My Ugly Clementine sind nicht zur Bespaßung hier

My Ugly Clementine

Sophie Lindinger und Nastasja Ronck von der derzeit angesagtesten heimischen „Supergroup“ My Ugly Clementine im geerdeten Interview über ihr Debüt, Erwartungshaltungen und wieso wir eigentlich alle Feministen sein sollten.

Foto: Hanna Fasching

Als ich im Büro der Plattenfirma ankomme, wo ich mich mit My Ugly Clementine treffe – ja, genau: jene Band und FM4-Liebling, die schon vor Veröffentlichung der ersten Single für ein ausverkauftes Wienkonzert sorgte –, hagelt und regnet und schneit es und bläst einem der eisige Wind um die Ohren. Dann, kurz darauf, fast gleichzeitig, als wir mit dem Interview beginnen, bricht die Wolkendecke auf und die Sonne blickt hervor. Passt ganz gut eigentlich. Weil mit viel Vitamin C trotzt man eben wirklich jedem Hunde-Wetter.

Leidenschaft auf ganzer Linie

„Vitamin C“ heißt auch das Debütalbum von My Ugly Clementine (das sind: Sophie Lindinger, Mira Lu Kovacs, Kathrin Kolleritsch und Nastasja Ronck), das am 20. März auf den Markt kommt. Wer die vier Damen kennt, weiß, was einem erwartet: eine zeitgemäße Entstaubung der Gitarre mit vitaminreichen Anleihen der 90er-Jahre Indie-/College-Rock-Ära, ein Post-Punk-Ansatz hier, unwiderstehliche Pop-Hooks da, verfeinert mit starken, ernsten Botschaften – und trotzdem einen Mitsing-Refrain und ein Lächeln auf den Lippen. Textlich zieht sich Gesellschaftskritik, allen voran rund um Empowerment und Feminismus, durch das 10-Songs-starke Album, was auch nicht überrascht, aber trotzdem erfreut, weil das Debüt somit nicht nur (noch mehr als ohnehin schon) authentisch, sondern auch höchst relevant, markant und eckig daher kommt, vor allem aber höchst gegenwärtig und mutig. Ja, My Ugly Clementine ist keine Band, die über Sonnenschein am Strand, Eisbärli in Tierparks oder Kätzchen auf Rollerskates singt. Was nicht heißt, dass die Band abgehoben wäre, im Gegenteil: So geerdete Künstler wie diese Damen findet man selten. Das zeigt sich auch im Interview, zu dem Sophie und Nastasja geladen haben (Mira und Kathrin waren zeitlich verhindert). Aufmerksam hören sie einander zu, unterbrechen sich aus großem Respekt kein einziges Mal, präsentieren eine sympathische Mischung aus Schalck-im-Nacken und Gender Theory-Ernsthaftigkeit und nehmen sich selbst genau in dem Maße wichtig, wie es für das menschliche Selbstbewusstsein gesund und nötig ist. Vor allem aber ist ihre große Leidenschaft für Musik und ihr Anliegen, die Welt ein Stückerl besser zu machen – oder sie zumindest kritisch zu hinterfragen –, in jeder Sekunde spürbar. Dass gerade Sophie und Nastasja anwesend sind, auch das passt irgendwie: die Band-Initiatorin und die Neue im Vierer.

Nastasja, du bist erst seit Anfang 2020 in der Band. Schon eingelebt?

Nastasja: Ja, es ist sehr schnell gegangen. Mein erstes Konzert war Mitte Jänner das Eurosonic in den Niederlanden, danach war nicht mehr viel Zeit, sich nicht einzugewöhnen! Ich bin Hals über Kopf reingesprungen.

Sophie: Es ist so, als wäre sie immer schon dabei gewesen.

Wie kam es dazu, dass du zu My Ugly Clementine gekommen bist?

Nastasja: Im Herbst rief mich Kathrin an. Barbara (Jungreithmeier; stieg Ende 2019 aus der Band aus) konnte die Band, die immer größer wurde, mit ihrem eigentlichen Job nicht mehr unter einen Hut bringen. Babsi hat die Clementines absolut im Guten verlassen. Jaaaa … und dann haben Kathrin und ich geredet und jetzt bin ich hier!

