Heavy Birthday, Oida!

Heavy Birthday

2020 begehen wir gleich zwei Geburtstage – die des Austropops und des Heavy Metals. Wir gratulieren mit einem Versuch der Liaison aufs Herzlichste!

Zwei Geburtstage also, runde Ehrenjahre zweier Kinder, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Sie beide werden jedoch nun 50 Jahre alt – grau, aber kein bisschen altersmilde.

Gemeinhin gilt der 30. Juni 1970, als Marianne Mendts „Wie a Glock’n“ erstmals als Titelmelodie von Gerhard Bronners satirischer Fernsehsendung „Die große Glocke“ im ORF ausgestrahlt wurde, als Initialzündung für die Erfolgsgeschichte, die später so unterschiedliche Künstler wie die Erste Allgemeine Verunsicherung, Wolfgang Ambros, S.T.S., Falco und Opus vereinen sollte.

Bereits am 13. Februar desselben Jahres erbrach von Birmingham aus über die ganze Welt wie ein aus den erwürgten, gebeutelten, geschundenen Überresten des Blues und Hard Rocks eruptierter viskoser, übelriechender Schleim der Heavy Metal, als Black Sabbath ihr selbstbetiteltes Debütalbum veröffentlichten und noch im selben Jahr (!), am 18. September, „Paranoid“ nachschossen.

Eingedenk der Tatsache, dass sich dieses Jahr auch die Amadeus Austrian Music Awards – wenngleich erst zum 20. Male – jähren, wollen wir jedoch den Versuch wagen, die heterogenen Genres übereinanderzulegen: Bei der großen Verleihung am 23. April in der Wiener Stadthalle werden wohl wie auch die Jahre zuvor in der Kategorie „Hard & Heavy“ die üblichen, massentauglichen Verdächtigen aufscheinen – Turbobier, Bloodsucking Zombies From Outer Space, Krautschädl, Parasol Caravan und Russkaja fallen als heiße Anwärter auf die Nominiertenliste ein, allesamt Namen, die zwar die 88.6-Hörerschaft zur lässig gezückten Pommesgabel animieren, bei denen sich für Genrekenner jedoch tendenziell weniger explizite Berührungspunkte mit dem apokalyptischen Gedöns finden lassen.

Zugegeben, österreichische Künstler muss man selbst in den tatsächlich qualifizierten Fachpressen seit anno dunnemals wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen suchen, als Glanzzeit dürfen vielleicht die frühen Neunziger akzentuiert werden, als insbesondere Pungent Stench und Belphegor, aber auch Disharmonic Orchestra und Disastrous Murmur über die Landesgrenzen und gar den deutschsprachigen Raum hinaus für zumindest eine kleine Furore sorgten. Ein Norwegen, ein Florida, ein Großbritannien war Österreich jedoch nie, zumindest nicht in der engen Allianz von Quantität und Qualität: Viel zu viel Mittelmaß übertönte da singuläre Spitzenreiter – aber jene gab es durchaus immer wieder, etwa – für die obskuren Geister – Summoning und Abigor, die kurzlebigen Esophagus und die ebenfalls längst verschiedenen Doomed Era, die beide an der Florida-Schule anzudocken wussten; die schnittigen Insanity Alert, die erst kürzlich vom international renommierten Indie Season Of Mist unter Vertrag genommen wurden, oder auch Ewig Frost, die mit ihrer gelungenen Melange aus Black Metal, Skatepunk und Speed Metal aufhorchen lassen; Vargsriket, Groteskh und Theotoxin sorgen für Hasssalven in Schwarzweiß, während etwa Rotten Cold in ihrer Frühphase, Mastic Scum, Human Pesticide und Prosperity Denied stets räudigen Rotz aus den hektisch pulsierenden Nüstern exhalierten.

Vergangenes Jahr sind, so die Genre-Datenbank Metal Archives, im Lande knapp 60 Veröffentlichungen erschienen, Kurz- und Langspielplatten, die tatsächlich dem Genre zuzuschreiben sind und die Grenzen nicht bis ins „so rockt das Leben“-Übermaß strapazieren. Drei davon, die mit der größten Eigenständigkeit, Brillanz und/oder Langlebigkeit möchte ich hiermit anlässlich der einleitend angesprochenen Jubiläen herausstreichen.

Our Survival Depends On Us – Melting the Ice in the Hearts of Men
(8. Februar, Ván Records, 46:35 Minuten)
Salzburg
[Facebook]

Bereits „Scouts of the Borderline Between the Physical and Spiritual World“, das 2015 veröffentlichte dritte Album der Salzburger, die partiell hinter der Funkenflug Society stehen, machte aufhorchen, viel mehr noch der letztjährige Nachfolger, der sogar Lobeshymnen bis in den Boulevard hinein einheimsen konnte. Klar, der nicht nur konzeptuelle, sondern auch musikalische Zugang zu ihnen mag sich für Otto und Ottilie Normal als Hürdenlauf erweisen: Der komplexe, überspirituelle Doom ist abstrakt, in seiner okkulten Verwobenheit hat er keine Chance, im abgestumpften Formatradio Gehör zu finden – es sind mehr als schnöde „Songs“ oder gar plakative „Hits“, sondern überbordende, vielschichtige, intensive Kunstwerke, die sich hier zu Kolossen aufbäumen, in sich zusammenbrechen, in den Zwischentönen mit sich selbst kopulieren und aus der eigenen, körpersaftgetränkten Asche einen wiedergeborenen Phönix in seiner eigenen Renaissance aufsteigen lassen.

