Grrrl Power

grrrlpower

Oft wird von der Männerdominanz schwadroniert, auch wenn sich zumindest in der Welt der Musik keine Frage nach dem Geschlecht stellen sollte. Dennoch: Auch die Frauen haben es ordentlich drauf!

Zeitsprung zurück Mitte der Neunziger: Im Vergleich zur weltweit gefeierten Grunge-Ästhetik hatten es die Punk-Feministinnen der „Riot Grrrl“-Bewegung – ein Begriff der auf ein gleichnamiges Magazin der Bikini Kill-Sängerin Kathleen Hanna zurückgeht – deutlich schwerer, die Massen zu erreichen. Denn so überraschend es im vorurteilsbehaftetem Blickwinkel erscheinen mag, das Riot Grrrl war nicht als modisches H&M-Phänomen, sondern als Haltung ausgelegt.

Der Hintergedanke war, Feminismus als vielleicht zu intellektuell und steif erfahrbares Konstrukt in die Lebenswelt von Teenagern zu übersetzen – ein generationenübergreifender Dialog, der vielen Feministinnen bis heute nicht gelingt. Gerade hierzulande konnte (im Gegensatz zu Amerika) die „Riot Grrrl“-Bewegung jedoch nie wirklich Wurzeln schlagen. Die popkulturelle Rezeption (bevorzugt im Musikblatt Bravo) präsentierte eine verzuckerte Spielart des Grrrls, für das die Provokation schon darin bestand, den Begriff „Mädchen“ wieder besetzen zu wollen und den männlichen Hintern zu besingen. Lucilectrics Hit „Weil ich ein Mädchen bin“ (1994) ebnete hierzulande den Weg für gecastete Bands wie die Spice Girls oder auch Avril Lavigne, die dann im Pop-Mainstream den Typ „freches [aber süßes!!!] Mädchen“ verkörperten. Diese Girlies wollten Spaß, aber bloß nicht die Machtfrage stellen. „Girl-Power“ sollte ein konsumierbarer Feminismus sein, der aber ausschließlich sexy ist und ja niemandem zu nahe tritt. Diese Episode hinterließ nichts außer dem leeren Versprechen: Die Zukunft ist weiblich!

Zeitsprung ins Heute: Die russischen Aktivistinnen von Pussy Riot, die sich nicht nur mit ihrem Namen immer wieder auf die Riot Grrrls bezogen haben, nahmen bis zu ihrer Verhaftung Anfang 2012 in ihren Performances schreiend und tretend den iniativ gedachten physischen Raum wieder ein. Spätestens seit ihrer Verurteilung zu langjährig angedachten, mittlerweile jedoch wieder ausgehebelten Haftstrafen sind sie zu Symbolfiguren und Heldinnen geworden. Natürlich protestieren auch etwa die Femen-Frauen mit ihren Körpern. Doch die meist langhaarigen, schönen Frauen, die in Deutschland als neue Form des Feminismus gehandelt werden, erinnern mehr an die Girlies, die ebenfalls Blumen im Haar trugen und Männern gefielen. Die unbekleideten Brüste von Femen waren vielleicht hehr und effektvoll, versagen aber im Transport fundierter politischer Botschaften.

Und so ist die heutige Sehnsucht nach den Riot Grrrls völlig berechtigt. Denn Popmusik bleibt der Ort, von dem aus eine vernünftige Frauenrevolution weitergehen kann: Hier erreichen – erstens – Mädchen/Frauen einander. Doch am wichtigsten ist zweitens, dass Frauen den Mut finden, ihren Gefühlen zu folgen, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, wie sie dabei wirken: „zu radikal“, „zu wenig weiblich“, „zu laut“ oder „zu leise“ – das sind alles keine gültigen Kategorien. Und drittens: Außerdem hören ihnen hier auch die Männer zu.

