NESTROY-Preis 2019: die Gewinnerinnen und Gewinner

Bei der 20. NESTROY-Verleihung 2019 am 24. November wurde der begehrte Theaterpreis in dreizehn Kategorien im Theater an der Wien verliehen.

Foto: Michael Seirer Photography

Die NESTROY-Verleihung 2019 fand am Sonntag, 24. November, bereits zum 20. Mal statt. Das Theater an der Wien war abermals der perfekte Rahmen für die Preisverleihung. Durch den Abend führten Maria Köstlinger, Florian Teichtmeister und Peter Fässlacher, das Buch stammt von Nicolaus Hagg.  In 13 Kategorien durften sich 39 Nominierte Hoffnungen machen – am Schluss strahlten 13 glückliche Gewinnerinnen und Gewinner: 

Beste Regie

Der Preis für die beste Regie ging an Johan Simons für seine Inszenierung „Woyzeck„, eine Koporduktion des Burgtheaters und des Schauspielhauses Bochum. Der Niederländer, der sich bereit zum zweiten Mal über einen NESTROY freuen durfte, hatte nicht mit dem Preis gerechnet, und jubelte zum Schluss seiner Rede mit erhobenen Armen: „Ich freue mich total!“

Bereits zum dritten Mal hat sich der Niederländer Johan Simons Büchners berühmtes Fragment „Woyzeck“ vorgenommen, um es gegen den Strich zu bürsten. Von wegen geschundene Kreatur und expressiver Leidensmann: Steven Scharf ist als Woyzeck nicht nur ein Baum von einem Mann, er hat auch so gar nichts Unterwürfiges. In den ersten 20 Minuten zerlegt er mit beeindruckender körperlicher Präsenz in aller Ruhe die Bühne. Er reißt das rot-weiß-gestreifte Zelt herunter, das aus dem Wiener Akademietheater eine ärmliche Zirkusarena (Stéphane Laimé) macht. Simons verzichtet auf grelle Schminke und Zirkusmusik, aber man versteht auch so, dass es Typen sind, die hier ihre letzte traurige Show abziehen. Die Inszenierung setzt auf größtmögliche Künstlichkeit, der fragmentarische Text wird weiter fragmentiert. So entsteht eine unheimliche Entfremdungsstimmung.

(Karin Cerny, Jurybegründung)

Bester Schauspieler

Als bester Schauspieler wurde Steven Scharf ausgezeichnet, auf den die Jury bereits im obigen Zitat für Johan Simons ein Loblied gesungen hat. Scharf konnte nicht nur als Franz Woyzeck in „Woyzeck“, sondern auch als Lucas in „Medea“ im Burgtheater überzeugen. Besonders begeistert zeigte er sich über die Aufmerksamkeit für die Inszenierung von „Woyzeck„, dieses „räudige Stück“.

Steven Scharf ist in Simon Stones „Medea“-Bearbeitung für den erkrankten Joachim Meyerhoff eingesprungen und fand sich in der modernen Ehehölle augenblicklich zurecht: Man muss Scharf umstandslos zugestehen, dass er den unsympathischen Ehemann Lucas als schäbigen Karrieristen im Cordanzug geradezu idealtypisch verkörperte.
Die Spielzeit 2018/19 hielt für Steven Scharf eine weitere Theatersternstunde bereit: Er stellte in Johan Simons „Woyzeck“-Inszenierung die Titelpartie dar – und avancierte sogleich zum Epizentrum dieser außergewöhnlichen Bühnenarbeit. Man nimmt ihm den Prototyp der geschundenen Kreatur, ihre todessehnsüchtige Entfremdung von der Welt auf geradezu beängstigende Weise ab. Steven Scharf zählt zweifellos zu den erstklassigen Bühnenkräften des deutschsprachigen Theaters.

