Johannes Oerding zeigt Konturen

Johannes Oerding

Oerdings 6. Album „Konturen“ ist ein Fest aus Pop, Elektro, satten Streichern, reduziertem Beat, NDW-Übermut und orchestralem Filmmusik-Pathos: Ein gemeinsamer Streifzug durch sein Album.

Foto: Olaf Heine

Zehn Jahre lang währt die Karriere des Musikers aus Münster bereits. Vom anfänglichen Special Guest für Simply Red und Joe Cocker, über Gold- und Platin-Auszeichnungen für seine Alben bis zur beklatschen Teilnahme am TV-Hit „Sing meinen Song“ hat sich Erfolg an Erfolg gereiht. Mit dem neuen Longplayer „Konturen“ legt der bald 38jährige alte Teilzeitaktivitäten wie TV-Shows auf Eis und konzentriert sich ausschließlich auf seine Musik, zumindest 80 Live-Konzerte pro Jahr inklusive.

Eigentlich verwendest du nur die deutsche Sprache. Dann kommt aber in den Texten so manches englische Wort vor, bis hin zum Song-Titel „All In“. Eine bewusste Vermengung?

Johannes Oerding: Bewusst nicht. Wenn, dann sind das Worte, die mehr oder weniger schon eingedeutscht wurden, die ich auch benutze. Wie beim Pokerspiel: „Hey Leute, ich geh‘ jetzt mal All In.“ Das ist keine bewusste Entscheidung. Im Gegenteil, ich sträube mich gegen Anglizismen. Ich hatte irgendwann mal die Idee einen Song zu schreiben, der hieß „Nichts geht mehr“. Ich hab‘ kurz überlegt, ob ich den „Rien ne vas plus“ nenne. Aber ne, das klingt voll nach Howard Carpendale. Mann, das kann ich nicht bringen.

Du lässt dich unbewusst also durch Jugendsprache beeinflussen?

Johannes Oerding: Ob das unbedingt Jugendsprache ist … Meine Generation hat ja auch solche Worte. Dann hör‘ ich meinen Neffen und Nichten zu und denk’ mir: Was bedeutet das jetzt schon wieder? Irgendwann wird’s auch albern, wenn ich den ganzen Tag nur in Kürzeln reden würde. Lol oder Yolo oder „du ghostest mich“.

Wenn man du eine gewisse Sprache nicht verwendest, erreichst du bestimmte Zielgruppen nie.

Johannes Oerding: Genau. Man grenzt sich zu allererst durch Semantik und Sprache ab. Das wollten wir früher ja auch, das war so eine Art Geheimsprache, dass man sich von den Erwachsenen absetzt. Das finde ich eigentlich ganz lustig, das war schon immer so.

Beim Opener des Albums, „An guten Tagen“, singst du über eine zweite Person. Später wechselst du ins „euch“. Welche Absicht stand da dahinter?

Johannes Oerding: Man könnte am Anfang des Songs meinen, dass ich nur über mich singe, „Ich tanze allein durch die Straßen“ und so. In der zweiten Strophe komm‘ ich und sag: „Wer rollt uns den Roten Teppich aus“. Dann will ich das noch größer werden lassen und noch gemeinschaftlicher, das ist dann das Wir-Gefühl. Jetzt gehen wir alle mal auf die Tanzfläche und drehen durch. Da hab‘ ich die Perspektiven bewusst durchgemixt.

Konstruierst du deine Songs sorgfältig?

Johannes Oerding: Das kann passieren. Ich wusste nicht, dass „An guten Tagen“ so ein großer Hit wird. In Deutschland ist der riesig geworden. Auslöser war meine Mutter, die meinte: Mach doch mal was Flotteres, was zum Tanzen. Ein schnelles Lied, nicht immer so traurig. Okay, dann mach ich mal was Uptempo. Ich hab‘ mich hingesetzt und fing an zu schreiben. Von Anfang an wollte ich so … Mundwinkel hoch und lass uns mal völlig durchdrehen. Erst als ich die Zeilen dazu schrieb, merkte ich in der Verbindung mit der Musik: Das ist richtig gut! Ich kann mich erinnern, als ich den Song meiner Band am Strand in der Türkei zum ersten Mal vorgespielt hab‘. Die meinten auch, das ist richtig gut. Das war für mich der Startschuss zum Album. Ich hab‘ es noch nicht verlernt, ich kann es noch. Davor war ich so … hoffentlich fällt mir noch was ein. Die Nummer ist auch bewusst plakativ, ich wollte da keine bedeutungsschwangere Nummer schreiben.

Weil es im Text bei „An guten Tagen“ angesprochen wird. Aus welcher Bar bist du zuletzt rausgeflogen und weshalb?

