Iron Maiden VS Judas Priest

Iron Maiden

Gestern Abend veröffentlichten Iron Maiden ihre neue Single „The Writing On The Wall“. Wir fragen uns: Wer hat die NWoBHM-Nase vorn, Maiden oder Priest?

Gestern Abend veröffentlichten Iron Maiden „The Writing On The Wall“ – ihr erstes neues Stück seit sechs Jahren. Das dazugehörige Video entstand in Zusammenarbeit mit den ehemaligen Pixar-Mitarbeitern Mark Andrews und Andrew Gordon, die nicht nur „Die Unglaublichen – The Incredibles“, „Ratatouille“, „Merida – Legende der Highlands“, „Die Monster AG“ und „Findet Nemo“ mitverantworteten, sondern auch seit langem Fans der Band sind und es somit trotz ihrer Biographie verstanden, gerade das Bandmaskottchen Eddie nicht unbedingt kindgerecht in Szene zu setzen. Auch wenn dazu noch nichts Näheres kommuniziert wurde, liegt die Vermutung nahe, dass somit auch ein neues Album in der Pipeline ist und spätestens bis zum Auftritt von Iron Maiden 2022 in Wiener Neustadt veröffentlicht werden dürfte.

Ebenfalls 2022 in Österreich – auf Burg Clam – gastieren Judas Priest – neben Maiden die zweite Band, die als Paradeexempel für das Genre des Heavy Metals genannt wird. Doch wer der beiden Vorreiter hat letztlich mehr Schwermetall im Blut?

Geht es nach Judas Priest, könnten sie sich gut und gerne vorstellen, gemeinsam mit Iron Maiden zu touren; Angeblich soll zumindest Amerika tatsächlich 2022 in den Genuss einer „Battle Of The Metal Gods“ kommen, wie die Fachpresse zuletzt berichtete. Zuletzt waren die beiden Metal-Schwergewichte in den Achtzigern gemeinsam unterwegs – und es gibt wohl kaum einen wahren Heavy-Metal-Fan, der sich bei dieser Kombination nicht sämtliche Finger wund schlecken würde, gelten beide britischen Formationen immerhin als Vorreiter, Blaupause, Mitbegründer des Genres: Müsste man einem außerirdischen Besuch oder der eigenen Großmutter, die zur lärmenden Krachmusik vermutlich ähnlich viel Zugang hat, die Brillanz und das ureigene energetische Vibrato erklären, täte man sich leicht, möglichst wenig Worte zu fassen und stattdessen „The Number of the Beast“ (Iron Maiden) oder „Painkiller“ (Judas Priest) für sich sprechen zu lassen. Denn weder davor noch danach wurden die Eckpunkte des Genres derart auf den Exzess gepeitscht wie auf diesen beiden Kultscheiben von 1982 und 1990. Doch welche der beiden Bands trägt letztlich mehr Schwermetall im Blut? Zugegeben, der Schwanzvergleich ist ebenso lächerlich wie die Wahl zwischen Freddy Krueger und Jason Voorhees, wird man immerhin von keinem Gericht der Welt vor die Wahl gestellt: Es steht jedem frei, beide, eine von beiden oder gar keine der beiden Bands zu mögen. Und doch ist es eine Frage, die Apologeten seit Jahrzehnten beschäftigt – ähnlich, wie sich ihre Eltern zwischen den Beatles und den Rolling Stones „entscheiden mussten“.

Zweikampf

Wagen wir dennoch einen rationalen Zugang: Beide Bands kommen aus dem Vereinigten Königreich, brillieren mit sich duellierenden Gitarren und können ihre unikalen, exzeptionellen Sänger zurecht auf ein Podest heben. Beide Bands sind zweifelsohne ikonisch, haben ihren Einfluss gestreut und sind bis heute beständig und ohne horrenden Qualitätsabfall aktiv.

