Jaja Bing Bing

Fire Saga

Auch der diesjährig geplante Eurovision Songcontest musste pandemiebedingt abgesagt werden. Während sich mehrere Rundfunkanstalten redlich, dabei kläglich um einen Ersatzcontest bemühten, kommt die treffendste Hommage aus Amerika.

Lars Erickssong und Sigrit Ericksdottir alias Fire Saga

Man kann natürlich den Eurovision Songcontest als musikalischen Wettstreit der Länder sehen, ein Bemühen, im breiten Spektrum der zeitgenössischen Popmusik mit Lokalkolorit zu punkten. Menschen, die mit dieser Annahme an den ESC herantreten, vermelden aber nach ihrem eigenen Musikgeschmack gefragt wohl ähnlich tiefenschwanger: „Radio“. Klar, bei der grellbunten Sause stand schon immer der Frieden, die Toleranz und die Völkerverständigung im Fokus – dereinst aber auch: das Lied. Da hätte man es aber nach 1974 („Waterloo“, ABBA), oder spätestens ab 1992 („Insieme“, Toto Cutugno) gut sein lassen müssen: Seither ist der here Gedanke zu einer grellbunten Gala-Party verkommen, bei der zumeist weitestgehend vergessen wird, dass sich nicht alle Töne zur Freilandhaltung eignen. Sängerinnen und Sänger, gedopt mit Gute-Laune-Tee und gewandet in Kostüme, die man aus dem Fundus eines Ostblock-Operettenpornos entwendet hat, politisieren hohl nach allen Regeln der Montessori-Kunst – oder liefern als Ausgleich zur aufgeladenen Zeitgeschichte sinnbefreiten Dadaismus. Dabei ist die Kitschästhetik derart himmelhochjauchzend euphorisiert, dass selbst einem friedfertigen, paneuropäischen Musikconnaisseur der Einhornpups säuerlich aufstößt. Aber: Dass selbst der Subtext in Capitals mit 12 Rufzeichen verfasst wird, wie sonst nur bei rechten Recken in den Asozialen Medien, könnte man noch verkraften, wenn wenigstens die Versatzstücke tatsächlich die europäische Vielfalt hervorkehren würden – aber nein, der ESC ist schon lange nicht mehr auf Europa allein beschränkt, und ureigene Nationalitäten – also nationale Pop- und Volksmusiktraditionen – vermisst man zumindest seit 1998 ohnehin. Als der letztjährige Sieger Duncan Laurence aus den Niederlanden – der Mann im Mond – am Ende der Veranstaltung dennoch strahlend verkündete, die Musik käme zuerst, musste man über diese gewagte, weltfremde Aussage schnappatmen und die pulsierende Halsschlagader niederspritzen, denn rein künstlerisch gesehen geraten selbst die durch Europa tingelnden Best-of-Musical-Laientruppen wertiger, und das mag was heißen. Dies gesagt, ist der ESC doch ein wichtiger Nährboden für entrückte Massenhysterie und Ausdruckstanz der LGBTQ-Szene – nur mit Musik hat die Gala eben wirklich nichts am Hut. So sinnfrei sie aus künstlerischer Perspektive auch ist, so sinnvoll ist sie sozialpolitisch in einer Welt, die immer noch von Homophobie und Antisemitismus beherrscht wird, dann doch.

Nun schickt sich Will Ferrell – im Brotberuf Schlagzeuger bei den Red Hot Chili Peppers – auf Netflix dazu an, dem ESC einen Kniefall zu erweisen – doch bevor die treue Fangemeinde in Hysterie zum Sturm auf die Bastille bläst sei gesagt, es ist keine gehässige, herabwürdigende Parodie geworden, sondern eine mit neckischem Augenzwinkern zwar, aber hingebungsvoll: Was sich liebt, das neckt sich eben. Trotzdem hat der Film bereits für Irritationen gesorgt, ehe man wirklich vom ihn wusste: Beim diesjährigen Free European Song Contest auf Pro7 wurde in den Werbepausen nämlich ein sonderbarer Clip gezeigt, bei dem zwei Gestalten auf einem vom Meer umtosten Schwefelfeld stehen und eine Eurodance-Nummer namens „Volcano Man“ singen. Bei genauerem Hinsehen stellten die beiden sich als die stark geschminkten Schauspieler Will Ferrell und Rachel McAdams heraus, ein gekonntes Marketing für den letzten Freitag angelaufenen Netflix-Film „The Story of Fire Saga“ also.

