Ewald Tatar: You can’t cancel Rock’n’Roll

Ewald Tatar

Am stärksten und nachhaltigsten hat die Covid-19-Pandemie die Livemusik-Branche getroffen. Trotzdem schaut Ewald Tatar, Chef hinter Barracuda Music, positiv in die Zukunft.

Foto: Dave Bitzan DB-Photography

Wenn David Hasselhoff, The Rolling Stones, Aerosmith, Celine Dion, Die Ärzte, KISS, Volbeat, Iron Maiden, Deichkind und ähnlich prominente Namen auf Österreichs Bühnen stehen, dann stehen die Chancen gut, dass sie deswegen dort stehen, weil Ewald Tatar mit seinem Team dies möglich gemacht hat: Unter dem Firmenkomplex der Barracuda Music verantwortet er nicht nur das Nova Rock Festival, sondern auch zahlreiche Shows, die etwa im Ernst-Happel-Stadion, in der Wiener Stadthalle, im Gasometer, im WUK, in der Arena, auf Burg Clam, im Linzer Brucknerhaus, in den Grazer Kasematten, im Grazer Orpheum, und vielen Spielstätten mehr zwischen Wien und Bregenz stattfinden. Es sind aber nicht nur die großen Megastars, sondern auch die Geheimtipps, die er und sein Team herauskristallisieren und oft erstmalig nach Österreich bringen.

Kurz: Ewald Tatar ist vielleicht nicht der einzige, der dafür sorgt, dass sich Herr und Frau Österreicher alljährlich (und dies bereits seit Jahrzehnten) zwischen 1. Jänner und 31. Dezember verlustieren können – aber mit Abstand der größte Player. Tatar sorgt mit einem Team aus grob 30 Mitarbeitern dafür, dass Jahr für Jahr mehrere hundert Konzerte im wahrsten Wortsinn über die Bühne gehen – und so Abermillionen Menschen erinnerungswürdige Momente genießen können. Er und sein Mitbewerb sind für die kulturelle Vielfalt in Österreich maßgeblich mitverantwortlich – mit deutlich über 8 Millionen Tickets jährlich setzt die „Populärkultur“ weitaus mehr um als die Hochkultur. Und genau diese kulturelle Vielfalt, die sich im Spannungsfeld zwischen Pop, Rock, Metal, Indie, Hip-Hop und artverwandten Genres bewegt, ist nicht allein durch die COVID-19-Pandemie gefährdet, sondern auch durch das Versagen der Politik: Während Lockerungen der Coronabeschränkungen beinahe ausschließlich die sogenannte Hochkultur betreffen, steht die Branche, die etwa von aufheulenden E-Gitarren, ekstatisch zuckenden Sängern und polternden Schlagzeugen lebt, vor einer ungewissen Zukunft. Dennoch: Tatar blickt positiv gestimmt nach vorne – denn ihm ist es mehr noch als Livemusikliebhaber denn als Veranstalter ein Anliegen, diese Vielfalt mit vereinten Kräften zu bewahren.

Als vergangenen Freitag auf den Pannonia Fields, wo sonst normalerweise gerade das Nova Rock über die Bühne gehen würde, für vier heimische Bands – Seiler und Speer, Black Inhale, Kaiser Franz Josef und Reverend Backflash – auf der Red Bull Stage vor laufender Kamera und geschlossener Gesellschaft die Lichter angingen (den Stream gibt’s am 12. Juni um 20:30 auf der Homepage von Red Bull), haben wir die Chance ergriffen und Ewald Tatar mit Fragen gelöchert, die vielen Österreichern auf der Zunge liegen – darunter: Wann wird das Leben endlich wieder von Livemusik bereichert?

Ewald, du stehst dem österreichweit größten Veranstaltungskonzern vor. Wie geht es dir aktuell?

Es waren harte zwei Monate mit viel Arbeit – so viel Arbeit, wie schon lange nicht mehr. Eigentlich auch Arbeit „für nichts“, es ging fast nur um Verschiebungen und Absagen. Aber ich bin trotzdem sehr positiv gestimmt, ich habe vor gut zwei Wochen für mich entschieden, mich nicht mehr all diesen Angstmachersyndromen unterzuordnen und versuche, so weit als möglich das Beste aus der Situation zu machen – und vor allem an der Situation zu arbeiten, dass sie für uns alle besser wird.

Heute geht es mir besonders gut, weil wir ja heute am Nova-Gelände sind, wo wir sonst schon sehr viel Spaß im Gatsch beim Aufbau hätten. Heute haben wir immerhin schönes Wetter, und dafür, dass das Konzert von Seiler & Speer, Black Inhale, Kaiser Franz Josef und Revernd Backflash heuer mein einziges Open-Air sein wird, bin ich dankbar und froh, dass ich das noch genießen darf.

