Nathan Gray: Ein Leben zwischen Punk und Bart

Nathan Gray

Mit Boysetsfire mitbegründete Nathan Gray den Posthardcore, solo dürfen es schon mal leisere Tunes sein. Laut wird Nathan, wenn er sichüber Donald Trump auslässt, persönlicher ist die Geschichte zur wechselnden Bart-Tracht.

Du bist gerade in Deutschland unterwegs?

Nathan Gray: Ja, ich habe gerade die letzten Konzerte der Boysetsfire-Tour gespielt und jetzt mache ich schon Promo für mein Solo-Album bevor es wieder nach Hause geht.

Das Solo-Projekt ist sehr weit weg von deinen musikalischen Wurzeln, dem Punk. Hattest du schon immer den Wunsch nach einem leiseren, nicht so aggressiven Sound und langsameren Titeln?

Nathan Gray: Nicht unbedingt langsamer, aber meine Solo-Dinger zeigen, was ich wirklich mag. Über die Jahre habe ich einige Bands gestartet, Boysetsfire, The Casting Out und I Am Heresy. Mit meinem Solo-Projekt verwirkliche ich, was ich immer schon tun wollte. In einer Band geht es ja nicht darum, was ein einzelnes Mitglied will. Das ist eher eine Demokratie und dass sich unterschiedliche Menschen zusammen zu raufen, um gemeinsam Musik zu machen. Meine Solo-Songs sind mein wahres Ich.

Auch bei Boysetsfire gibt es die ruhigen, eher akustischen Augenblicke. Eine Überscheidung?

Nathan Gray: Meine ruhigere Seite gibt es auch dort. Das erste Solo-Album „Feral Hymns“ ist sehr akustisch gehalten. Das bin ich ganz alleine, nur mit Gitarre. Jetzt war die Arbeitsaufgabe, es wie eine Band klingen zu lassen. Das passt perfekt zu dem, was ich an Boysetsfire so mag. Es gibt das Upbeat Rock-Feeling, aber auch die Möglichkeit, die Musik zu reduzieren. Währen der Boysetsfire-Konzerte gibt es in der Hälfte dann ein Akustik-Set. An diesem Modell orientiere ich mich.

Ist es für dich schwierig, so kurzfristig von einer Band-Situation auf Solo-Musiker umzuschalten?

Nathan Gray: Eigentlich überhaupt nicht. Wenn man mit einer Band unterwegs ist, sollten alle an einem Strang ziehen und gleichzeitig als Individuen in der Gruppe vorhanden sein. Danach ist es sehr einfach, in den „Jetzt bin ich nur ich“-Modus zu schalten.

Bei Titeln wie „As the Waves Crash Down“ lässt du es gehörig krachen, da ist viel Wut und Energie dabei.

Nathan Gray: Das ist dann die Aufgabe für die nächste Platte, es nach einer ganzen Band mit Schlagzeug klingen zu lassen. „Waves“ ist eine Art Rock-Song ohne Drums. Viele meiner neueren Lieder sind auch so, sie haben Energie. Wenn ich da noch eine Band dazu nehme, macht das den Sound viel fetter.

Im Video zu „As the Waves Crash Down“ thematisierst du die Diskriminierung homo- und transsexueller Menschen. In den USA verändert sich die Situation aber nicht gerade zum Besseren?

Nathan Gray: Ohne Zweifel! Das ist eine Sache, die von ganz oben bis nach unten reicht. Wenn man eine Führung, in Anführungszeichen, hat, die sich um die Menschen einen Dreck kümmert und auf Wut und Hass basiert, kommt es dazu. Es gibt derzeit zu viele Menschen, die anderen, die nicht wie die Masse sind, etwas antun wollen. Das wird von der Trump-Regierung noch befeuert. Das schürt viel Hass, aber auch Angst und Vorurteile gegenüber allem. Seien es Einwanderer, Flüchtlinge, die LGTBQ-Community. Das hält die Arschlöcher an der Macht. Solange wir voreinander Angst haben, solange sie uns dazu bringen uns gegenseitig zu hassen, merken wir ja gar nicht, dass sie Milliarden auf unsere Kosten verdienen.

Weshalb ist dann etwa die Hälfte des Landes für Trump?

