Michael Niavarani: „Man darf mit Shakespeare alles machen!“

Anfang Oktober öffnet das GLOBE WIEN nach einem verheerenden Brand wieder seine Pforten. Grund genug, um ein Pläuschchen mit den Gründern Michael Niavarani und Georg Hoanzl zu führen – über die Vergangenheit, die Zukunft und Shakespeare mittendrin.

Globe WienEs mag wie ein Klischee klingen, aber manchmal ist es eben doch das Leben selbst, das die besten Drehbücher schreibt und die Grenze zwischen Realität und imitierender, fantasievoller Kunst verschwimmen lässt: Im September 2017 kam es zu einem Brand in der Wiener Marx Halle, der auch auf das berühmte GLOBE WIEN, das 2014 von Künstleragent Georg Hoanzl und Publikumsliebling Michael Niavarani nach dem Vorbild des historischen Globe Theatre von Shakespeare gegründet wurde, übergriff. Nicht ein technischer Makel, ein explorierender Scheinwerfer, ja noch nicht mal eine glimmende Zigarette waren schuld am Unglück, sondern eine Geisterbeschwörung zweier Jugendlicher, die scheinbar nicht ganz nach Plan lief (oder etwa doch …?). Ein Drama, das Shakespeare selbst nicht besser verfassen hätte können. „Der substanzielle Schaden bestand in der Verformung der denkmalgeschützten Eisenkonstruktion, die fast die gesamte Dachkonstruktion des Globe Wien betroffen hat“, erzählt Hoanzl. Nach intensiven Aufbauarbeiten ist es endlich wieder so weit: Anfang Oktober werden die Globe-Wien-Tore neuerlich geöffnet und die Welt, ganz nach Shakespeare, wieder zur Bühne gemacht …

Hat man den Brand zum Anlass genommen, das Theater ein paar Neuerungen zu unterziehen?

Georg Hoanzl: Optisch und funktional sind wir dem bekannten Konzept treu geblieben, haben aber natürlich einige Erfahrungswerte der letzten Jahre in den Wiederaufbau einfließen lassen. Auch beim Programm gibt es eine Fortsetzung der bereits begonnenen Linie mit den von uns und vom Publikum geschätzten Künstlern. Bei den Eigenproduktionen wird es noch ein bisserl dauern, weil sie eine wesentlich längere Vorbereitungszeit brauchen und wir bis vor einigen Wochen nicht genau gewusst haben, wann es weitergeht.

Auch Shakespeares Globe ist nach 14 Jahren einem Feuer zum Opfer gefallen. Liegt ein Fluch auf der Marke Globe?

Michael Niavarani: (lacht) Der Versuch, das Globe so originalgetreu wie möglich nachzubauen musste natürlich in diesem Brand gipfeln, das ging gar nicht anders. Ich glaube, bei der Geisterbeschwörung sollte Shakespeares Geist gerufen werden – und der hatte so einen Zorn, dass er dann das ganze Gebäude angezündet hat.

Wann waren Sie das letzte Mal im Londoner Globe Theatre?

Hoanzl: Bei mir war es „Titus Andronicus“ im Frühjahr 2014. Mich haben das Stück und die Inszenierung und natürlich die schauspielerische Leistung trotz oder gerade wegen der rohen, brutalen Gewalt in meinem tiefsten Inneren voll erfasst und alles, was in mir an pazifistischen Gefühlen vorhanden ist, verstärkt. Dadurch habe ich die Wirkung von Shakespeare in seiner politischen Dimension und Aktualität hautnah erlebt.

Niavarani: Vor einer Woche erst – und wir haben uns „Hamlet“ angesehen. Die Titelrolle wurde von einer Frau gespielt, was ich extrem interessant und spannend fand. Das hat mich dazu inspiriert, die Hamlet-Geschichte aus der Sicht der Ophelia zu erzählen. Das wird eines meiner nächsten Projekte werden.

Regisseure nehmen sich in ihren Shakes­peare-Inszenierungen gerne viele Freiheiten, modernisieren das Stück. Kreativität oder Respektlosigkeit?

Niavarani: Hier gibt es zwei Herangehensweisen: Die meisten Regisseure fragen nicht, was der Originaltext historisch bedeutete, sondern zeigen ihre eigene Interpretation auf der Bühne. Das ist legitim und kann zu absurden, brisanten, spannenden, aber auch sehr langweiligen Varianten des Stückes führen. Und dann gibt es die Möglichkeit der historischen Recherche, also zu fragen, was Shakes­peare da und dort genau gemeint hat: Viele zeitgenössische, auch politische Anspielungen verstehen wir heute gar nicht mehr. Da muss man dann versuchen eine Form zu finden, wie man selbst und das Publikum verstehen kann, was der Typ damals eigentlich sagen wollte. Beide Methoden sind sehr spannend. Man darf mit Shakespeare alles machen, wie mit jedem anderen Text auch.

Welche Methode liegt Ihnen näher?