Vor zweieinhalb Monaten wird die Stimmung bei dir aber wohl eine merklich andere gewesen sein: Was waren deine ersten Gedanken, als es auch für dich hieß: Alles absagen?

Das war ein richtiger Schockmoment, Sanktionen und Einschränkungen in dieser Dimension hätte ich mir nie erwarten können. Ich muss auch ehrlich gestehen: Im ersten Moment war mir auch nicht richtig bewusst, was Corona in seinem Umfang für uns bedeutet. Erst nach der ersten Woche in der Krise habe ich einmal Zeit gefunden zu realisieren, wie nachhaltig uns das getroffen hat: Da geht es nicht einmal allein darum, dass ich selbst Veranstalter bin – aber das wird mein erster Sommer seit Anfang der Achtziger sein, wo ich nicht einmal als Besucher auf auch nur einem Festival sein werde! Als Liebhaber von Livemusik ist das schon äußerst gewöhnungsbedürftig.

Wie steht es aktuell um die Gesamt- und Personalsituation bei deinem Team von Barracuda Music?

Mir ist es sehr wichtig, dass ich meine positive Stimmung nicht nur beibehalten möchte, sondern diese auch an das gesamte Team weitergebe. Ich möchte mich nicht in irgendwelche Was-wäre-wenn-Szenarien hineinsteigern, weil ich sie eh nicht beeinflussen kann: Ich gehe davon aus, dass wir im Herbst wieder spielen werden und im nächsten Jahr wird alles wieder laufen wie bisher. In ziemlich genau einem Jahr werden wir wieder hier mit 50.000 Besuchern auf den Pannonia Fields unseren Spaß haben.

Trotzdem ist es aber auch bei Barracuda Music so, dass alle Mitarbeiter in unterschiedlichen Staffelungen in Kurzarbeit sind – wie zuvor angesprochen sind wir aber alle mit all den Verschiebungen und Rückabwicklungen gut eingedeckt: Die Arbeit bringt uns zwar nicht wirklich nach vorne, ist aber umso wichtiger. Was in naher Zukunft aber auch die größte Herausforderung sein wird ist, die große Unsicherheit, die die Bevölkerung in den Köpfen trägt, langsam wieder zu lösen. Gelingen wird uns dies erst wieder, wenn endlich wieder Konzerte stattfinden können und wenn sie gut über die Bühne gehen – und dahingehend würde ich mir nun doch schon langsam einen Termin bei der zuständigen Staatssekretärin wünschen, der nach wie vor nicht stattgefunden hat, obwohl wir schon öfter auf uns aufmerksam gemacht haben.

Daraus erhoffe ich mir jedoch sehr viel, weil ich habe jede Menge Ideen und Konzepte am Papier, wie ein konzertieren wieder möglich sein kann. Keine Frage, die muss man durchbesprechen, und da braucht es natürlich auch ein Gegenüber, das Einschätzungen über die Machbarkeit trifft – aber immerhin reden wir von 8 Millionen Tickets, die unser moderner Kulturmarkt, also alle Veranstalter aus dem Rock- und Popbereich, im Schnitt pro Jahr verkauft. Wir sind ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor, und von uns sind etwa 140.000 Arbeitsplätze abhängig – da geht es ja nicht nur um die Veranstalter allein, sondern auch um die Ton- und Lichtfirmen, um die Caterer, um Security-Firmen und noch viele mehr.

Schon viel zu lange nicht mehr gesehen: Livemusik. Hier: Reverend Backflash beim You Can’t Cancel Rock’n’Roll. Foto: Dave Bitzan DB Photography

Die IG Österreichische Veranstaltungswirtschaft, bei der du mitwirkst, hat bereits mehrfach versucht, mit der Bundesregierung das Gespräch zu suchen – bis dato seid ihr jedoch, im Gegensatz zur Hochkultur, links liegen gelassen worden. Ist es deiner Meinung nach deren bessere Vernetzung gerade in Richtung ÖVP oder wird „Populärmusik“ als tatsächlich nebensächlich erachtet?

