Ozzy Osbourne ist ein Mutant

Ozzy Osbourne

Ozzy Osbournes Leben war lange Zeit kein gesundes: Alkohol und Drogen standen im Überfluss an der Tagesordnung. Dass er heute noch vergleichsweise fit ist, verdankt er angeblich einer genetischen Mutation.

Wer „Narcos“ gesehen hat, weiß nicht nur über das Leben und Schaffen von Pablo Escobar Bescheid, sondern auch über die Kokainmengen, die ab den Siebzigern kiloweise von Kolumbien in die USA geschippt wurden. Mit seinem kleinen Business hat der Drogenbaron zeitweise mehr als eine Million Dollar pro Stunde verdient. Das ist zwar verdammt viel Geld (das Pablo aus Not auch einfach verbuddelt oder verbrannt hat), das ist aber auch verdammt viel Koks, das von irgendjemand weggenascht werden musste. Aerosmith haben etwa in einer Dokumentation zu Protokoll gegeben, dass in besonders motivierten Stunden „etwa halb Kolumbien“ durch ihre Nase gewandert sei. Aber auch Black Sabbath haben einen nicht ganz unerheblichen Part an Koks für sich beansprucht.

2013 hat Sabbath-Bassist Geezer Butler dem Guardian vorgerechnet, welche Unmengen an Substanzen die Band dazu motiviert haben, Stücke wie „Snowblind“ zu verfassen: Allein im Jahr 1972 haben sie schlappe 75.000 Dollar (das wären heute knapp eine halbe Million Dollar) in das weiße Gold investiert, während die Produktion von ihrem Album „Vol. 4“ im selben Jahr nur 60.000 Dollar verschlang. Dass Ozzy Osbourne irgendwann Fledermausköpfe abgebissen hat, sollte bei den Mengen, die die Typen weggezogen haben, kaum wundern.

Dieses Koks war das weißeste, purste, stärkste Zeug, das du dir vorstellen kannst. Eine Nase voll und du warst der König des Universums.

Ozzy Osbourne in seiner Biographie „I Am Ozzy“ (2010)

Während seine Mitstreiter bald draufkamen, dass der nicht zu Unrecht als „Rock’n’Roll-Lifestyle“ verschriene Lebenswandel nicht sonders produktiv für die Arbeit ist, blieb Ozzy – immerhin musste er kein Instrument beherrschen, „nur“ singen – dem Laissez-faire treu ergeben.

Während wir an neuer Musik arbeiteten, verschwand Ozzy in einer Bar und vernichtete sich.

Geezer Butler

Ich habe es nicht glauben wollen, als sie mir sagten, ich hätte Blackouts. Aber irgendwann merkte ich, dass ich um vier Uhr auf die Uhr schaute, und plötzlich war es halb 10 und ich hatte keine Ahnung, wo ich während der paar Stunden war oder was ich getan hatte.

Ozzy Osbourne

Wir wollen hier nichts beschönigen, aber seien wir uns ehrlich: Drogen (und das fängt freilich beim Alkohol an) machen erst Spaß, irgendwann sind sie tödlich. Und gerade Musik und Drogenkonsum kommen oft als gefährlich verführerischer, aber auch gefährlich tödlicher Cocktail daher – auch wenn sich Talent und Kreativität auf den ersten Eindruck durch Drogen forcieren, langfristig kann man sich nur „nüchtern“ durchsetzen. Das berichten alle Musiker, die nach langem Kampf ihren extremen Drogenkonsum überlebt haben. Für alle war der Entzug ein schmerzhafter, langwieriger Prozess. An keinem ist die Sucht spurlos vorbei gegangen. Und alle hätten im Nachhinein lieber direkt „Nein“ gesagt.

