Me And That Man: Behemoths Nergal, Satan und eine Gästeriege

Me And That Man

Behemoth-Frontmann Adam „Nergal“ Darski reist mit seiner Zweitband Me And That Man, Satan und Gästeriege in die bluesige Welt des Alternative Country-Rocks.

Foto: Grzegorz Golebiowski

Seit einem Viertel Jahrhundert zählt Adam Darski, der seinen Künstlernamen „Nergal“ (der babylonische Kriegsgott) längst offiziell angenommen hat, mit seiner Band Behemoth zu den führenden Protagonisten der Black/Death-Metal-Szene. 2010 wurde bei ihm Leukämie in so fortgeschrittenem Stadium festgestellt, dass eine Chemotherapie nichts mehr ausrichten hätte können und er nur dank einer Stammzellenspende überleben konnte. Gemeinsam mit dem englischen Musiker John Porter gründete Nergal die Country/Blues/Alternative/Folk-Band Me And That Man und veröffentlichte 2017 das Debüt „Songs Of Love And Death“. Nach der Trennung von Porter verwandelte Nergal, der in Polen mittlerweile drei Barbershops und ein Spa betreibt, sein zweites musikalisches Standbein in ein offenes Projekt: Für das brandneue Album „New Man, New Songs, Same Shit, Vol. 1“ holte er sich unter anderem Corey Taylor (Slipknot), Ihsahn (Emperor), Rob Caggiano (Volbeat), Brent Hinds (Mastodon) und Matt Heafy (Trivium) ins Studio. Im Februar gastierte Nergal mit Behemoth als Support von Slipknot in der Wiener Stadthalle und stellte sich nach einer ausgiebigen Yoga-Session freundlich unseren Fragen.

Egal, ob Black/Death-Metal oder Country: Was treibt dich an, Musik zu machen?

Mir ging es immer schon darum, Tabus zu brechen. Und mir geht es darum, andere Menschen zu ermutigen, Tabus zu brechen. Sie sollen sich öffnen und den Mut finden, für sich selbst zu sprechen. Ich freue mich, wenn es mir gelingt, andere Menschen zu inspirieren.

Dieser positive Ansatz geht – zumindest meiner Meinung nach – aus der Musik von Behemoth nicht wirklich hervor. Die ist doch sehr brutal, sehr dunkel …

Natürlich beschäftigen wir uns bei Behemoth mit einer sehr dunklen Materie. Aber unter dieser Oberfläche gab es immer sehr viel Lebenskraft. Ich verstehe, wenn Menschen sagen, dass ihnen diese Musik zu aggressiv ist. Aber eine unserer wichtigsten Leitfiguren war immer Dionysos …

Jener Gott der griechischen Mythologie, der nicht nur für den Wein, die Freude und die Fruchtbarkeit zuständig war, sondern auch für die Ekstase und den Wahnsinn …

… genau. Es kommt halt immer auf den Betrachtungswinkel an. Wenn du Katholik bist, siehst du in Dionysos den Teufel. Du kannst in Dionysos aber genau so einen Gott sehen, der das Leben liebt und die Liebe anbetet.

Also sind wir bei Liebe und Hass, den beiden Seiten ein und der selben Medaille?

Nein, nicht wirklich. Aber im Leben geht es immer um die richtige Balance. Für mich stellt jede monotheistische Religion den metaphorischen Anspruch, dass du dir ein Bein abhacken und dann nur am anderen herumspringen sollst. Kann man auf einem Bein leben? Natürlich. Aber ich bevorzuge es, auf beiden Beinen durchs Leben zu gehen.

Du bist ein sehr kreativer Mensch. Wenn in einem Hirn eine Idee auftaucht – weißt du dann sofort, ob du sie Behemoth oder Me And That Man zuordnen musst?

Ja, absolut.

Kommen die Ideen aus unterschiedlichen Teilen deines musikalischen Herzens, deiner Seele?

Das weiß ich nicht. Was ich weiß, ist: Sie kommen aus meinem Innersten. Der wesentliche Unterschied ist: Bei Me And That Man entzündet ein Funken eine Idee, aus der sofort ein Song wird. Bei Behemoth ist es so, als würde man ein komplexes Puzzle lösen. Es dauert Wochen, oft Monate, bis ein Behemoth-Song tatsächlich fertig ist.