Euer Debütalbum kommt am 20. März heraus. Was dürfen wir uns erwarten?

Sophie: Ganz viel Vitamin C, auf jeden Fall! Textlich und thematisch geht es sehr viel um Nächstenliebe, Empowerment – von sich selbst, aber auch von außen –, Wünsche und reflektiert durchs Leben zu gehen. Also um das nötige Vitamin C, das manchen von uns fehlen mag. Das auch mir selbst manchmal fehlt. Ich habe viel Persönliches in den Songs verarbeitet. Stilistisch gesehen wird es roh und Gitarren-lastig auf ganz unterschiedliche Art und Weise werden: mal grungig, mal soulig, mal rockig.

Sehr vielfältig also.

Sophie: Hoffentlich! Ich empfinde es zumindest so, aber das ist ja natürlich sehr subjektiv.

Apropos Musikstile: Welche Künstler sind eigentlich eure musikalischen Vorbilder?

Sophie: Eine schwierige Frage, denn in Bezug auf die Clementines sind das andere Künstler als bei anderen Projekten. Generell höre ich eigentlich alle Genres – obwohl ich es früher immer verurteilt habe, wenn das Menschen sagen! Aber ich bin genauso. Ich mag alles, was originell und auf irgendeine Art und Weise neu ist und mich berührt. Aber, nochmal: Mit Leyya habe ich einen anderen musikalischen Fokus als bei den Clementines. Hier bin ich back to the roots gegangen und habe mich wieder mehr dem Rock zugewandt, mit dem ich aufgewachsen bin. Rock hat immer ein bestimmtes Gefühl in mir ausgelöst. Dieses Gefühl wollte ich wieder reproduzieren, auch mit dem Album. Hier kombiniert sich mein alter Geschmack mit meinem neuen Geschmack: Avril Lavigne inspirierte mich genauso wie zum Beispiel Big Thief.

Nastasja: Ich bin ein riesiger Fan von Andy Shauf geworden, einem kanadischen Singer-Songwriter. Der erzählt einfach seine Geschichte, was mich sehr inspiriert. Auch Big Thief haben bei mir einen großen Stellenwert. Früher habe ich viel Grunge gehört, auch Avril Lavigne. Und ich höre viel instrumentale Musik.

Ihr alle wart schon vor den Clementines bekannte Namen in der Musikbranche, wart und seid immer noch Teil unterschiedlicher Musik-Projekte. Wie unterscheiden sich die Clementines von diesen Projekten?

Nastasja: Sehr, in allen Bereichen! Es ist sehr interessant zu sehen, wie unterschiedlich verschiedene Bands funktionieren, wie sehr sie sich in ihrer Struktur unterscheiden. Wer schreibt, wer schreibt mit? Welche Prozesse durchlaufen die Songs? Wird gemeinsam arrangiert oder nicht? Entstehen Songs im Studio oder während einer Bandprobe? Wie wird mit Zeitmanagement umgegangen? In welcher Phase befindet sich die Band überhaupt? Diese Unterschiede sind für uns alle sehr bereichernd.

Sophie: Man lernt sehr viel. Manche Dinge funktionieren bei den Clementines, die zum Beispiel bei Leyya nicht gehen würden – oder umgekehrt. Die jeweiligen Bands sind wie verschiedene Freundeskreise: mit den einen hat man diese Gemeinsamkeit, mit den anderen wiederum jene. Sehr spannend, weil man von allen Projekten etwas mitnimmt. Bei den Clementines ist es besonders spannend, weil es aufgrund des klassischen Band-Setups – also: Bass, Gitarren und Schlagzeug, kein Schnickschnack – sehr roh ist und wir das Gefühl haben, bei den Proben so richtig reinfetzen zu können.

