Guns N‘ Roses: Wenn blinde Zerstörungswut geiler ist als Sex

Guns N Roses

Guns N‘ Roses werden kommendes Jahr wieder in Wien Station machen: Grund genug, um in Erinnerungen zu schwelgen – und das Weihnachtsgeld zu verpulvern.

In Nick Hornbys Roman „High Fidelity“ sortiert Plattennarr Rob Gordon nach einem Beziehungsaus seine Platten autobiographisch neu. Eine Ordnung meiner Plattenberge habe ich zwar bereits aufgegeben, aber: Bei mir fing (nach ersten Gehversuchen mit David Hasselhoff) alles mit „Appetite For Destruction“ an. Und bis heute klingt – ist! – die Zerstörungswut von Guns N‘ Roses geiler als Sex.

Anfang der Neunziger war meine liebste Lektüre nicht die, die mir die katholische Privatschule vorschrieb – Kästner, Defoe, Twain und ähnlichen Schmarren – sondern die Bravo. Da gab es nämlich nicht nur den interessanten, weil: realitätsnaher gestalteten Biologieunterricht, sondern neben Sex auch drugs and rock’n’roll, denn: Metallica und Guns N‘ Roses befanden sich gerade auf pompöser Co-Headliner-Tour. Metallica hatten gerade ihr schwarzes Album veröffentlicht, das bis heute knapp 23 Millionen Mal über die Ladentische wanderte, Guns N‘ Roses ihre Doppelscheibe „Use Your Illusion“, die kumuliert gleich 35 Millionen Exemplare absetzte. Gefühlt jeder hörte damals diese Urgewalt, ganz gleich ob man sonst lediglich mit Pur ins Abenteuerland marschierte oder mit Matthias Reim vor lauter Herzschmerz in Verdammnis schmachtete. Damals donnerte der vormals als Randgruppenmusik verschriene Krach für tätowierte Langzeitalkoholiker in den Mainstream – und somit auch in meine unschuldigen Kinderhände. Man kann sich wohl mit Hängen und Würgen vorstellen, wie sehr nebst den Erziehungsberechtigten schließlich auch meine konservative Schule frohlockte, als der Rabauke in mir den hellblauen Uniform-Polo gegen ein Band-T-Shirt eintauschte, noch dazu in eines, das mein – im Gegensatz zu meinen Eltern: cooler – Onkel vermutlich nächtens von einem schwer drogensüchtigen, Frauen schlagenden, arbeitsunwilligen, nebulösen Dealer am Karlsplatz erstand und mit den ikonischen GNR-Totenschädeln am Kreuz verziert war. Die Klosterpinguine befanden sich mit Schnappatmung kurz vor dem Kollaps als sie mich erblickten, und schließlich stand auch mein erstes von zahlreichen Vorsprechen in der Direktion an – es sollten später dank zur Schau getragener Motive von „Fuck Me Jesus“ (Marduk) und „Jesus Is A Cunt“ (Cradle Of Filth) vielleicht intensivere Gespräche folgen, aber das erste, das auf meiner zaghaft knospenden Liebe zu Guns N’ Roses beruhende, ist mir am intensivsten in Erinnerung geblieben: Ob ich denn zuhause Probleme habe, wurde ich etwa gefragt. Oder mir gar Leid zufügen wollte. Und ob ich Drogen nehme! Es stieß bei den stocksteifen Katholiken gar auf himmelhochjauchzendes Unverständnis, als ich zu erklären trachtete, dass ich mich noch nie glückseliger und freier gefühlt habe als in den Momenten, in denen mir Axl Rose sein „Oh, oh, oh sweet child o’mine“ ins Ohr krakeelte und ich erstmals wusste, wie sich wirklich große Liebe anfühlen muss.