Niavarani: Gar keine (lacht)! Ich versuche ja, aus Shakespeare eine Komödie zu machen – aber versuche dabei, ihm treu zu bleiben. Ich tendiere also zur Recherchearbeit. Meine Stücke sind inspiriert von Shakespeare, aber nicht Shakespeare selbst.

Goethe und Mark Twain sind berühmte Shakespeare-Kritiker. Tatsächlich sind seine Dramaturgien bisweilen nicht ganz konsistent und wenn man genau hinschaut, lassen sich mitunter absurde kleine Fehlleistungen darin finden. Schleicht sich auch bei Ihnen, obwohl außerordentlicher Shakespeare-Verehrer, manchmal der eine oder andere kritische Gedanke ein?

Niavarani: Shakespeare war ein Theatermensch. Er war Autor, Regisseur, Schauspieler, Theaterteilhaber in Personalunion. Seine Texte sind nicht Literatur, sondern theaterkonventionelle Texte für die Bühne. Zum Beispiel: Manchmal treten Figuren in Shakespeares Stücken nur deshalb so spät auf, weil sich der Schauspieler erst umziehen musste. Das muss man im Hinterkopf behalten. Goethe kritisiert, dass Shakespeare die Einheit von Zeit und Raum nicht einhält. Ich finde aber, dass genau das seine Stücke so faszinierend macht. Streng genommen hat William Shakespeare das Drehbuch erfunden.

Globe Wien

Der Hausherr und Hauptdarsteller Michael Niavarani ist auch sein größter Kritiker: „Ich habe nicht die Ruhe, mich auf meinen Lorbeeren auszuruhen. Die san a vü zu klan für mein riesign Oasch!“

Als Teilhaber des Globe erwarb sich Shakespeare Vermögen und Einfluss. Wie sieht’s da bei Ihnen beiden aus?

Hoanzl: Der Brand hat uns finanziell „ein bisserl“ zurückgeworfen. Der Konkurrenz von Netflix, Amazon und Hollywood waren Shakespeare und seine Zeitgenossen genauso wenig ausgesetzt wie allen anderen Errungenschaften der gegenwärtigen Kulturbranche und Freizeitindustrie. Deshalb gibt es mehr Start-ups in anderen Bereichen als unsubventionierte Theaterneugründungen. Ich glaube, die letzte privatwirtschaftliche Theatereröffnung mit über 1.000 Sitzplätzen in Wien war vor über hundert Jahren. Aber die Gewinnbestrebung ist voll da! Weil anders werden wir als bewusst unsubventioniertes Theater und Produzenten nicht dauerhaft bestehen.

Das GLOBE WIEN wurde 2014 gegründet. Wie fällt bisher das Resümee aus?

Hoanzl: Es war eine gute Idee!

Niavarani: Man kann immer besser werden. Ich bin nie zufrieden mit dem, was ich mache. Von meiner Arbeit gefallen mir 98 Prozent nicht und würde ich gerne anders machen. Georg und ich arbeiten schon an den nächsten Projekten und aktuell ist es so, dass ich nur die negativen Dinge sehe. Ich finde das sehr wichtig: jene Bereiche zu sehen, die nicht funktionieren. Sonst entwickelt man sich nie weiter. Jedes neue Projekt ist ein ständiges Ausbessern der Fehler, die man bei den vorherigen gemacht hat. Und jedes Projekt ist dafür da, um wieder neue Fehler zu machen. Ich habe nicht die Ruhe, mich auf meinen Lorbeeren auszuruhen. Die san a vü zu klan für mein riesign Oasch!

Permanente Selbstkritik – so etwas wie Ihr Erfolgsgeheimnis?

Niavarani: Eher mein Antrieb. Wenn ich etwas erschaffen würde, was perfekt wäre, würde ich nicht mehr weitermachen. Weil danach kann es ja nur schlechter werden. Aktuell habe ich das Gefühl, dass meine Arbeit Stück für Stück immer besser wird. Was natürlich auch eine Illusion sein kann (lacht)!

Mit welchen Hürden mussten Sie anfangs kämpfen, als Sie bekannt gaben, das GLOBE WIEN zu errichten?

Niavarani: Branchenintern gab es keinen Gegenwind, weil wir sehr tiefgestapelt haben! Wir sind sehr unauffällig an die Sache rangegangen. Wir sind keine großen Ankündiger. Wir machen einfach und die Leute entdecken das dann von alleine. Wir mussten sehr zu unserer Überraschung nicht mal einen Kredit aufnehmen, weil wir bereits so viele Karten verkauft hatten. Man kann also sagen: Die Leute haben sich das Theater selbst erbaut. Dafür bin ich sehr dankbar.

Hoanzl: Die größten Hürden, die wir überwinden mussten, waren tatsächlich unsere eigenen Ansprüche, angefangen vom aufwendigen Raumkonzept bis hin zu dem künstlerischen und finanziellen Einsatz, den wir in unseren ersten beiden Eigenproduktionen „Richard III“ und „Romeo & Julia“ eingebracht haben. Das war schon ein Steilpass, der uns ordentlich zum Schwitzen gebracht hat. Aber das ist gut so.

