Filigran, intim, lyrisch: so klingt das Blue Bird Festival 2020

Blue Bird

Trotz Corona kann eines der stimmigsten und überaus wohlfeil kuratierten Festivals Österreichs stattfinden: Das Blue Bird bringt auch diesen Herbst wieder traumhafte Musik ins Porgy und Bess.

Hinweis vom 18.11.2020: Coronabedingt wird das Blue Bird nicht wie unten beschrieben stattfinden können. Aber, wie Kurator Klaus Totzler dem Kulturjournal erklärt, weigert man sich zu verstummen: Das Blue Bird findet als Stream aus dem Porgy & Bess statt, allerdings mit reduziertem und rein österreichischem Line-Up. Wir applaudieren: Es sind ausschließlich Künstlerinnen.

Der Mensch denkt nur allzu gern in Schubladen, das ordnet sein Leben. An eben diesen Schubladen unserer gedanklichen Kommode kleben Labels und Etiketten mit Überbegriffen, in die wir unsere Umwelt so gut als möglich reinpassen. Natürlich passt das dann nicht immer punktgenau, manches müsste eigentlich in zwei, drei, vier Schubladen gleichzeitig ruhen, anderes wiederum heute in der einen, morgen in der anderen. Und manches in unserem Leben verträgt überhaupt eine eigene, maßgeschneiderte Schublade. Doch nicht nur Personen und Situationen ordnen wir feinsäuberlich ein, auch die Welt der Musik passiert in Labels, damit wir uns – gerade heute, zwischen Abermillionen Künstlern, die tagtäglich wie Pilze aus dem Boden schießen – zurechtfinden können und nicht überrumpelt werden: Nur wenige Musikbegeisterte würden etwa die Klänge von AnnenMayKantereit und Sunn O))) im selben Fach ablegen.

Nun heißt es gern: Einfach gestrickte Zeitgenossen bevorzugen Schubladendenken, wer etwas – pun intended – „am Kasten hat“, erfasst die Welt differenziert. Wie so oft liegt die Wahrheit in der Mitte, die Schubladen sind eine wichtige Orientierung, allerdings tut es dem eigenen intellektuellen Korsett ganz gut, wenn man weiß, was in den daneben liegenden gerade so ruht und sie oft nur ein dünnes Brett aus Holz trennt. Und vor allem: Dass das Etikett in nur wenigen Buchstaben versucht, teils hochkomplexe Gegebenheiten zu beschreiben – und somit niemals der Weisheit letzter Schluss ist.

Fallbeispiel: Blue Bird Festival

Seit dem Herbst 2005 ruht in einer unserer Schubladen, auf der in krakeliger Schrift der Aufdruck „Singer/Songwriter“ prangt, das Blue Bird Festival, das sich in Eigendefinition eben diesem Musikgenre verschrieben hat. Seit 15 Jahren ziehen wir jeden November nun das „Blue Bird“-Packerl aus seiner Schublade, entstauben es – und packen es flugs in eine andere, nämlich in die, in die in überraschend sauber gesetzten Lettern „Jazz“ gestanzt ist – findet das Blue Bird immerhin alljährlich im renommierten Jazzclub Porgy & Bess statt. Bei Ordnungsfanatikern schrillen bereits die ersten Alarmglocken: Beim Songwriting wird Musik naturgemäß in ein Liedformat gezwängt, während im Jazz Songstrukturen durch Improvisition generiert werden. Also: Was zur Hölle …?

Und wenn dann – so wie in Disneys zauberhaftem Kinderfilm „Die Schöne und das Biest“ – die Kommode plötzlich zu tanzen beginnt und es aus der Lade singt, dann fangen die eigenen Synapsen zum Rattern an: Was hat das überhaupt mit Jazz zu tun? Was mit Singer/Songwriter? Ist das nicht eher … Baroque Pop? Und jetzt plötzlich: Anti-Folk? Und nun, Americana! Und überhaupt: Wo ist plötzlich die Gitarre hin?!