Johannes Oerding: Zuletzt wurde ich aus der Aftershow-Party von Casper und Marteria vom Sicherheitspersonal hinaus komplementiert. Gut, die wollten, dass ich gehe und ich wollte noch da bleiben. Ich dachte die Party läuft noch, aber sie war schon vorbei. Langsam wurden alle rausgekehrt und ich war längst noch nicht fertig mit der Nacht. Ich war auch schon gut angetrunken und war so: Nein, ich bleib‘ jetzt hier! Da mussten die mich mehr oder weniger hinaus begleiten. Das ist noch gar nicht so lange her, ich flieg‘ regelmäßig aus einer Bar. Ich mag das ja gerne, wenn man feiern geht, bewusst Hut ab und Käppi auf und keiner erkennt einen. Da wird man behandelt wie alle anderen und man kann sich genauso daneben benehmen wie alle anderen. Und keiner kriegt es mit.

Ist es wichtig, schön oder unangenehm wenn man dir den Roten Teppich ausrollt?

Johannes Oerding: Den Roten Teppich an sich finde ich bei öffentlichen Veranstaltungen furchtbar. Ich lass‘ mich ganz bewusst zum Hintereingang fahren. Es sei denn, ich krieg‘ wirklich einen Preis, dann gehört es auch dazu, sich der Presse zu zeigen. Ich find‘ das wirklich unangenehm. Da stehen dann dreißig Fotografen die schreien. Trotzdem mag ich es auch, wenn Menschen einen wertschätzen, so in der Art: „Kommen Sie rein, ich mag Ihre Musik, schön, dass Sie uns besuchen.“ Es gibt auch das komplette Gegenteil, wenn Menschen einen bewusst ignorieren. So nach dem Motto: „Glaub‘ ja nicht, dass du etwas Besseres bist, ich find‘ deine Musik eh Kacke.“ Das gibt’s auch, das finde ich unnötig.

Im Titel „Blinde Passagiere“ sind einige Messages drinnen, von Umweltschutz bis zum Gedanken der Gnade des Orts der Geburt. Auf den ersten Eindruck kommt er als Liebeslied daher.

Johannes Oerding: Genau so ist es. Man könnte meinen, da singt jemand eine Ballade am Klavier. Es ist natürlich eine Ballade, aber über das kritische Hinterfragen. Es geht um ein sehr globales Thema, ich bin da nicht so sehr ins Detail gegangen. Es geht um ein Grundgefühl, das sich in den vergangenen Jahren etabliert hat, woran ich selbst verzweifle und manchmal enttäuscht bin von der Menschheit an sich. Die Leute sollen zuhören, sich angepiekt fühlen und nachdenken. Moment mal, hier läuft derzeit einiges schief. Dafür sind wir Künstler auch da um die richtigen Fragen zu stellen. Wir müssen ja keine Antworten haben. Ich will aber nicht mit dem Zeigefinger daher kommen.

Ist das Schicksal des Menschen einziger Richtungsgeber, oder ist es doch die Selbstbestimmung?

Johannes Oerding: Meine Lebensphilosophie ist, dass wir vorgeben etwas zu wissen, aber wir wissen es nicht. Um bei „Blinde Passagiere“ zu bleiben: Wir sind hier auf der blauen Kugel und glauben die Krönung der Schöpfung zu sein. Das sind wir aber nicht. Wahrscheinlich sind wir nur ein kleiner Furz, wenn man raus zoomt. Wir maßen uns wirklich an, hier alles zu wissen. Dem ist nicht so. Ich glaub‘ nicht ans Schicksal. Ich bin auch kein gläubiger Mensch was das anbelangt. Ich glaube, dass man zu Lebzeiten schon gewisse Dinge forcieren und fördern kann. Ich glaub‘ an so eine Art Karma. Da meine ich aber nicht das spirituelle Karma. Wenn du mir einen Gefallen tust, kommt das auch irgendwann irgendwie wieder zurück.

Und dann knallt „Anfangen“ rein – wie wichtig ist die Stil- und Tempo-Abwechslung, und das Tüfteln an der Reihenfolge der Songs?

Johannes Oerding: In diesem Fall hab‘ ich nicht darauf geachtet. Ich wollte im ersten Drittel der Platte möglichst breit meine Facetten zeigen, die ich in diesem Album sehe. Inhaltlich, wie vom Sound her. Ich wollte zeigen, dass es da nicht um die klassischen Singer-Songwriter-Themen geht wie Sehnsucht, Eskapismus, Liebe und Schmerz. Sondern auch mal über Politik, gesellschaftliche Fragen. Dann wollte ich zeigen, was ich soundlich kann, von der Ballade am Klavier bis hin zu elektronischem Sound aus den Eighties.

Dich kennt man mit Hut auf dem Kopf, jetzt kommst du mit dem Titel „Unter einen Hut“ an. Davon unabhängig: Was passt unter deinen Hut beziehungsweise wann trägst du Hut?

