Kenne den Feind, Behemoth!

Behemoth

Diese Tage veröffentlichten die polnischen Death/Black-Metaller Behemoth ihr 11. Album. Ein Album, für das ihnen Jesus höchstpersönlich den Titel geliehen hat. Oder doch nicht?

Behemoth2004 zog das vormals unter dem Namen Metal Fest formierende Festival aus der Arena ins slowenische Tolmin, wo es seither unter dem neuen Banner Metalcamp im Nationalpark Julische Alpen an den Flüssen Soca und Tolminka stattfindet. Neben der musikalischen Beschallung von Künstlern wie Danzig, Hypocrisy, Dark Funeral und Belphegor wurde für die Festivalbesucher auch ein spaßig angesetzter „Bibelweitwurf“-Wettbewerb ausgerichtet – bereits damals war es unumgänglich, ein Unterhaltungsangebot darzubieten. Und was wäre auf einem Metalfestival treffender, als einer imaginären Obrigkeit ein bisserl auf den Schlips zu treten?

Gotteslästerung ist ja nicht erst seit gestern in der Rockmusik ein Garant für Aufmerksamkeit: Um 1930 soll der vormals miserable Blues-Musiker Robert Johnson an der Kreuzung der beiden US-Highways 61 und 49 nahe Clarksdale im Bundesstaat Mississippi dem Beelzebuben seine Seele verkauft haben, um die Gabe des meisterlichen Gitarrenspiels zu erhalten. In Liedern wie „Me and the Devil Blues“ und „Hellhounds on My Trail“ befeuerte der Sänger selber den Mythos vom Pakt mit dem Teufel, ehe er als Twen unter Höllenqualen starb. Von einem Nebenbuhler vergiftet, hieß es. Syphilis sagten andere. Die meisten im Delta aber munkelten, wie könnte es auch anders sein, dass ihn eben der Teufel geholt habe und so den Pakt erfüllte.

Seitdem wird die populäre Musik den Ruch des Teuflischen nicht mehr los. Elvis – ausgerechnet er, der Zeit seiner Karriere auch als gottesfürchtiger Gospelsänger in Erscheinung trat und auf seinem Anwesen in Memphis eine Kapelle errichten ließ – musste ja nicht einmal offensichtlich mit Satan kokettieren, bei ihm genügte im prüden Amerika der Fünfziger schon der frivol-verführerische Hüftschwung.

Natürlich: Im Aufbegehren gegen Althergebrachtes, Altvorderes, allzu Konservatives, Verjährtes liegt der Sinn einer Jugendkultur, sie muss rebellieren. Und dass sich besonders leicht provozieren lässt, indem man etwa gebotswidrig den Namen des Herrn missbraucht, machten sich Musiker sonderzahl zunutze. Seit die australischen Rock-Pioniere AC/DC auf dem „Highway to Hell“ die Höllenglocken läuten ließen und vier New Yorker Jungen zu „Knights In Satan’s Service“ wurden, bedient sich der Heavy Metal mit seinen infernalischen Gründervätern Black Sabbath der antichristlichen Symbolik, insbesondere im finsteren Subgenre des Black Metals: Bereits Venom verlangten in „Possessed“ den „Tod deines Gottes“, Marduk ereiferten sich wenige Jahrzehnte später, den „Nazarener abzuschlachten“.

Klar, meist wird – wie auch bei den Mord- und Totschlagsfantasien o.B. im Death Metal – recht plump und auf Schockwirkung zielend mit Satanismus kokettiert, zuweilen aber steckt hochintelligente Reflexion dahinter. Der Amerikaner Brian Hugh Warner etwa, der seinen Künstlernamen Marilyn Manson aus der Ikone des Schönen, Marilyn Monroe, und mit Sektenführer Charles Manson derjenigen des Bösen kombiniert, betreibt ein fortlaufendes Spiel mit dem amerikanischen (Alb)traum, inszeniert(e) sich als „Antichrist Superstar“ und brach zumindest zu seinen Hochzeiten in den Neunzigern die verkommene Moral, hinterfrug so manche soziopolitische Narretei. Doch wo im Rock ein tieferer Sinn ist, wird er überhört, umgekehrt suchen Frömmler bösen Sinn, wo keiner ist: Immer wieder orten sie Aussagen, die hören könne, wer ein Stück rückwärts laufen lasse – bei den Rolling Stones, Led Zeppelin, und natürlich auch den netten Beatles, die sich ja immerhin zu „bigger than Jesus“ ausriefen.

