📷 Fotoreport & Konzertkritik: Tool in Wien

Keine 10.000 Tage, aber immerhin knapp 13 Jahre haben sich Tool für die Wiederkehr Zeit gelassen: Am 5. Juni gastierte man erneut in der ausverkauften Wiener Stadthalle – noch ohne aktuellem Album im Gepäck, dafür mit zwei Ersteindrücken.

Tim Taylor, der selbsternannte „Heimwerkerkönig“, ist der schlagfertige Moderator der fiktiven Sendung „Tool Time“: Er ordnet alles seinem Leitspruch „Mehr power!“ unter und versucht, handwerkliche Aufgaben generell dadurch zu bewältigen, dass er die benutzten Werkzeuge leistungssteigernd modifiziert, was zumeist der komödiantischen Kausalkette stringent folgend in Zerstörung und/oder mit einem Besuch der Notaufnahme endet. Ähnlich auch bei der amerikanischen Alternative-Band Tool, die an ihren Instrumenten ein bisschen wie narzisstische Gockel wirken: Hier geht es nicht zwangsweise um mehr Power, sondern um verquerere Strukturen als üblich und notwendig. Vergleichsweise selten werden in dem Kontext plötzlich banal wirkende 4/4-Takte benutzt, und selbst die potenziell geradzahligen Takte werden noch asymmetrisch unterteilt. Die Stücke, ja: Epen!, von Tool sind bedeutungsschwangere Kunstwerke, hypnotische Hymnen voller melodischer Aggression und Dynamik – bei der die elegisch leidende Stimme von Maynard James Keenan vielleicht sogar noch die geringste, keineswegs aber verzichtbare Rolle einnimmt.

Folgerichtig gibt Cyberpunk Keenan auch bei ihrer – man muss schon pointieren: triumphalen – Wiederkehr wie seit ehedem keine banale Frontsau ab, die an der Bühnenkante um die Gunst der überbordenen Fanschar buhlt, sondern nimmt sich – neben Schlagzeuger Danny Carey verschanzt – enigmatisch zurück. Denn im Mittelpunkt steht bei Tool freilich das hypnotische Spektakel an sich, ein Querschnitt durch das Schaffen, in den sich die neuen Stücke „Descending“ und „Invincible“ nahtlos und zugleich auch wohlwollend aufgenommen einfügen – wenngleich sie mit ihren ausufernden, psychedelischen Sequenzen noch wie Skizzen wirken. Vor 13 Jahren, am 19. November 2006, eröffneten Tool ihr Set mit „Stinkfist“ und beschlossen selbiges mit „Ænema“ – gestern exakt umgekehrt: Zwischen der Klammerstellung brillieren Tool über zwei Stunden hinweg mit elektrisierender Fulminanz und wirken mit der schlingernden, dabei aber pointierten Härte immens organisch.

Es ist schon erstaunlich: Charts und Stadionkonzerte werden heute weltweit vorrangig von glattgebügeltem Einheits-Pop und dümmlichem Volks-Rock’n’Roll dominiert, Musik zählt vordergründig als einfach gestrickter, nur nicht zu fordernder Eskapismus. Und dann kommen da vier Mannen aus ihrer Versenkung ums Eck und rücken allein polyrhythmisches Gehacke in den Fokus: keine Mitschunkel-Momente, kein Schalala-Chorus zum Mitgrölen, sondern vielmehr angewandte Mathematik für die Ohren – mit immersiven Visuals und zuckenden Laserstrahlen quer durch den Saal, weitestgehend ungestört durch leuchtende Handy-Displays, herrscht doch striktes Fotografierverbot. Inmitten all dieser vollkommenen Sinneseindrücke wirkt die Band plötzlich auf der riesigen Bühne klein, unscheinbar – bildet aber trotz der Distanz zueinander eine geschlossene und überaus präzise Einheit, die in einer in sich ruhenden Routine funktioniert wie ein stoisch arbeitendes Uhrwerk. Publikumskontakt ist ohnehin überbewertet, allein Bassist Justin Chancellor sucht ab und an mit großen Gesten nach einem Hauch an Interaktion, während er im regen Zwiegespräch mit Carey die hochkomplexen Rhythmen lässig aus dem Handgelenk zu schütteln scheint. Dankenswerterweise spielt diesmal auch die Stadthalle selbst mit: Der Sound ist über weite Strecken hinweg brillant, klar, hart und wuchtig. Ängste, die Anlage würde einen ehrerbietigen Kniefall vollziehen und einknicken, erweisen sich zum Glück als unbegründet.

Ganz ohne Erinnerung muss dann aber doch niemand nach Hause gehen: Vor „Stinkfist“ fordert Keenan sogar explizit zum Fotografieren auf – eine Bitte, der erstaunlich wenige nachkommen. Entweder das Gros ist einfach zurecht geplättet und gefühlsmäßig ohnehin schon in der eingangs angesprochenen Notaufnahme, oder man behirnt es letztlich doch: Manchmal ist der Augenblick des Live-Erlebnisses selbst eben doch am Schönsten. Zumindest bis am 30. August endlich der „10,000 Days“-Nachfolger erscheint: Denn Tool erlebt sich introspektiv immer noch besser als im Kollektiv.

Fotos: Christoph Kaltenböck