Gewalt gehen mit „Paradies“ auf „Gier“-Tour

Gewalt

Ende letzten Jahres haben Gewalt ihr fantastisches Debüt „Paradies“ im Volkstheater vorgestellt, nun gehen sie auf „Gier“-Tour, u. a. quer durch Deutschland, die Schweiz und Österreich.

Von Hamburg bis Laibach zerreissen Stroboskope, Maschinen Beats, klirrende Gitarren und sinistre Bassriffs die Dunkelheit der Clubs. Es wird ohren- und seelenbetäubend – wie auf dem gefeierten, verdammten Debütalbum „Paradies“! Auf zum Tanz, zum Schrei, zur Katharsis in dieser elendigen Zeit! Erkenntnis und wilde Raserei sind garantiert.

Aber wer und was sind eigentlich Gewalt, die das Paradies so bedrohlich wirken lassen? Der Berliner Musiker und ehemalige Musikmanager Patrick Wagner (Surrogat, Kitty Yo, Louisville Records) ist ein ewiges Großmaul. Inzwischen ist er aber älter und dadurch vielleicht eine Spur weiser geworden. Nach langer Schaffenspause hat er mit dem Trio Gewalt, das er zusammen mit seiner Partnerin Helen Henfling (Gitarre; LOOKBABY, Kitty Yo, Mute, Gigolo Records) und Jasmin Rilke (Bass; Fluc, Venster, B72, Aivery) betreibt, ein sehr gutes Ventil für seine Ideen und seine überschießende Energie gefunden. Vergangenen Herbst hat ihn Sebastian Fasthuber für !ticket zum Gespräch gebeten.

Die Musik von Gewalt ist hart, rau und stumpf. Das Gegenteil von dem, wie Musik im Streaming-Zeitalter klingt. Worum geht es Ihnen?

Um Unmittelbarkeit. Ich habe vor kurzem herausgefunden, dass Musik inzwischen oft mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz geschrieben wird. So klingt irgendwann alles gleich. Wir wollen aber nicht wie etwas klingen, was es eh schon gibt. Das finden wir langweilig. Ich habe das Gefühl, dass so etwas, wie wir es spielen, überhaupt noch nicht existiert hat.

Sie lassen den Drumcomputer den Takt vorgeben. Wieso?

Ein Schlagzeuger hat im schlimmsten Fall einen eigenen Stil. Mit dem Drumcomputer können wir alles machen, mal Techno, mal Hip-Hop oder Trap. Das hört man dem Resultat nicht mehr unbedingt an, weil dann Gitarren und Bass drüber liegen – aber die Ideen kommen teilweise aus ganz anderen Ecken als Rockmusik. Vielleicht definiert uns das: Gewalt ist nicht mehr so richtig Rockmusik. Es ist auch tanzbar und krautig, gleichzeitig heavy und wahnsinnig emotional. Die Idee ist, alle Elemente des Musikhörens und des Menschseins zu berühren: den Körper, den Geist, die Seele, das Gefühl, die Freude, den Schmerz, alles.

Was sich durch das Doppelalbum zieht, ist Ihre Liebe zum Krach. Was ist so toll an Noise?

Mich reizt daran das Unkontrollierte, Unkontrollierbare. Bei „Manchmal wage ich mich unter Leute“ gibt es diesen unglaublich starken Frauenchor. Dann gehe ich mit der Stimme vor. Und aus meinem Schrei gegen die Welt und die Ungerechtigkeit entwickelt sich plötzlich ein Noise-Teil. Der schält sich komplett frei heraus. Wenn ich den höre, bekomme ich jedes Mal Gänsehaut. Das ist Schönheit.

Was soll Gewalt bei den Hörern auslösen?

Wir wollen, dass unsere Musik etwas bewegt. Natürlich nicht in Massen, aber im Kleinen, in der Wirklichkeit. Unsere Musik kann einen wirklich durchdringen. Ich habe schon von ein paar Leuten gehört, dass sie nach einem Konzert nach Hause gegangen sind und alles in ihrem Leben verändert haben. Das ist natürlich eine Wucht.

Beim Musizieren selber darf man aber noch nicht an die Wirkung denken, oder? Sonst denkt man in Zielgruppen.

Absolut. Es gibt ein großartiges Zitat von Gerhard Richter. Frei zitiert hat er gesagt: In dem Moment, wenn ich an der Leinwand stehe und mir ein Funke an Gedanken ins Hirn kommt, was irgendjemand davon halten könnte, muss ich sofort von dieser Leinwand weg und darf tagelang nicht malen. So ist es bei uns im Prinzip auch.

Wie entstehen die Texte?

Die schreiben sich mehr oder weniger von allein. Meistens schreibe ich morgens, nach einer durchwachten Nacht. Ich sammle nicht groß Sachen. Das kommt alles gebündelt und verdichtet so raus. Dann wird’s ein Lied. Oft ist es auch trivial.