Nastasja: Genau! Es ist viel freier und man kann viel direkter reinstarten. Man muss sich vorher nicht extrem den Kopf über Produktion zerbrechen, man macht einfach mal! Was nicht heißt, dass wir uns keine Gedanken machen, wie wir die Songs live umsetzen.

Sophie: Wie wir die Energie live vermitteln, ist ein großer und wichtiger Aspekt der Clementines.

„Reinfetzen“ gefällt mir. Hat das damit zu tun, dass es in der Band keine Männer gibt, die euch zurückhalten?

Sophie: Denkt man in Klischees, müssten es ja eigentlich wir *Frauen sein, die das Ganze stoppen, die kopflastiger sind. Natürlich absoluter Blödsinn! Ich denke, das hat nichts mit dem Geschlecht zu tun, sondern mit der Einstellung der Band und damit, wer wir sind und was die Band darstellt.

Nastasja: Und wie sehr du Bock hast, mit den Personen rund um dich einfach abzurocken. Wenn du jemanden magst und dich wohl fühlst, kommt dieses Abrocken von ganz alleine.

Sophie, du hast die Clementines gegründet. War es dir ein wichtiges Anliegen, nur *Frauen in die Band zu holen? Oder handelte es sich dabei um puren Zufall?

Sophie: Es hat sich eher ergeben. Oder, um genauer zu sein: Ich hatte genau im Kopf, mit wem ich zusammenarbeiten möchte. Mira und ich waren schon vor den Clementines sehr gut befreundet und haben schon öfters darüber geredet gehabt, gemeinsam ein Projekt auf die Beine zu stellen. Ich habe Leute für die Band gesucht, die mich inspirieren, die ich spannend finde. Ob es sich dabei um *Frauen oder Männer handelt, war eigentlich wurscht. Aber: Ja, es ist natürlich spannend, Teil einer reinen *Frauenband zu sein. Im Musikbiz hat man ja meist mit cis-Männern zu tun. Dieser Gedanke war sehr wohl von Beginn an präsent. Ich wollte Personen um mich, die so ganz anders waren als jene, die ich sonst um mich hatte.

Nastasja: Zudem war es bei den Clementines immer schon wichtig, dass es nicht nur eine, sondern vier Hauptstimmen gibt. Dafür braucht man natürlich Leute, die das auch wollen – und können.

Sophie: Absolut! Genau das ist ja auch die Stärke der Clementines: Unser Sound ist zwar fett, rockig, gitarrenlastig und rotzig, aber trotzdem singen wir alle mit vier Stimmen übereinander, was wiederum etwas Sanftes hat. Das finde ich sehr cool. Ich habe noch nie in einer Band gespielt, in der wirklich jeder singen konnte.

Bei den Clementines gibt es keine Frontrau. Seid ihr tatsächlich alle in der Band gleichberechtigt?

Sophie: Grundsätzlich ja. Dadurch, dass ich die Band gegründet habe und auch die Songs schreibe, habe ich ein bisserl die Zügel in der Hand. Das hat auch mit Zeitgründen zu tun. Aber: Ich bespreche jede Entscheidung mit den anderen Mitgliedern! Bei den Proben bringt sich jeder gleichermaßen ein, auch auf der Bühne steht niemand im Vordergrund, ganz im Gegenteil. Jede Person hat ihr eigenes Spotlight.

Nastasja: Wir agieren miteinander auf der Bühne. Es ist uns wichtig, dass wir uns auf der Bühne zueinander drehen und Spaß haben können.

Sophie, du bist nicht nur für die Texte verantwortlich, sondern schreibst auch die Melodien und produziert die Songs. Eine kreative Personalunion, sozusagen. Nicht alltäglich, dass eine einzelne Person alles macht, oder?

Sophie: Im Musikbiz wahrscheinlich nicht, wobei es im DIY-Alternative-Bereich wahrscheinlich öfters vorkommt als beispielsweise im Popsegment. Dass ich alle diese Dinge mache, hat sich eigentlich ergeben und war nicht geplant. Manchmal ist man im Flow drin, man möchte Zeit sparen – und plötzlich ist ein Song fertig!

