhalb der Hauswiese, und auf der Hauswiese stand üppiges Gras, bald würde es gemäht werden. Da ist ihm, als sehe er das Antlitz Gottes vor sich. Er spürt, wie sich das Göttliche einem unbeschreibbaren Klang in der Natur offenbart, das war der Klang der Offenbarung der Kraft des Göttlichen. Und mit einem Male ist er selbst zu einer zitternden Stimme in diesem herrlichen Klang der Allmacht geworden. Es ist, als wolle sich seine Seele über den Körper hinaus erheben, wie aufgeschäumte Magermilch über den Rand einer Schüssel; es war, als fließe seine Seele in das unermessliche Meer eines höheren Lebens über den Worten, jenseits aller Wahrnehmung; der Körper durchdrungen von einem brandenen Licht, über allen Lichtern; seufzend machte er sich klar, wie klein er war inmitten dieses unendlichen herrlichen Klang und Lichts, sein ganzes Bewusstsein mündet in eine einzige, heilige, tränenreiche Sehnsucht danach, in diesem Höchsten aufgehen zu dürfen, nichts mehr für sich selbst zu sein.“ Es ist eine schwere Kost, aber auch ein mitreißendes Schauspiel, die Laxness hier inszeniert, sein Roman brodelt auf den Feuern der altisländischen Literatur, der eddischen und der Skaldendichtung und ist trunken von den Herrlichkeiten der Natur und lässt den Protagonisten beinah schlafwandelnd von ihren Visionen und ihrer Schönheit jenseits der allgemeinen Wahrnehmung durchs Leben stolpern, mit delirierenden Erkenntnissen.

Jener Roman ist – wenngleich nicht textlich, denn das Theaterstück „Der Klang der Offenbarung des Göttlichen“ kommt ohne Schauspieler und narrativem Text aus – die stimmungsvolle Grundlage für das neoklassische Werk von Ragnar Kjartansson, geschrieben wurde die Musik von niemand Geringerem als dem ehemaligen (und seit kurzem: wieder) Mitglied der isländischen Postrock-Größe Sigur Rós, Kjartan Sveinsson. Ihr „Klang der Offenbarung des Göttlichen“ ist ein überromantisches, theatralisches, dramatisches, minimalistisches Stück; auf der Suche nach einer vergangenen Welt, mit Bolschoitheaterhaften Malereien ohne Narration, symphonischer Erhabenheit ohne einen Fluchtpunkt – nur mit einer Essenz: Gefühl. Es verbindet die innere Ruhe mit dem Majestätischen der Natur, das Meditative mit dem Archaischen zu einer großen, schwebenden Klangskulptur. Wir haben uns mit Sveinsson über Zoom unterhalten.

Ich muss sagen, Sie haben da einen exquisiten Nickname auf Zoom.

Wie lautet er denn? Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, was ich eingestellt habe.

Dick Head.

(lacht) Sehr gut.

Wie kommen wir davon jetzt zu der sublimen Musik, die Sie für das Stück „Der Klang der Offenbarung des Göttlichen“ komponiert haben?

Ach, wir können einfach springen. Wussten Sie, dass Teile der Musik für eine Arbeit in Wien entstanden sind?

Nein. Ich dachte, das Stück hatte an der Berliner Volksbühne Premiere.

Das stimmt auch. Ragnar Kjartansson wurde gefragt, etwas für die Volksbühne zu machen. Er hat mich gebeten, die Musik dafür zu schreiben. Das Ganze war inspiriert vom Roman „Weltlicht“ unseres isländischen Literaturnobelpreisträgers Halldór Laxness. Gleichzeitig haben wir aber auch an einer Installation und Performance für Thyssen-Bornemisza Art Contemporary in Wien gearbeitet. Auch dafür habe ich viel Musik komponiert. Ich mag es, wenn Arbeiten ineinander übergehen und zusammenhängen.

Mit welcher Idee haben Sie sich ans Werk gemacht?

Ich wollte leise, minimale Musik. Nicht zu aggressiv, wenn man so will. Auch nicht zu dramatisch. Sanfte Klänge, nicht zu belebt. Heraus kamen diese vier Akte Musik.

Das ist schon eine Weile her, nicht? Das Stück hat ein ziemliches Eigenleben entwickelt. Ein Popalbum dagegen ist nach kurzer Zeit meist abgespielt.

Diese Musik hat natürlich auch etwas Zeitloses. 2014 ich habe begonnen sie zu komponieren. Nein, es muss sogar 2013 gewesen sein. 2014 war schon die Uraufführung. Ich kann mich nicht mehr exakt daran erinnern, aber die vier Themen sind mehr zu mir gekommen, als dass ich sie hervorgebracht hätte. Ich hatte damals Glück. Ein guter Moment.