(Petra Paterno, Jurybegründung)

Beste Schauspielerin

Steffi Krautz erhielt den NESTROY-Preis für ihre Rolle als Blanche DuBois in „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams im Volkstheater. In ihrer Rede kritisierte sie Rezensionen, in denen sie als zu alt und nicht attraktiv genug für die Rolle bezeichnet wurde, da solche Äußerungen im Jahr 2019 unangebracht seien. Schließlich freute sich sich „wahnsinnig, dass die Jury darüber hinwegsehen konnte.“

Regisseurin Pinar Karabulut verpasst dem Klassiker „Endstation Sehnsucht“ ein feministisches Update. Jegliche Südstaatenschwülstigkeit ist gestrichen. Die Hauptfigur Blanche DuBois, die sonst gern als überkandidelte Diva und nervenkranke Alkoholikerin gezeichnet wird, ist bei Steffi Krautz alles andere als ein Opfer. Krautz spielt eine souveräne Frau über Fünfzig, die fest am Boden der Tatsachen steht. Sie hat alles verloren, ihren Job, ihren Mann, ihr Haus, aber ihre Würde ist ihr geblieben. Wie Krautz zwischen Energieschub und Verletzlichkeit changiert, wie sie kämpft, nicht unterzugehen, ist berührend und beeindruckend. Wenn sie einen viel jüngeren Mann verführt, ist das keinen Moment denunzierend. Krautz ist das Kraftzentrum dieser Inszenierung, die beweist, dass es tolle Rollen für ältere Frauen gibt: Man muss sie nur mit Leben füllen wie Krautz das tut. Und eine Regisseurin haben, die den passenden klischeefreien Rahmen dafür schafft.

(Karin Cerny, Jurybegründung)

Die weiteren Gewinnerinnen und Gewinner

Den NESTROY für die „Beste Darstellung einer Nebenrolle“ erhielt Evi Kehrstephan, „Bester Nachwuchs“ sind die Schauspielerin des Landestheater Linz, Anna Rieser, und der Regisseur Moritz Beichl mit einer Inszenierung am Landestheater Niederösterreich. Die „Beste Ausstattung“ stammt von Raimund Orfeo Voigt für „Der einsame Weg“ im Theater in der Josefstadt. Über den Publikumspreis durfte sich Thomas Frank freuen, seit 2015 Ensemblemitglied am Volkstheater.

Der „Spezialpreis“ ging an „3 Episodes of Life“ von Markus Öhrn; als „Beste Off-Produktion“ wurde „The Bruno Kreisky Lookalike – a Sitcom in 10 Episodes“ von Toxic Dreams, Text und Regie Yosi Wanunu ausgezeichnet. Die „Beste Aufführung im deutschsprachigen Raum“ kam mit „Dionysos Stadt“ von den Münchner Kammerspielen, die „Beste Bundesländer Aufführung“ mit „Die Revolution frisst ihre Kinder!“ vom Schauspielhaus Graz.

Autorenpreis und Lebenswerk

Zwei Preisträgerinnen standen bereits im Vorfeld fest: Der Autorenpreis für das beste Stück ging an Sibylle Berg für „Hass-Tryptichon – Wege aus der Krise„, eine Koproduktion der Wiener Festwochen und des Maxim Gorki Theaters Berlin. Die Autorin hätte eine dreißig-minütige Rede vorbereitet, sagte sie zu Beginn, und beendete sie nach gut zweieinhalb Minuten mit „Ich nehme dieses Ding und gehe – Dankeschön!“

Die mehrfache NESTROY-Preisträgerin Andrea Breth erhielt den NESTROY für das Lebenswerk, wobei bereits in der Jurybegründung betont wurde, dass es nur „die Würdigung einer großen Theatermacherin sein [kann], deren Lebenswerk noch lange nicht vollendet ist“. Dies betonte auch Roland Koch in seiner Laudatio, der darin sowohl „die Breth“ wie „Andrea“ liebevoll vorstellte und von der Arbeit mit der Regisseurin berichtete.

 

(alle Fotos: © Michael Seirer Photography) 

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