Du hast dir für das neue Album hochkarätige Gäste eingeladen. Nach welchen Kriterien hast du sie ausgewählt?

Ganz unterschiedlich. Einer meiner Favorites auf dem neuen Album ist „Coming Home“ und ich wollte, dass Ville Valo von H.I.M. die Nummer singt. Er hatte schon zugesagt – aber dann hat er auf meine Mails einfach nicht mehr reagiert. Sivert Høyem von Madrugada hatte ich für einen anderen Song auf meiner Wunschliste und nachdem sich Ville nicht mehr gemeldet hatte, ist mir erst klar geworden, dass „Coming Home“ in Wahrheit ohnehin der maßgeschneiderte Song für Sivert war.

Obwohl du so viele Gastsänger auf „New Man, New Songs, Same Shit, Vol. 1“ versammelt hast, klingt das Album doch wie aus einem Guss – wie ist dir das gelungen?

Ja, selbst Freunde von mir konnten die einzigartige Stimme von Ihsahn (Anm.: er singt die dritte Single „By The River“) nicht sofort einwandfrei zuordnen. Das hat mich sehr gefreut, denn natürlich ist es handwerklich perfekt gemacht, aber er schafft es, nicht wie der Sänger von Emperor, sondern in dem Fall wie der Sänger von Me And That Man zu klingen. Es ist mir gelungen, ihn aus seiner Komfortzone herauszulocken. Ich habe ihn dazu gebracht, seine Grenzen zu überschreiten und etwas neues, anderes zu machen als normalerweise. Ich weiß, dass es für ihn im Studio nicht ganz einfach war, aber er ist mit dem Resultat sehr glücklich und zufrieden. Ursprünglich wollte er ja nur den Refrain singen, aber ich habe ihn dazu getrieben, den gesamtem verdammten Song zu singen.

Der Song „Deep Down South“ ist ein schönes Beispiel für den Stil von Me And That Man – lebhafte, fast schon fröhliche Country-Musik, aber ein Text voller Hass und Gewalt …

Ich wollte eigentlich, dass David Vincent, der frühere Sänger von Morbid Angel, den männlichen Part übernimmt, habe aber keine Sängerin gefunden, die zu seiner Stimme gepasst hätte. Dann habe ich bei einem Festival Nicke Andersson (Anm.: den Sänger/Gitarristen der Hellacopters) und Johanna Sadonis getroffen und wusste: Die beiden müssen den Song miteinander singen! Sie spielen ja nicht nur gemeinsam in der Band Lucifer, sondern sind auch privat liiert. Die Story des Songs ist unglaublich gruselig, aber für mich war klar, dass diese Nummer am besten klingen würde, wenn sie ein Paar, das im wirklichen Leben miteinander verheiratet ist, darüber singt, sich gegenseitig umzubringen. Ich war begeistert, wie grausam sie zueinander in diesem Song sind.

In einem Interview mit Kerrang! hast du erklärt, dass du eigentlich eine „Zero Tolerance“-Politik gegenüber Country-Musik verfolgst. Aber wenn man sich dein neues Album anhört, findet man darin eine große Liebe für Menschen wie Johnny Cash …

Weil der Großteil von Country Music ja tatsächlich Schwachsinn ist. Aber natürlich mag ich das, was man unter dem Begriff „Outlaw Country“ zusammenfasst (Anm.: Johnny Cash, Willie Nelson, Merle Haggard, Waylon Jennings u. a.). Ich mag es, wenn die Musik so kraftvoll, so rebellisch ist.

Du bist vor zehn Jahren, mit 33, an Leukämie erkrankt und hast nur Dank einer Stammzellenspende überlebt. Hat dir diese Erfahrung die Freiheit gegeben, dich musikalisch auf neue Wege zu begeben?

Mit absoluter Sicherheit: ja! Ich war der anderen Seite schon unglaublich nahe, aber ich habe überlebt. Davor habe ich schon sehr viel über den Tod nachgedacht. Aber nun wusste ich mit Sicherheit, dass dieses Leben tatsächlich jeden Tag, von einem Moment auf den anderen, vorbei sein kann.