Ich muss gestehen: Obwohl ich das Buch seit Ewigkeiten besitze, habe ich den Roman „Weltlicht“ nie gelesen. Worum geht es, und wie hängt er mit dem Stück zusammen?

Über die Hauptfigur. Der Held kämpft damit, was er sein soll – ein guter Künstler oder ein guter Mensch. Er ist ein ziemlicher Psychopath. Er denkt nicht sehr oft darüber nach, welche Konsequenzen seine Handlung haben. Aber er sucht immer nach Schönheit.

Was darf sich das Publikum in Wien erwarten? Im Netz findet sich manchmal die Bezeichnung Theaterstück, mal auch Oper dafür.

Am besten, man lässt sich überraschen. Wir fanden es lustig, es eine Oper zu nennen. Die Produktion ist schon ein bisschen wie eine Oper, mit einem Orchester im Orchestergraben. Sie hat alles – außer Menschen auf der Bühne. Eine Oper ohne Divas! Technisch gesehen hat es mit einer Oper natürlich nicht viel zu tun. Aber heute kann man das schon machen. Du kannst Dinge nennen, wie du willst.

Wäre eine Oper denn was für Sie?

Ich habe früher mal darüber nachgedacht. Aber ich glaube, ich habe mittlerweile nicht mehr die Energie dafür. Eine Oper ist viel Arbeit. Ich glaube nicht, dass ich etwas Ansprechendes hervorbringen könnte.

Regie und Bühnenbild: Ragnar Kjartansson. Foto: Thomas Aurin

Warum eigentlich der deutsche Titel „Der Klang der Offenbarung des Göttlichen“?

Weil es für die Volksbühne war. Ich weiß, das sind sehr große Wörter. Der Titel klingt arrogant. Ich würde sonst keine Arbeit von mir so nennen. Aber hier passt es. Die Hauptfigur befindet sich in der Natur, am Meer. Und dort hört er den göttlichen Klang. Wobei ich nicht behaupte, dass meine Musik dieser göttlichen Klang ist. Es ist einfach nur Musik.

Ich finde, Sie kommt dem in einigen Passagen recht nahe.

Danke.

Es geht in dem Werk um Schönheit. Auch um Natur und ihre Zerstörung?

Nicht wirklich. Die Musik ist kein Tribut an die Schönheit der Natur. Es geht mehr um die Schönheit und Tragik, ein menschliches Wesen zu sein. Um das Verlangen. Meines Erachtens ist Verlangen ein Hauptgrund, warum jemand Künstler sein will. Man will etwas erleben und ausdrücken.

Wie ist das mit Isländern und der Natur? Sind Sie ihr sehr verbunden, oder nimmt man ihre extreme Schönheit für selbstverständlich?

Manche Isländer haben natürlich eine sehr enge Verbindung zur Natur. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass man in allen Ländern der Welt Schönheit finden kann. In Island ist die Natur tatsächlich extremer, das ist der Unterschied.

Es scheint auch so, als wäre in Island jeder zweite Mensch Künstler. Täuscht der Eindruck?

Nein, das kommt schon fast hin. Es gibt vielleicht weniger Hürden als anderswo, die Leute ziehen ihr Ding einfach durch. Es leben aber auch genug langweilige Menschen in Island, das können Sie mir glauben.

Mit zwei anderen isländischen Musikern, Jónsi und Georg Holm, waren Sie lange in der kultisch verehrten Postrock-Band Sigur Rós aktiv. Dann stiegen Sie aus. Vor kurzem gab es im Internet Postings, die auf einen Wiedereinstieg hindeuten. Ist es wahr?

Ja. Ich kann das bestätigen. Wir arbeiten wieder zusammen. Mal sehen, was rauskommt. Es macht richtig Spaß, wieder mit den Jungs Zeit zu verbringen. Ich war mein halbes Leben in der Band, als ich ausstieg. Ich dachte mir: Vielleicht sollte ich mal was Anderes ausprobieren. Und das war auch gut. Aber jetzt ist es wieder Zeit, ans Mutterschiff anzudocken. Es fühlt sich sehr aufregend an.

„Der Klang der Offenbarung des Göttlichen“ spielt es im März und Mai im Wiener Volkstheater. Tickets gibt es bei oeticket.com.

Sigur Rós haben am 22. Februar eine Welttournee angekündigt, bisher sind erst Termine für Mexiko, Amerika und Kanada bekannt. Sobald ein Termin für Sigur Rós in Österreich angekündigt wird, informieren wir dich gerne gleich.

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