Ganz groß: Jamie Cullum

Jamie Cullum

Mit „Taller“ präsentiert Jamie Cullum rechtzeitig vor seinem Wien-Gastspiel am Jazzfest seine neue Platte.

Er galt als „David Beckham des Jazz“ und wurde mit dem Album „Twentysomething“ im zarten Alter von 24 Jahren zum umjubelten Star. Das war 2003. Es folgte eine Ausnahmekarriere inklusive privater Highlights wie die Hochzeit mit Sophie Dahl, der Enkelin des legendären Autors Roald Dahl, und die Geburt zweier Töchter. Mit „Taller“ präsentiert der Brite nach fünf Jahren Pause rechtzeitig vor seinem Wien-Gastspiel beim Jazzfest am 9. Juli in der Staatsoper nun seinen neuen Longplayer. Wie der Titel vermuten lässt, thematisiert der 39jährige darauf auch seine geringe Körpergröße und verarbeitete diverse private Angelegenheiten in den neuen Songs.

Du wünschtest, du wärst größer, singst du gleich im Opener „Taller“. Begleiten Gedanken zur Körpergröße dein ganzes Leben und wurdest du da schon mal gehänselt?

Jamie Cullum: Öffentlich wurde das erst zum Thema, als ich eine größere Frau geheiratet habe. Ich meine, sie ist nicht nur größer, sondern wirklich groß. Das meiste hat sich aber hinter meinem Rücken abgespielt. Klar habe ich Sticheleien mitbekommen, aber eigentlich war mir das immer egal. Ich bin so auf die Welt gekommen und kann nichts daran ändern. Ich finde mich okay so wie ich bin.

Sind deine Erfahrungen in Richtung Mobbing etwas, das du an deine Kinder weitergeben kannst?

Jamie Cullum: Die Neugier auf das Leben ist die Antwort auf alles. Die Wahrheit ist, dass mich das nicht wirklich beschäftigt hat. Es gibt Wichtigeres. Ich lese gerne, mache gerne Musik, ich bin gerne mit Freunden und meiner Familie zusammen. Diese Dinge bestimmen mein Leben und nicht, was andere über mich sagen. Das Leben sollte von Liebe, Intelligenz und Neugier bestimmt sein. Leider scheint es so zu sein, dass es oft viel relevanter ist, in ein bestimmtes Schema zu passen. Erst mit zunehmendem Alter kommt man drauf, dass man gewisse Dinge nicht ändern kann. Du kannst aber die Reaktionen der Menschen auf dich beeinflussen. Es kommt darauf an, wie du durchs Leben gehst.

Nun, es gibt nicht nur Menschen, die sich Silikon in den Körper spritzen. Manche lassen sich auch die Beine brechen, um so an Körpergröße zu gewinnen.

Jamie Cullum: Das geht doch niemanden etwas an. Keiner sollte anderen sagen, was sie zu tun haben und was nicht. Solange es für dich selbst okay ist, passt das schon. Es steht mir nicht zu, das zu beurteilen.

Wolltest du immer schon eine größere Frau? Manche Männer haben da ja gewisse Vorlieben.

Jamie Cullum: Nein, gar nicht. Als ich meine Frau kennengelernt habe, waren wir beide in fixen Beziehungen. Lange Zeit waren wir einfach nur Freunde. Wir lieben beide Bücher und gutes Essen, Musik und Tanzen. Als wir dann beide single waren, konnten wir unsere Beziehung auf einer bestehenden Basis aufbauen, auf gemeinsamen Vorlieben und Interessen. Sie kam mir von Anfang an als ernsthafte Persönlichkeit vor, sie war einfach cool. Ich habe niemals Männer verstanden, die nur auf einen gewissen Typ Frauen stehen. Es ist schon ein Luxus, wenn man sich auf einen Typus beschränken kann. Als ich ein Teenager war, war mir jede recht die mich mochte.

Bedeutet es dir etwas, dass du den legendären Roald Dahl zur Familie zählen kannst?

Jamie Cullum: Nein, nicht wirklich. Natürlich ist das ein enormes Erbe, es spielt aber in unserem Leben keine Rolle.

An deinen neuen Song „Life is Grey“ anschließend: Was tust du, wenn dein Leben einmal „grau“ ist?

Jamie Cullum: Im Song geht es mehr um die Schönheit des Grau. Wenn man jünger ist denkt man, es gibt für alle Fragen im Leben Antworten. Die sind dann schwarz oder weiß. Es gibt Helden oder Ganoven. Später bin ich draufgekommen, dass es viele Nuancen gibt und die Wahrheit meist in der Mitte liegt. Das ist das Grau. Dort finden sich die strahlenden Farben. Es muss ja nicht unbedingt immer jemand Recht haben oder nicht. Man kann auch unterschiedlicher Meinung sein und beides gelten lassen. Das macht doch die Schönheit von Gesprächen aus. Unsere Welt ist sehr laut geworden. Ich habe Recht und du Unrecht. Diese Person ist gut, jene böse. Doch die Nuancen dazwischen sind der eigentlich farbige Teil. Das Grau, das als fade Farbe gilt, scheint für mich sehr hell. Ich wünsche mir, dass meine Kinder das bereits in jungen Jahren erkennen. Doch man muss akzeptieren, dass Kids so etwas selbst herausfinden müssen. Das gehört für mich auch zum Grau. Aber natürlich kommt es darauf an, was man ihnen vorlebt.

