Leonard Bernstein: ein Leben für die Musik

Heute vor 100 Jahren wurde das Ausnahmetalent Leonard Bernstein geboren. Nicht nur seine Luftsprünge bleiben unvergessen.

© imago/ZUMA Press

Der Name Leonard Bernstein steht für Musik. Bernstein war Komponist, Dirigent, Pianist, Lehrer, Autor und so vieles mehr. Als Komponist war er gleichsam im Konzertsaal wie am Broadway Zuhause. Er schrieb Symphonien, Filmmusik, Balladen und Opern. Seine Leidenschaft für die Musik hat Millionen an Menschen in den Bann gezogen. Heute wäre der das Genie 100 Jahre geworden.

„Lenny“ entdeckt sein Universum

Ich glaube, ich hätte ein ganz annehmbarer Rabbiner werden können. Doch davon konnte keine Rede sein, denn Musik war das Einzige, was mich erfüllte. (Leonard Bernstein)

Leonard Bernstein war ein schwächliches und oft kränkelndes Kind. In einem alten, verstimmten Klavier, das aus Platzmangel bei der Familie Bernstein deponiert wurde, fand „Lenny“ seine Welt und der Junge wurde stark. Der Zehnjährige stürzte sich mit einer beinahe schon beängstigenden Leidenschaft auf das Instrument, um Melodien und Akkorde zu finden. Schon bald waren seine Finger flinker als die seiner Lehrerin. Später nahm der Künstler ein Studium an der Uni von Harvard auf – ausschlaggebend für die Wahl war natürlich die ausgezeichnete Musikfakultät. Er erhielt Klavierunterricht bei Heinrich Gebhard und studierte nebenher Philosophie, Ästhetik, Literatur- und Sprachwissenschaften.

Der rettende Anruf

Die hervorragende Ausbildung bedeutete für Leonard Bernstein aber (noch) nicht Erfolg und Bekanntheit. Vielmehr musste sich der junge Künstler mit dem Kopieren von Noten über Wasser halten und komponierte nebenher seine ersten Werke: die „Sonata for Clarinet and Piano“ als auch „Jeremiah“, seine erste Symphonie. Erst die Begegnung mit dem renommierten Dirigenten Artur Rodzinski sollte Leonards Leben komplett verändern und sein triumphaler Aufstieg beginnen. Rodzinski holte ihn als Assistenten zu seinem Orchester – Bernstein war plötzlich stellvertretender Dirigent der New Yorker Philharmonics.

Keiner konnte etwas mit mir anfangen. Ich wollte (…) ins Wasser gehen – als ich genau an diesem Tag einen Anruf erhielt… (Leonard Bernstein)

14. November 1943: Das wohl wichtigste Datum im künstlerischen Leben von Leonard Bernstein. Wenige Monate zuvor feierte der talentierte US-Amerikaner seinen 25. Geburtstag. Zu dieser Zeit war Bernstein tief verzweifelt und wollte „ins Wasser gehen“, doch dann erreichte ihn ein ähnlich verzweifelter Anruf. Der Gastdirigent fürs Sonntag-Nachmittagskonzert der New Yorker Philharmonics war krank und auch Rodzinksi konnte nicht einspringen. Bernstein musste ihn also ersetzen und um Punkt 15 Uhr am Pult der Carnegie Hall stehen. Für eine Orchesterprobe war es zu spät, die Beruhigungspillen vom Apotheker warf das Ausnahmetalent hinter der Bühne auf den Boden. Stattdessen sprang der junge Mann beinahe aufs Podium, um sein Lampenfieber zu kaschieren. Voll an Leidenschaft dirigierte Bernstein sein Programm, das landesweit im Rundfunk übertragen wurde. Am Konzertende gab es nicht enden wollende Standing Ovation, denen sich auch das Orchester anschloss.

Multitalent Bernstein

Der Rest ist Geschichte. Schon bald war Leonard Bernstein als Dirigent international angesehen, sodass er zahlreiche Konzerte mit weltweit bekannten Orchestern dirigieren konnte. Zum Beispiel stand er als erster US-amerikanischer Musikdirektor dem New York Philiharmonic Orchestra vor, war regelmäßiger Gastdirigent der Wiener Philharmoniker und des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Sein Repertoire umfasste klassische wie avantgardistische Werke. Besonders das Werk Gustav Mahlers fand seine Beachtung und Bewunderung.

Ein erwachsener Mann steht auf dem Podium und fuchtelt mit den Armen herum: blödsinnig! Aber irgendetwas bringt mich dazu, es zu tun. (Leonard Bernstein)

Innerlich zerrissen

Beinahe zeitgleich mit seiner Karriere als Dirigent feierte „Lenny“ erste Erfolge als Komponist, wie beispielsweise für sein Musical „On the Town“ (1944), das später mit Gene Kelly und Frank Sinatra verfilmt wurde. Für seine Kompositionsarbeit zog sich Bernstein immer mehr vom Dirigentenpult zurück. Innerlich war der Meister zutiefst zerrissen, beständig war er auf der Suche nach seiner eigenen Bestimmung.

Auch privat war der Künstler zerrissen. In den 1950er Jahren heiratete er die Schauspielerin Felicia Montealegre. Nach Außen hin führte das Paar eine Traumehe mit drei Kindern. Innen setzte ihr das zu, was Leonard als den „kleinen Dämon“ bezeichnete – seine Homosexualität. Trotz der Akzeptanz seiner sexuellen Orientierung durch seine Frau verließ er seine Familie. Als bei Felicia Lungenkrebs diagnostiziert wurde, kehrte Leonard zurück und blieb bis zu ihrem Tod.

Es ist nur allzu leicht, uns selber zu betrügen, uns eine Vorstellung von uns selbst zurechtzuzimmern, die vielleicht unseren Hunger nach Selbstbestätigung zu stillen vermag, aber zuletzt hohl klingt und uns zerstören wird. (Leonard Bernstein)

Später war der Kettenraucher von Tabletten abhängig, lebte seine Leidenschaft für die Musik aber weiterhin aus. Mit den Wiener Philharmonikern etwa entstanden dutzende Zusammenarbeiten. Überdies leistete der Komponist das erste inoffizielle Konzert zur deutschen Wiedervereinigung und nahm kurzerhand eine Textänderung von Beethovens „Neunter Sinfonie“ vor: aus „Ode an die Freude“ wurde „Ode an die Freiheit“.

Leonard Bernstein verstarb am 14. Oktober 1990 im Alter von 72 Jahren. Seine Kinder gaben ihm den Buchklassiker „Alice im Wunderland“ mit ins Grab. Seine Freunde legten dem Sarg einen Taktstock und einen kleinen Bernstein bei. Und eine Partitur, Mahlers „Fünfte Symphonie“.

Ich bin jeden Morgen beim Aufstehen überrascht, dass ich da bin und dass noch immer eine Welt um mich ist, die weitergeht. Ich glaube, ohne dieses Element der Überraschung könnte ich mir nicht die Begeisterung für Leben und Kunst bewahren, die ich empfinde. (Leonard Bernstein)

Die Volksoper Wien erinnert an den Ausnahmekünstler Bernstein mit einer Neuproduktion von Wonderful Town. Jetzt Tickets sichern!

Quelle: Michael Horowitz: Leonard Bernstein. Magier der Musik. Amalthea Verlag 2017

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