Humor ist Hingabe, Humor schafft Fülle

Hoanzl

Georg Hoanzl, Chef der gleichnamigen Agentur, und Fritz Jergitsch von der Tagespresse tun sich zusammen und bieten dem Kleinkunstnachwuchs eine Bühne.

Foto: Markus Wache

Georg Hoanzl ist seit vielen Jahren erfolgreicher Agentur-Chef und Künstler-Manager, Fritz Jergitsch hat sich in kurzer Zeit als Gründer und Mastermind der Satire-Plattform „Die Tagespresse“ einen Namen gemacht. Nun bieten die beiden Größen der heimischen Szene dem Nachwuchs eine neue Bühne: An den vier Montagen im November verwandelt sich das ehemalige Rotlicht-Etablissement Arena-Bar ins „Kabarett Separee“. 

Die Arena-Bar in Wien-Margareten ist ein wahres Juwel: Vor 60 Jahren als Varieté-Theater gegründet, wurde das intime Ecklokal später zum sündigen Nachtclub. Mittlerweile wurden die Separees zurückgebaut, das „Luxusseparee“ verwandelte sich in eine Künstlergarderobe, wo sich am 4., 11., 18. und 25. November jeweils sechs Satiriker und Comedians wie etwa Fritz Jergitsch, sein Tagespresse-Partner Sebastian Huber, aber unter anderem auch David Stockenreitner, Erika Ratcliffe, Christoph Fritz und der Amerikaner Reginald Bärris (mit einem englischsprachigen Part) auf ihre Auftritte im Rahmen des „Kabarett-Separees“ vorbereiten werden.

Was ist aus eurer Sicht das Besondere am „Kabarett Separee“?

Georg Hoanzl: Wir haben ein Format gewählt, bei dem es die Möglichkeit zur Improvisation geben wird, es können schnell neue Dinge ausprobiert werden. Es muss nicht schon alles perfekt sein. Diese Bühne stellt einen Versuchsraum dar, hier sollen sich Newcomer ausprobieren dürfen und wissen, dass sie eigentlich nicht scheitern können. Was soll schon passieren? Und vielleicht denkt sich einer im Publikum sogar: „Das könnte ich auch!“ und macht später selbst einmal mit.

Mit deiner Agentur arbeitest du erfolgreich mit vielen arrivierten Stars der Kabarettszene. Du bist aber auch dafür bekannt, Kabarettisten recht früh in ihrer Karriere zu entdecken und dann – wie etwa Josef Hader oder Andreas Vitásek – lange zu begleiten. Was reizt dich jetzt daran, wieder mit Newcomern zu arbeiten?

Georg Hoanzl: Dieses Projekt führt mich zurück zu meinen Wurzeln. Jeder kennt den Moment, in dem man das erste Mal verliebt war. Wenn man Glück hat, erlebt man auch in der Arbeit so einen Moment, wo man etwas Neues beginnt. Ich fühle mich wie ein Forscher, der nicht nach Hause gehen will, weil er immer neugieriger und neugieriger wird.

Fritz, du bist fürs Line-up der Abende verantwortlich. Wie hast du all die Talente gefunden?

Fritz Jergitsch: Die meisten Leute kenne ich über Open-Mics-Abende; ich war in den vergangenen drei, vier Jahren aber auch sehr viel in der Wiener Kabarett-Szene unterwegs und habe die Entwicklung genau beobachtet. Ich habe bewusst nach Leuten gesucht, die ich persönlich sehr lustig finde, die aber noch nicht die Größe haben, die sie eines Tages haben könnten.

Du selbst bist Satiriker – nach welchen inhaltlichen Kriterien erstellst du das Programm im „Kabarett Separee“?

Fritz Jergitsch: Satire hat für mich einen gesellschaftskritischen Auftrag, Kabarett kann dagegen auch ins reine Blödeln gehen. Ich hole Leute, die ich für sehr gute Kabarettisten halte, und solche, die durchaus ernsthafte Themen ansprechen. Ich sehe den Abend in bester Tradition klassischer Stand-up-Clubs, wie man sie zum Beispiel aus New York kennt.

Du wirst im November selbst in der Arena-Bar auftreten. Merkst du schon eine gewisse Nervosität?