„Life is Grey“ beginnt mit einem sehr intimen Vokal-Teil. Ist es schwierig, dich so verwundbar und exponiert zu zeigen?

Jamie Cullum: Das fällt mir schon schwer. Wenn man aber um seine eigene Verletzlichkeit weiß, ist das schon wieder eine Superkraft. Das hat auch damit zu tun, dass ich jetzt mehr Kontrolle über meine Produktionen habe. Ich kann daheim selbst Songs in großartiger Qualität aufnehmen. Den Piano- und Vokalpart in „Life is Grey“ habe ich ganz alleine eingespielt. Ich hatte nicht einmal Kopfhörer auf, ich war wirklich ganz alleine. Also konnte auch niemand seine Meinung zu dem Titel abgeben bevor ich fertig war. Ich habe alle externen Einflüsse abgestellt. Das hat es mir leichter gemacht, meine verwundbaren Seiten zu zeigen.

Ein großer Schritt?

Jamie Cullum: Es war eher ein Risiko, das ich eingegangen bin. Es war eine Frage der Bequemlichkeit. Ich wollte viel zu Hause sein, die Kids aufwachsen sehen und viel Zeit mit meiner Frau verbringen. Wenn sich meine Songs allerdings nicht mehr ehrlich anfühlen, sollte ich es besser bleiben lassen.

Im Text gibt es den Satz „I write to learn when I’m thinking“. Trifft das zu?

Jamie Cullum: Ja, das ist einer der wichtigsten Punkte der vergangenen fünf Jahre. Um meine Gedanken zu sortieren, muss ich sie aufschreiben. Das hat aber gar nichts mit Songwriting zu tun: Ich schreibe Songs nicht, damit sie einen Sinn ergeben. Es ist der Luxus eines Musikers, dass man in einer Peter Pan-Welt leben kann. Man muss nicht so rasch erwachsen werden wie andere. Man wird sogar ermutigt, diese ein wenig unreife Version seiner selbst zu bleiben. Das ist okay solange man single ist und keine Kinder hat. In einer Ehe funktioniert das nicht mehr ganz so einfach.

Du betonst immer wieder, dass du noch nie in deiner Karriere so ehrliche Lieder geschrieben hast. Was war davor?

Jamie Cullum: Mir ist schon klar, dass das so klingt, als würde ich meine früheren Songs diskreditieren. Das meine ich ganz und gar nicht so. Es gibt mehrere Wege ehrlich zu sein, ohne dass man es beabsichtigt. Und es gibt genügend ältere Titel, in denen ich auch viel über mich verrate.

Bist du am Weg vom Entertainer zum Songwriter?

Jamie Cullum: Ich hoffe, dass ich noch immer ein Entertainer bin (lacht). Da mein Selbstvertrauen beim Schreiben von Liedern gewachsen ist, kann ich meine Gefühle heute einfacher in Worte fassen. Ich sehe mich erst seit etwa sieben Jahren als Songwriter und nicht in erster Linie als Jazz-Musiker, als Sänger von Coverversionen.

Weshalb seid ihr Stars immer voller Selbstzweifel?

Jamie Cullum: Ich kann mich selbst schlecht beurteilen. Wenn ich die Songs auf „Taller“ mit ein wenig Abstand betrachte, denke ich, dass sie starke Aussagen haben. Ich habe sehr hart an ihnen gearbeitet und ich bin zufrieden mit der Architektur der Lieder. Das hätte ich vor zehn Jahren noch nicht gekonnt. Ich hoffe aber, dass mein nächstes Album noch besser wird.

Ist es nicht gewagt, einen Song universell mit „Mankind“ zu betiteln?

Jamie Cullum: Darin geht es um mich. Ich habe einen ziemlich religiösen Background. Ein Teil meiner Familie ist römisch-katholisch, der andere jüdisch. Der Glaube hat in meiner Jugend also eine prominente Rolle gespielt. Im Text geht es darum was übrig geblieben ist, nachdem ich das alles aus meinem Leben geworfen hatte. Übrig beiben die Menschen, mit denen man sich umgibt.

Wie geht es dir in politisch chaotischen Zeiten wie diesen?

