New Model Army: Kein Bock auf Vergangenheit

New Model Army

Im kommenden Jahr feiert die Punk-Rock-Pop-Folk-Legende New Model Army ihr 40-jähriges Bestehen. Bevor die Feierlichkeiten losgehen, werfen sie noch das neue Album „From Here“ auf den Markt – einer Tour und Wien-Gig im Oktober inklusive.

Foto: Mark Islam

Noch hat Gründungsmitglied Justin Sullivan, der nebst dem Gesang auch die Gitarre verantwortet, keinen Bock auf die Analyse der Bandgeschichte, denn die gibt’s 2020 im Jubiläumsjahr dann zur Genüge. Trotzdem war er beim !ticket-Talk kaum zu bremsen.

Als Lead-Single zum neuen Album habt ihr den untypisch kurzen Titel „End of Days“ gewählt. Zudem tritt die Band im Video nicht auf. Weshalb die unkonventionelle Herangehensweise?

Es gibt auf dem Album wesentlich persönlichere Songs. Der Titel sollte bloß einen ungefähren Eindruck vermitteln, worum es geht. Und „End of Days“ ist kurz. Die anderen Tracks sind lang. Wenn eine Plattenfirma versucht ein Album zu vermarkten, dann brauchen sie vor allem einen kurzen Song. Da funktioniert kein Titel mit 13 Minuten. „End of Days“ ist sicher nicht das beste Lied auf der Platte, vom Sound her repräsentiert es aber das ganze Album. Es ist ein einfacher, kleiner Song. Für „Never Arriving“ haben wir ein Video gedreht. Das war bevor wir uns für „End of Days“ als Lead-Single und für ein Text-Video entschieden haben. Zudem gibt es das wunderbare Artwork. Ich erkläre übrigens nur ungern meine Texte, sondern möchte, dass sich jeder Zuhörer das Passende heraus nimmt. Es muss zu allem nicht nur eine Meinung geben.

In „End of Days“ sprichst du über etwas, was am besten nie erfunden worden wäre. Was hätte die Menschheit nie erfinden dürfen?

(lacht) Wo soll ich da anfangen? Vielleicht das Buch der Bücher der Religionen? Die sind ein kulturelles Problem. Judaismus, der Islam und die Christenheit sind eigentlich die selbe verdammte Religion. Sie haben alle die Sehnsucht, die Menschen von der Natur zu trennen. Sie unterscheiden zwischen Männern und Frauen. Religionen entzweien. Viele Probleme haben dort ihren Ursprung. Das erinnert mich an die Textzeile: „The trouble starts with the meaning of things.“

Bricht das Ende aller Tage über uns herein?

Jede Generation hat ihr eigenes Weltuntergangsszenario. Vor allem die kommende Generation wird einen furchtbaren Kataklysmus erleben. Die schrecklichste Statistik die ich je gesehen habe ist, dass innerhalb meiner Lebenszeit 40 Prozent aller Arten auf der Erde verschwunden sein werden. Das ist extrem beunruhigend. Auf dem Album gibt es dazu aber keine konkreten Beispiele. Ich wollte einen Schritt zurücktreten von dieser Welt, in der wir uns gegenseitig nur noch anschreien. Ich wollte das größere Ganze sehen.

Weshalb habt ihr euch für ein Studio auf einer kleinen, norwegischen Insel entschieden?