Dessa

Aufgewachsen ist Dessa im Süd-Minneapolis der Achtziger. Sie war ein eigensinniges, extrem aufgewecktes Kind, und ihre Eltern waren beide musikalisch: Die Mutter sang, der Vater spielte klassische Gitarre und obendrein diverse mittelalterliche Saiteninstrumente. Nachdem sie ihren Abschluss in Philosophie in der Tasche hatte, machte sie sich in Slam-Poetry-Kreisen einen Namen und lernte so auch die Protagonisten der Rap-Szene ihrer Stadt kennen: Wenig später war sie festes Mitglied des Doomtree-Kollektivs, bekannt für knallharte Produktionen, unmissverständliche Texte und krasse Live-Shows. Von und mit ihrer Crew lernte und prägte sie ihren eigenen Ansatz, basierend auf einem DIY-Ethos und dem Wunsch, nach ganz eigenen Regeln zu arbeiten. Doomtree, das bedeutete: Selber CDs brennen und verkaufen, Shows selber buchen, Pressetexte wie diesen selber verfassen, T-Shirts selbst designen. Die Songs, die Dessa auf ihrem letztjährig veröffetnlichten, vierten Album „Chime“ präsentiert, sind das neueste Resultat jenes Wegs, den sie damals eingeschlagen hat: Sie ist nun mal Akademikerin und Rapperin zugleich, Autorin und Tochter eines Lautenspielers, die die prägendsten Jahre ihres Lebens größtenteils in einem Kleinbus verbracht hat, in dem außer ihr nur Typen saßen.

Musik zu machen, die ganz unterschiedliche Einflüsse vereint, ohne dabei künstlich oder gewollt zu klingen: das ist leichter gesagt, als getan. Dessa und ihre Mitstreiter jedoch haben jahrelang an ihrer Vision gearbeitet, um genau das zu schaffen: „Chime“ klingt trotz der vielen Referenzpunkte wirklich aus einem Guss. 2018 war ein wichtiges Jahr für Dessa, die „Chime“ im Rahmen einer internationalen Tour live präsentierte und zugleich ihr erstes Hardcover-Buch bei Dutton Books (Penguin/Random House) vorgelegt hat. Mal schauen, was für Überraschungen sie 2019 noch parat hat.

Dessa spielt am 6. Mai im Fluc und am 10. Mai in der Szene Lustenau, Support kommt von Aby Wolf.

Laing

Als Laing Anfang 2013 mit ihrem Debüt „Paradies Naiv“ inklusive der Single „Morgens immer müde“ nicht nur auf der Bildfläche, sondern auch in den Top Ten der Charts auftauchten, sah Pop mit deutschen Texten besser aus denn je. Das geschmeidig widerspenstige Kollektiv führte muttersprachliche Lyrics auf dass nächste Level, so gestaunt und getanzt wurde selten bei einem Erstlingswerk. Ein Jahr und ein bisschen später dann bereits das Nachfolgewerk „Wechselt die Beleuchtung“. Und nun, nach einer viel zu langen Pause, veröffentlicht die Berliner Band rund um Songschreiberin Nicola Rost endlich ihr drittes Album („Fotogena“) und Fans von smarter Pop-Poesie können endlich wieder aufatmen!

Für den mehrstimmigen Gesang sorgen neben Nicola Rost noch Johanna Marschall und Josefine Werner, ebenfalls zur festen Crew gehört die Tänzerin Marisa Akeny. Bühnenshow und Live-Bedingungen? Nur her damit! Denn wer diese Band kennt, weiß, welcher Schwerpunkt auf die Performance gelegt wird. Einfach seine Songs abspulen ist woanders, aber auf keinen Fall hier: Pop-Poesie auf Zucker – und mit Pfefferspray in der Handtasche. Willkommen zurück!

Laing spielen am 2. Juni im dasWerk.

Lucy Dacus

2018 stellte einen Meilenstein für Lucy Dacus aus Richmond, Virginia, dar. Ihr weithin gefeiertes Album namens „Historian“ wird von NPR, Rolling Stone, Pitchfork, Billboard, Paste und Stereogum in den höchsten Tönen gelobt – und oft als eines der besten Alben des Jahres gewertet. Wenn man sich ihren Tourplan für 2019 anschaut sieht man auf einen Blick, dass auch dieses Jahr ein arbeitsames wird. Um das zu feiern, wird sie im Laufe der kommenden Monate eine EP mit dem Referenznamen „2019“ veröffentlichen. In diversen Studios über die letzten beiden Jahre aufgenommen, handelt es sich um Coverversionen sowie Eigenkreationen von Songs, die sie mit jährlichen Feiertagen verbindet: Valentinstag, Muttertag, Unabhängigkeitstag, Bruce Springsteens Geburtstag, Halloween, Weihnachten und Neujahr. Bereits veröffentlicht ist ihr zweisprachiges Cover von Edith Piafs „La Vie En Rose“ zum Valentinstag.

