Martin Rütter ist der Hunde-Anwalt

Martin Rütter

Er holt sie runter von der knochenharten Anklagebank: die Ausgestoßenen, die Ausgesetzten und die Ausgebüxten. In seiner neuen Bühnenshow „FREISPRUCH!“ stellt Martin Rütter, der beste Freund des Hundes, klar: Der bellende Vierbeiner ist nie schuld!

Foto: Guido Engels

Es kann schon mal vorkommen, dass es mit dem besten Freund zum Clinch kommt. Weil man einfach nicht dieselbe Sprache spricht. Manchmal. Oder auch immer. Geht der best buddy bellend und auf vier Pfoten durchs Leben, tritt Martin Rütter auf den Plan. Spätestens seit der VOX-Doku „Der Hundeprofi“ ist Rütter der bekannteste, weil beliebteste Hundeprofi im deutschsprachigen Raum. Seine aktuelle Bühnenshow „FREISPRUCH!“ räumt mit dem Mythos des notorischen Problemvierbeiners auf – und bringt es auf den Punkt: Schuld ist nie der Hund! Rütter lotst uns in seiner unvergleichlichen Art zielsicher durch den skurrilen Beziehungsdschungel von Mensch und Hund. Er zückt den Spiegel der wirklichen Wahrheit. Denn der Hundeprofi weiß ganz genau: Der tierisch-menschliche Alltag hat seine eigenen Gesetze.

In Ihrem aktuellen Programm „FREISPRUCH!“ treten Sie als Hunde-Anwalt auf. Wie dürfen wir uns das vorstellen?

Martin Rütter: Wir werden uns in einer Gerichtkulisse befinden. Auf der Bühne wird eine riesige Justitia sein und ich werde mit einem Buch voller Anklageschriften auf der Bühne stehen. Da geht es dann zum Beispiel um Dogge Rudi, der in Restaurants immer bettelnd den Kopf auf alle Tische legt. Das ist natürlich unangenehm, vor allem bei fremden Menschen. Das Publikum kann sich insgesamt auf eine schöne Mischung aus Information und Unterhaltung freuen. Ich halte den Leuten vor Augen, an welchem Ende der Leine das Problem liegt und fungiere als „Anwalt der Hunde“, natürlich zum Leidwesen der Menschen (schmunzelt). Denn es ist ja klar: Schuld hat nie der Hund! Am Ende darf die Jury, das Publikum, dann entscheiden, ob der angeklagte Hund freigesprochen wird oder nicht. Wobei natürlich relativ klar ist, wofür sie entscheiden.

Haben Sie schon als kleiner Bub gesagt: „Mama, wenn ich groß bin, möchte ich Hunde-Anwalt werden?“

Martin Rütter: Ich hatte schon immer einen engen Draht zu Hunden, obwohl ich als Kind keinen Hund haben durfte, da meine Eltern auch heute noch jedes Tier als überflüssig ansehen, das man nicht auf den Grill legen und essen kann. Ich habe aber bereits in meiner Jugend die Hunde der Nachbarn ausgeführt und die Hunde meiner Tante Thea ohnmächtig gekrault. Sie hatte in den 80er Jahren eine Art Pflegestelle für gestrauchelte Tiere – und sie besaß die außergewöhnliche Gabe, Hunde, die anfangs noch ganz wunderbar waren, binnen weniger Wochen dermaßen verrückt zu machen, dass man das Haus nicht mehr angstfrei betreten konnte. Mich hat schon damals brennend interessiert, warum so viele Menschen um mich herum Probleme mit ihren Hunden hatten. Ich habe dann später Sportpublizistik studiert und wollte Sportreporter werden. Und so wie andere Leute neben dem Studium gekellnert haben, habe ich Hunde ausgeführt. Ich habe dann quasi mein Theoriewissen – ich hatte bis dahin so an die 200 Hundebücher studiert – an den Leuten ausprobiert. Und da hat sich relativ schnell rumgesprochen, dass wenn dieser Rütter kommt, der Hund dann irgendwie anders ist. Und so im dritten, vierten Semester war für mich dann klar, ich mach das: ich eröffne ne Hundeschule. Für meine Eltern war das zunächst natürlich kein schöner Moment (schmunzelt).

Ist tatsächlich NIEMALS der Hund schuld, wie Sie in Ihrem Programm betonen?

Martin Rütter: Genauso ist es! Das Problem ist  immer der Mensch. Ich hatte schon rund 6.500 Hunde im Training – und würde sagen, viel Erfahrung dabei gesammelt. Bisher ist mir kein einziger Vierbeiner begegnet, der es verbockt hat! Wir müssen aufhören zu sagen, der Hund nervt, denn es gibt immer einen Plan, wie man etwas abstellen kann. Menschen sind nur oft zu wenig konsequent und lassens einfach laufen, weil sie den Hund herzig finden.