Zugegeben: Es war nicht die Musik allein, auch das breitbeinige Auftreten von Axl Rose, das mir als Jungen freilich imponierte; Wollte ich wenige Jahre davor und im wahrsten Wortsinn angefeuert vom kleinen Drachen Grisu noch Feuerwehrmann werden, inspirierte mich Rose mit seinen schlangenhaften Bewegungen und seiner ominösen, überlebensgroßen Aura zum neuen Berufswunsch „Rockstar“. Wo ein Rockstar ist, lernte ich eifrig in Windeseile, da klirren Scherben, da formiert sich eine Welt aus Sex und Wut, Fernseher werden aus Hotelfenstern geschmissen und im starken Strahl nachgepinkelt. Das Zimmerservice bringt kistenweise Nuttenbrause in die Suite und leichte Mädchen entblößen ihr knackiges Hinterteil, von dem man im Taumel der Lust ein weißes Näschen nach dem anderen zieht. Rockstars leiden – trotz allem – im Blitzlichtgewitter, in Glanz und Glorie, sie leiden dekadent und halten an ihrem Seelenschmerz fest, denn er ist ihr Treibstoff, der sie beflügelt. Natürlich: Axl Rose war nicht der erste, der illuminiert mit Stripperinnen-Bagagen durch Hotel-Foyers zog und nebenbei mit erigiertem Mittelfinger in einen Ficus-Topf urinierte. Aber Anfang der Neunziger, als MTV anfing, wirklich global zu agieren und gerade unter amerikanischen Rockbands ein Hang zur Megalomanie grassierte, versetzten Guns N’ Roses dem dereinst schon verruchten Hair Metal, etwa und insbesondere den vergleichsweise zahmen Mötley Crüe, spielerisch den Todesstoß und hievten die Dekadenz auf eine neue Ebene. „Appetite For Destruction“, so der Titel vom Guns N’ Roses-Debüt: selten war ein Albumtitel derart programmatisch zu sehen. Keine Band, kein Album davor oder danach war für das, was die Rockmusik ausmacht, eine derart akkurate Definition wie eben dieses drogenverseuchte, herumvögelnde, prügelnde Quintett, das mit einer Spur der Verwüstung hinter sich vom Sunset Strip aus im Sauseschritt ihren Siegeszug in die Welt antrat.

Slash, Axl Rose, Duff McKagan, Steven Adler und Izzy Stradlin waren keine sinnsuchenden Poeten, sondern sie wollten in Sachen Sleaze und Dirt alles und jeden in den Schatten stellen – während ihr erklärter Nemesis Mötley Crüe den Zeitgeist bediente, wollten sie zeitlos klingen. Zu diesem Behufe legten sie aus dem Effeff den Grundstein einer handfesten Alkoholikerkarriere und zogen neben Drogen auch alles durch, was nicht bei spätestens Eins am nächsten Baum war. Aus dieser Suppe aus sämtlichen Körperflüssigkeiten erbrach schließlich ihre Debüt-LP: Man wollte die Welt brennen machen. Bei Guns N’ Roses ging es nicht um Partys, die bis in die Morgenstunden dauerten, Traumfrauen, die einem das Herz brechen oder was für ein harter Kerl man trotz Kajal und Lippenstift nicht ist. Bei Guns N’ Roses war Los Angeles in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern keine schillernde Märchenwelt, sondern ein hartes Pflaster, das in erster Linie einen trüben, stechend riechenden Rinnsal aus Gewalt und leichter Freude bot. Ihr wagemutiges Konzept, das Normalsterbliche wohl spätestens nach 42 Stunden mit Nierenversagen und Puder-Pest ins Jenseits katapultiert hätte, ging jedoch auf: Wenn man sich heute ansieht, wo Guns N’ Roses („Chinese Democracy“ zum Trotz!) und die wieder reformierten Mötley Crüe im kollektiven Gedächtnis stehen, darf man der kühnen Kalkulation der Gunners durchaus Recht geben. Heute ist es vielleicht nicht mehr meine juvenile Torheit, die „Appetite For Destruction“ mit einer exorbitanten Geilheit auflädt, sondern es sind die Songs, die Soli, die Texte, die Zerrissenheit selbst, die summa summarum geiler stöhnen als alles, was zwischen den Laken so kreucht und fleucht. Über 30 Jahren haben die Stücke – von „Welcome To The Jungle“ über „Paradise City“ bis hin zu „Sweet Child O‘ Mine“ und „Rocket Queen“ – bereits am Buckel, doch sie toben immer noch entfesselt wie ein kleiner Zornbinkel und weder Nirvana noch Marilyn Manson, die in ihren respektiven Jahrzehnten zum ungestümen Ungustl der Nation wurden, konnten diesem wollüstigen Trieb auch nur annähernd das Wasser reichen. Guns N’ Roses auf „Appetite For Destruction“ sind schlichtweg die einzig wahre entfesselte Personifizierung einer orgiastisch triefenden, bebenden, zuckenden Klimax – und ich ahne es bereits: Spätestens, wenn an Heiligabend die dritte Flasche Pinot Noir entkorkt wird, bestell ich mir den sündhaft teuren „Locked N‘Loaded“-Schrein. Man lebt nur einmal.

Der gigantische „Locked N’Loaded“-Schrein.

Guns N‘ Roses spielen am 9. Juni im Ernst-Happel-Stadion. Tickets gibt es ab 18. Dezember um 10 Uhr bei oeticket.com! Meldet euch jetzt bereits für den Ticketalarm an, um die ersten Tickets zu ergattern!

Die größten Stars und das Beste aus über 75.000 Events - jetzt für den OETICKET-Newsletter anmelden und immer am Laufenden bleiben!