Ziehen wir also die Schublade nochmal auf, entnehmen das „Blue Bird“-Packerl, entschnüren es und schauen uns die Geschichte einmal näher an – und es fällt auf, die Begrifflichkeit des „Singer/Songwriters“ wird klassisch, dabei aber großzügig interpretiert. Im Fokus steht ein Musiker oder – um den Staub der Sechziger wegzublasen -: Musikerin, die selbst geschriebene Musik auch selbst umsetzen – zuzeiten zumindest im Livegeschehen mit Begleitband, nicht immer mit Gitarre, manchmal auch mit Klavier oder Electronica. Sie prangern ernste oder widrige Themen an, denen oft reale Ereignisse zu Grunde liegen, verzichten dabei gänzlich auf Glanz und Glamour aus der Popwelt und setzen viel mehr – nicht nur in den Harmonien – auf pointierten Minimalismus.

Dass die KünstlerInnen am Blue Bird nicht zwangsweise klingen müssen wie Bob Dylan, Neil Young, Johnny Cash, Tom Waits, Bruce Springsteen oder Patti Smith – klassische Singer/Songwriter per se -, ist die „großzügige“ Interpretation von Kurator Klaus Totzler, die schlichtweg der schwindenden Historizität geschuldet ist. Ja, die typischen Songwriter-Genres sind Blues, Folk und Country – und sie dominieren auch das Blue Bird -, und ja, eigentlich spricht das standardisierte, tradierte Bild von einem Mann mit umgehängter Gitarre: Auch ihn finden wir am Blue Bird, aber ebenso auch den Mann hinter einem Klavier, die Frau mit umgehängter Gitarre oder hinter einem elektronischen Mischpult und Loop-Station. Und hier sind wir vielleicht auch schon programmatisch im Jazz gelandet: Alles geht, nichts muss – der Prototyp des Singer/Songwriters hat in seiner Genese Kinder gezeugt und wenngleich sie alle auch in unterschiedliche Richtungen stieben, mannigfaltige, teils konträre Wege einschlugen, so merkt man, wenn sie irgendwann wieder alle an einem Tisch sitzen, ihre Verwandtschaft dann doch wieder, man muss hie und da vielleicht nur genauer hinschauen – oder eben: hinhören.

Das Blue Bird 2020

Dieses Jahr sind viele Schubladen verschlossen geblieben oder lediglich halb geöffnet worden, darunter auch die mit dem Überbegriff „Sommerunterhaltung“: Festivals und zahlreiche Theaterveranstaltungen mussten ob Corona abgesagt werden – Freiluft hin oder her. Umso erfreulicher ist es, dass das Blue Bird Festival in einem Jahr wie diesen passieren kann – ist es ohnehin schon im tristen Herbst ein Lichtblick, dieses Jahr – nach all den Einschränkungen – noch viel mehr. Natürlich liest sich das Billing heuer zwangsweigerlich ein klein wenig weniger internationaler, aber die Inklusion heimischer Acts ins Line-up ist ohnehin essentieller Punkt seit Anbeginn. Und ja, auch beim Blue Bird wird man nicht umhin kommen, die Corona-Auflagen zu erfüllen, um die Sicherheit von Publikum, Künstler und Team zu garantieren – das heißt: ein schweißtreibendes, energetisches, entrückendes Dicht-an-Dicht wird Ende November nicht passieren. Da heißt es nun, das intellektuelle Korsett zumindest temporär nicht nur musikalisch, sondern auch kontextuell stieben zu lassen und das Blue Bird im Rahmen der widrigen Umstände möglichst gut gedeihen zu lassen. Bei den ersten 10 Ankündigungen, die wir folgend präsentieren dürfen, sollte es aber ein Leichtes sein, nicht mehr lange über Ordnung/Unordnung zu sinnieren, sondern sich schlichtweg an der erneut hohen Wertigkeit von Gehalt und Essenz zu delektieren und verlustieren.

This Is The Kit (GBR)

Die in Paris lebende Britin Kate Stables nennt ihr Projekt This is the Kit. Manchmal ist die Stimme der Folkrockerin zart, dann wieder sperrig. Schon lange ist Stables Liebling vieler Musikkritiker und bekannter Kolleginnen. Das neue Album „Off Off On“ erscheint im Herbst 2020.