Wir haben jetzt einige Alben mit Lee Smith und Jamie Lockhart aufgenommen, sie haben auch  „Winter“ koproduziert. Unser Verhältnis ist echt toll und sie haben dieses kleine Studio, das ich sehr mag. Aber es ist ein Punk-Rock-Studio. Es ist sehr klein und vollgestopft mit Equipment und ein wenig klaustrophobisch. Wir wollten wieder zusammenarbeiten, aber woanders. „Winter“ hat diesen klaustrophobischen Sound ihres Studios, alles klingt sehr gedrängt. Dieses Mal wollten wir ein Album das groß klingt. Wir brauchten also einen großen Raum samt Nebenräumen. Lee und Jamie kamen mit diesem norwegischen Studio an, das derzeit bei vielen Künstlern angesagt ist. Es liegt an der Küste dieser kleinen Insel, umgeben vom Meer, Bergen, Felsen und Schnee. Als wir dort waren, lag am Strand noch Schnee der langsam wegschmolz. Immer wenn du Sachen aufnimmst, bist du von dieser Weite umgeben, von einer harten, wunderschönen, melancholischen Landschaft. Das Studio hat ein Musiker gebaut, der wusste, was er tut. Zudem hat er eine Menge Kohle. Es gibt wunderbare alte Gerätschaften: Bandmaschinen, tolle Mikrofone – und ein brandneues Mischpult. Alles ist perfekt. Die Wohnräume sind im ersten Stock. Sie sind ziemlich einfach ausgestattet. Wenn man dort drei Monate verbringt, könnte man leicht durchdrehen. Aber das Studio ist derart ausgebucht, dass wir gerade einmal neun Tage hatten, um das Album einzuspielen. Wohnräume waren uns also egal, wir haben sowieso die ganze Zeit gearbeitet. Und jedes Mal wenn du aufsiehst, ist da diese Weite und das Wetter. Andere Musiker gehen gerne nach New York, nach L.A., mitten in den Trubel. Oder in die Karibik. Wenn du alle fünf New Model Army-Bandmitglieder nach unserer Lieblingslandschaft fragst: kalt, trostlos, groß, offen, rau. Schnee, Fels, Wasser. Eine Landschaft, in der man meilenweit sehen kann.

In „Conversation“ geht es u.a. um Gespräche mit Möwen. Was hast du mit ihnen diskutiert?

(lacht) Die Textzeile stammt aus dem isländischen Film „The Deep“. Es geht um eine erstaunliche Geschichte, die sich in den Achtzigern zugetragen hat: Ein Fischerboot ist im eiskalten Meer gekentert. Von der Besatzung kamen alle ums Leben außer einem Seemann. Er ist immer weiter und weiter geschwommen. Später fand man heraus, dass das mit einer genetischen Anomalie in seinem Fettgewebe zusammenhängt, dass er solange im kalten Wasser überleben konnte. Das Schwerste war für ihn die Einsamkeit. Und so hat er sich mit ein paar Möwen unterhalten, die immer wieder über seinem Kopf kreisten und ihn begleiteten. Für mich ist das eine unglaublich starke Story und es sind im Film beeindruckende Bilder. Es zeigt, wie wir als Lebewesen funktionieren. Wir sind soziale Geschöpfe, wir brauchen Gesellschaft.

In „Passing Through“ geht es um Verlust. Hast du noch etwas zu verlieren?

Nicht wirklich, nein. Naja: Wir alle verlieren. Wenn man älter wird, verliert man Menschen. Sie sterben. Du verlierst Dinge, die du liebst. Die Welt verändert sich. Aber das ist ein unabänderlicher Teil des Lebens. Du schwimmst mit dem Strom. Eines Tages gehst du auch. Und es ist völlig egal. Die letzte Zeile des Albums ist: „Schau‘ dich in den Spiegel und lache.“ Die Menschen überschätzen sich heute völlig, sie haben jegliche Bescheidenheit verloren. Vor allem, wenn es um die Natur und den ganzen Planeten geht. Wir halten uns für so wichtig. Man sollte akzeptieren, dass man ein Nichts ist. Ich bin nichts. Vielleicht sind es gerade diese Dinge, die derzeit auf der Welt vor sich gehen, weshalb ich einen Schritt zurück treten wollte. Weg von den kleinlichen Streitereien, hin zu einer gewissen Bescheidenheit. Wir sind alle nur Durchreisende. Eines Tages ist man tot. Gegangen.

Ist älter zu werden nicht eine großartige Sache?

Ja, absolut.

Zum Song „Never Arriving“: Gibt es kein Ankommen, nirgendwo?