Fritz Jergitsch: Ich habe Ende September meinen ersten richtigen Auftritt gehabt. Das war vor rund 150 Menschen beim Kulturfestival „herbst.wort.lieder 06“ in Pinkafeld und witzigerweise war ich davor überhaupt nicht nervös. Dann bin ich auf die Bühne gegangen und plötzlich hat es mich voll erwischt. Ich hatte ein paar Sekunden lang ein richtiges Blackout – bis irgendjemand im Publikum gerufen hat: „Ist schon wieder vorbei!“ Es haben alle gelacht und durch diesen Witz ist bei mir der Knopf wieder aufgegangen. Ich war vorher scheinbar nicht ruhig, sondern hatte einfach nicht begriffen, was da eigentlich auf mich zukommt.

Siehst du deine Zukunft auf der Bühne – zumindest als Ergänzung zu deinem Tagesgeschäft mit der Tagespresse?

Fritz Jergitsch: Ich halte es für einen guten, für mich neuen Zugang zum Kabarett und zum Humor generell. Man schreibt für die Bühne anders als fürs Internet, diese Arbeit hat ganz andere Facetten. Ich habe das Gefühl, dass ich mich mit dieser neuen Herausforderung wohl fühle und denke, dass ich der Bühne zumindest in den nächsten zwei, drei Jahren meine Aufmerksamkeit widmen werde. Ich möchte schauen, ob daraus etwas wird. Und selbst wenn nix draus werden sollte, so habe ich zumindest meinen Spaß gehabt.

Georg Hoanzl: Nach meiner Einschätzung wirst du Erfolg haben. Ich glaube einfach nicht, dass bei dir nix draus wird. Das sei hiermit dokumentiert!

Viele Menschen, die dich als den Erfinder der Tagespresse kennen, werden natürlich mit gewissen Erwartungshaltungen zu deinem Auftritt kommen. Glaubst du, dass du diese Erwartungshaltungen erfüllen musst oder kannst du deine Bühnenpersönlichkeit von der Online-Arbeit trennen?

Fritz Jergitsch: Ich achte ja prinzipiell darauf, dass ich die Tagespresse von meiner Person trenne. Was ich auf der Bühne mache, wird eine etwas andere Form des Humors sein. Die Tagespresse ist klassische Satire, und was ich auf der Bühne mache, das sehe ich eher in der Tradition von Kabarett und Stand-up. Ich rede über Themen, die mich im täglichen Leben beschäftigen. In meinem aktuellen Material spreche ich zum Beispiel überhaupt nicht über Politik – einfach deshalb, weil ich, wenn ich am Abend nach Hause komme, keine Lust mehr habe, mich noch weiter mit diesen „Gfrastern“ in der Politik zu beschäftigen.

Also wirst du live ein unpolitisches Programm darbieten?

Fritz Jergitsch: Ich will vermeiden, dass jemand, der die Tagespresse kennt, zu meinem Auftritt kommt und dort einen hochpolitischen Vortrag erwartet. Ich will eher schauen, dass die Leute, die mich auf der Bühne lustig finden, mich unabhängig von der Tagespresse lustig finden. Nur so kann das Bühnenprojekt aufgehen.

Georg Hoanzl: Das gibt dem ganzen eine gute Ordnung. Wie man weiß, gibt es ja ein Tagespresse-Live-Projekt. Das ist vom Fritz und seinem Team geschrieben, aber nicht von ihnen gespielt. Das ist ohnehin für Tagespresse-Fans deklariert. Aber so, wie der Fritz seinen Ansatz beschrieben hat, bin ich auf seinen Auftritt sehr neugierig. Er beobachtet politische und gesellschaftliche Themen und bricht seine Beobachtungen mit Humor in der Tagespresse – und dann geht er bei der Tür hinaus ins Privatleben und hat dort den gleichen Beobachtungsradius für andere Themen. Das finde ich als Fan sehr spannend.

Fritz Jergitsch (links) und Georg Hoanzl (rechts)

Wie seid ihr zwei eigentlich auf die Idee gekommen zusammenzuarbeiten? 

Georg Hoanzl: Es gibt zwischen uns eine persönliche und inhaltliche Sympathie. Wir sitzen seit einiger Zeit nicht zufällig im selben Büro und ich bewundere, mit wie viel Mut und Hingabe Fritz und sein Team dieses Projekt aufgebaut haben. Deshalb habe ich gesagt: Wenn es irgendwie irgendwo eine Möglichkeit ergibt, uns gegenseitig zu unterstützen, dann würde ich das gerne machen.

