Fernab vom Mainstream

Fernab vom Mainstream

Alle Jahre wieder erwarten wir zu Jahresanfang Neuerscheinungen mit Spannung. Aber auch unter dem Radar passiert Großes.

Das Musikjahr 2020 verspricht bereits jetzt einiges an spannenden Musikalben: Kurz vor der Veröffentlichung steht etwa das neue Album „Hotspot“ der Pet Shop Boys, voll mit Hits – wie sie uns für die Februar-Ausgabe von !ticket im Interview in London verraten haben. Bereits erschienen ist „Rare“ von Selena Gomez – ein Album, das die junge Dame erstaunlich gereift präsentiert und ihrem Ex Justin Bieber ordentlich auf die Pfoten klopft.

Im Februar erscheinen nebst zahlreichen anderen von Grimes „Miss Anthropocene“ (ein sensationell dunkles, ätherisches Album!), von Green Day „Father of All Motherfuckers“, von Ozzy Osbourne „Ordinary Man“ und Tame Impala „The Slow Rush“, im März von Noel Gallagher’s High Flying Birds die „Blue Moon Rising“-EP, von Morrissey „I Am Not A Dog On A Chain“ und Pearl Jam „Gigaton“, im Mai kommt von Weezer „Van Weezer“.

Unbekannt sind die Veröffentlichungstermine der neuen Alben von Justin Bieber, The Strokes, Die Ärzte, The Cure, Foo Fighters, Rihanna mit „R9“, Lana Del Rey mit „White Hot Forever“ und Dua Lipa mit „Future Nostalgia“, The Killers mit „Imploding the Mirage“ und Die Antwoord mit „27“, von Bruce Springsteen & The E-Street Band, Bon Jovi, Iron Maiden, Nine Inch Nails, Red Hot Chili Peppers (wiedervereint mit John Frusciante!), angeblich auch Guns N‘ Roses – und viele mehr!

Aber auch unter dem Radar der Titelseiten der größten Musikmagazine und Boulevardtageszeitungen passiert einiges: Moriah Pereira alias Poppy hat am 10. Jänner ihr drittes Studioalbum „I Disagree“ veröffentlicht. Sie selbst ist eine Musikerin der YouTube-Generation, irgendwo zwischen Alien und Sektenführerin – hat sie immerhin bereits ein Buch namens „The Gospel of Poppy“ veröffentlicht. Mit „I Disagree“ bündelt Poppy die frühe Gwen Stefani mit japanischem Kawaii und dazugehöriger Niedlichkeit und mit dunkler Theatralik – man denke an schwarze Zuckerwatte mit einem Guss aus Einhorn-Pups, oder an eine Hair Metal-Version von Billie Eilish (die, nur so am Rande, den Titelsong des neuen James Bond-Films verantworten wird). Poppys Platte ist grell, süß, übertrieben, mit Geschrei und klirrendem Electro, aber auch fiesen Gitarren, ein Wechselbad aus sanften und dissonanten Harmonien – kurz: ein Angriff auf die Sinne.

„I Disagree“ ist hier bestellbar.

Poppy gastiert am 24. März im Backstage, am 26. März im Flex. Tickets gibt es bei oeticket.com.

Am 20. März wird die Sängerin und Multiinstrumentalistin Myrkur, das dänische Model Amalie Bruun, ihr neues Album „Folkesange“ auf Relapse Records veröffentlichen. Auf ihrem neuen Werk dringt sie mit traditionellen Instrumenten und dementsprechendem Storytelling tief ins Herz der skandinavischen Kultur vor und offenbar einen emotionalen, transzendentalen Klangentwurf. Eine kurze Recherche mag vielleicht die breite Masse erschrecken machen, spaltete Myrkur doch mit den gleichermaßen harschen wie auch filigranen Musiken der „Folkesange“-Vorgänger „M“ (2015) und „Mareridt“ (2017) die Black Metal-Szene, gemeinhin für Hassklänge in Schwarzweiß verschrieen. Doch bereits „Mareridt“ erntete auch Lob weit über die Genre-Grenzen hinaus und fand den Weg ins Feuilleton.

Mit der Geburt ihres ersten Kindes besann sich Bruun dann auf die Wurzeln ihrer eigenen Kindheit zurück: skandinavische Erzählungen und traditionelle nordische Folk-Musik prägten die Musikerin seit frühesten Jahren. Auf ihrem neuen Werk „Folkesange“ kommen ausschließlich diese Einflüsse zum tragen, Myrkur verzichtet (Somit: Aufatmen!) vollständig auf Black Metal-Elemente.

Mit „Ella“ veröffentlicht Myrkur auch gleich einen ersten Song aus dem neuen Werk „Folkesange“. „Ich höre und spiele seit vielen vielen Jahren traditionelle nordische Folk-Musik. ‚Ella‘ ist meine Version eines neuen Folk-Songs, der seine Wurzeln in der Vergangenheit hat. Es ist meine Ode an die Menschheit und an unsere Verbindung mit der Natur“.

„Folkesange“ ist hier vorbestellbar.

