Flake sagt: Bücher sind Wunderwerke

Flake

Mit Rammstein füllt er weltweit Stadien, nun begibt sich Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz mit seinem zweiten Buch „Heute hat die Welt Geburtstag“ ganz entspannt auf Lesereise durch Österreich.

Foto: Matthias Matthies

Vor seinen Auftritten Ende März in Linz, Graz, Wien und Innsbruck erzählt uns der 53-jährige Berliner, warum er Bücher so sehr liebt, weshalb sein neues Werk zu Riesenärger in der Band geführt hat und warum es gerade die kleinen Dinge sind, die das Leben so lebenswert machen.

Flake, als Keyboarder hast du mit deinen Samples den Sound von Rammstein von Anfang an entscheidend mitgeprägt. Was ist der für dich der größte Unterschied zwischen der Arbeit in einer sechsköpfigen Band und dem Schreiben eines Buchs?

Flake: In der Band steht man permanent im Austausch mit anderen Menschen. Ein Buch schreibt man aber ganz alleine – und das ist sehr lustig, weil man niemanden fragen muss, ob etwas gut ist oder nicht.

Man kennt dich seit mehr als 25 Jahren als Musiker. Aber welchen Bezug hast du eigentlich zur Literatur?

Flake: Ich bin ein absoluter Bücher-Fan! Bücher haben mich – fast noch mehr als die Musik – durch meine Kindheit und Jugend begleitet, die vielleicht noch einsamer waren als jene von anderen Kindern. Ich war im Sport schlecht, trug damals schon eine Brille und habe stark gestottert. Ich war im Prinzip ein Streber, ich hatte in Mathe und Deutsch immer eine Eins. Und Klavier gespielt habe ich auch noch! Ich habe also alles gemacht, was ein Kind nicht machen sollte, wenn es von anderen Kindern gemocht werden will.

Also hast du dich in die Bücher geflüchtet?

Flake: Ich habe festgestellt, dass ich mich in Büchern in eine völlig fremde Welt begeben kann. Aber nicht wie bei einem Film, den ich mir nur ansehe. Bei Büchern habe ich mir im Kopf ja selbst die Bilder zur Geschichte geschaffen. Dadurch war ich so sehr von meinem eigenen Leben abgelenkt und gleichzeitig von diesen anderen Welten fasziniert, ich war so getröstet, dass ich irgendwann dachte: Was sind das für Wunderwerke! Ein Buch ist mehr als ein paar Seiten beschriftetes Papier, es ist Zauberei!

Man weiß in Österreich wenig über die Literatur in Ostdeutschland in den 1970ern. Habt ihr die gleichen Bücher gelesen wie wir Kinder im Westen?

Flake: Wir haben viele der Klassiker gelesen, zum Beispiel von Erich Kästner. Aber es gab auch anderes, zum Beispiel eine russische Adaption des Buchs „Der Zauberer von Oz“ von einem Autor namens Alexander Wolkow. Das Buch hieß „Der Zauberer der Smaragdstadt“, ein anderes aus seiner „Zauberland“-Serie hieß „Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten“. Im Prinzip waren seine Ideen geklaut und abgewandelt – aber ich habe seine Bücher geliebt!

Westliche Literatur hast du erst später kennengelernt?

Flake: Nein. Meine Eltern waren sehr an westlicher Literatur interessiert und durch sie habe ich Bücher von Sherlock Holmes, Edgar Wallace und Eric Ambler zu lesen bekommen. Und über Freunde meiner Eltern, die an amerikanische Literatur herankamen, habe ich Kurt Vonnegut entdeckt, der mich in meiner Jugend sehr geprägt hat. Und natürlich: Charles Bukowski!

Den gab es aber nicht regulär zu lesen in der DDR?

Flake: Nein, natürlich nicht. Aber irgendjemand hatte halt so ein Buch und der hat es dann weiter verborgt, sicherheitshalber in Zeitungspapier eingeschlagen. Bei Bukowski habe ich erstmals Wörter wie „du Ficker“ oder „du Sack“ gelesen – Wörter, die man als Jugendlicher maximal denkt, waren hier auf Papier gedruckt! Das hat mir natürlich unwahrscheinlich viel Schwung verliehen.

Belächeln dich deine Bandkollegen, wenn du dich heute auf Tournee in deine Bücher vertiefst?

Flake: Wir stammen alle mehr oder weniger aus Bildungshaushalten. Wir lesen sehr viel und Till, Paul und Richard sogar im englischen Original. Einige von ihnen sind allerdings auf diese E-Books umgestiegen. Das ist nichts für mich, da fehlt mir das Gefühl, ein Buch in Händen zu halten.