Was ist die wichtigste Regel in der Hund-Mensch-Beziehung? Beziehungsweise: Was ist der häufigste Fehler, der in einer Hundeerziehung gemacht wird?

Martin Rütter: Für ein harmonisches Zusammenleben muss man gleich drei Kardinalfehler in der Beziehung zwischen Hund und Mensch vermeiden. Die extreme Vermenschlichung, denn diese schürt Erwartungen, die der Hund niemals erfüllen kann. Ein Hund kann nicht denken und handeln wie ein Mensch. Dazu kommt mangelnde Konsequenz. Menschen stellen Regeln auf, gehen dann aber zu lax mit diesen um. Immer sonntags darf der Hund mit am Frühstückstisch sitzen und bekommt sein Leberwurstbrötchen, an den anderen Tagen aber nicht. Das kapiert kein Hund und verunsichert ihn nur. Ein Hund benötigt klare Regeln, nur so kann er Vertrauen zu seinem Menschen aufbauen und sich auch in schwierigen Situationen auf ihn verlassen. Und ein weiteres Problem ist die mangelnde Beschäftigung. Hunde brauchen körperliche und geistige Auslastung. Ein weiterer Knackpunkt ist, dass der Mensch das Verhalten seines Hundes nicht richtig deutet.

Es ist nämlich eine der wichtigsten Regeln, die Sprache des Hundes zu lernen und seine Bedürfnisse erkennen – Stichwort: Kommunikationsmissverständnisse. Das Anspringen bei der Begrüßung wird fast immer als Freude des Hundes empfunden. In den wenigsten Fällen ist es aber freundlich gemeint, sondern viel häufiger als Korrektur am Menschen, der den Hund nicht mit nach draußen genommen hat. Oder das Schwanzwedeln, das die meisten Leute ebenfalls generell als Freude interpretieren. Dabei kann das Schwanzwedeln sehr unterschiedliche Bedeutungen haben. Wenn zum Beispiel der Körper beim Wedeln ruhig ist, und der Hund hält dabei den Kopf leicht abgesenkt und fixiert sein Gegenüber, zeigt die wedelnde Rute lediglich die Aufregung des Hundes kurz vor einem Angriff.

In Österreich sagt man gerne: „Wie der Herr, so sein Gscherr“. Können Sie diesem Sprichwort zustimmen?

Martin Rütter: Eine äußerliche, optische Ähnlichkeit ist eher selten zu bestaunen. Aber charakterlich oder im Verhalten kann man mitunter schon eine Annäherung erkennen. Meine erste Hündin Mina beispielsweise wurde mit der Zeit immer klüger. Meine Kinder sagten dann immer: Sie wird aber auch verfressener (lacht).

Gibt es Unterschiede zwischen österreichischen und deutschen Hundebesitzern?

Martin Rütter: Nein, eigentlich nicht. Hundemensch bleibt Hundemensch. Und auch die Probleme unterscheiden sich im Kern nicht nach Regionen (lacht).

Erzählen Sie ein bisschen etwas über ihren jetzigen Hund!

Martin Rütter: Meine jetzige Hündin heißt Emma, ist ein Australian-Shepherd-Mix und mir vor ein paar Jahren zugelaufen. Die Situation war völlig schräg. Als ich aus meiner damaligen Wohnung in Köln-Lindenthal kam, saß sie vor der Tür. Wir guckten uns an, dann sie ist an mir vorbeigerannt und hat sich auf die Couch gelegt. Ich hab zuerst gedacht, Guido Cantz will mich für „Verstehen Sie Spaß?“ reinlegen. Aber mal im Ernst, wie absurd ist das denn bitte, dass ausgerechnet mir mitten in Köln ein Hund zuläuft? Mein erster Hund war Mina, eine Golden Retriever Hündin. Mina war wie die meisten Retriever sehr verfressen, so dass sie erst lernen musste, dass nicht alles Essbare für sie gedacht war (lacht). Von ihr habe ich gelernt, Ruhe genießen zu können und relaxter zu sein. Sie war keine Revoluzzerin, hat nie geknurrt oder gedrängelt. Aber wenn ich ungeduldig wurde, wurde sie ruhiger und hat nen Gang zurückgeschaltet. Ich wollte sie verändern, musste aber kapieren, das geht nicht. Ich habe durch den Hund Geduld gelernt und begriffen, dass ich auch mal Fünfe gerade sein lassen kann – da sind Hunde perfekte Lehrer. Die sind hartnäckig und sehr geduldig.

Was ist Ihr bisher erinnerungswürdigstes Erlebnis mit einem Hund?

Martin Rütter: Da gibt es natürlich einige. Unterm Strich war es echt die Zeit mit Mina.

Wird man als Hundetrainer eigentlich oft gebissen?