Fritz Jergitsch: Das mit der persönlichen und inhaltlichen Sympathie gebe ich gerne zurück. Und natürlich haben wir beide gesehen, welche große Entwicklungsmöglichkeiten es auf beiden Seiten noch gibt. Diese Show-Serie ist die erste Frucht unserer Kooperation.

Habt ihr bereits Ideen für eine längerfristige Zusammenarbeit?

Georg Hoanzl: Nicht konkret. Aber wir spüren, dass etwas entstehen kann. Und entstehen wird. Das „Kabarett Separee“ ist für uns selbst noch ein riesengroßes Überraschungsei: Wir wissen beide nicht, was drinnen ist. Aber ich finde es super, dass Fritz die Initiative für diese Projekt übernommen hat. Dass er mich allerdings als Moderator auf die Bühne zieht, ist eine andere Geschichte (lacht) … Das ist richtig aufregend für mich!

Bist du selbst nie auf der Bühne gestanden?

Georg Hoanzl: Ich bin einmal für den Josef Hader eingesprungen – bei einem Mixed-Abend mit Leo Lukas und Thomas Maurer im Niedermair. Damals habe ich wirklich abgeräumt – zu meiner eigenen Überraschung und zur Überraschung aller Anwesenden! Das Publikum hat aus irgendeinem Grund richtig mitgespielt und ich war in einem High! An diesem Punkt hätte ich aufhören müssen. Aber Wochen später habe ich mich von Josef Hader und Otto Lechner zu einem Auftritt bei einem Open Air vor mindestens 700 Leuten überreden lassen – und was soll ich sagen: Neben dem Josef habe ich nicht ganz so brilliert wie seinerzeit als sein Ersatzspieler …

Du bist ein „alter Hase“ im Kabarett-Geschäft: Wie schätzt du die Qualität des Nachwuchs in Österreich ein? Siehst du Leute, die die Szene in Zukunft ähnlich prägen werden wie das ein Hader, ein Dorfer, ein Vitásek machen?

Georg Hoanzl: Ja, ich habe schon Leute gesehen, bei denen man erkennen kann, wie viel inhaltliche Substanz vorhanden ist. Es gibt im Nachwuchs Künstlerinnen und Künstler, die nicht nur sehr viel an Reflexion und Wahrnehmungskraft erkennen lassen, sondern die auch noch die Möglichkeit finden, ihre Erkenntnisse in eine satirische Darbietung zu verwandeln.

Wie definiert ihr Satire?

Fritz Jergitsch: Satire hält der Gesellschaft einen Spiegel vor. Der Satiriker ist jemand, der die Gesellschaft aus der Vogelperspektive beobachtet und dann durch das Werkzeug der Übertreibung gewisse Facetten, vielleicht auch Missstände, sichtbarer macht.

Georg Hoanzl: Ich schätze an der Satire, wenn sie hart an der Wirklichkeit arbeitet und jene existenziellen Probleme aufzeigt, mit denen wir zu kämpfen haben oder an denen wir sogar zerbrechen. Was ich nicht nur an der Satire, sondern am Humor generell so schätze: Sie kann den Menschen ganz harte Themen aufzeigen und dann mit Humor die Aufmerksamkeit an diese Themen binden. Humor ist ein immaterieller Wert, der kaum materielle Ressourcen braucht, aber Fülle und Einsichten schafft und interessante Fragen aufwirft. Humor ist Hingabe.

Satire ist also mehr als bloß Unterhaltung?

Georg Hoanzl: Wenn ich satirische Betrachtungen nutze, um existenzielle Wahrheiten zu formulieren, dann kann ich damit Menschen viel geben. Humor ist für mich die beste Form, um komplexe Themen anzusprechen. Satire ist etwas, das demokratie- und gesellschaftspolitisch unglaublich wichtig ist, weil sie ein erlebbares Miteinander schafft. Alleine, dass über ein Thema gesprochen wird, kann schon eine Dynamik erzeugen, die eine Entwicklung zum Positiven anstößt. Natürlich ist das alles nur ein kleiner Teil des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens, aber ein mir sehr wichtiger.

Was erwartet ihr euch von den vier November-Abenden in der Arena-Bar?