Myrkur gastiert am Gefle Metal Festival (Schweden) und am Brutal Assault Festival (Tschechien).

Am 27. März werden Igorrr ihr neues Album „Spirituality And Distortion“ via Metal Blade Records veröffentlichen. Einen ersten Ausblick auf das Album bietet die erste Single „Very Noise“ – die mit zwei kurzen Wörtern schon ziemlich knackig das Bandkonzept konzentriert.

Mit dem direkten Vorgänger „Savage Sinusoid“ (2017) etablierte sich Igorrr als eine wirklich einzigartige musikalische Kraft – „Spirituality And Distortion“ ist auf bestem Weg, diesen wohlverdienten Ruf zu festigen. Igorrr verbinden unterschiedliche Musikstile von Death und Black Metal über Breakcore, Balkan, Barock und Klassik auf eine ebenso unkonventionelle und unberechenbare wie aufregende Art und Weise, wir haben damals die Franzosen (was denn sonst?!) irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn verortet:

Jazz trifft auf Electronic, Breakcore und Minimal, Ethno und Worldmusic auf barocke Klassik und schwülstig-brachialen Metal, es ist ein wirres, postmodernes Potpourri, in dem sich die Töne überschlagen, die Bässe dröhnen, die Sirenen singen und die Klänge in jedwede Richtungen stieben. Zimperlichkeit ist Gautier Serres Sache nicht, sondern vielmehr der gepflegte Wahnsinn.

Stefan Baumgartner, !ticket

„Spirituality And Distortion“ zeigt, geschult im kontrollierten Wahn der Klangexperimente von Mike Patton (Fantômas, Mr. Bungle) ein ebenso breites Spektrum an Emotionen wie Spagate auf der Tonleiter. „Sich nur in einer einzigen Emotion zu verstricken, ist für mich sehr langweilig; das Leben ist eine große Bandbreite an Emotionen – manchmal ist man glücklich, manchmal traurig, wütend, sauer, nostalgisch oder wie weggeblasen“, so Mastermind Serre. „Das Leben ist nicht nur eine Farbe. Diese 14 Tracks sind eine Reise durch verschiedene Geisteszustände, die ich durchlebt habe.“ Apropos Farben: Serre ist Synästhetiker, sieht also Klänge tatsächlich bunt.

Wenn man sich ohne Sicherheitsnetz auf die Klangwelt, die Igorrr offenbaren, einlässt, merkt man bald: Auf dem Weg ins Verderben gibt es keinen Plan, keine Wegweiser, ja: nicht einmal Himmelsrichtungen. Die Freiheit, die sich im Zuge der Verwirklichung von „Savage Sinusoid“ bot, nahm Serre an und ging dorthin, wohin ihn die Ideen führten – und nur eine kleine Armee von spezialisierten Musikern durfte bei der Verwirklichung seiner Vision helfen: Dazu gehörten unter anderem die Geigerin Timba Harris, der Bassist Mike Leon, der Pianist Matt Lebofsky, der Oud-Spieler Mehdi Haddab, der Akkordeonspieler Pierre Mussi, der Kanoun-Spieler Fotini Kokkala und der Cembalist Benjamin Bardiaux. Stimmlich ist die prominenteste Interpretin Laure Le Prunenec, deren Opernstimme schon seit langem zum Igorrr-Kosmos gehört, während der ebenfalls regelmäßige Mitstreiter Laurent Lunoir auch auf einigen Stücken zu hören ist. Serre lud auch erneut Pierre Lacasa und Jasmine Barra, bekannt von alten Stücken wie „Vegetable Soup“ und „Cheval“, zu „Kung-Fu Chèvre“ ein, konnte sich jedoch mit einem weiteren Gaststar einen wahren Traum erfüllen: „Wir hatten die Ehre, meinen persönlichen musikalischen Helden auf diesem Album zu begrüßen: George ‚Corpsegrinder‘ Fisher von Cannibal Corpse. Er brüllt am Ende auf der ersten Single „Very Noise“, und seine legendäre Stimme bringt die Heftigkeit, die dieser Track verdient hat. George ist wie der Endgegner des Death Metal. Wie bei einem Videospiel der Endgegner der Stärkste ist, ist George auch der beste Death-Metal-Sänger. Aufgrund der extremen Härte und Gewalt seiner Stimme fand ich es sehr stimmig, ihn mit einer billigen 8bit-Musik zu kontrastieren, die wahrscheinlich softeste Musik der Welt. Der Kontrast ist für meine Ohren wunderschön.“ Texte sind beim Schreiben jedoch weniger wichtig, und oft werden diese in Sprachen geliefert, die er nicht einmal spricht. „Wie bei den vorherigen Alben konzentriere ich mich ganz auf den Klang selbst und wie die Klangfülle der Stimme zum Herzen spricht, nicht auf die intellektuelle Bedeutung der Worte.“

„Spirituality And Distortion“ ist hier vorbestellbar.

Igorrr gastieren am 21. April in der ((szene)). Tickets gibt es bei oeticket.com.

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