Das Besondere des GLOBE WIEN ist die außergewöhnliche Nähe zwischen Publikum und Bühnengeschehen. Herr Niavarani, wie sehr beeinflusst diese Nähe Ihr Spiel auf der Bühne?

Niavarani: Das Timing des Abends wird bei einer Komödie zur Hälfte von den Schauspielern, zur Hälfte vom Publikum bestimmt. Der Rhythmus des Lachens gibt das Tempo des Spielens vor. Die Interaktion ist im GLOBE natürlich viel stärker als in anderen Spielstätten. Die Bühne ist umgeben vom Publikum, man spielt inmitten der Menschen. Das führt dazu, dass man leichter auf sie hören kann. Als Druck empfinde ich das aber nicht, denn dann wäre ich im falschen Beruf. Im Gegenteil, es erleichtert die Sache.

Wie sehr hat sich die Kabarettbranche seit der Gründung des GLOBE WIEN verändert?

Hoanzl: Meiner Wahrnehmung nach wird es immer bunter und vielfältiger in der Branche. Neben den bekannten Stars der Szene beleben englischsprachige Comedians ebenso wie Kollegen aus Deutschland die Szene. Das hat sicher auch mit dem fast uneingeschränkten Medienangebot zu tun. Zusätzlich ist in Österreich in den letzten Jahren eine neue starke Generation von Kabarettistinnen und Kabarettisten herangewachsen. All das beeinflusst in direkter und indirekter, jedenfalls aber positiver Form natürlich auch das GLOBE WIEN wie alle anderen Spielstätten.

Apropos: Im Oktober treten Pizzera & Jaus im GLOBE WIEN auf – nicht nur die aktuell heißesten, sondern auch jüngsten Eisen in der Kabarettbranche. Will man so das junge Publikum ins Theater zurückholen? Und wie schwer ist es, die Jungen fürs Theater zu begeistern?

Hoanzl: Ich glaube, dass es auf die Themen, das Lebensgefühl und die glaubwürdige Darstellung derselben ankommt, ob man damit junge Menschen anspricht. Hier gibt es neben Pizzera und Jaus, die verdienterweise großartige Erfolge feiern, mit Lisa Eckhart, Stefan Leonhardsberger, Christoph Fritz und vielen anderen ein umfangreiches und vielfältiges Angebot, das Gleichaltrige ebenso anspricht wie alle seit Jahrzehnten Kabarettinteressierten. Das führt zu einer Durchmischung und Belebung, die der gesamten Branche zusätzliche Vitalität einhaucht.

Niavarani: Es ist wichtig, den Kontakt zur nächsten Generation zu halten und ich lasse mich auch von ihr beeinflussen. Mich interessiert, was und wie die das Ganze machen, wie sie an eine Pointe herangehen. Ich bin sehr neugierig, was für neue Wege gegangen werden. Denn es ist ja nichts fader, als immer dasselbe zu sehen. Wobei man ja ehrlich sagen muss: Wir machen alle dasselbe (lacht)! Manchmal erkenne ich mich in dem einen oder anderen Newcomer wieder.

Ab Oktober öffnet der GLOBE WIEN wieder seine Pforten, u. a. mit Künstlern wie Pizzera & Jaus, Gernot Kulis, Michael Mittermeier, Hausherr Michael Niavarani, Thomas Stipsits, Jimmy Carr und Bülent Ceylan. Am 26. November wird hier übrigens auch der österreichische Kabarettpreis vergeben. Für ausgewählte Veranstaltungen sind FanTickets verfügbar. Tickets gibt es bei oeticket.com.

 

Globe WienDas GLOBE WIEN für daheim „Romeo und Julia“ ist die zweite Shakespeare-Interpretation von Michael Niavarani: Romeo und Julia sind nur deswegen das größte Liebespaar der Weltliteratur, weil sie nie miteinander leben mussten, sondern rechtzeitig gestorben sind. Im Falle der höchst beklagenswerten Komödie sind nicht die beiden Liebenden gestorben sondern die Liebe. Die Kinder sind aus dem Haus, die Geschäfte laufen gut – und plötzlich tauchen eine alte Liebe und eine junge Schauspielerin auf und allen Beteiligten schießt die Verliebtheit wieder ein! Sofort kommt es zu Lügen, Sex und Betrug … denn wie sagt William Shakespeare selbst: „Weise sein und lieben vermag kein Mensch!“
Es spielen unter der Regie von Bernhard Murg, Michael Niavarani und Oliver Rosskopf: Michael Niavarani, Sigrid Hauser, Bernhard Murg, Otto Jaus, Günther Lainer, Oliver Rosskopf, Susanne Preissl, Hemma Clementi, Georg Leskovich, Eva Maria Frank, Pia Strauss und Stefan Altenhofer. Die Doppel-DVD kommt inklusive Textbuch und Programmheft und ist im gut stortierten Fachhandel und auf hoanzl.at erhältlich.

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