Hanna Herbst: Feministin sagt man nicht

Hanna Herbst

Auf der FH Wien für Journalismus wurde sie abgelehnt, trotzdem prägte sie die heimische Medienlandschaft der letzten Jahre wie nur wenige: Hanna Herbst. Besonders ihre Kommentare zu Rechtsextremismus und Feminismus machen aufhorchen. Über letzteres hat sie nun ein Buch geschrieben.

Hanna Herbst Journalismus, so definiert der moderne Brockhaus Wikipedia, ist eine „professionelle Fremdbeobachtung verschiedener Gesellschaftsbereiche. Themen mit Aktualität, Faktizität und Relevanz stellt er durch Publikation für die öffentliche Kommunikation zur Verfügung“. Diese Aufgabe, die nicht selten einer Berufung gleichkommt, nahm Hanna Herbst zuletzt als Stv. Chefredakteurin von VICE Austria (und mittlerweile bei LIGA) breitenwirksam ernst und setzte sich in erster Linie nicht selten pointiert, immer aber beharrlich gegen Diskriminierung und für Menschenrechte ein. Ihre Verantwortung: Die Realität widerspiegeln, auch wenn sie nicht gefällt. Zum Hinterfragen von Diskursen anregen. Und dann vielleicht Anstoß geben, die Welt zu einer besseren zu machen. In einem Interview wird sie zitiert mit: „Ich möchte Menschen Dinge zeigen und erzählen, über die sie vielleicht noch nicht oft nachgedacht haben. Ich möchte ihnen die Menschen näher bringen, mit denen sie sonst wenig zu tun haben. Und ich möchte mich für gleiche Rechte für alle einsetzen.“ „Für alle“, das bedeutet für die Mit-Initiatorin des diesjährigen Frauenvolksbegehrens nicht ausschließlich, aber insbesondere auch: „für Frauen“.

Spätestens mit ihrem kürzlich im Brandstätter Verlag erschienenen Bucherstling „Feministin sagt man nicht“ hat sie einen großen Schritt gemacht, die nicht selten gewaltige, viel öfter jedoch aus männlicher Persepktive unbedachte Kluft zwischen den Geschlechtern zu schließen, denn: Das Buch ist kein aufgeregtes feministisches Manifest, viel mehr ein Sachbuch mit persönlichem Statement – eine authentische, manchmal überraschend offene Schilderung einer jungen Frau in der Gesellschaft. Und das ist, auch wenn man nicht immer Meinungen, Erfahrungen und daraus resultierende Ansichten vollends teilt, hoffentlich erst ihr Anfang. Denn abseits einer Vielzahl von „aha“-Momenten liest sich auch stets zwischen den Zeilen: Eine Feministin hasst Männer nicht. „Gefährlich wird es dann, wenn das, was die Eigengruppe zusammenhält – oder zusammenhalten soll – Antipathie gegenüber Gruppen ist, von denen man sich, bewusst oder unbewusst, versucht, durch gelehrte und angelernte Muster abzugrenzen. Hass auf Minderheiten etwa, Hass auf ‚die Ausländer‘, ‚die Feministinnen‘, aber auch Hass auf ‚den weißen heterosexuellen Mann‘.“ „Feministin sagt man nicht“ ist tatsächlich ein Buch über Gleichstellung.

 

Deinen Namen kennt man bis dato als nunmehr ehemalige Stellvertretende Chefredakteurin von Vice, nun hast du mit „Feministin sagt man nicht“ ein Buch geschrieben. Worin unterscheidet sich hier wie dort für dich persönlich der Prozess des Schreibens?

Online-Journalismus ist schnelllebig. Da schreibst du manchmal einen Artikel und eine Stunde später ist er online. Wenn ein Fehler drin ist, dann kannst du ihn im Nachhinein ausbessern. Bei einem Buch musst du schon einmal ein paar Monate ganz zufrieden sein mit einem Kapitel, was eigentlich unmöglich ist. Aber dann kommt die Deadline und dann ist’s egal, ob du lieber alles wieder ändern würdest.

Was spielt sich sonst in deinem Post-Vice-Leben ab? Planst du, deine Autoren-Karriere zu prolongieren?

Ich bin derzeit in Bildungskarenz und studiere wieder. Ich habe auch wieder ein Angebot, ein Buch zu schreiben, diesmal Prosa, und bin am Überlegen. Lust hätte ich auf jeden Fall.

In deinem Buch beschreibst du dich als „schüchternes Mädchen“ in der Kindheit, heute, als erwachsene Frau, stehst du nicht selten mitten auf der Bildfläche, schlägt dir neben einer Vielzahl an Anerkennung auch eine Welle an Herabwürdigung und Objektivierung – Stichwort: „Hübsche Hass-Hanna“ – entgegen. Wie gehst du mit deiner – sowohl positiven, wie auch negativen – Präsenz um?

Zurücknehmen, wenn es zu viel wird. Und meine Mutter anrufen, wenn ich einen Tritt in den Hintern brauche, weil ich mich etwas nicht traue.