So hat etwa Marilyn Manson nicht nur Acid genommen, sondern gar menschliche Knochen geraucht. Nur das Angebot, Badesalze zu spritzen, hätte er abgelehnt. Schon von Acid hatte er Albträume und Verfolgungswahn. Und irgendwann kam die Angst, wie ein Leprakranker zu enden, dem das Fleisch abfällt – nicht unähnlich zum durchaus spannenden Krankheitsbild des nihilistischen Wahns. Auch um den Konsum von Keith Richards (Rolling Stones) ranken sich viele Legenden: Einmal soll jemand Keiths Heroin mit dem hochgiftigen Rattengift Strychnin versetzt haben, sodass es einem Wunder gleichkam, dass er überlebte. Auch Duff McKagan hat die Achtziger und frühen Neunziger und den exzessiven Guns N‘ Roses-Lifestyle – der „Appetite for Destruction“ – als einen Albtraum beschrieben, der ihn fast umbrachte: Alkohol, Kokain und Heroin sorgten bei McKagan für Haarausfall, Nierenschmerzen und unkontrollierbare Blutungen aus den Fingern. Schließlich platzte seine Bauchspeicheldrüse: Der Alkohol hatte sie fußballgroß aufgebläht. Oder auch Nikki Sixx von Mötley Crue, die bekanntlich alle keine Kinder von Traurigkeit waren: 1986 verbrachte Sixx den Weihnachtsabend nackt in Gesellschaft einer Schrotflinte. Er hatte zu viel Kokain konsumiert und litt unter Verfolgungswahn. Ein anderes Mal legte ein Heroin-Dealer den bewusstlosen Sixx zum Sterben in einer Gasse ab, um sich Ärger mit der Polizei zu ersparen. Sixx kam jedoch wieder zu sich, ging nach Hause und setzte sich sofort den nächsten Schuss. 1987 wurde er nach einer Überdosis Heroin aber tatsächlich für tot erklärt: Nur mit einer Adrenalin-Injektion brachte man ihn zurück unter die Lebenden.

Aber bei keinem anderen als Ozzy Osbourne wundert es die medizinischen Fachkreise so sehr, dass der Siebziger heute überhaupt noch lebt – geschweige denn „so fit“. Osbourne gilt gar als Kuriosum, seine Resistenz erstaunt derart, dass man seine Gene auf Besonderheiten untersucht hat, die erklären könnten, warum der Musiker über 40 Jahre exzessiven Drogenkonsums überstanden hat. Die Forscher meinen, dass vermutlich eine Mutation auf dem Gen ADH4 dafür gesorgt habe, dass Osbourne Alkohol leichter abbauen kann als der durchschnittliche Mensch. Für Vergleichsanalysen zu Acid, Marihuana, Heroin, Kokain, Valium oder Vicodin liegen derzeit noch keine aussagekräftigen Vergleichswerte vor. In seinem neuen Buch „Pleased to meet me: Genes, Germs and the curious forces that make us who we are“ schreibt Pharmakologe und Mikrobiologe Bill Sullivan von der US-Medizinschule Indiana jedenfalls:

Ozzy ist ein genetischer Mutant.

Dieses bis vor kurzem unbekannte Gen ist zwar hilfreich für den Alkohol-Abbau, aber: Variationen in Ozzys Genen lassen ihn sechsmal wahrscheinlicher Alkohol begehren und machen es um das 1,3-Fache wahrscheinlicher, dass er kokainsüchtig wird. Man könnte ihn also fast bemitleiden: Er hat keine andere Wahl gehabt. Oder?

Verankert innerhalb Ihres Genoms sind viele potentielle Versionen von Ihnen. Die Person, die Sie im Spiegel sehen, ist nur eine davon. Sie wurde durch einzigartige Situationen ausgewählt, denen Sie seit der Befruchtung ausgesetzt waren.

Bill Sullivan

Heute plagt Ozzy angeblich nur mehr seine Sexsucht, die ihn zum Schwerenöter macht und in den letzten Jahren wiederholt für Schlagzeilen sorgte. Aber auch das können wir – irgendwie – verstehen.

Ozzy Osbourne kommt kommenden Februar mit Judas Priest im Gepäck auf seine – vielleicht – letzte Tour auch nach Wien. Tickets gibt es bei oeticket.com.