Wird dir großer Respekt dafür entgegengebracht, besonders Szene-intern?

Sophie: Das kommt erst langsam. Viele Leute wissen das gar nicht. Ich gehe aber auch nicht hausieren damit. Das Wichtigste ist, dass den Leuten unsere Musik gefällt und wir gehört werden. Alles andere ist nebensächlich.

Ihr werdet oftmals als „Supergroup“ bezeichnet. Wie steht ihr zu diesem Begriff?

Sophie: Ich würde schon sagen, dass wir eine supere Band sind …. (lacht) Aber im Grunde ist es nicht relevant, wir bezeichnen uns selbst nicht so. Das kommt von außen.

Nastasja: Das wäre auch eigenartig! Die Leute müssen uns gut finden – wenn das nicht so ist, bringt es auch nichts, wenn man uns schon von anderen Projekten kennt. Wir sind vier Personen, die Musik machen, keine Fusion verschiedener Projekte. Aber natürlich ist es schön, wenn das Feedback ein tolles ist.

Nicht, dass man euch so nennen würde, aber: Wie würdet ihr auf den Begriff Girlband reagieren?

Nastasja: Muss nicht sein …

Sophie: … weil ich mich frage: Wie heißt dann eine Band, die nur aus Männern besteht? Eine Boyband?! Da denke ich eher an tanzende und singende süße Jungs á la Backstreet Boys. Eine Band mit rein männlicher Konstellation würde nie so bezeichnet werden. Wieso können also dann wir nicht einfach eine Band sein? Das macht doch keinen Sinn. Es geht um die Musik, nicht um das Geschlecht.

Der rote thematische Faden eures Album ist Feminismus, Gleichberechtigung und Empowerment. Provokant gefragt: Braucht es solche Themen 2020 überhaupt noch?

Sophie: Pfff … leider! Wir sind noch lange noch nicht da, wo wir sein sollten.

Nastasja: In unserer Bubble könnte man glauben, dass diese Themen nicht mehr relevant sind. Im großen Ganzen gesehen sieht es aber völlig anders aus – sowohl in Österreich als auch international. Zudem geht es uns um Empowerment in ganz verschiedener Hinsicht: Empowerment als Frau, aber auch für sich selbst als Individuum. Empowerment bedeutet nicht nur Feminismus, sondern ist viel facettenreicher, ist aber immer wichtig für die Gesellschaft. Das Propagieren von Nächstenliebe muss heutzutage einen hohen Stellenwert haben. Stimmt, gewisse Dinge werden besser, aber man lernt nie aus. Auch wir nicht.

Habt ihr es euch zur Mission gemacht, auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen? Ist das eurer Meinung nach sogar Aufgabe von Kunst?

Sophie: Letzteres auf jeden Fall. Kunst entsteht ja oft aus genau diesen Gründen: In gewisser Weise ist Kunst immer politisch. Ganz selten, dass man sich als Künstler nichts bei seiner Arbeit denkt, nichts aussagen möchte. Trotzdem: Unsere Mission ist es nicht, wir gehen nicht predigen. Es geht um die Musik. Wir wollen, dass viele negative Themen, denen Menschen ausgesetzt sind, wieder ein positives Licht bekommen. Man singt darüber, tanzt dazu und schreit sich die Gefühle dabei raus. Ähnlich beim Schreiben: Ich schreibe nur über Dinge, die ich auch kenne und die mich treffen. Klar, Rassismus beispielsweise habe ich nie am eigenen Leib erlebt, aber ich werde oft Zeuge davon und möchte dagegen etwas unternehmen. Ich schreibe mir jene Dinge von der Seele, die mich bewegen, belasten und berühren, um sie besser verarbeiten zu können. Das hat nichts mit predigen, sondern mit gemeinsam verarbeiten zu tun.

Könntet beziehungsweise würdet ihr eigentlich auch Happy-Peppy-Songs mit Nonsense-Texten singen?

Nastasja: Mit absoluter Selbstironie mit Texten, die in dieser Selbstironie wieder gut sind – ja, dann vielleicht.