Du berichtest in „Heute hat die Welt Geburtstag“ über sehr intime Details aus dem Tourleben, zum Beispiel, dass jeder schon jeden beim Sex gesehen hast. Wie happy waren deine Kollegen mit solchen Enthüllungen?

Flake: Ich kann es mit einem Wort zusammenfassen: Es gab Riesenärger!

Wie konntest du sie vom Gegenteil überzeugen?

Flake: Durch lange Gespräche. Es ist mir gelungen zu erklären, dass es eben keine Biografie ist. Es ist ein Buch, mit dem ich etwas aussage – und die Band bildet nur den Rahmen, aber nicht den Inhalt.

Was willst du denn aussagen?

Flake: Mir geht es darum, welche Dinge man warum wichtig nimmt. Ist zum Beispiel ein Geburtstag ein wichtiges Ereignis, wenn wir an diesem Tag ein Konzert spielen? Für den, der Geburtstag hat, ist es wichtig, für den ganzen Rest aber nicht. Oder: Ist es wichtig, berühmt zu sein? Oder ist es eher wichtig, dass man sich wohl fühlt und nicht verstellen muss? Es ist im Kleinen so wie im Großen. Es ist scheißegal, ob man irgendeinen Preis gewinnt. Wichtig ist aber, mit den richtigen Menschen zur richtigen Zeit gemeinsam im Bus zu sitzen.

Du erzählst in kleinsten Beobachtungen, etwa euren Besuch bei einem Kleintiermarkt, sehr viel über dich und dein Leben in der Band.

Flake: Das Leben besteht aus diesen kleinen Augenblicken und nicht aus großen Ereignissen. Ja, ich bin Musiker – aber im Prinzip nur, wenn ich auf der Bühne, im Studio oder im Proberaum spiele. In 99,99 Prozent meines Lebens bin ich kein Musiker. Dann bin ich ein ganz normaler Mensch, der ganz normale Sachen erlebt. Es wäre Quatsch, diese 99,99 Prozent als unwichtig zu bezeichnen und nur die Band als wichtig.

In einer sehr harmonischen Passage beschreibst du, wie ihr in Spanien am Strand sitzt und aufs Meer hinaus schaut. Ihr seid als Band seit über 25 Jahren zusammen – wie hat sich die Stimmung oder auch die Beziehung untereinander entwickelt? Seit ihr sechs tatsächlich immer noch miteinander befreundet?

Flake: Bei einer Band hat man das riesengroße Glück, dass man sich seine Mitspieler aussucht. Geschwister hat man von Geburt an, mit denen muss man klar kommen, genau so wie mit Eltern oder Kindern. Am Anfang haben wir Tag und Nacht zusammen verbracht, wir haben zusammen gewohnt, gegessen und geschlafen und sind zusammen weggefahren. Später gab es Zeiten, in denen sich einzelne Bandmitglieder nicht leiden konnten. Aber dadurch, dass man so viel Zeit hat, solche Probleme zu verarbeiten und die anderen Bandmitglieder als Regulative darauf einwirken, ist unser Zusammenhalt und unsere Stimmung genauso stabil wie am Anfang. Wenn nicht sogar noch stabiler.

Ein Satz, der mir in deinem Buch sehr gut gefallen hat: „Nichts kann diese rasende Begeisterung der Anfangszeit ersetzen.“ Bist du, wenn du zurückdenkst, ein melancholischer Mensch?

Flake: Das Wort „melancholisch“ ist mir zu groß. Nein, ich halte mich nicht für melancholisch. Im Gegenteil, ich halte mich für einen lustigen Menschen. Ich kann mich aber irren (lacht). Was aber tatsächlich ein Problem ist: Ich erkenne, dass eine Situation schön war erst, wenn sie schon vorbei ist. Und das macht mich schon traurig: Dass ich es in dem Moment, in dem die Situation so toll war, gar nicht gemerkt habe und mich stattdessen unnötigerweise mit irgendwelchen kleinen Problemen herumgeärgert habe. Aber ich denke, dieses Problem haben viele Menschen.

Wenn du mit Rammstein auf Tour bist, reist du ja im ganz großen Stil. Wie ist der Autor Flake auf Lesereise unterwegs?

Flake: Ich werde mit der Bahn fahren. Es gibt einen Nachtzug nach Wien und innerhalb Österreichs möchte ich alles mit der Bahn fahren. Nur, wenn es sich von Abfahrtszeiten her nicht gut ausgeht, dann nehme ich mir ein Mietauto.