Bei der Hochkultur ist jetzt tatsächlich relativ schnell eine halbwegs annehmbare Lösung gefunden worden. Das hat sicherlich viel mit Lobbyismus zu tun und da sieht man, wie schnell etwas möglich ist, wenn man möchte. Ich höre immer nur von irgendwelchen Beratern, mit denen man spricht – aber an uns ist die Bundesregierung noch nicht herangetreten – obwohl wir uns mit Veranstaltungen in der Größenordnung nun doch am besten auskennen. Deswegen sage ich: Bitte, sich endlich mit uns zusammensetzen und produktiv zu arbeiten. Wir wollen so schnell als möglich wieder starten, wir müssen endlich wissen, wie es nach 31. August weitergehen soll. Denn wenn man uns schon nicht anhören möchte, dann soll man uns zumindest sagen, wie es passieren soll – auch darauf könnten wir reagieren. Denn eines kann ich schon sagen: Ich werde nicht auf meinem Hintern sitzen bleiben und die Sache einfach nur aussitzen.

Das heißt, von Seiten der Veranstalter gibt es bereits Ideen, wie ein Konzertbetrieb aktuell realisierbar wäre, auch ohne, dass man wie am Schachbrett versetzt nebeneinandersitzt?

Ja, aber diese sind natürlich zuerst den dafür Zuständigen vorzustellen – und nicht über den Weg der Medien.

Nachdem es aus der Bundesregierung stets heißt, man fahre auf Sicht: Von welchen Rahmenbedingungen gehst du ab Herbst hinsichtlich eurer Konzertverschiebungen und Neuankündigungen aus? Immerhin muss uns auch allen klar sein: Eine Reisefreiheit wird es am 1. September noch nicht weltweit geben.

Eine Planung ist zurzeit sehr schwer – eigentlich fast unmöglich. Unser Bestreben ist es, möglichst viele Konzerte auf nächstes Jahr zu verschieben, denn es werden aufgrund der Reisebeschränkungen wohl auch Konzerte etwa amerikanischer Bands im Herbst und Winter so nicht stattfinden können. Das, was übrigbleibt, wollen wir auch gegebenenfalls unwirtschaftlich durchzuführen, damit wir Verunsicherungen lösen können: Es ist wichtig zu zeigen, dass Konzerte keine Gefahr für die Gesundheit darstellen – im Gegenteil. Ich hoffe, dass wir dann mit Jahresbeginn 2021 wieder relativ normal und vor allem mit Freude planen und veranstalten können.

Die Bundesregierung wurde oft nicht müde, Ängste zu schüren – darunter auch, Konzerte als „Krisenherde“ zu beschreiben. Ihr hattet bis kurz vor dem Shutdown Megashows, aus denen sich jedoch augenscheinlich keine Cluster gebildet haben.

Genau so ist es. Wir sind die ersten, die man gewissermaßen vom Tableau genommen hat, und wir werden die letzten sein, die man wieder raufstellt. Ich weiß nicht, welche Branche es noch schlimmer getroffen hat als die unsrige. Natürlich: Ich bin kein Virologe und möchte auch keinem Virologen widersprechen, aber mir ist nicht nur von unseren Shows, sondern auch aus ganz Europa keine Situation bekannt, wo sich auf einem Konzert ein Cluster gebildet hätte. Deswegen frage ich mich schon: Wieso können wir nun nicht schrittweise und natürlich mit Sicherheitsvorkehrungen – wie zum Beispiel einer Tracking-App – versuchen zu zeigen, dass Konzerte kein Risiko sind?

Eindeutig: Live spürt man mehr – hier Kaiser Franz Josef am You Can’t Cancel Rock’n’Roll. Foto: Dave Bitzan DB Photography

Das Nova Rock und das Frequency sind die größten Veranstaltungen deiner Firma, die dieses Jahr weggebrochen sind – bei beiden war beinahe schon die gesamte Vorarbeit geleistet. Versucht ihr, hier das Line-Up ins nächste Jahr zu übernehmen, oder müsst ihr wieder zurück zum Anfang?

Weder noch. Das beste Beispiel ist das österreichische Bandpaket, dass wir fürs Nova Rock bereits angekündigt haben – da war unser erklärtes Ziel, dass jede Band wieder dabei sein darf und soll, allein, um zumindest ihnen auch schon einmal eine gewisse Sicherheit zu geben. Edmund haben von sich aus entschieden, nicht spielen zu wollen – auch das müssen wir akzeptieren. Jetzt muss man sich dann anschauen, was vom diesjährigen internationalen Line-Up bleiben kann – es werden definitiv einige Bands übernommen werden können, wie viele es dann aber im Enddefekt sein werden können, dazu ist es noch zu früh, um das abzuschätzen.

Nicht nur Barracuda Music, sondern die gesamte Branche steht jetzt vor einem großen Problem: Kartengelder sind bereits investiert, Einnahmen bleiben aus, Ausgaben sind trotzdem weiterhin zu tätigen – ein Bild, das sich wohl erst 2022 wieder drehen wird. Ein wichtiger Schritt, die Branche vor dem Kollaps zu retten, war die Gutscheinlösung, die von einigen Kunden freilich kritisch beäugt wird. Wieso ist diese Lösung, wenngleich nicht optimal, so doch nicht nur für dich, sondern auch letztlich für den Kunden das kleinste mögliche Übel?