Das ist eine berechtige Frage, das führt ins Philosophische. Aber du hast vermutlich Recht, es gibt kein Ankommen. Vielleicht ist Sterben das Ankommen. In meinem Leben und in meinen Texten mochte ich niemals die Idee, dass ich einmal irgendwo ankomme. Oder weiß, wohin ich gehe. Das wäre das Ende der Reise. Ich mag es nicht, etwas zu beenden. Wenn ich ein Album mache und es geht ans Fertigstellen, dann hasse ich es, loszulassen. Dann kommt der Tag an dem es fertig ist und ich verliere jegliches Interesse daran. Es ist weg. Fertig. Die Reise ist der interessante Teil für mich. Der sicherste Platz für mich ist zwischen A und B. A könnte Probleme ergeben, B genauso. Dazwischen bist du sicher. Das ist der Platz für Feiglinge. Für Feiglinge wie mich. Aber so bin ich eben.

Im kommenden Jahr steht das 40-jährige Bandjubiläum an, „From Here“ ist das 15. Studioalbum. Was geht dir bei diesen Zahlen durch den Kopf?

Nichts. Keine Gedanken in diese Richtung! Darüber denken wir dann im kommenden Jahr nach. Ende vorigen Jahres überlegten wir, ein neues Album aufzunehmen. Als Band lief es rund und wir hatten Tonnen an Ideen. Wir wollten das ausnützen. Wir wussten, dass das unbedingt noch heuer erscheinen muss, denn danach wird jeder über unsere verdammte Vergangenheit und die vierzig Jahre reden wollen. Das war einer der Gründe, weshalb wir „From Here“ so rasch aufgenommen und herausgebracht haben. Ich denke, es war ein Vorteil, dass wir so schnell arbeiten mussten. Auch wenn wir uns den Druck selbst auferlegt hatten, tat uns das wirklich gut.

„Setting Sun“ startet beim Folk und entwickelt sich zum treibenden Rock-Knaller. War das eine geplante Reise zwischen den Stilen?

Über so etwas denken wir nicht nach, jeder in der Band hat einen unterschiedlichen Musikgeschmack. Wir hören uns, neben New Model Army, nicht die gleiche Musik an. Ich mochte schon immer Folk-Melodien. Am Ende des Tages bin ich aber ein Soul-Guy. Meine erste Liebe war Tamla Motown, das checken die meisten nur nicht, weil sie nicht hinhören. Wenn man sich alle Platten von New Model Army anhört, dann zieht sich in erster Linie Schlagzeug und Bass durch. Ich bin ein Songwriter. Ich kann nicht Schlagzeug spielen. Aber ich habe schon immer verstanden, dass es in jeder Band vor allem um die Rhythm-Section geht. Am Ende von „Setting Sun“ gibt es diesen großartigen Gitarrenteil, aber hervorgehoben wird er von Drums und Bass. Die New Model Army hatte immer großartige Schlagzeuger und Bassisten.

Im Oktober gibt es ein Konzert in Wien. Wie wird die Set-List aussehen?

Es wird vieles vom neuen Album dabei sein. Was darüber hinausgeht, haben wir noch nicht entschieden. Das Besondere an dieser Platte ist, dass wir darauf so wenige Keyboards wie noch nie verwenden. Es ist ein Gitarrenalbum. Dean kommt also endlich von den Keyboards weg, die er sowieso hasst, und kann Gitarre spielen.

Mick Hucknall erklärte, dass Simply Red eigentlich sein Projekt ist und keine Band. Du bist das letzte Originalmitglied von New Model Army. Wäre eine NMA ohne Justin Sullivan denkbar?

Darüber denke ich niemals nach und würde auch nie sagen, dass New Model Army mein Projekt ist. Wir sind eine Band. Wir streiten wie eine Band. Wir kommen aber auch miteinander gut klar, wie eine Band. Keiner hat ein riesiges Ego, jeder ist offen für alle Ideen. Um ehrlich zu sein, bin ich grottenschlecht, wenn ich auf mich alleine gestellt bin. Ich brauche immer zumindest einen Partner.

„From Here“ erscheint am 23. August.

New Model Army gastieren am 20. Oktober in der Arena Wien. Tickets gibt es bei oeticket.com.