Jedoch: Als sich Iron Maiden 1975 formierten und erst ein stabiles Line-up finden mussten, waren Judas Priest – 1969 gegründet – bereits seit einigen Jahren aktiv und hatten mit „Sad Wings of Destiny“ und „Sin After Sin“ zwei Meisterwerke veröffentlicht, als Iron Maiden endlich ihr (noch etwas punkiges) Debüt aufnahmen, legten Judas Priest mit „British Steel“ die Messlatte bereits hoch: Zu dieser Zeit waren Halford & Co. tatsächlich die Metal Gods und führten die in den Kinderschuhen steckende NWoBHM-Bewegung an. Waren Priest ein Einfluss auf Maiden? Zweifelsohne. Doch bereits nach zwei Alben vollzogen Iron Maiden mit der Trennung von Ur-Sänger Paul Di’Anno einen Quantensprung: In den Reihen hieß man fortan mit der von Samson abgeworbenen „Air Raid Siren“ Bruce Dickinson den vielleicht talentiertesten Sänger des Genres willkommen. Das Ergebnis: „The Number of the Beast“ (1982). Zeitgleich veröffentlichten Priest mit „Screaming for Vengeance“ ein weiteres Meisterwerk, das scheinbar nebenher auch das Subgenre des Speed- und Thrash Metal überhaupt erst ermöglichte – doch Maiden waren ihnen dicht auf den Fersen und bereits 1984 gleichauf: Neben ihrem epochalen, progressiven „Powerslave“, das mit der „Live After Death“-Tour in der bedeutendsten Tour aller Zeiten überhaupt gipfelte, verblasste selbst ein grandioses Album wie das zeitgleich veröffentlichte „Defenders Of Faith“. Noch deutlicher ward der Wechsel an der Spitze zwei Jahre später, als beide Bands Synthies in ihren Sound einwoben; doch während Priest mit „Turbo“ stellenweise überaus kommerziell-poppig wirkten, stellten Maiden ihr im Gegentum nicht nur düsteres, sondern zudem anspruchsvolleres, intelligenteres Songwriting auf „Somewhere in Time“ vor, das vor allem durch die Kontraste zwischen Smith und Harris lebte, und ja, vielleicht kann man den Text von „Alexander the Great“ auch auf ihren schwelenden Zweikampf umlegen: „My son, ask for thyself another kingdom, for that which I leave is too small for thee.“

Wechseljahre

Weitere zwei Jahre später verloren Priest mit „Ram it Down“ an Dampf, Maiden bauten mit ihrem Konzeptalbum „Seventh Son of a Seventh Son“ die Vormachtstellung aus: So ambitioniert wie hier war man nie wieder am Werken. Doch hierauf der Paukenschlag: Aufgrund künstlerischer Differenzen verließ Smith Maiden, das Ergebnis war ein rückwärtsorientiertes „No Prayer for the Dying“, während Priest eine 180-Grad-Wende vollzogen und mit „Painkiller“ im selben Jahr eine Granate abfeuerten, die dermaßen durch die Botanik pflügte, dass hierauf kein Gänseblümchen mehr stand. Mehr Potenz hatte der Heavy Metal davor und danach nie wieder, nicht einmal bei Iron Maiden. Ihre Folgejahre jedoch: glanzlos, denn Halford verließ die Band und sein Nachfolger Tim „Ripper“ Owens wirkte allein „bemüht“. Doch auch bei Maiden gab es nach ihrem Klassiker „Fear of the Dark“ Bröseln, verließ auch hier die Stimme der Band selbige und wurde mit Blaze Bayley ebenfalls minder ersetzt. Eine dunkle Zeit für beide Heroen.

Wie Phönix aus der Asche

Heute wissen wir: Beide Bands erstarkten nach je zwei mediokren Alben wieder, doch da hatten Maiden eindeutig nicht nur zeitlich die Nase vorn: 2000 gab es mit „Brave New World“ eines der vielleicht besten Comeback-Alben überhaupt, während Priest erst 2005 mit „Angel of Retribution“ nicht dermaßen fulminant an alte Glanztaten heranreichen konnten. Seit ehedem gibt es auch bei Maiden einen merklichen inspirativen Rückgang, doch auch Priest erlangen die einstige ureigene Dynamik nicht und nicht, wenngleich die aktuelle Platte „Firepower“ (2018) wieder hier und dort beklatscht wurde.