Die Gutscheinlösung ist wichtig, weil man dadurch das Geld in unserer Branche im Umlauf hält. Es ist so, dass man den Gutschein bald einsetzen wird können, abgesehen davon hat er auch ein Fälligkeitsdatum, das heißt spätestens am 1.1.2022 wird ein etwaiger Restbetrag ohnehin ausgezahlt. Wenn die gesamte Branche jedoch jetzt sofort alle Kartengelder zurückzahlen müsste, stünden wir alle vor einer Insolvenz – und die Kunden hätten das Nachsehen. Wie du richtig sagtest: Das Geld liegt ja nicht bei uns am Konto, wir alle haben schon Kosten vorab zu tätigen gehabt – etwa Gagen von Bands –, dass das Geld zum großen Teil bereits investiert ist. Kurz: Wir versuchen mit dieser Lösung, so sicher wie nur irgendwie möglich für unsere Kunden zu bleiben.

Wie bei jeder Krise folgt beim Endverbraucher auch die Angst vor Preissteigerungen, um Einbußen aufzufangen. Deine Prognose: Wird das im Veranstaltungsbusiness merklich spürbar werden?

Ich sehe tendenziell eher keine Preissteigerung auf uns zukommen. Zumindest bei den Konzerten, die ich jetzt neu ankündige und nicht nur verschoben habe, merke ich nicht, dass sich da preislich spürbare Änderungen – weder für mich noch für den Kunden – ergeben haben.

„Feuer und Flamme“ – fast wie bei Rammstein: Black Inhale beim You Can’t Cancel Rock’n’Roll. Foto: Dave Bitzan DB Photography

Während des Shutdowns gingen viele Bands ins Internet – zumeist kostenfrei. Denkst du, wird sich diese Spielart als Additiv, etwa bei ausverkauften Shows, hinkünftig weiter etablieren?

Ich glaube, dass Internetkonzerte jetzt in einer Situation, wo sonst gar nichts passiert, eine schöne Abwechslung sind – aber auch eine wichtige Sache, um zu zeigen, dass wir alle noch immer Spaß an Musik haben. Das ist genau meine Message vom Anfang des Gespräches: Es ist wichtig, dass wir jetzt alle zusammen eine positive Stimmung verbreiten. Ob Konzerte im Internet hinkünftig einen größeren Stellenwert als vor der Krise haben werden, glaube ich eher negativ beantworten zu können – aber vielleicht täusche ich mich. Aber letztlich ist nur wichtig, dass Musik passiert – wo, ist letztlich ganz egal.

Wir erleben heute das erste und einzige österreichische „Festival“, wenngleich im geschlossenen Rahmen: Seiler und Speer, Black Inhale, Kaiser Franz Josef und Reverend Backflash spielen für Red Bull dort, wo sonst die Red Stage stünde. Plant ihr weitere Unterhaltungen, um eure Kunden über den Sommer zu tragen?

Im Moment nicht. Eigentlich ist es so, dass wir das Nova Rock trotz allem nicht aus unseren Köpfen rausgebracht haben: Anfangs war überhaupt nur von einem Griller und einer kleinen Firmenzusammenkunft auf den Pannonia Fields die Rede, dass das jetzt ein klein wenig größer geworden ist, hat sich letztlich nur so ergeben. Schön, dass es passiert ist, aber noch vor wenigen Wochen hätte ich nicht daran geglaubt. Aber: Es ist für uns und die Bands gleichermaßen sehr wichtig, aber wir sehen das jetzt einmal als Startschuss für das nächstjährige Nova Rock.

Du hast bereits wiederholt deine positive, zukunftsorientierte Grundstimmung angesprochen: Kannst du der Pandemie selbst trotz allem etwas Positives abgewinnen?

Auch mich hat für drei, vier Tage die Angst gepackt, auch ich habe mich vom Negativismus und vom Tunneldenken für einen Moment anstecken lassen. Das Positive daran: Ich habe relativ rasch erkannt, dass ich das aber nicht bin, dass ich mein Leben nicht von Angst bestimmen lassen will. Und deswegen ist es mir auch wichtig, die positive Energie auch in Zukunft weiterzugeben.

Seiler und Speer bei ihrer „spektakulären Probe“ beim You Can’t Cancel Rock’n’Roll – das Interview gibts hier. Foto: Dave Bitzan DB Photpgraphy

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