Wir befinden uns 1974 im beschaulichen Fischerdörfchen Húsavik: Der junge Lars Erickssong (ja, ein Wortwitz!) und Sigrit Ericksdottir – „wahrscheinlich nicht verwandt“ – verfolgen im Fernsehen den fulminanten Auftritt von ABBA beim ESC in Brighton. Lars ist eigentlich immer noch geschockt vom frühen Tod seiner Mutter, trotzdem wird er euphorisiert und besessen von dem Gedanken, später selbst einmal auf dieser Bühne zu stehen. Jahre später treten Lars und Sigrit als Fire Saga tatsächlich im kleinen örtlichen Pub auf, in ihm lodert nach wie vor die Liebe zum ESC, in ihr vermehrt die zu ihm – doch davon bekommt Lars nichts mit. Fire Saga hat mit „Ja Ja Bing Bing“ sogar einen richtigen örtlichen Hit zu vermelden, aber die fragwürdigen künstlerischen Ideen Lars‘ überwiegen der musikalischen Qualität dann doch. Trotzdem: Durch einen Zu- und einen Unfall werden sie nicht nur Teilnehmer am isländischen Vorentscheid, sondern auch zum Vertreter für den – freilich fiktiven – Eurovision Song Contest 2020 in Edinburgh gekürt.

Nun beginnt der Irrsinn, das vorausprogrammierte Fiasko – und auch die sehr vorhersehbare Erzählung, die aber stets gekonnt zwischen der schillernden ESC-Welt und ihrer Magie, sowie einer beinah naturgemäß bröckelnden Harmonie, Verwechslungen und Missverständnissen changiert: Was in den Neunzigern „Cool Runnings“ für Olympia war, ist „Fire Saga“ für den ESC heute. Natürlich überzeichnet der Film den Eurovision Song Contest und dessen Auftritte, etwas anderes war aber auch nicht zu erwarten. Und in gewisser Weise ist das auch Aufgabe einer Komödie. Der ESC-Fan wird viele Elemente wiedererkennen: Die weißrussischen Bandmitglieder sind in Lordi-Manier als Monster verkleidet. Die Griechin singt in einem Raumanzug, wie man ihn sonst aus Moldau oder Montenegro kennt. Das Hamsterrad von Lars ist natürlich von Maria Yaremchuks „Tick-Tock“ aus Kopenhagen 2014 geliehen – dazu gibt es typisch aufgedrehte Moderatoren und einen möglicherweise homosexuellen Russen. Der schwedische Rapper im Jahr eins nach John Lundvik heißt Johnny John John – der echte Lundvik taucht – wie so einige andere ESC-Kandidaten auch, darunter auch „unsere“ Conchita – mit einem Cameo-Auftritt auf. Die zahlreichen Querverweise lassen den Film gelingen, obwohl er sonst gerade einmal zur platten Komödie gereicht: Man muss die Geschichte des ESC zwar nicht kennen, um den Film zu verstehen – Wissen lädt ihn aber mit Qualitäten auf. Ohne diese – nennen wir es einmal: Tiefe – würde sich „Fire Saga“ nahtlos in das Œuvre von Will Ferrell als ein weiterer Film über einen beschränkten Mann mit idiotischer Frisur und peinlichen Klamotten, dem sonderbarerweise die Frauen hinterherlaufen, während er sie tollpatschig von sich stößt, einreihen.

Conchita und Rachel McAdams

Ob „The Story of Fire Saga“ nun zur Satire oder Hommage gerät, hält sich über den Film hinweg die Waage: Aber immerhin zeigt Farrell, dass er den Kernauftrag des Eurovision Song Contests, nämlich Europas kitschigste und größte, dabei sinnbefreiteste Abstimmung zu sein, nicht nur verstanden, sondern auch verinnerlicht hat – und das selbst, wo doch der Wettbewerb selbst in den drei Jahren, in denen er im amerikanischen LGBTQ-Spartenkanal Logo TV live gezeigt wurde, bloß fünfstellige Zuschauerzahlen erreichte. Dass sich Ferrell, bei all seiner traumtänzerischen Tappsigkeit (aber immerhin mit einer Schwedin verheiratet) jedoch in ihm fremde Paralleluniversen einfühlen kann, hat er ja etwa schon in „Ricky Bobby“ und „Die Eisprinzen“ bewiesen.

„The Story of Fire Saga“ läuft seit Freitag auf Netflix. Neben Ferrell und McAdams spielen auch ex-James Bond Pierce Brosnan, Downton Abbeys Alexander Lemtov, Sex Educations Mikael Persbrandt, Demi Lovato und BBC-Talkmeister Graham Norton.

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