Nathan Gray: Diese ganze Situation hat unser Land schwächer gemacht, es lässt uns furchtbar aussehen. Eigentlich sind es ja nur 41%, die Trump unterstützen, was noch immer viel zu viele sind. Das Problem liegt in unserem Wahlsystem. Da kommt es nicht auf die einzelnen Stimmen an, sondern darauf, welche Wahlkreise du gewinnst. Nur so konnte es passieren, dass Hillary Clinton drei Millionen Stimmen mehr hatte und trotzdem nicht Präsidentin wurde. Das heißt eigentlich, dass die Stimmen von drei Millionen Menschen, die gegen Trump gestimmt hatten, nicht zählten. Jetzt leben wir mit diesem Übel seit drei Jahren und es fühlt sich an wie zehn. Die Mehrheit bekommt derzeit nicht was sie will. Ich weiß, das ist für einen Außenstehenden nicht leicht zu verstehen. Wir Amerikaner verstehen es vermutlich selbst nicht. Ich kann verstehen, dass man im Ausland uns deshalb als Scheiß-Typen ansieht und kann es übrigens niemandem verdenken, derzeit wegen Trump nicht in die USA zu reisen. Ich hoffe aber, dass wir entweder durch das Absetzungsverfahren oder bei den nächsten Wahlen das Bild, das wir derzeit abgeben, wieder ändern können. Als Obama gewählt wurde, waren alle aufgeregt. Nicht, weil sich alles ändern würde. Aber wir standen damals als Land ohne jegliche Würde da. Da war Obama immerhin ein guter Start. Da wir aber immer davon ausgehen, dass wir uns im Laufe der Zeit zum Positiven verändern, müsste der nächste Präsident eigentlich ein noch besserer sein. Und dann sind wir mit Trump von diesem hohen Berg direkt in die Gosse gekracht. Viele waren einfach nur schockiert.

In den USA ist es Tradition, dass sich Stars und Musiker vor allem für die Demokraten engagieren. Hast du da etwas im kommenden Jahr vor?

Nathan Gray: Ich würde das gerne in der einen oder anderen Weise tun. Ich weiß nicht, ob ich für einen speziellen Kandidaten die Werbetrommel rühren werde. Ich weiß nur, dass ich genau das Gegenteil von Trump will. Außerdem kann es gehörig schief gehen, wenn man sich als Künstler, das Werk und seine Kreativität an einen politischen Kandidaten bindet. Alle Politiker sind Kacke, egal wer. Ich werde auf jeden Fall alle in meinem Umfeld dazu ermutigen, wählen zu gehen.

Es gibt da die Textzeile, in der es um das Einstehen für Werte geht. Wofür würdest du „Raise Your Fist in an Instant“?

Nathan Gray: Für die, die gerade meine Hilfe brauchen! Ich habe das bereits getan und würde es jederzeit wieder machen. Ich stehe für die auf, die von unserer Gesellschaft übersehen werden, obwohl sie unsere Unterstützung am Nötigsten hätten. Deren Stimme will ich sein. Sie sollen wissen, dass ich an ihrer Seite stehe. Manche realisieren noch immer nicht, dass jeder heterosexuelle Weiße Privilegien genießt, die andere nicht haben. Dessen müssen wir uns bewusst werden. Diese Privilegien zu nutzen, damit es anderen besser geht, ist für mich der einzig gangbare Weg. Alles andere wäre egoistisch und das will ich nicht. Ich würde sofort gerne mehr Steuern zahlen, wenn sie wirkliche bei denen ankommen, die Unterstützung benötigen.

Du hast ja mit einer Punk-Band begonnen. Ist der Frust, die Wut und der Protest Motivation und kreative Kraft für dich?

Nathan Gray: Ja, aber ich muss sie zügeln. Wenn man nur Wut und Frust versprüht, kommt man nie an die Wurzel des Problems. Das kann sich in eine völlig verkehrte Richtung entwickeln. Es ist mir schon passiert, dass ich derart frustriert und wütend war und dadurch vergessen habe, an Liebe und Mitgefühl zu denken. Das gibt es ja auch noch. Das war auch das größte Versagen des Punk, dass es oft nur um Ignoranz und Wut ging.

Was hat es eigentlich mit deiner ständig wechselnden Barttracht auf sich? Mal ist er kurz, dann superlang, dann bist du wieder frisch rasiert. Ist das eine Obsession oder ein Fetisch?

Nathan Gray: (lacht laut) Derzeit trage ich überhaupt keinen Bart, vielleicht ein wenig. Es tut mir leid, dass ich aus einer scherzhaften Frage ein ernstes Thema machen muss. Das hat nämlich mit dem Wut-Thema zu tun, denn eine Zeit lang war ich echt wütend und depressiv. Ich habe den Bart nur wachsen lassen, um mein Gesicht zu verbergen. Er war zu einem gewissen Gard eine Maske. Ich hab‘ damals zwanzig Kilo zugenommen und es ging mit nicht gut. Als ich Hilfe bekam, um mit meinen psychischen Problemen klar zu kommen und meine Vergangenheit aufzuarbeiten, brachte ich mich selbst auch wieder in Form und bekam dadurch neue Energie. Als ich den Bart dann abgeschnitten habe, war das wie ein Symbol, dass ich wieder zurück in der Welt war. Davor hatte ich mich sehr zurückgezogen, hielt Freunde und Familie auf Abstand.

Solltest du dir jemals wieder einen wachsen lassen, dann muss man sich also Sorgen um dich machen?

Nathan Gray: Ja, bitte. Dann kommt einfach auf mich zu und fragt, ob ich okay bin.

Nathan Gray gastiert mit Band am 21. Februar in der ((szene)). Im Vorprogramm: Matze Rossi, Swain und Norbert Buchmacher. Tickets gibt es bei oeticket.com!

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