Martin Rütter: Ich bin in meinem Leben dreimal von einem Hund gebissen worden – allerdings immer in der Situation, dass ich in sich verkeilte Streithähne trennen wollte. Dabei kann man nicht von einer gezielten Aktion des Hundes in Richtung meiner Person sprechen. Man muss sich das wie eine Kneipenschlägerei vorstellen: Geht man dazwischen, bekommt man schon mal eher zufällig eins auf die Nase. Grundsätzlich bleibt freilich festzuhalten, dass ein Hundebiss immer bedeutet, dass der jeweilige Hundetrainer keine Ahnung hat bzw. über zu wenig Erfahrung im Umgang mit den Hunden verfügt. Meine letzte schmerzhafte Begegnung liegt bereits über fünfzehn Jahre zurück.

Wie würden Sie die Psyche eines Hundes beschreiben?

Martin Rütter: An dieser Stelle sind die Vierbeiner in vielerlei Hinsicht nicht so weit von uns Menschen entfernt. Es gibt sogar viele Punkte, in denen die Psyche des Hundes der des Menschen gleicht. Hunde empfinden genauso wie der Mensch Freude oder Trauer, sie haben Ängste oder zeigen aggressives Verhalten. Dennoch gibt es gravierende Unterschiede, Hunde bewerten z.B. ein Verhalten nicht anhand eines ethisch-moralischen Verhaltenskodexes, wie es der Mensch in aller Regel macht. So sind Hunde zum Beispiel nicht nachtragend. Der Junghund, der dem erwachsenen Hund den Knochen klauen will, wird hierfür vom erwachsenen Hund zum Beispiel durch Anknurren und einen Schnauzgriff zurechtgewiesen. Ist die Situation vorbei, können beide Hunde jedoch entspannt nebeneinander liegen.

Zudem leben Hunde vor allem im Hier und Jetzt, sie planen nicht ihre Zukunft Monate im Voraus und sinnieren nicht ewig über Vergangenes. Natürlich beeinflussen Erlebnisse genauso wie beim Menschen das weitere Leben eines Hundes. Ein Hund, der zum Beispiel an Silvester ein Trauma erlitten hat, wird sich vielleicht ein Leben lang bei Feuerwerk nicht wohl fühlen und starke Ängste erleben. Diese Ängste können durchaus auch über einen längeren Zeitpunkt hin anhalten oder den Hund generell zu einem ängstlichen Hund machen. Eine Planung des weiteren Lebens aufgrund von Ereignissen wie beim Menschen gibt es jedoch nicht. Und dann ist es noch so, dass Hunde natürlich sehr viel instinktgesteuerter agieren, als der Mensch es tut.

Was würden Sie tun, wenn Sie einen Tag Hund sein könnten?

Martin Rütter: So leben wie Snoopy. Den habe ich immer bewundert, der konnte sich je nach Situation verwandeln und in die Gedankenwelt anderer Leute hineinversetzen.

Wie oft werden Sie im Familien- und Freundeskreis um Hilfe in Hundefragen gebeten?

Martin Rütter: Das kommt schon recht häufig vor. Und ich freue ich mich natürlich auch darüber, denn ich betrachte dies auch als Anerkennung für meine Arbeit.

Was halten Sie eigentlich von Katzen?

Martin Rütter: So viel, dass sie auch Raum in meinem aktuellen Live-Programm „FREISPRUCH!“ haben. Es gibt da eine sehr lustige Nummer. Ob sie den Katzenleuten gefallen wird, sollen sie mal selber rausfinden (schmunzelt). Aber mal im Ernst: Ich habe ganz grundsätzlich ein Faible für Tiere. Es gibt so viele faszinierende Tierarten, die schier Unglaubliches leisten.

Man unterteilt die Menschheit gerne in Hunde-Typen und Katzen-Typen. Wie unter scheiden sich diese Ihrer Erfahrung nach voneinander?

Martin Rütter: Der Hundemensch ist körperlicher, er steht mehr auf dem Boden: Beim Händedruck merke ich schon, ob ich es mit einem Hunde- oder Katzenmensch zu tun habe. Und, ganz klar, ein weiterer Unterschied: Hundemenschen werden geliebt (schmunzelt).

Die Punk-Band Die verwesenden Altlasten veröffentlichte vor vielen Jahren ein Lied mit dem Titel „Hilfe, Martin Rütter! Mein Hund beißt keine Nazis“. Fühlt man sich da geehrt oder ist das eher unangenehm?

Martin Rütter: Also ich fand das richtig gut. Daraus ergab sich später dann ja auch der Film „Der Naziprofi“, der im Rahmen der Bülent Ceylan Show gezeigt wurde und den man auch heute noch im Internet findet. Reinschauen lohnt sich (schmunzelt).

Freispruch für die Hunde gibt es zwischen 19. und 21. März in Graz, Linz und Wien. Tickets gibt es bei oeticket.com!