Stichwort Hass – etwas, dem sich auch kürzlich Sigrid Maurer stellen musste: Die Regierung plant, ein „digitales Vermummungsverbot“ bzw. Klarnamenpflicht einzuführen, um gegen Cybermobbing vorzugehen. Dass diese Idee am eigentlichen Problem vorbeischießt, steht außer Frage. Was wäre eine Idee von dir, wie man mit dem Problem „Hass im Netz“ umzugehen hat?

Klarnamenpflicht ist tatsächlich unsinnig. Viele der Nachrichten, die Sigi Maurer bekommt, und auch alle anderen Frauen, die von solchen Nachrichten betroffen sind, kommen von Männern mit Klarnamen. Manchmal sogar mit Profilfoto, auf dem Kinder und Frau zu sehen sind. Wichtig ist, dass Organisationen wie ZARA gestärkt werden, dass sie finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt bekommen. Das ist jetzt durch Crowdfunding passiert, aber eigentlich ist das Aufgabe der Regierung. Aber bei den Nachrichten, wie sie Sigi Maurer bekommen hat, kann nicht einmal ZARA helfen, weil sie nicht strafbar sind. Das muss angegangen werden. Das muss diskutiert werden. Ich verstehe die Bedenken von JuristInnen, aber das ist ein Punkt, wo angesetzt werden muss, nicht die Klarnamen.

Beate Hausbichler weist in ihrer Buchrezension im Standard darauf hin, dass die Aufmachung von „Feministin sagt man nicht“ an die in ihren Augen missglückte Kampagne „This Is What A Feminist Looks Like“ erinnert. Wieso die Entscheidung, dich derart zu exponieren – und wie glücklich bist du rückblickend mit der Entscheidung, dein Konterfei prominent aufs Cover zu drucken?

Das ist ganz einfach: Nicht meine Entscheidung gewesen und wenn es nach mir gegangen wäre, dann wär auf dem Cover nichts außer dem Titel. Einfärbig weinrot, weil das ist meine Lieblingsfarbe. Dass das nicht so passiert ist, war der Verlag, aber jede und jeder, der/die mal ein Buch geschrieben hat, sollte wissen, dass so etwas Sache des Verlags ist. Ich selbst hätte es jedenfalls nie getan.

Wie weit siehst du dich als Person, die in der Öffentlichkeit steht, auch als Role Model?

Manchmal sagen mir junge Frauen, dass sie mich ein wenig als Vorbild nehmen. Vor ein paar Wochen hat mir sogar eine Mutter Mitte 40 geschrieben, ich sei eins. Ich glaub das oft gar nicht, aber ich nehme es ernst und zeige ihnen: Seid genauso Role Models, wenn ihr an was glaubt.

In einem Interview hat Michael Jackson einmal gesagt, er möchte mit seiner Musik weder als Sprachrohr für die schwarze, noch für die weiße Bevölkerung sehen. Untersuchungen des Spirituosenkonzerns Pernod Ricard haben gezeigt, dass in ihrer Marketingwelt KundInnen eine geschlechtsneutrale Ansprache wünschen. Ist generell eine Unisex-Zukunft vorstellbar? Oder anders: Sind Männer und Frauen gleich?

Niemand ist gleich. Sind alle gleichwertig? Ja.

Der dekonstruktive Feminismus Judith Butlers hat nach Ansicht der Philosophin Svenja Flaßpöhler Anteil an der negativen Energie des Feminismus: Mit der Aufforderung, die natürliche Zweiteilung der Geschlechter zu hinterfragen, sei das „Subjekt Frau“ verlorengegangen – und ohne Subjekt keine Potenz. Wie ist deine Position dazu?

Dass Judith Butler der Frau die Potenz genommen haben soll, halte ich für schwachsinnig. Ich finde auch den Vorwurf, durch #MeToo hätten sich Frauen zu Opfern, Hilflosen, Potenzlosen stilisiert, falsch. Sie haben sich gerade durch Metoo eine Stärke geholt, die versucht wurde, ihnen zu nehmen. Sie waren vieles, aber ohnmächtig waren sie nicht.

„Nur wer träumt, ist frei“: Wie utopisch darf Feminismus sein, wie nah an der Realpolitik sollte er sich bewegen?

Beides muss er sein. Ohne Utopien geht nichts und ohne Realpolitik auch nicht. Deswegen gibts so viele von uns und deswegen ist es super, dass wir so verschieden sind. Ein paar malen Utopien, ein paar andere überlegen, wie man sie politisch verwirklichen kann.

Geredet wird in den letzten Jahren sehr offen und sehr viel, über Frauenquoten, Gewalt, sexistische Stereotype und zuletzt sexuelle Übergriffe. Worüber wird breitenwirksam zu wenig geredet?

Über Gewalt an Frauen durch ihre (Ex-)Partner. Über die Armutsgefährdung von Alleinerzieherinnen. Über die Armutsgefährdnung von Frauen in der Pension. Über sehr viel wird zu wenig gesprochen.

Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist von einer vernünftigen Frauenpolitik direkt betroffen, dennoch gilt sie als (unliebsames) Nischenthema. Was kann man dagegen tun? Oder anders: Die KUPFzeitung frug am Rande des Frauenvolksbegehrens: „Finden die Aktivist/innen [nun] den Weg heraus aus ihrer Blase?“

Sprechen, schreiben, Interviews geben, wiederholen. Bei einem Stammtisch des Frauenvolksbegehrens hat eine Besucherin, die zum ersten Mal dabei war, einmal gesagt: „Ich weiß, wir sind nur eine Blase, aber es ist schön, zu sehen, wie groß die Blase ist.“

Provokante Frage: Wie würden Männer von der Abschaffung patriarchaler Strukturen, von der Gleichberechtigung profitieren?

Keine provokante Frage, aber eine riesige Frage. Sie würden in Vielem profitieren: Dass sie keinen Rollenbildern mehr entsprechen müssen, wie es auch Frauen müssen. Dass sie nicht immer stark sein müssen, dass sie nicht größer, erfolgreicher sein müssen, als ihre Partnerinnen. Dass ihnen nicht abgesprochen wird, missbraucht worden zu sein, weil der Übergriff von einer Frau passierte. Es gibt so viele Dinge. Das Patriarchat zerstört nicht nur Frauen, sondern uns alle.

Die französische Feministin Elisabeth Badinter vertritt die Meinung, dass Männer heute unter Identitätsverlust leiden und nicht mehr wissen, wie „Männlichkeit“ auszusehen hat. Ist die Frage nach Identität überhaupt noch zeitgemäß, müsste sie nicht von einer Individualität geprägt sein?

Ich denke nicht, dass die Frage nach Identität die Frage nach Individualität ausschließt. Aber ich glaube, ich verstehe, was du fragen willst: Niemand weiß, wer genau sie sein sollen. Männer nicht und Frauen genau so wenig. Natürlich nicht. Es gibt so viele Vorgaben, so viele Ausbrüche, es hat doch keiner mehr eine Ahnung. Ja, eh, sei schön und perfekt und dies und das, diese Vorgaben haben Frauen wie Männer, aber was bedeutet „Weiblichkeit“, was bedeutet „Männlichkeit“? Jetzt kommt es darauf an, wen man dazu fragt; Die einen werden sagen: Das ist eine Chance, die es zu nutzen gilt. Wir haben keine Schablonen mehr, also können wir selbst definieren, wer wir sein möchten. Die anderen sagen: Die Gesellschaft, in der wir dieser Tage leben, entstand unter dem Vorzeichen der Individualität. Wir können alle sein, wie wir sein wollen. Wir können alle individuell sein. Aber in unserer vermeintlichen Individualität gehen wir alle in dieselben Läden und kaufen uns dort Uniformen, damit wir alle gleich aussehen und wir lesen die gleichen schlechten Bücher und schauen dieselben unoriginellen Filme und hören dieselbe unoriginelle Musik. Keiner von uns will individuell sein, und wir sind es auch nicht. Auch wenn es so aussehen mag. Es ist eine Frage, deren Antwort ein Buch sein müsste. Aber was ich für völlig falsch halte: dass es problematisch ist, dass Männer gerade einen Identitätsverlust erleiden. Das tun sie nicht mehr als alle anderen auch.

Kann etwas, das im gegensätzlichen Einverständnis passiert – von der Arbeitsaufteilung im Haushalt bis zum Sex –, trotzdem sexistisch sein?

Klar. Sexismus passiert sehr oft unbewusst.

Nun ist Sexismus kein einseitiges Thema: Gerade die #MeToo-Debatte hat gezeigt, dass Betroffene in vielen Bereichen nicht nur Frauen sind. Wäre es da nicht möglicherweise an der Zeit, auch begrifflich im Feminismus beide Geschlechter einander zuzuführen und den „Gendergap“ tatsächlich zu schließen? Immerhin zitierst du zu Buchende auch die erste österreichische Frauenministerin Johanna Dohnal mit „Die Vision des Feminismus ist nicht eine weibliche Zukunft. Es ist eine menschliche Zukunft“.

Eh. Wer mein Buch gelesen hat, weiß, dass ich Feminismus in keiner Weise als Vorherrschaft der Frauen sehe – wie übrigens die wenigsten Feministinnen. Es geht darum, dass wir alle keine Nachteile erfahren, schlicht aufgrund unseres Geschlechts. Das gilt für Frauen wie Männer wie alle dazwischen und außerhalb.

Frei nach der populären Reihe deines ehemaligen Arbeitgebers: Welche Musik hört die Feministin Herbst?

Jetzt gerade alles, was sich auch auf der Ukulele spielen lässt, weil ich im Sommer angefangen hab, Ukulele zu lernen.

 

„Feministin sagt man nicht“ ist im Brandstätter Verlag erschienen. Lesungen gibt es am 8. Dezember im Wiener MuseumsQuartier und am 10. Dezember im Kepler Salon Linz. Hanna Herbst folgt man auf Twitter.