Dacus nutzt ihre Gabe als Songwriterin uns zu helfen, die Welt um uns herum zu verstehen und mit ihr umzugehen. Das schließt auch die Feiertage ein, die mittlerweile nur mehr auf Social Media existieren beziehungsweise oft in Konsumwahn abdriften, anstatt authentische Feierlichkeiten darzustellen. Das finden wir einen sympathischen Zugang!

Lucy Dacus spielt am 7. Juli im Flex, am 8. Juli im Conrad Sohm.

Sasami

SASAMI (Sasami Ashworth) macht seit fast einem Jahrzehnt Musik – ihre Homebase ist die Gegend um Los Angeles. Musikalisch ist sie mehr als umtriebig: Sie spielt French Horn in Orchestern und Studios, Keyboard und Gitarre bei lokalen Rockbands (Dirt Dress, Cherry Glazerr) und wirkt auch bei diversen Albumproduktionen mit (Avi Buffalo, Curtis Harding, Wild Nothing, Hand Habits etc). Weiters produziert sie Tracks für angesehene KünstlerInnen wie Soko – und hat sich damit ihren Ruf als Musik-Wizard erworben, zudem arrangiert sie auch Orchesterarrangements für Filme und Werbespots und ist in Los Angeles engagierte Musiklehrerin.

Ihr Solo-Debüt ist am 8. März bei Domino erschienen und beweist damit, dass Indie-Rock noch nicht auserzählt sind. Weibliche Acts wie Mitski, Japanese Breakfast und Snail Mail haben zuletzt schon gezeigt, dass man die Koordinaten nur ein bisschen versetzen muss, um reichlich Platz für Neues zu finden. „Not The Time“ beginnt wie ein goldener Indie-Hit aus den frühen 90ern, man denkt an OWL-Bands wie Sharon Stoned oder die Hip Young Things. Keine 40 Sekunden später hat ich Sasami jedoch schon in die Easy-Listening-Jazz-Vocal-Welt von The Free Design vorgewagt, die Stimme doppelt sich, ein Keyboard überlagert die Gitarre, Stereolab sind nicht weit. Stück für Stück entwickelt die Künstlerin die Harmonie weiter, am Ende weiß man gar nicht: Ist dieser Song ein einziger Refrain oder eine einzige Strophe? Egal, toll ist er! Wie auf dem Cover sehr schön dargestellt, bewegt sich die Songwriterin permanent zwischen zwei Eisschollen – oder ist es nur eine, die zu brechen droht? Dieser Indie-Rock stellt viele Fragen, und das ist das Beste, was dieser Musikrichtung passieren kann.

Sasami spielt am 14. September im dasWerk.

Namika

Geboren und aufgewachsen in Frankfurt, war Hip-Hop für Namika von Anfang an die wesentliche musikalische Inspirationsquelle. Als sie ungefähr neun war, begann sie zu rappen: „Das war eher spielerisch. Mein Cousin und ich waren gleich alt und verbrachten viel Zeit bei unseren Großeltern. Dort haben wir abwechselnd gebeatboxt und gerappt.“ Viele Jahre später kann Namika rappen wie der Teufel und kennt alle Codes, bedient aber nur bedingt die in Deutschland üblichen Hip-Hop- Klischees von Straße und Milieu, von denen sich der interessantere Teil der amerikanischen Konkurrenz längst emanzipiert hat.

Auf ihrem 2015 erschienenen Debüt „Nador“ deutete die Musikerin ihr enormes Talent dann erstmals auf breiter Ebene an. Die erste Single „Lieblingsmensch“ stand wochenlang an der Spitze der Charts, das Album wurde mit Gold ausgezeichnet. Namikas neues Album „Que Walou“ ist nun die logische Fortsetzung von „Nador“ – und zugleich dessen konsequente Weiterentwicklung. Namika ist durch die Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre künstlerisch gereift. „Que Walou“ ist eine Redewendung aus Zentralmarokko und bedeutet „wie nichts“ oder „für nichts“. Genau so klingt das Album nun auch: Leicht, bouncy, scheinbar mühelos.

Namika spielt am 14. Dezember in der Arena.