🇦🇹 Christian Kolonovits: Strada Della Sinfonia

Kolonovits

Kolonovits prägte den Austropop im Hintergrund und gilt als Brückenbauer zwischen Hochkultur und Popmusik. Nun veredelt er auch Seiler & Speer – und Rainhard Fendrich. Wir verlosen Tickets für Seiler & Speer!

Foto: Red Bull / Matthias Heschl

Wenn Christian Kolonovits zum Termin erscheint, ist er ausnehmend freundlich, aber auch gestresst. Kurz vor seinem 70. Geburtstag ist der Dirigent, Kompositeur, Arrangeur, Produzent und Vollblutmusiker aus Rechnitz so begehrt wie nie zuvor. Doch nur ihm kann so mühelos der Spagat zwischen Fendrich, Seiler & Speer, Camo & Krooked und der Volksoper gelingen.

Christian, wie feiert man einen 70. Geburtstag, wenn man derart rastlos ist wie du?

Eigentlich will ich ja gar nicht feiern. Ich feiere gerne unterm Jahr eine super Party, wenn die Arbeit gut war, aber das muss nicht zwingend mit meinem Geburtstag zusammenhängen.

Bist du kurz vor deinem 70er eigentlich beschäftigter als je zuvor?

Ich habe nie aufgehört oder pausiert. Das Leben beschert mir gewisse Arbeiten, sie kommen einfach zu mir. Es war nie so, dass ich unbedingt etwas nachgejagt habe. Wenn man die Ruhe im Leben bewahrt, dann kommt alles auf einen zu. Keine Angst zu haben gehört zu den wichtigsten Grundlagen meines Lebens.

Sagst du zuerst einmal „ja“ und schaust dann, was sich daraus entwickelt?

Ich stelle mich gerne Herausforderungen. Wenn ich einem Künstler meine optimalste Arbeit schenke, dann muss es auch meiner eigenen Entwicklung guttun. Wenn ich mich für etwas entscheide, dann zu 100 Prozent. Ich will auf Menschen und Kollegen mit ganzer Liebe zugehen. Kreative Zusammenkünfte sind wie temporäre Liebesverhältnisse. Sie enden zwar mit dem Projekt, aber es bleibt etwas darüber hinaus: Eine Freundschaft oder ein Kontakt.

Du bist das absolute Gegenbeispiel für die heute immer populärer werdende „Cancel Culture“. Ist dir Ausgrenzung fremd?

Es wäre mir viel zu blöd, mich mit etwas nicht auseinanderzusetzen. Das fände ich einseitig bis faschistoid. Zu behaupten, ich hätte einfach Recht, wäre furchtbar. Man muss die Meinung des anderen zulassen und dann abstecken, ob es sich für eine Zusammenarbeit ausgeht oder nicht.

Du bist in der burgenländischen 3.000-Seelen-Gemeinde Rechnitz geboren und aufgewachsen, hast väterlicherseits kroatische und mütterlicherseits ungarische Wurzeln. Wie sehr hat das alles zu deinem offenen Toleranzverständnis geführt?

In der kommunistischen Ära habe ich viel Zeit in Köszeg verbracht. Dort wurde gesungen, getanzt und es wurden Partys gefeiert. Mich hat dieser Umgang mit dem Leben imponiert. Dann ging es weiter ins deutschsprachige Rechnitz und nach Schachendorf, wo eine andere Art von Offenheit herrschte. Mich hat das vor allem früh gelehrt, dass es eigentlich keinen Unterschied zwischen ernster Musik und Unterhaltungsmusik gibt. Für mich war das nie ein Thema. Musik ist für mich in höchstem Maße unterhaltend. Von Vogerltanz bis Béla Bartók habe ich in meiner Kindheit alles am Klavier gespielt. Die Kunstform der Musik ist wie Zauberei.

Du bist im besten Sinne ein Brückenbauer. War es dir immer besonders wichtig, gegenseitige Toleranz und Verständnis für einander zu entfachen?

Selbstverständlich. Probieren wir die Dinge doch einfach. Wir sehen dann eh, ob es gefruchtet hat oder nicht. Gerade in den Neunzigern war die Nachfrage nach Kooperationen groß: Künstler wussten, dass sie einen guten Song haben und hätten ihn gerne im orchestralen Rahmen überhöht.

Wie etwa jetzt mit Seiler und Speer für das „Red Bull Symphonic“-Projekt.

Wir arbeiten darauf hin, dass die Elemente von Pop- und Rockmusik mit der Klassik eine Einheit werden. Das ist mitunter das Spannendste, was ich in meinem Leben mache. Das sind zwei grundverschiedene Klangspektren, die man vereinen muss. Wenn es klappt, dann ist es natürlich „orgasmisch“.