Eigentlich ist es überraschend, dass sich vor Ihnen noch keine Band Gewalt genannt hat. Was drückt der Name aus?

Das fanden wir auch richtig seltsam. Es existiert eine Band namens All diese Gewalt. Und es gibt eine Stuttgarter Hip-Hop-Crossover-Band, die schreibt sich Gwlt. Für uns hat der Name eine programmatische Wirkung: Diese Band konnte nicht anders als Gewalt heißen. Wenn du dich so nennst, müssen die Dinge auch knallen. Man kann unter diesem Namen schwerlich mediokres Zeug machen. Wir wollen die Dinge zu Ende formulieren und ganz tief rein. Es geht uns um den Inhalt, um die Essenz.

Gleichzeitig haben die Songs etwas ganz Simples, fast schon Primitives.

Genau. Wir schreiben die und nehmen sie sofort auf. Die Struktur der Songs ist immer total einfach. Da ist nichts manieriert. Die Songs sind auch alle live eingespielt. Die ganzen Fehler haben wir drin gelassen. Dass das nicht so klingt, liegt in erster Linie an diesem verrückten Amerikaner Alexander Almgren, der das Album gemischt hat.

Was hat er aus den Songs rausgekitzelt?

Er hat einfach noch was Anderes draus gemacht. Keine Ahnung, wie das vonstatten ging. Vorher habe ich mir gedacht: Ja, coole Band. Jetzt kann man komplett eintauchen. Wenn man sich das mit Kopfhörern anhört, lässt sich nach zwei Minuten nicht mehr sagen, was an Instrumenten zu hören ist. Das finde ich so toll. Wie eine neue Sprache.

Ist Rockmusik mit 50 noch das geeignete Ventil?

Es fühlt sich richtig an. Ich hatte aber Todesängste, als ich nach 12 Jahren wieder auf die Bühne ging. Wenn 50-Jährige Musik machen, ist das oft so ein Elder-Statesman-Ding: Ich sitze hier an meinem Klavier und erzähle euch mit all meiner Erfahrung, wie das Leben geht. Bei mir ist es genau das Gegenteil. Ich weiß nicht, wie das Leben geht.

Parallel zum Doppelalbum „Paradies“ erscheint auch ein Buch mit Fotos und vertiefenden Texten. Sehr vieles berührt Ihre eigene Biografie.

Das Ganze ist auch eine Auseinandersetzung mit mir selbst. Ich bin mir oft selber zu viel. Gerade auch jetzt wieder. Die ganze Zeit haben wir als Band nur Singles gemacht, das war wie ein heiliger Raum: Du konntest was veröffentlichen, aber die meisten haben es nicht mitgekriegt. Trotzdem wurden die Konzerte immer voller. Toll. Jetzt treten wir wirklich raus, und nun ist es uns ein bisschen zu viel. Aber gleichzeitig auch immer zu wenig. Eigentlich denke ich mir, nach dieser Platte müsste die Welt eine komplett andere sein. Gleichzeitig sind wir uns dessen bewusst, dass sich im Grunde keine Sau dafür interessiert.

Wie bandfähig sind Sie eigentlich?

Es ist manchmal anstrengend mit mir, das ist klar. Aber in der Konstellation ist es super. Jasmin ist sehr pragmatisch, handwerklich und einfach eine richtig gute Musikerin. Ich habe diese wüste Energie und inneren Krach. Helen wiederum hat ein total gutes Gefühl, wann etwas gut ist und wann nicht. Was wichtig ist, wenn man mit mir zu tun hat. Es findet eine intensive Auseinandersetzung über die Musik und die Texte statt, das ist wunderbar.

Früher war Ihr Tun von Größenwahn geprägt. Inzwischen moderieren Sie in Berlin Fuckup-Nights und haben das Scheitern für sich entdeckt.

Scheitern ist ganz normal. Ich habe gelernt, dass es einen befreit darüber zu reden. Auch mit anderen. Ich kann dadurch mit meiner Vergangenheit und meiner Gegenwart viel besser umgehen. Ich bin nichts und ich kann nichts. Ich bin nur ich selber. Jahrelang habe ich gedacht: Ich bin der Größte. Zu merken, dass ich der nicht bin, war eine bahnbrechende Erfahrung. Sie hat mich Jahre meines Lebens gekostet. Es ist auch ein immer währender Kampf. Ich kann nicht so tun, als hätte ich nicht diese wahnsinnige Energie. An sich bin ich ein Lamborghini. Den musst du auch fahren. Okay, ich fahre ihn und lenke ihn auch mal gegen die Wand. Ich passe mittlerweile aber auf, dass ich nicht zu viele Leute mit ins Verderben reiße.

Die „Gier“-Tour von Gewalt wird von !ticket präsentiert. Tickets für u. a. Graz, Dornbirn, Villach, München, Innsbruck und Salzburg sind hier erhältlich.

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