Das Spiel mit dem Spiegel

Schon der Teufelskerl Robert Johnson trieb das ironische Spiel wahrscheinlich ganz bewusst, gab den gefährlichen schwarzen Mann, wie es heute die Schlauen unter den Gangsta-Rappern auch tun, wenn sie den sexbesessenen, kriminellen Farbigen geben und der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Nicht minder Adam Darski, der als Pole – man möchte fast sagen: naturgemäß – christlich erzogen wurde, sich in den frühen Neunzigern jedoch dem Black Metal zuwandte und die „einzig wahre satanische Organisation in Polen“, den „Temple of the Fullmoon“ gründete. Auch wenn er bald mit seiner Jugendsünde brach, die Religionskritik ist Nergal – so sein an die babylonische Gottheit angelehnter Künstlername – bis heute geblieben: 2007 wurde Darski etwa wegen „Verletzung religiöser Gefühle“ angeklagt, da er bei einem Konzert in Gdynia eine Bibel zerrissen und die Kirche eine „mörderische Sekte“ genannt hatte.

Während Darski auf den ersten Eindruck – gerade nachdem er nach einer Leukämie-Erkrankung dem Tode von der Schippe sprang – ein lebenslustiger, zuvorkommender, sonders aufgeschlossener und charismatischer Zeitgenosse zu sein scheint, so ist er als Nergal natürlich für die breite Masse eine kontroverse Figur, deren Aussagen mit Sicherheit nicht jedem gefallen werden – ebenso wie natürlich seine Musik: Behemoth klingen, so wohlfeil spätestens seit „Satanica“ (1999) auch exerziert, für Otto und Ottilie Normal wohl nur nach Lärm.

Man muss natürlich weder seine Musik mögen, oder gar seine Überzeugungen teilen: Seine Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit, seine Werte zu verteidigen, aber auch sein Geschick, sich über die Jahre hinweg von allzu offensichtlichen Plattitüden zu lösen und – „The Satanist“ (2014) zum Trotz – vielmehr mit gefinkeltem Wortspiel und spitzbübischen Sticheleien zu überzeugen, sind zumindest inspirierend.

I Loved You At Your Darkest

In eine ähnliche Kerbe schlägt auf den ersten Blick auch das letzten Freitag erschienene 11. Studioalbum „I Loved You At Your Darkest“. „Noch blasphemischer ist fast unmöglich“, legt Darski sein Label Nuclear Blast im Pressetext in den Mund und lässt ihn den prima facie auf gut Österreichisch bochn wirkenden Titel erklären: „Das ist ein Vers aus der Bibel. Tatsächlich hat das Jesus persönlich gesagt. Dass wir von Behemoth es also als Grundlage für unser Album nutzen ist ein Sakrileg ohnegleichen.“

In der Theorie ganz nett. Und tatsächlich finden sich auch bei einer oberflächlichen Recherche im Internet Spruchgrafiken mit diesem Schriftzug und einem Verweis auf den Römerbrief 5,8. Nun schätze ich Darski nicht als Menschen ein, der sich bei einem Internetversandhandel erquickende Wandsprüche bestellt, zudem er als studierter Historiker und ausgebildeter Museumskurator eigentlich tiefer schürfen können müsste, denn: Es ist Humbug.

In RÖM 5,8 heißt es in der Lutherbibel, im deutschsprachigen Raum immerhin Referenzprodukt: „Darumb preiset / Gott seine Liebe gegen vns / das Christus fur vns gestorben ist / da wir noch Sünder waren.“ Und auch in der des anglikanischen Sprachraumes, der King James Version, heißt es bei Romans 5,8: „But God commendeth his love toward us, in that, while we were yet sinners, Christ died for us.“

Bibelkundige werden wissen: Der Brief an die Römer ist ein Buch des Neuen Testaments, das von Apostel Paulus in Korinth verfasst wurde. Unumstritten. Der Brief entstand irgendwann 55 n. Chr. und war an eine Christengemeinde in Rom adressiert. Das Christentum hatte in Rom zunächst unter den vielen Diaspora-Juden und in jüdischen Synagogengemeinden, denen sich auch Proselyten und gottesfürchtige Nichtjuden anschlossen, Anhänger gefunden. Doch zur Zeit des Römerbriefs waren Christen in den Synagogen schon nicht mehr geduldet. Diesbezügliche Auseinandersetzungen scheinen zu einer Ausweisung der Juden aus Rom unter Kaiser Claudius geführt zu haben. Der Gemeinde, an die Paulus schrieb, gehörten sowohl Juden-, als auch Heidenchristen an, eine Vielzahl von ihnen Frauen und peregrini, also Freigelassene oder Sklaven und keine römischen Bürger.