Sophie: Wahrscheinlich würden wir sie nicht schreiben, aber wir würden sie covern, auf witzige Weise.

Nastasja: Es gibt so viele andere Dinge, denen wir unsere Zeit lieber widmen wollen. Die wichtiger sind.

Würdet ihr euch als Feministinnen bezeichnen?

Sophie: Im Grunde sollten wir uns alle als Feministen bezeichnen, nicht nur *Frauen. Für mich selbst ist der Begriff nicht negativ konnotiert, aber leider hat er oft einen negativen Beigeschmack, was ich aber ehrlich gesagt nicht verstehe. Das ist sehr bescheuert! Klar: Es gibt den radikalen Feminismus – und es gibt jene Feministen, die einfach wollen, dass alle Menschen gleichberechtigt sind. Und genau das ist für mich ein Grundsatz fürs Leben.

Nastasja: Es gibt Feminismus-Wellen, mit denen auch ich mich nicht identifizieren kann. Feminismus muss inklusiv, für alle sein, aber spricht natürlich vor allem diese Dinge an, die bisher noch am wenigsten gehört wurden. Feminismus ist etwas, das sich ständig entwickelt, ist sehr vielschichtig. Feminismus ist auch für Männer sehr wichtig, denn unter patriarchalen Strukturen leiden am Ende alle – denn ein Patriarchat bringt eng begrenzte Bilder von Männlichkeit hervor, die wiederum Männer unter Druck setzen.

Sophie: Es ist ein Thema, das uns alle betrifft.

Müsst ihr euch als *Frauen im Musikbusiness stärker und härter durchschlagen als Männer?

Nastasja: Wir haben alle eine lange Liste an Kommentaren, die wir bereits gehört haben. Es kommt stark auf den Kontext an. Zum Beispiel werden wir beim Thema Soundcheck, dessen Bereich sehr stark männlich begrenzt ist, oftmals nicht sehr ernst genommen. Obwohl wir genau wissen, wovon wir reden. Und: im Popbereich wirst du als Frau automatisch für die Sängerin der Band gehalten.

Sophie: Das alles ist so in den Köpfen der Menschen drin, ist sehr festgefahren. Vorurteile gibt es auf jeden Fall. Ich bemerke immer wieder die überraschten Gesichter, wenn wir von technischen Details sprechen und genau artikulieren, wie wir uns den Sound oder ähnliches vorstellen. Da bekommen die Männer immer große Augen! Man kann sie aber dafür nicht verurteilen, weil sie bestimmte Dinge und Ansichten verinnerlicht bekommen haben. Was man ihnen aber übelnehmen kann, ist, dass sie sich mit diesen Dingen und Ansichten nicht beschäftigen und sie ergo nicht hinterfragen. Selbstreflektion wäre hier ganz wichtig.

Themenwechsel: Im Albumsong „My Dearest Friend“ gibt es die wunderschöne Textzeile „So I lost myself again in my head.“ Wann verliert ihr euch in eurem Kopf?

Sophie: Beim Musikmachen. Manchmal schreibe ich aus meinem Unterbewusstsein und realisiere erst danach, was in mir drin eigentlich vorgegangen ist. Dann bin ich in einem Flow drin und zwei Stunden später ist der komplette Songtext fertig – bei „Try me“ war das zum Beispiel der Fall. Währenddessen bin ich nicht ansprechbar, bin ganz bei mir und denke an nichts Anderes.

Nastasja: Wenn der Druck draußen ist und man keinen Stress hat, geht das Musizieren am besten von der Hand. Dann kann man sich fallen lassen. Das wird bei unserer Tour auch so sein. Darauf freue ich mich sehr.

Apropos fallenlassen: Auf der Bühne wirkt ihr sehr selbstsicher und wie zuhause. Ist das tatsächlich so oder nur Profi-Fassade?