Reist du – wie bei Rammstein – mit großer Entourage oder nur mit Tourmanager?

Flake: Ich fahre ganz alleine. Ich brauche ja niemanden mit und außerdem mag ich diese Typen nicht, die immer so einen Tross an Leuten um sich herum haben. Ich habe kein Problem damit, alleine zu sein. Einsam ist man ja nur, wenn man unter dem Alleinsein leidet.

Wie geht es dir auf der Bühne, wenn du die gesamte Zeit über alleine im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehst?

Flake: Es ist eine Herausforderung, der ich am Anfang nicht gewachsen war. Erst nach der zehnten Lesung habe ich aufgehört zu zittern. Ich bin heute noch hundert Mal aufgeregter als bei einem Konzert. Aber wie es mit schwierigen Herausforderungen halt so ist: Wenn man sie bewältigt hat, fühlt man sich danach besser als wenn man etwas macht, das ohnehin selbstverständlich ist.

Wie geht es deiner Familie damit, dass du zwischen den Rammstein-Tourneen schon wieder unterwegs bist?

Flake: Ich habe das Gefühl, dass meine Frau ganz froh ist, wenn ich nicht so viel zu Hause herum hänge. Ich habe ja nicht diese Arbeitszeiten von Montag bis Freitag wie andere Menschen. Normalerweise bin ich die meiste Zeit zu Hause und kümmere mich um die Kinder. So groß unsere Tourneen auch klingen, letztendlich sind es meistens nur um die 40 Konzerte pro Jahr und ich bin vielleicht 60 Tage unterwegs. Den Rest bin ich zu Hause. Jeder Maurer sieht seine Familie weniger als ich meine. Deshalb ist jede Möglichkeit, dass ich ein bisschen hinaus komme, für unsere Beziehung gut. Wir erleben dann unterschiedliche Dinge und habe danach ich wieder etwas zu erzählen

Im Sommer seid ihr mit Rammstein wieder auf Stadion-Tournee, der Auftakt findet am 25. Mai im ausverkauften Wörthersee Stadion in Klagenfurt statt. Spielt ihr das das gleiche Programm wie schon 2019 oder wird es eine neue Show sein?

Flake: Wir spielen mit Absicht die gleiche Show wie im Vorjahr. Wir wollen ja Fans erreichen, die uns vergangenes Jahr noch nicht sehen konnten. Und würden wir jetzt etwas anders machen, wäre es ja unfair den Fans gegenüber, die uns 2019 schon gesehen haben. Deshalb spielen wir das gleiche Programm – als wäre es noch die selbe Tour, nur durch den Winter unterbrochen.

Wie geht es danach weiter? Hast du schon Ideen und Pläne für ein drittes Buch?

Flake: Ich würde sehr gerne ein neues Buch schreiben, aber mir fällt nicht ein, worüber. Mir fehlt noch die zündende Idee. Aber wenn man nach dieser Idee bewusst sucht oder auf sie wartet, dann kommt sie nicht. Das ist so, wie wenn man sich verlieben will. Wenn du sagst: Ich will mich jetzt in meine Traumfrau verlieben, dann wird sie nie auftauchen. Erst wenn man die Suche aufgegeben hat, kommt sie. Oder auch nicht. Aber wenn sie dann nicht erscheint, ist das richtig blöde.

Hast du einen Vertrag mit einem Verlag? Kann irgendjemand kommen und sagen: Herr Lorenz, sie müssen jetzt ein Buch abliefern.

Flake: Nein, das würde ich nie machen! Das machen wir übrigens auch mit der Band nicht. Das war eine unserer ersten Lehren: Nie wieder einen Vertrag machen! Das geht an die Substanz und absolut gegen die Kreativität. Man merkt ja bei anderen Bands, wie schlecht ihre Platten sind, wenn sie Verträge einhalten müssen und deshalb schnell etwas aufnehmen müssen. Da ist dann ein gutes Lied drauf, der Rest ist Dreck – und das nur, damit sie irgendwelche Verträge erfüllen.

Das heißt, ihr habt mit Rammstein keinen Druck, einen Nachfolger für euer namenloses 2019er Album fertig zu stellen?

Flake: Nein. Und wir werden nie wieder Druck bekommen. Wann immer eine neue Platte fertig ist, dann ist sie fertig.

Flake liest: Am 21. März im Linzer Posthof, am 23. März im Grazer Orpheum, am 26. März im Globe Wien und am 28. März in der Music Hall Innsbruck. Tickets gibt es bei oeticket.com.

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