Johannes Oerding: Eigentlich ist noch Material da (zeigt stolz die zerzausen Haare, Anm.). Nicht schön, aber es reicht. Der Hut hat sich etabliert. Den trag‘ ich seitdem ich mit 16 mit meiner Schülerband unterwegs war. Das ist aus einer Not heraus entstanden. Ich musste mal schnell auf die Bühne und ich war früher viel eitler. Da waren meine Haare nicht gemacht, ich hatte kein Gel. Also Hut drauf und raus, eine Sorge weniger. Das wurde zu meinem Auftrittsmodus, dann bin ich in meiner Künstlerwelt. Ich trag´ den aber schon als Accessoire, auch zu Hause. Wobei meine Friseurin meint, ich soll den nicht so oft aufziehen, weil meine Haare kaputt gehen.

Wie viele „Freunde“ hast du auf Facebook, Instagram & Co.? Hat das Platz im Privatleben?

Johannes Oerding: Das hat nur mit mir als Künstler zu tun. Privat kommuniziere ich mit meinen Freunden nicht mit Instagram oder Facebook. Ich hab‘ auf beiden so an die 120.000, 150.000 Follower, für mich ist das schon viel. Das sind treue und sehr aktive Follower, das ist eine für mich sehr wertvolle Masse. Wenn du Likes kaufst, verarscht du dich doch selbst. Ich nutze das nur als berufliches Tool, um Leute nah rankommen zu lassen. Man wird mich nie mit meiner Freundin, noch in meinen Privatgemächern oder im Urlaub sehen. Die Distanz muss bleiben.

Das Internet vergisst nichts – wie bewusst gehst du damit um, vor allem als Mensch der in der Öffentlichkeit steht?

Johannes Oerding: Ich bin ein bisschen traurig, dass ich nicht in der Zeit Musiker bin, als es noch keine Handys oder Social Media gab. Die sind damals völlig durchgedreht. Ich bin viel mit Maffay und Lindenberg unterwegs und höre deren Geschichten sehr gerne. Mann, ey, da hab‘ ich echt was verpasst! Du richtest dich schon danach aus, dass überall eine Kamera sein kann. So richtig durchdrehen kannst du eh nicht mehr als öffentliche Person. Bei all der Nostalgie und dem „früher was alles besser“-Blabla, ist das Internet eine riesige Chance für uns alle. Es ist Fluch und Segen. Für mich als Musiker ist es eher ein Segen.

Mehr oder weniger ist das nun das zehnte Jahr der Karriere. Jubelstimmung?

Johannes Oerding: Es kommt mir länger vor. Davor habe ich acht Jahre lang ja auch schon versucht, einen Fuß in die Tür zu kriegen. Die erste Platte ist sogar zwölf Jahre her, die haben wir dann nochmal raus gebracht, weil dann erst eine Plattenfirma Lust hatte. Ich hab‘ viel gearbeitet in den letzten zehn Jahren, hatte ein hartes Pensum. Ich wollte, dass der Zug abfährt. Erst jetzt, wo man ein bisschen etablierter ist, kann man auch mal durchatmen. Da muss man nicht immer so getrieben sein.

Du spielst zumindest 80 Live-Auftritte pro Jahr? Ist das noch ein Genuss? Ist das, um in Übung zu bleiben, oder zum Brotverdienst? Und nach dem Album möchtest du wirklich zwei Jahre auf Tour gehen?

Johannes Oerding: Mit 80 Auftritten ist aber ein leichtes Jahr! Ich hab‘ den Beruf, das Gitarrespielen, gelernt, um genau das zu machen. Um aktiv das Instrument zu spielen, um mit anderen live zu singen. Ich will das, was ich geübt habe, auch live vorzutragen. Das ist für mich die Essenz des Berufs, das Live-Spielen. Auf Tour sein. Applaus kriegen, weil sich das gut anfühlt und weil es geil ist. Deshalb hab‘ ich ganz bewusst nach dem „Sing meinen Song“-Ding gemeint, weil vom Fernsehen diverse Anfragen kamen: Sorry, das ist nicht mein Beruf. Das ist ein Tool, das man gerne nutzt und es hat auch Spaß gemacht. Der Beruf ist es, jetzt eine Platte zu machen und den Leuten davon zu erzählen und das vorzuspielen. Deshalb freue ich mich auf die kommenden zwei Jahre. Ich würde aber lügen wenn ich sage, dass es nicht auch Spaß macht, damit eine Menge Geld zu verdienen. Im Moment surfen wir die Welle ganz gut.

Johannes Oerding gastiert mit seinem neuen Album „Konturen“ im Gepäck am 25. April in der Ottakringer Brauerei, Tickets gibt es bei oeticket.com.