„Na endlich!“ – der Nestroy-Theaterpreis 2018

Vergangenen Samstag ist im Theater an der Wien wieder der österreichische Theaterpreis vergeben worden. Neben Caroline Peters und Peter Simonischek durften sich auch Dušan David Pařizek und Nikolaus Habjan über die Auszeichnung freuen.

© Michael Seirer Photography

„Na endlich!“ – das sind die PreisträgerInnen 2018

Von 36 Nominierten erhielten am Samstag im Theater an der Wien 14 Künstler/innen den österreichischen Theaterpreis NESTROY. Neben wahrlich großen Reden – etwa jener von Ferdinand Schmalz (sh.  hierzu das Ende dieses Beitrags) und einem umgefallenen NESTROY, sorgte der eigentlich abwesende Peter Simonischek für den wohl größten Lacher: Der Schauspieler konnte seine Auszeichnung als „Bester Schauspieler“ nicht persönlich entgegennehmen und so verlas sein Sohn Benedikt die Dankesworte. Auf der Rückseite des mitgegebenen Zettels standen groß die Worte „Na endlich!“. Für den 72-Jährigen ist es der erste NESTROY.
Jurybegründung:

So vollkommen bei sich hat man Peter Simonischek lange nicht erlebt. Der Parade-Macho mit butterweichem Herzen und Mutterwitz, für den weibliche Emanzipation als Sündenfall gilt, ist seine Rolle. Den Koran und das damit verbundene patriarchale Lebenskonzept verteidigt der einfache Einwanderer aus Pakistan auch in der Neuen Welt. Wie schockierend und gleichzeitig komisch ist es, wenn er erfährt, dass seine abgöttisch geliebten Töchter, für die er aus übergroßer Fürsorge sogar eine Ehe arrangiert, längst eine Entscheidung getroffen haben. Peter Simonischek brilliert auf dem messerscharfen Grat, seinen liberalen Töchtern ebenso so viel Liebe wie Unverständnis entgegen zu bringen. Für diesen herzzerreißenden Zwiespalt benötigt das mächtige Mannsbild mit Schnauzbart und glühend dunklen Augen wenig: das Heben einer buschigen Augenbraue, das Zucken eines Mundwinkels, ein plötzlich herrischer Ton in seiner sonoren Samtstimme reichen für die tiefsten, kostbarsten Momente.
(Eva Maria Klinger)

Als „Beste Schauspielerin“ überzeugte heuer Caroline Peters in Simon Stones Hotel Strindberg.
Jurybegründung:

Bei dieser schillernden, wandlungsfähigen Schauspielerin mit dem geschmeidig biegsamen Körper liegen stets die Nerven blank. In der Collage „Hotel Strindberg“ versinkt Caroline Peters mit Inbrunst in Zimmer-, Herzens – und Beziehungsschluchten, aus denen sie voll Empörung gegen den misogynen Strindberg-Blick wieder auftaucht. Mit beiden Beinen steht sie fest am Abgrund, um die härtesten, schmerzvollsten Attacken gegen den Mann zu schleudern, maßlos exaltiert, die Grenze zur Klamotte stets im Auge. Mit Selbstironie und Witz treibt sie den Geschlechterkampf in eine absurde Komödie. Blitzschnell verwandelt sie sich in verschiedene Strindberg-Frauen, vollzieht in atemberaubendem Tempo den Rollenwechsel mit neuem Kostüm, neuer Perücke und neuer Stimme. Das verlangt in einem viereinhalb stündigen Marathon höchste schauspielerische Konzentration, die sie cool und ohne jede eitle Bravour beherrscht. (Eva Maria Klinger)

Die „Beste Regie“ ging an den australisch-schweizerischen Dušan David Pařizek für „Vor Sonnenaufgang“ von Ewald Palmetshofer am Wiener Akademietheater.
Jurybegründung:

Drei außergewöhnliche Glücksfälle machen den Erfolg. Ein Autor, der die Neudichtung eines 1889 skandalösen, das Bürgertum dekuvrierenden Stückes als Well-made Play anlegt, ein Regisseur, der daraus eine schräge Family-Soap zaubert und eine edle siebenfache Burgtheater-Glanzbesetzung. Dušan David Pařizek inszeniert flott zwischen provisorisch anmutenden Holzgestängen und -treppen, eine Klomuschel prangt auf der Bühne, damit der Vater die Pünktlichkeit seines „Morgenschisses“ loben kann. Der Babybauch wird umgehängt und abgenommen, reizvoll changiert Pařizek zwischen den Stilen, zwischen Ernst und Klamauk, Kitsch und Ironie, und die Schauspieler folgen ihm begeistert. Es gelingt ihnen, in dieser absichtsvollen Zerrissenheit ein kompaktes, äußerst präzise ineinandergreifendes Konversationsdrama zu erschaffen. So geht es zu wie in allen Patchwork- Familienhöllen, es wird gestritten, gelacht und geflirtet, die Ehen sind schlecht und die politischen Debatten zwischen links und rechts führen zu nichts. (Eva Maria Klinger)

Die „Beste Bundesländer Aufführung“ kam mit „Iwanow“ vom Stadttheater Klagenfurt, die „Beste Off-Produktion“ mit „Muttersprache Mameloschn“ vom Kosmos Theater, die „Beste Aufführung im deutschsprachigen Raum“ von Ulrich Rasche mit „Die Perser“ und den Spezialpreis erhielt das Werk „Die Kinder der Toten“ (steirischer herbst) von Elfriede Jelinek. Ausnahmekünstler Nikolaus Habjan erhielt den „Publikumspreis„,  Dörte Lyssewski gewann den NESTROY in der Kategorie „Beste Darstellung einer Nebenrolle“ und „Bester Nachwuchs“ sind Lara Sienczak und Peter Fasching. Bereits vorab standen der „Autorenpreis“ für Ferdinand Schmalz und seinen „jedermann (stirbt)“, das „Lebenswerk“ für Peter Handke und Alice Babidge für die „Beste Ausstattung“ in Hotel Strindberg, fest.

Ein Appell zur Partizpiation am Ende

Ohne Festung auch kein Fest, heißt es in „jedermann (stirbt)“, und draußen, außerhalb des Theaters sind die Festungsfanatiker wieder im Vormarsch. Im Dienste der nationalen Sicherheit wird da Festung gebaut, obwohl man meinen könnte, dass diejenigen, die in Wirklichkeit unsere Sicherheit gefährden, heute in den Ministerien sitzen. Künstlich werden soziale Unsicherheiten geschaffen, die den Nährboden (…) für den Hass bieten. Wo die Sprache von Vorurteilsfäulnis befallen ist, funktioniert das Theater (…) wie ein Mikroskop, das sich auf die feinsten Sprachfäden (…) richtet, Sprache vergrößert, bis wir erkennen, an welchen Strängen sie fault. (…) Das Theater muss mehr denn je entgegen halten, denn wir dürfen nicht vergessen, dass mit der Zukunft der Demokratie auch die Zukunft des Theaters auf dem Spiel steht. (…) Nächste Woche ist wieder Donnerstag! (Ferdinand Schmalz, NESTROY-Verleihung 2018)

Bilder: © Michael Seirer Photography