Im Gegensatz zu den Adressaten seiner anderen Briefe hatte Paulus die römische Gemeinde nicht gegründet und kannte sie bis auf einzelne Mitglieder auch nicht. Da er beabsichtigte, auf einer weiteren Missionsreise, die den westlichen Mittelmeerraum zum Ziel hatte, auch Rom zu besuchen, diente der Brief der Vorbereitung dieses Besuchs. Auf spezielle Probleme der Gemeinde ging er weniger ein, als es in den anderen Briefen der Fall ist. Stattdessen stellte er seine Theologie ausführlich dar. Darunter auch die „Hoffnung der Gerechtfertigten“ (RÖM 5), die sich durchaus korrekt mit dem vermeintlichen Jesus-Zitat zusammenfassen lassen könnte. Nur: Es ist eben kein Zitat von Jesus höchstpersönlich, sondern eben von Paulus – ja, nicht einmal ein Zitat, lediglich ein Précis. Ja, selbst in einer ähnlichen Stelle, des 2. Briefes an die Korinther, kommt nicht Jesus selbst, sondern Paulus zu Wort, wenn er sagt: „Ich aber will sehr gern alles aufwenden und mich für euch aufreiben. Wenn ich euch so sehr liebe, soll ich deswegen weniger Liebe empfangen.“ (2 KOR 12,15)

Mehr noch: In beiden Briefen sind die Adressaten eine explizite Zielgruppe, Christen in Rom und die Korinther – keineswegs die ganze Menschheit selbst. Da in beiden Briefen mit dem verwendeten Pronomen stets der Verfasser Paulus miteinbezogen wird, sehen dies einige Theologen oder auch Gläubige freilich anders, unterm Strich bleibt aber ein initiativer Fehler: Jesus ist nicht der Titelgeber von „I Loved You At Your Darkest“, so wohlfeil es auch gewesen wäre: Diese Worte wurden ihm von Nergal (oder dem Pressetexter aus dem Hause Nuclear Blast) in den Mund gelegt.

Solve et Coagula

Das lateinische Wortpaar, das in der Übersetzung für „Löse und verbinde“ steht, ist neben der Klammerstellung als Intro und Outro der Platte primär auch eine alchemistische Schlüsselformel und beschreibt den Prozess des Analysierens einer Gegenständlichkeit, ihr Auflösen und das Zusammenfügen zu einer Vervollkommnung. Es ist weit hergeholt, aber vielleicht findet sich dieses Prinzip gewollt oder ungewollt im inhaltlich etwas pubertär wirkenden „God = Dog“, der ersten Single, exerziert, wenn der (nicht existente) Gott zu einem (existenten) Lebewesen stilisiert wird und so Gott eine neue Identität geschaffen wird, mit dem Sohn Gottes nicht als Heilsbringer sondern als Hundebaby – und nachdem Hunden zu ihrem Herrchen unabdingbare Treue nachgesagt wird, vermag vielleicht sogar das Summarium des Plattentitels zum Grundprinzip des eigenen Tuns und Handelns und demnach folgerichtig zum Zitat Jesu werden. Auch eine Form der Blasphemie.

Auch wenn nach dem formidablen „The Satanist“ Luzifer hier auffällig verdeckt im Hintergrund bleibt: begrifflich und sinnbildlich im musikalischen Inferno -, so ist es – dem Titelschnitzer zum Trotz – Nergal gelungen, ein durchaus besessenes Tondokument vorzulegen, das mit im Spalier stehenden Posaunen als glaubensverneinender Triumphzug voranprescht. Obwohl im Vorfeld eine Stilkorrektur angekündigt wurde, sind – das macht das gleichsam mechanisch wie organische Album deutlich – die „Posterboys des Extrem-Genres“ nach wie vor bewusst fernab eines Pop(e)ulismus á la Ghost: Die Dynamik ist über die volle Länge sensationell, und gerade das Spiel von Schlagzeuger Inferno trägt viel zur brodelnd-schwelenden Finsternis bei, die auf „I Loved You At Your Darkest“ unheilschwanger um jedes noch so hektisch geschlagene Eck lugt, während Nergal mit einer Vielzahl an düsteren Distortion-Arpeggios einen säuberlichen, gotischen Klangteppich als neues Taufkleid Jesu häkelt. Ja, Behemoth experimentieren mehr als am Vorgänger, und nein, dessen außerordentlichen Status haben sie nicht toppen können: Dafür wirkt der Marsch zu effekthascherisch. Aber um Effekthascherei geht es letztlich in der Kirche ja auch. Warum also nicht auch in der Hölle?

Behemoth spielen mit At The Gates und Wolves In The Throne Room am 13. Jänner in der Wiener Arena. Tickets gibt es bei oeticket.com.