Galahad 12:02 Minuten
Gold and Silver 10:14 Minuten
Song of the Lower Classes 13:25 Minuten
Sky Burial 10:53 Minuten

Barth – Bass, Vocals
Thomas – Drums
Mucho – Guitars, Vocals
Thom – Guitars, Vocals
Hajot – Keyboards

Hagzissa – They Ride Along
(23. August, Iron Bonehead Productions, 40:25 Minuten)
Linz/Wien [Facebook]

Hagzissa, die mit „They Ride Along“ nach einem Demo aus 2017 im letzten Jahr ihr Debüt vorlegten, als Nebenprojekt von Kringa zu sehen, ist inhaltlich zwar (zu weiten Teilen) korrekt, greift wertend aber zu kurz: Klar, Parallelen finden sich mitunter, nur gelingt Hagzissa aber eine Zeitreise, ein gekonnter Brückenschlag zum oft schändlich vernachlässigten frühzeitlichen osteuropäischen Black Metal – Tormentor und Master’s Hammer etwa – mit einem additiven Fokus auf die schluderige Rifflastigkeit von Darkthrone. Das klingt in erster Linie (auch in Punkto Produktion) puristisch und kauzig – und dieses Empfinden doppelt das Auftreten der Band zudem -, doch damit strotzt das Album vor energetischer Erfindungsgabe, die mit den Ahnenzitaten plakativ retro wirkt, in ihrem Zischen und Knurren jedoch nicht nordisch eisig, sondern vielmehr schaudervoll und aberwitzig querbeet prescht, wie ein Walzer geführt von einem lärmenden Wahnsinnigen in blinder Triebtäterwut.

Die Pforte (A Speech Above the Moor) 05:16 Minuten
Irrsinnsdimensionen (A Bath Amidst the Wells) 05:09 Minuten
Moonshine Glance (An Iron Seed in Sour Soil) 05:43 Minuten
Searing Effigy 04:05 Minuten
They Ride Along on the Howling Winds! 06:03 Minuten
The Nightshade Wilderness 03:15 Minuten
Atavist Kama Aconite Trance 04:48 Minuten
There, Draw a Circle! 06:06 Minuten

C. Rastelli – Bass
The White Pawn – Drums
Herzog B. v. Moser-Wampula – Vocals
Morast – Guitars, Vocals

Distaste – Deibel
(20. September, Endwar Records, 29:07 Minuten)
Linz [Facebook]

Distaste sind heute – neben Prosperity Denied – das Aushängeschild des heimischen Grindcores, der mit ihrem letztjährig erschienenen Drittling nun quietschfidel auf den Exzess gepeitscht wurde: Mit unerbitterlicher Härte prescht das Quartett den apokalyptischen Reitern gleich durch kurz und knapp gehaltene, von Friedrich Theodor Vischer inspirierte Spannungsfelder, die – ähnlich wie bei Nasum – vom abominablen Rotz und Hysterie leben. Dass der Watschenaugust, der hier in seiner ADHS-Manie wie ein Flummi kreuz und quer hastet, schwedisch wirkt, ist auf „Deibel“ jedoch nicht allein der fuzzigen Gitarre und dem in den Fokus gerückten Bass geschuldet: Hinterm Schlagzeug saß mit Pelle Ekegren (ex-Grave) immerhin einer, der allein ob seiner Provenienz schon mit Maden in den Wadeln spielt. Der „Deibel“ selbst, er klingt dunkel-düster und wirkt wie brennender Unrat, der stets Ungeduld beweist und auf Kimme und Korn verzichtet: Geschossen wird in eruptiven Salven, aber frei nach Gefühl.

Positionsresistent 00:56 Minuten
Judas 01:34 Minuten
Staubgeboren 01:07 Minuten
Versuskalibriert 01:58 Minuten
Gesagt, getan 03:25 Minuten
Deibel 03:48 Minuten
Die spinnen, die Römer 13:1-7 00:51 Minuten
Patriarchetyp 02:15 Minuten
Mutter 01:15 Minuten
Wermutstropfen 01:16 Minuten
Parlamentarische Pleonexie 02:43 Minuten
Bestätigungssubjektivität 01:21 Minuten
Omnipotent 02:05 Minuten
Der Rote Winter 02:42 Minuten
Der Gerät 01:51 Minuten

Armin Schweiger – Guitars, Vocals
Philippe Seil – Bass
Lukas Haidinger – Guitars, Vocals
Pelle Ekegren – Drums

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