Garish (AUT)

Die Burgenländer Garish sind seit zwanzig Jahren bedeutende Schöpfer hochkarätiger Songwriterkunst. Der schlichten Schönheit der frühen Platten stehen immer öfter filigrane, vielfältige Strukturen gegenüber. Sänger und Texter Thomas Jarmer wagt sich mehr aus der Reserve; seine lyrischen Metaphern sind verschrobene Parolen, Slogans für unser Innenleben.

Anna B Savage (GBR)

Die Songs der Londonerin Anna B Savage sind voller mutiger Fragen, gleichzeitig immer ruhig und herzlich. Ihre eindrucksvolle Stimme lässt ihre Verehrung für Leonard Cohen ebenso erkennen wie eine Seelenverwandtschaft mit Billie Holiday. Das aktuelle Album „A Common Turn“ ist soeben bei City Slang erschienen.

Alicia Edelweiss (AUT)

Straßenmusikerin, experimentelle Singer/Songwriterin und manische Akkordeonistin: Alicia Edelweiss, Wienerin mit walisischen Wurzeln, nennt ihren Stil „Circus Freak Folk“. Ihre Musik erzählt weirde, versponnene Geschichten über Kakerlaken und geheime Gärten und nimmt einen mit in eine seltsame Parallelwelt.

Luke De Sciscio (GBR)

Intim ist die Musik, voll hochkarätiger Poesie sind die Texte. Ein wenig wirkt das Werk des Briten Luke De Sciscio wie aus der Zeit gefallen. Philosophisch, witzig, dunkel und kompromisslos direkt. Große Songwriter-Klassik für Fans von Nick Drake, John Martyn und Jeff Buckley.

Konni Kass (FRO)

Konni Kass ist auf den Färöern geboren und aufgewachsen, einer Inselgruppe, die eine hohe Dichte an hervorragenden Künstlerinnen und Künstlern hervorgebracht hat. Die Komponistin, Sängerin und Multiinstrumentalistin gilt aber auch dort als Supertalent. Unbedingt ansehen, solange sie noch ein Geheimtipp ist!

Platon Karataev (HUN)

Benannt sind Platon Karataev nach einer der handelnden Figuren in Leo Tolstoys Roman-Klassiker „Krieg und Frieden“. 2016 in Budapest gegründet, entwickelte sich die Band zu einem der spannendsten Folkrock-Acts der Gegenwart. Die Suche nach dem Zentrum von allem ist das Thema auf ihrem neuen Album „Atoms“, es handelt vom Treiben, Schweben und Befreiung.

Johnny Batard (AUT)

Johnny Batard ist Künstlername und Alter Ego des Grazer Musikers Johann Zuschnegg. Seine Song- Miniaturen sind rau, unpoliert und damit Pop im besten Sinn. Vermutlich weit näher an Syd Barrett und Velvet Underground als an nach Charts schielender Mainstream-Konfektions-Ware.

Lucy Kruger & The Lost Boys (ZAF)

Lucy Kruger kommt aus Südafrika. Nachdem Sie ihr Theaterstudium im Fach Drama 2013 abgeschlossen hatte, legte sie zeitgleich zur Überraschung vieler ihr Solodebut vor. Mittlerweile sind es bereits acht Alben. Sie baut mit ihren Songs eine Brücke zwischen Intimität und Schroffheit. Bei Blue Bird wird sie mit ihrer Band The Lost Boys auftreten.

Gunned Down Horses (ISR)

Dunkle Chansons, Cabaret und dann wieder zorniger Rock: Gunned Down Horses sind auch in ihrem an großen Talenten reichen Heimatland Israel eine Ausnahmeerscheinung. Beim Blue Bird Festival werden sie ihre Akustik-Show „Gunned Down, Stripped Down, Unplugged“ vorstellen, die in Europa noch nie vorher zu sehen war.

Das Blue Bird 2020 findet zwischen 19. und 21. November im Porgy & Bess statt, Tickets sind bei oeticket erhältlich.

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