Du warst früh im Austropop dabei und hast mit allen gearbeitet: Ambros, Danzer, Hirsch, STS, Werger …

Ich war anfangs der einzige mit einer musikalischen Ausbildung, aber das hat mir total gefallen. Mir hat unheimlich imponiert, wie diese Autodidakten die größten Hits ohne Noten geschrieben haben. Ich habe sie dafür beneidet, dass sie nicht zu verkopft waren und einfach nur die Strömungen der Gegenwart übernahmen und damit Erfolg hatten. Diese Freiheit war mir durch die Ausbildung nicht vergönnt.

Im Sommer wird es Rainhard Fendrich symphonisch geben. Mit ihm hast du in den Achtzigern extrem eng zusammengearbeitet, du warst an so gut wie allen Riesenhits beteiligt. War diese Beziehung noch spezieller als alle anderen, die du kreativ hattest?

Als ich Anfang der Achtziger von Frankfurt nach Wien zurückkam, hat mir Ambros den Tipp gegeben. Er sagte, es gäbe da einen Jungen, der liebe seine Platte „Hoffnungslos“ und wolle unbedingt mit mir arbeiten. Bei Fendrichs Konzert in St. Pölten haben wir uns dann getroffen und eine Zusammenarbeit vereinbart. Das endete dann in sieben Alben in Serie. Jedes Album hatte seine eigene Identität und produzierte Hits. Das war ein unglaublicher Lauf. Gleichzeitig habe ich mit Ludwig Hirsch und Maria Bill geschrieben und alles schlug ein. In den Achtzigern gab es keinen Tag, an dem ich nicht im Studio gearbeitet hätte. Manchmal habe ich unter dem Klavier geschlafen, damit ich frühmorgens gleich wieder loslegen konnte.

Schließt sich für dich nun ein persönlicher Kreis, wenn du mit Fendrich symphonisch konzertierst?

Im Grunde ist das Konzert so etwas wie eine Reunion oder ein Zusammenkommen auf einer höheren Ebene. Jeder von uns hat in den letzten Jahrzehnten viel gearbeitet und genau verfolgt, was der andere so gemacht hat. Wer so eine intensive gemeinsame Vergangenheit hat wie wir, der muss sich ja irgendwann noch einmal treffen und ein gemeinsames Konzert spielen.

2009 hast du die Kinderpop-Oper „Antonia und der Reißteufel“ kreiert. Eine Mischung aus Musical, Klassik und Pop, die aktuell wieder in der Wiener Volksoper aufgeführt wird. Zählt dieses Projekt für dich persönlich zu den wichtigsten in deiner Karriere?

Wenn man eine Oper schreibt, dann sitzt man ja nicht einen Monat, sondern gut zwei Jahre daran. Man atmet mit einem viel längeren Atem. Ich entdecke in diesen zwei Stunden immer etwas Neues. Es spiegelt ja auch immer ein bisschen die Zeit wider, in der man das Stück ausführt. Ich bin extrem froh, dass ich in dieses Genre eingetreten bin, auch wenn ich es anfangs nicht wollte. Bei mir setzte aber schon in den Neunzigern das Theaterfieber ein. Eine zweistündige Oper hat einfach einen anderen Wert als eine Platte, die eine knappe Stunde dauert. Es ist ein musikalischer Rundumschlag.

Zeit deines Lebens warst du ein Teamplayer. Wie wichtig sind denn trotz allem Begriffe wie Egozentrik oder Eitelkeit in dieser Branche?

Ein Ego erzeugt fast immer Missverständnisse. Man hört einem nicht mehr zu, wenn man zu viel davon einsetzt. Man muss dem kreativen Partner zumindest die Fähigkeit geben, sein Ego auszuspielen. Man darf sich nicht die Köpfe einschlagen, bevor etwas entsteht. Dadurch ist man auch ein bisschen ausgeschlafener als die anderen und hat mehr Überblick.

Gibt es einen besonderen Ratschlag, den du deinem 16-jährigen Selbst mit dem Wissen und der Erfahrung von heute mitgeben würdest?

Der wichtigste Ratschlag ist: lerne dich selbst kennen. Das ist schwer genug, weil einem durch das Elternhaus unglaublich viel an Eigenständigkeit genommen wird. Jeder darf mit dem Schädel gegen die Wand rennen und jeder muss sich selbst finden. Seine Persönlichkeit in die Kunst einzubringen, kann man nicht lernen. Das muss man finden.

Gibt es ein bestimmtes Projekt, das du noch unbedingt umsetzen möchtest? Einen Künstler, mit dem du gerne noch arbeiten würdest?

Nein. Jeder nächste Tag in meinem Leben soll interessant sein. Er soll sich nicht aus Träumen oder Wunschvorstellungen, sondern aus sich heraus ergeben. Es kam alles so, wie ich es wollte.

Seiler & Speer gastieren symphonisch mit Kolonovits und Orchester zwischen 9. und 11. Februar im Wiener Konzerthaus, Rainhard Fendrich am 11. Juni im Großen Festspielhaus Salzburg und am 3. Juli vor Schloss Schönbrunn. Tickets gibt es bei oeticket.com.

Wir verlosen 1×2 Tickets für Seiler & Speer im Rahmen von Red Bull Symphonic am 10. Februar im Wiener Konzerthaus!

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