Aber gerade und insbesondere auf der Bühne ward der Spalt in den letzten zwei Jahrzehnten überdeutlich: Iron Maiden sind live bis heute omnipotent, mit bahnbrechenden Bühnenaufbauten, während Priest und gerade Halford der Überlebensgröße verlustig gingen – spätestens als Richie Faulkner K.K. Downing und Andy Sneap Glenn Tipton ersetzten: Ihrer „juvenilen“ Energie zum Trotz wirkt hier irgendwie etwas „falsch“. Und leider muss man auch sagen, KK’S Priest – das neue Projekt von Downing und Owens – hat zumindest auf ihren beiden ersten Höreindrücken „Hellfire Thunderbolt“ und „Sermons of the Sinner“ eindeutig die Nase vor Priest.

Deathmatch

Was ist nun das möglichst subjektive Fazit? Beide Bands haben erstaunliche Sänger, doch Dickinson ist unterm Strich variantenreicher und gefühlvoller – und hält, im Gegensatz zu Halford, bis heute (trotz überwundenem Zungenkrebs!) konsequent durch. Beide Bands haben – im Falle von Priest: hatten – prägende Gitarristen in ihren Reihen. Tipton und Downing schufen die „Twin Metal Attacks“, für die später etwa auch Mustaine & Friedman (Megadeth) und Hanneman & King (Slayer) Ruhm einheimsen sollten. Und ja, Downing ist unter allen Gitarristen vielleicht der technisch versierteste.

Doch Murray und Smith schrieben einprägsamere Riffs und Soli: Erster agiert frei von der Leber, zweiter – der neben Dickinson auch „The Writing On The Wall“ verantwortet – peitscht Emotion und Melodie in schwindelerregende Höhen – im Zusammenspiel und verstärkt durch Janick Gers, der Downing nur geringfügig unterlegen ist, eine ureigene Virtuosität von edler Größe.

Am deutlichsten wird der Unterschied jedoch in der Rhythmus-Fraktion: Ja, Scott Travis ist ein exzellenter Schlagzeuger, der es Priest ab 1990 überhaupt erst ermöglichte, Gas zu geben. Doch gegen Nicko McBrain, nicht allein Spaßkanone bei Maiden, verblasst selbst er. Und Steve Harris? Er ist einer der besten Bassisten und Songwriter aller Zeiten, Punkt. Priest hingegen haben meiner Meinung nach nie herausgefunden, wie man Ian Hill – übrigens einzig verbliebenes Beinahe-Gründungsmitglied – exponieren könnte. Er macht das, wofür Bassisten gemeinhin verschrien sind: Fundamente legen. Das ist unumgänglich, aber kein Alleinstellungsmerkmal.

Und wenngleich Priest mit „Painkiller“ den Heavy-Metal-Soundtrack schlechthin vorlegten, das Œuvre von Maiden ist gesamt einfach stärker, kreativer, intelligenter und konsistenter. Überdies sei noch erwähnt, denn das Auge isst schließlich auch in der Musik mit: Priest mangelt es zudem an einem Eddie. Aber letztlich ist all dies: Jammern (oder einfach nur Hirnficken) auf hohem Niveau. Amtlich Abschädeln kann man zu Iron Maiden wie Judas Priest gleichermaßen.

Mehr über den aufwändigen Entstehungsprozess des Videos zu „The Writing On The Wall“ kann man hier nachlesen, 21 „Easter Eggs“ haben die Kollegen von Loudwire gefunden. Iron Maiden gastieren im Rahmen ihrer „Legacy of the Beast“-Tour am 10. Juli 2022 im Stadion Wiener Neustadt (Support: Airbourne und Lord Of The Lost), Judas Priest feiern „50 Heavy Metal Years“ am 23. Juli 2022 auf Burg Clam (Support: Saxon und Beyond The Black). Tickets gibt es auf oeticket.com.

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