Hast du dir je Gedanken gemacht, wie deine Fans oder deine Freunde auf dein musikalisches Side-Project reagieren?

Nein, ich bin zu alt, um mir Gedanken über die Reaktion anderer Menschen zu machen.

Dennoch: Hat es Mut erfordert, deinem Instinkt zu folgen und einen vollkommen neuen Weg einzuschlagen? Auch mit dem Risiko, damit kolossal zu scheitern?

Am Anfang war es tatsächlich eine riesige Herausforderung. Ich habe mich auf ein Terrain begeben, das ich überhaupt nicht kannte. So ehrlich muss ich sein: Ich war davor eigentlich kein Sänger. Ich konnte sehr gut schreien und hin und wieder habe ich bei Behemoth meine Erzählstimme eingesetzt. Aber gesungen habe ich nie. Ich musste mich also ziemlich öffnen. Ich bin wirklich happy, wie sehr ich mich im Lauf der vergangenen Jahre weiterentwickelt habe.

Wie hat die Krankheit dein Leben sonst noch beeinflusst?

Ich bin mittlerweile ein vergleichsweise braver Junge. Vor unserem Interview habe ich zum Beispiel meine tägliche Yoga-Session absolviert. Ich trainiere jeden Tag und bin Pescetarier, das heißt: ein Vegetarier, der Fisch isst. Ich ernähre mich möglichst gesund und sehr bewusst, ich versuche, nur qualitativ hochwertige Produkte zu essen.

Die wilden Zeiten sind vorbei?

Tatsächlich ist mein Leben nicht unbedingt das, was du dir unter wildem Rock’n’Roll vorstellst. Aber natürlich trinke ich manchmal Alkohol und es gibt Drogen, zu denen ich einfach nicht nein sagen möchte. Aber wirklich nur noch, wenn die Zeit und die Umstände passen. Ich habe gelernt, mein Leben und mein Wohlbefinden viel höher zu schätzen als in der Zeit vor der Erkrankung. Und mir ist mein Schlaf oft wichtiger als eine gute Party. Aber da sind wir beim Thema vom Beginn unseres Gesprächs: Es geht um die richtige Balance. Es geht um die Harmonie im Leben, das ist vielleicht das entscheidende Kriterium.

Aber du bist nach wie vor bekennender Satanist. 1978, als du ein Jahr alt warst, wurde dein Landsmann Karol Wojtyla zum Papst gewählt – und blieb es, bis du 28 warst. Wie präsent war Papst Johannes Paul II. in deiner Kindheit, deiner Jugend im polnischen Alltag?

Er war enorm präsent und er war ein echter Held. Und letztendlich war er eine entscheidende Figur im Niedergang des Kommunismus – aus dem ganz natürlichen Grund, dass der Kommunismus komplett anti-religiös ist. So gesehen war die Religion damals eine Bastion der Freiheit. Deshalb haben viele Menschen zur Kirche und zum Papst aufgeblickt. Die Kirche hat viele Menschen ermutigt, der Solidarnosc beizutreten. Diese Gewerkschaft, die der spätere Staatspräsident Lech Walesa angeführt hat, war sehr stark von der Kirche angetrieben.

Also war der Katholizismus damals in Polen für junge Menschen eigentlich cool?

Keine Ahnung. Ich wurde katholisch erzogen, aber mit 12, 13 Jahren habe ich mich vom traditionellen Glauben ab- und dem dem Teufel zugewandt. Um eine sehr lange Geschichte abzukürzen: Satan ist die stärkste Metapher, die Aufsässigkeit und Befreiung verkörpert, wenn es um unsere Kultur geht.

Ist er, Satan, „that Man“ im Bandnamen Me and that Man?

(lacht) Wenn du möchtest, ist er das.

Das zweite Album von Me And That Man, „New Man, New Songs, Same Shit, Vol.1“, erscheint am 27. März bei Napalm Records und ist bereits vorbestellbar. Aktuell liegen nur Live-Termine in Polen, oder etwa bei den großen europäischen Festivals wie Hellfest (Frankreich, Juni), Rock The Night (Spanien, Juni), Rock The Castle (Italien, Juni) und Gefle Metal Festival (Schweden, Juli) vor.

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