Jamie Cullum: Mein Bauchgefühl sagt mir, dass die Brexit-Abstimmung mit unehrlichen Argumenten befeuert wurde. Es hat doch niemand wirklich gewusst wofür man da abstimmt. Unsere gewohnten Systeme zerbröckeln, das ist unübersehbar. Jedes Land hat derzeit eine eigene Art Brexit am Dampfen. Meine Eltern kamen als Kinder in einem Boot in einem fremden Land an. Als Flüchtlinge. Ich reise die ganze Zeit herum und fühle mich als Europäer. Ich kann nicht beurteilen, ob wir unseren Kindern eine bessere Welt hinterlassen. Ich hoffe aber, dass die Menschen in zwanzig Jahren noch immer Dinge hinterfragen und im Gespräch sind. Nun neue Grenzen zu schaffen ist, als würde man wieder Dampflokomotiven einsetzen. Im Gespräch bleiben, das ist das Wichtigste, und andere Argumente gelten lassen.

Bei den groovigen Tracks „Usher“ und „Monster“ frage ich mich, wo du all die Jahre deine Funk-und Soul-Gene versteckt hast?

Jamie Cullum: Ich habe meine Stimme in eine neuen Richtung geöffnet. Zudem beschränke ich mich nicht mehr selbst, wenn es um den Sound geht. Ich wollte, dass „Usher“ wie ein Prince-Song klingt. Außerdem ist Troy Miller ein extrem talentierter Produzent der mir half, meine Visionen umzusetzen.

Aber der Song hat nichts mit dem Sänger Usher zu tun?

Jamie Cullum: Doch, doch. Damals war eine unserer Töchter noch ein Baby, die andere lernte gehen. Es war fünf Uhr früh und ich war unterwegs auf Tournee. Sophie war mit einer Freundin, die auch ein Baby hatte, daheim und Usher kam im Fernsehen. Sie stöhnte: Früher kannte ich Usher persönlich. Gemeint war das Leben vor den Kindern, als sie mit 21 in New York gelebt hat. Es geht in dem Song darum, wie sich das Leben verändert, wenn man Kinder hat. Darum, was man zurücklässt. Das war der Gedanke.

Verspürst du Existenzängste? Immerhin heißt ein Song „The Age of Anxiety“.

Jamie Cullum: Fühlt sich denn irgendwer wirklich hundertprozentig sicher? Mein Leben ist relativ unkompliziert, dennoch glaube ich, dass Existenzangst etwas zutiefst menschliches ist. Ich bin ehrlich: Klar habe ich Existenzängste! Ich lamentiere aber nicht, dass ich ein einsamer Rock-Star bin, der alleine in einem riesigen Anwesen sitzt. Es gibt täglich Ängste, auch wenn ich mich selbst nicht als ängstlichen Menschen bezeichnen würde. Natürlich frage ich mich, wie meine Karriere weitergeht. Läuft es gut, oder geht sie eines Tages den Bach runter? Bringe ich meinen Kids die richtigen Sachen bei? Gehen sie in die richtigen Schulen? Erziehen wir sie richtig? Als eine unserer Töchter die Schule gewechselt hatte, lagen wir in der Nacht wach im Bett und fragten uns, ob das die richtige Entscheidung war. Mein Leben ist voll von solchen Sachen. In dem Song geht es auch darum, dass wir jetzt die EU verlassen und um die Flüchtlingskrise. Die Worte sind nur so aus mir heraus gesprudelt. Als menschliche Spezies sind wir im Allgemeinen sehr ängstlich geworden. Dafür gibt es auch jeden Grund.

Hast du schon mal daran gedacht, all deine Verpflichtungen einfach über Bord zu werfen?

Jamie Cullum: Man hat Verantwortung gegenüber seinen Kindern und seinem Partner. Das sind meine primären Pflichten. Wenn ich ein Album herausbringe, müsste ich zwar keine Interviews geben und Promotion dafür machen, aber es hilft. Zudem ist es ein Privileg über meine Musik sprechen zu können. Das ist keine Bürde.

Man sagt immer, nur ein unglücklicher Autor könnte gute Liebeslieder schreiben. Wie gelingt dir das in einer glücklichen Ehe?

Jamie Cullum: Jede lange Beziehung hat auch ihre nicht so tollen Momente. Manchmal zerbricht die Liebe daran, manchmal wird sie dadurch stärker.

„For the Love“ klingt wie ein Song für deine Töchter …

Jamie Cullum: (lacht) Der Refrain ja, aber eigentlich ist er für meine Frau. Es geht wieder um mehr Ehrlichkeit. Dass wir uns eingestehen, dass wir alle ein bisschen gaga sind. Im Text heißt das: „We are all a little mental.“

Du bist in deinem Leben besonders stolz auf …?

Jamie Cullum: Meine Ehe. Wir wissen alle, wie schwer das manchmal sein kann. Vor allem, wenn man Kinder hat. Und ich bin stolz auf die Beständigkeit meiner Musik, denn ich bin jetzt seit zwanzig Jahren Profimusiker.

Also werden wir uns in zwanzig Jahren noch immer über deine neuen Alben unterhalten?

Jamie Cullum: Das klingt nach einem guten Plan!

Jamie Cullum gastiert am 9. Juli im Rahmen des Jazz Fest Wien in der Wiener Staatsoper, das Konzert ist bereits ausverkauft. Tickets für die übrigen Künstler des Festivals erhalten Sie bei oeticket.com.