Georg Hoanzl: Es werden Leute dabei sein, die überhaupt die ersten zehn Minuten ihrer jungen Karriere vorstellen. Fritz bietet ja auch Menschen eine Bühne, die noch gar nicht mehr Material haben! Aber diese zehn Minuten haben sie für sich vielleicht schon soweit perfektioniert, dass unser Abend der Impuls für ein ganzes Programm sein könnte. Ich freue mich auf diese kurzen Beiträge. Vielleicht motivieren die Abende bei uns die Künstler zu sagen: Ich möchte noch mehr schreiben. Im Optimalfall reden mich – wenn es mich dann noch gibt – in 30 Jahren Leute an und sagen: Damals, in der Arena-Bar beim „Kabarett Separee“, da hat alles für mich angefangen.

Das Kabarett-Separee als Sprungbrett für die große Karriere?

Fritz Jergitsch: Manche von den Künstlern, die ich bei Open-Mics-Abenden kennengelernt habe, haben wirklich enormes Talent – aber auch Schwierigkeiten, ein großes Publikum zu finden. Für viele junge Menschen ist der Schritt vom Open-Mic zum eigenen Programm vor 200 Leuten im Niedermayr oder gar vor 400 Leuten im Stadtsaal – dieser eine, letzte Schritt – wahnsinnig schwierig. Du spielst am Anfang vor 20 Leuten, wenn es gut geht bald einmal vor 40. Aber der Schritt hin zum großen Publikum, der ist schwer.

Ihr zieht mit dem „Kabarett Separee“ also quasi eine Zwischenebene ein?

Fritz Jergitsch: Ja, vielleicht kann man das so nennen. In den Raum in der Arena-Bar passen 60 Leute. Das ist eine schöne Anzahl, weil du damit eine gute Dichtheit erzielst, aber dennoch eine gewisse Intimität herrscht und noch lange nicht diese Anonymität, wie du sie in größeren Lokalen hast.

Georg Hoanzl: Das Größte wäre, wenn junge Künstler bei uns einen Schritt in ihrer Karriere setzen könnten. Vielleicht auch, dass dort neue Ideen entstehen. Vergessen wir nicht: Irgendwann mussten selbst Dorfer und Hader irgendwo beginnen, jene Figuren aufzubauen, aus denen „Indien“ und vieles andere danach entstanden ist. Warum sollten sich nicht zwei oder mehr Menschen bei uns im Separee treffen und beschließen, gemeinsam etwas Neues auszuprobieren …

Wer ist euer Zielpublikum?

Georg Hoanzl: Es ist kein typischer Kabarettabend, wo ein ganzes Programm gespielt wird, sondern wir sehen sechs unterschiedliche Künstler hintereinander. Humor ist ja eine ganz eigene Welt. Was mir gefällt, muss dir noch lange nicht taugen. Aber hier bekomme ich die Gelegenheit, sechs neue Leute pro Abend entdecken zu können. Und so wie ich den Fritz kenne, wird pro Abend mehr als eine und einer dabei sein, die oder den ich persönlich sehr lustig finde.

Wird es nach den vier November-Abende eine Fortsetzung geben?

Fritz Jergitsch: Wenn das Konzept aufgeht und wir auch künstlerisch zufrieden sind, dann wird es sicher eine Fortsetzung geben. Aber zumindest ich für meinen Teil habe noch nicht über den November hinaus nachgedacht.

Georg Hoanzl: Mir geht es genauso. Im Optimalfall entsteht eine Dynamik, wo man schaut, was sich in weiterer Folge ergibt. Vielleicht geben wir ja all unsere anderen Berufe auf, sperren uns die nächsten zehn Jahre in der Arena-Bar ein und spielen jeden Tag, wer weiß … Denkbar ist auch, dass wir wie eine Shakespeare-Wanderbühne auf Tournee quer durch Europa gehen. Nein, im Ernst: Wir haben keine weiteren Pläne. Jetzt freuen wir uns einmal auf die vier Termine im November.

Wann wäre denn „Kabarett Separee“ für euch ein Erfolg?

Fritz Jergitsch: Zufrieden wäre ich dann, wenn ich das Gefühl hätte, dass das Publikum neue Gesichter gesehen hat und jeder zumindest einen Künstler erlebt hat, den er oder sie nicht so schnell vergessen wird. Den sie sich merken und dann wieder anschauen, wenn sie mit einem ganzen Programm auftreten.

Das „Kabarett Separee“ findet an den vier Montagen im November in der Arena Bar statt. Tickets kosten jeweils 12 Euro und sind bei oeticket.com erhältlich.