Sophie: Wenn man Routine hat, lernt man natürlich, was man wie onstage zu tun hat. Meine ersten zwei Jahre auf der Bühne waren wirklich nicht lustig. Ich war extrem unsicher, hatte Angst, mich zu präsentieren und davor, dass mich alle anstarren. Das war ein Lernprozess. Wenn ich mit den Clementines auf der Bühne stehe, ist es für mich so, als würde ich mit meiner Familie auf der Bühne stehen. Wir spielen miteinander – zwar für andere, aber eben gemeinsam. Ich kann mich auf jede verlassen.

Bewegt ihr euch in eurer eigenen kleinen Welt, wenn ihr auf der Bühne seid?

Sophie: Ja, schon.

Nastasja: Ja, aber ohne, dass wir uns vom Publikum abkehren. Wir holen das Publikum in unsere Welt hinein. Wir sind ja nicht dafür da, die Leute zu bespaßen, sondern wir wollen Spaß haben auf der Bühne – und ehrlich und authentisch die Gefühle und die Stimmung der Songs transportieren. Das ist auch der Grund, wieso der Spaß im Vordergrund stehen muss – ganz egal, wie anstrengend der Tag war. Ich persönlich befinde mich aktuell noch in einer Phase, in der ich mich voll und ganz auf der Bühne auf die Band konzentriere. In das Publikum zu schauen fällt mir noch schwer und ist neu für mich.

In eurem Song „Peptalk“ geht es um das Finden von Mut. In welchen Bereichen muss man euch Mut zusprechen?

Sophie: Diese Bereiche gibt es auf jeden Fall, ansonsten könnte ich keine Songs schreiben! Bevor ich das Album fertig gestellt habe, hatte ich ständig das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Dass die Songs, die ich alleine schreibe, nicht gut genug sind. Dass ich als eigenständige musikalische Person nicht gut genug bin. Während des Entwicklungsprozesses des Albums bin ich aber selbstbewusster geworden.

Nastasja: Wenn man ehrliche Musik macht, sind die Zustände der Verletzlichkeit etwas, in die man sich ohnehin ständig hineinbegibt. Egal, worüber man schreibt.

Gerade beim ersten Album sind die Erwartungshaltungen sehr noch – bei euch ganz besonders, weil ihr schon von Beginn an erfolgreich wart. Wie groß ist der Druck?

Nastasja: Man macht Songs und gibt sie dann in die Öffentlichkeit hinaus – was dann damit passiert, ist eine ganz eigene Dynamik. Aber ist es für dich ein Druck?

Sophie: Na! (alle lachen) Beim Machen des Albums verspürte ich schon kurz den Druck, mit den fünf Songs, die wir bereits released hatten und die gut ankamen, mithalten zu müssen. Dann aber habe ich realisiert: Nein, musst du nicht! Mach einfach weiter wie bisher! Was passiert, passiert. Jetzt ist das Album fertig und ich bin sehr stolz drauf! Ich würde es mir von vorne bis hinten anhören. Genau das ist auch mein Anspruch: Nur jene Art von Musik zu machen, die ich auch persönlich mag und hören möchte. Ich stehe zu 100 Prozent hinter diesem Album.

Worauf dürfen wir uns 2020 noch freuen?

Sophie: Wir gehen in April auf Tour und treten in Österreich und Deutschland auf. Im Sommer spielen wir auf einigen Festivals.

Zuletzt ein Fan Fact: Wikipedia beschreibt Clementinen als „Hybriden zwischen Mandarinen und Bitterorangen“. Seid ihr auch Hybriden?

Nastasja: Wir wachsen rein! Wir hätten auf jeden Fall nicht gedacht, dass wir jemals so viel über die Frucht Clementine lernen. Lustigerweise essen wir alle tatsächlich gern Clementinen.

My Ugly Clementine spielen ab 9. April in ganz Österreich, und in Deutschland – etwa am 16. April in der ARGEkultur, am 22. April in der Arena, am 24. April am Noppen Air in Neußerling, am 25. April im Grazer Orpheum und am 1. Mai im Spielboden. Tickets für die meisten Konzerte gibt es bei oeticket.com bzw. eventim.de.

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