Hey you, Amy!

Hey you Amy

Vergangenen Freitag erblickten Singles zweier fantastischer heimischer Bands das Licht der Welt: Zum einen von den Beach Grungern Baits, zum anderen von Pia Basey, die in Post Punk-Sphären fischt.

Während örtliche Regierungsvertreter nicht nur das moderne Frauenbild mit ihren Füßen treten, schickt sich die Tirolerin Pia Unterlechner – die Person hinter Pia Basey – an, mit „Hey You“ die dritte Single von ihrem Debütalbum „Freex“ (19. Juni, Panta R&E) vorzulegen: Sie ist nicht erst seit heute, sondern etwa auch durch ihre Arbeit bei Giant Anteater, mit das beste Beispiel dafür, dass sich nicht nur die bezipfelte Kollegschaft, sondern sehr wohl auch Frauen auf die Bühne trauen dürfen. Das sollte mittlerweile Selbstverständlichkeit sein, ist es aber – wie so viele andere bornierte Weltsichten – nach wie vor nicht, Aufklärung hin oder her.

Unterstützung in ihrem Soloschaffen – eine logische Fortsetzung ihrer bereits seit frühesten Kindheitstagen andauernden musikalischen Vision, die einem Selbstfindungstrip ähnelt – erhält sie von Yves Krismer, bekannt von Mother’s Cake.

Nach „Flow“ und „Love Destruction“ behandelt Pia Basey in ihrer dritten Single „Hey You“ nun ein Zeitgeistproblem: Dabei ist das Stück ein Track, der sich zu Beginn sehr sphärisch und minimalistisch aufbaut und mit zarter Stimme wie der Rattenfänger zu Hameln die Fesseln langsam enger zieht. Die Message: „Es ist Zeit, neue Wege zu beschreiten, sich Ängsten zu stellen, Mut und Courage aufzubringen, um sich und dadurch ein Stückchen auch die Welt zu verändern.“ So wie sich die Dringlichkeit des Themas zuspitzt, spitzt sich auch das Stück immer weiter zu, Energie wird gebündelt und entlädt sich in einem Chorus, der zum Aufbruch schreit.

Als ich vergangenes Halloween zu einer halbprivaten Party in den Proberaum von Ewig Frost geladen war, war mir durchaus bewusst, dass ich mich nicht nur dem einen oder anderen Illuminationsmoment zu stellen hätte, sondern freilich auch, dass das gastgebende Trio dem Südkaper Konkurrenz machen würde und derart breitbeinigen Rock’n’Roll vor den Latz zu knallen trachtet, dass der Kater am nächsten Morgen wohl das geringste Übel wird.

Nicht gerechnet habe ich jedoch mit Baits, die gewissermaßen den Anheizer des Abends gaben und nicht allein mit ihrer kruden Mischung aus Post Punk und Beach Grunge, sondern viel mehr noch mit ihrem exaltierten Auftreten den DeLorean anließen und mit 1,21 Gigawatt unter dem Popo in eine Zeit der Rockhistorie zurückdonnerten, als selbiger noch räudig, dreckig und gemein war und nicht für das Formatradio in rosarote Zuckerwatte verpackt. Allen voran stand (eigentlich: lag) freilich Sängerin DeeSchnur, die in DarkThrone-T-Shirt gewandet und mit Mayhem-Corpsepaint verziert Lust und Pein gleichermaßen aus sich herauskrakeelte und dabei im Schweiße ihrer eigenen Ekstase der Schwerkraft hingab und unter Zuckungen den Boden nur selten verließ. Seriously, das war eine Zeitreise zu den ungeschliffenen Live-Momenten, als man noch nicht vorab Setlist und Running Order checkte und penibel auf derer Einhaltung pochte, sondern einfach abends auf ein Konzert ging, abschädelte und sich dabei ansoff und am nächsten Tag nicht einmal einen Hauch von Reue empfand, weil man eh nicht mehr wusste, was geschehen war (ja, das ist Altherrenwehmut).

Dass man für derartige Gefühle nicht zwangsweise auch uralt sein muss, beweist eben das Quartett Baits: Im Herbst soll auf Numavi Records das Debütalbum „Never Enough“ erscheinen, aktuell liegt uns nach „Coming After Me“ die zweite Single „Amy“ vor: Im Video verschmelzen Outtakes mit Grunge-Liveenergie, Ironie mit Desaster, Haar-Instastories mit Stupid-Faces-Backstage-Romantik und 80s Look mit dem Ist-Zustand. Hier paart sich Sucht mit Rehab und Headbang mit Bodyslam, es klingt nach den 90ern ebenso wie nach den 60ern, und eigentlich ist das einzig wichtige Fazit nach dem mehrmaligen Durchlauf: Es rotzt. Und zwar amtlich.

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