PÆNDA in Zeiten von Covid-19

Paenda

Auch PÆNDA nutzt die Zeit der Krise und stellt nun ihre neue Single „Best Of It“ vor. Das Beste macht sie, wie sie im Gespräch erzählt, auch aus der Gesamtsituation – die freilich nicht rosig ist.

Music/Lyrics: PAENDA, Gabriel Geber Produced: Gabriel Geber © Sick Kick Records 2020, Distributed by Universal Music Austria

Es ist ein sonniger Tag im April, ich glaube ein Montag. Mittlerweile schaue ich, dank fehlendem Barbier-Besuch, nicht nur aus wie ein Höhlenmensch, sondern ich fühle mich auch wie einer – einer, dem zu enge Zeitkonzepte unbekannt sind. Das „Leben vor Corona“, wie es oft salopp heißt, scheint tatsächlich bereits Äonen her zu sein – Tage, die von früh (beruflich) bis spät (privat) mit Kultur befüllt waren: Zum Morgenkaffee die Lektüre im Netz, was in den USA oder UK bereits „angesagt“ ist und über kurz oder lang auch zumindest versuchsweise aufs europäische Festland schwappen wird. Anschließend ein Austausch mit Veranstaltern und Promotoren über geplante Shows und ihre neuen Acts, Selektion derer, hie und da auch persönliche Begeisterung. Begeisterung, die es an den Kunden zu bringen galt; Schließlich werde ich von meiner Firma unterm Strich dafür entlohnt, der österreichischen Bevölkerung die Momente schmackhaft zu machen, die ich seit Jahren nun fast täglich am Abend selbst erlebe, höchstgradig wertschätze – zur Zeit aber missen muss: Etwa in der Arena oder im WUK, im Stadtsaal oder im Rabenhof, in der Stadthalle, dem Gasometer, dem Burgtheater oder dem Ronacher.

Ich sehe meine Position als Chefredakteur bei oetickets Kundenmagazin nicht als Job – es ist viel mehr meine eigene Gegenwartsbewältigung, in etwa so, wie man Freunden bei einem Bier über den letzten Konzertbesuch oder den letzten Plattenkauf erzählt: Mein Leben und ein überwiegendes Gros meines Gehaltes drehen sich um Musik, und Sie können sich das wie einen Druckkochtopf am Herd vorstellen – das muss halt auch irgendwie raus. Und mein pfeifender Dampf ist letztlich das Magazin, in dem wir versuchen, auch Ihnen ein möglichst breites Spektrum an Möglichkeiten zu offenbaren, selbst ebenfalls in der reichen Welt der Künste aufzugehen, Begeisterung, Euphorie und Freude zu spüren – relevante Gefühle für jeden Alltag! Es sind dies, und da werden Sie mir sicherlich zustimmen – ganz gleich ob Sie den mehrminütigen Schlussapplaus im Theater oder das Gejohle und Gebrülle im Schmelztegel der Konzerthallen bevorzugen – Momente, die vielleicht nicht überlebensnotwendig, aber zumindest lebensnotwendig sind. Momente, die wir zur Zeit und noch einige Wochen weiterhin missen müssen. Momente, die hoffentlich – wenn wir alle zusammenarbeiten, denn letztlich sitzen wir tatsächlich alle im selben Boot, egal an welcher Stelle wir rudern – bald wiederkehren; das wünscht sich auch PÆNDA, nicht nur als Kunstschaffende, sondern auch als Kunstgenießerin. Und sie ist es auch, die ich an einem dieser Apriltage zu Kaffee und Kuchen auf ein Gespräch treffe – ich glaube, es war tatsächlich ein Montag.

Du bist eine von zahlreichen Künstlerinnen Österreichs, die von der Covid-19-Krise betroffen sind. Wie weit hat sich dein Tagesablauf in der Folge geändert?

Tatsächlich nicht wirklich, außer, dass ich länger schlafe und dafür länger in die Nacht hinein arbeite, weil ich ja für keine Termine aus dem Haus muss und mir die Zeit wirklich gut und frei einteilen kann. Da ich auch schon davor zu Hause gearbeitet und produziert habe, hat sich dahingehend auch nichts geändert. 

Auftritte sind, im Gegensatz zu Platten- und Merchandisekäufen, heute eine überwiegende Einnahmequelle für Künstlerinnen. Mit dem Wegbruch derer: Wie prekär ist die Situation für dich persönlich, wie weit helfen dir etwaige Fonds?

Da falle ich leider sowieso durch den Raster, da ich doppelt angestellt bin: Ich bin auch an einer Musikschule Lehrerin – was mir aber auch den Hintern rettet, da ich genügend Stunden habe. Trotzdem ist die Situation für uns alle nicht so richtig toll gelöst, weil einige KünstlerkollegInnen niemals in ihrem anderen Job genügend verdienen, um sich damit über Wasser halten zu können. Bei mir kommt noch dazu, dass dieses Jahr mein Fokus grundsätzlich eher auf dem Produzieren und weniger auf Livekonzerten stand, und mir daher nicht so viel weggefallen ist.

Weißt du dennoch, wie unbürokratisch beziehungsweise „einfach“ es ist, Unterstützung zu beanspruchen?

Das ist wohl wie bei jeder Unterstützung, die man vom Staat will gleich: Ein bisschen Bürokratie gehört da eben dazu.

Viele Künstlerinnen leben freilich nicht von der Kunst allein: Das wäre, nicht nur hierzulande, ein immens unsicheres Unterfangen. Wie gehen Brot und Butter bei dir Hand in Hand, vor und während der Krise – und vielleicht auch: danach?

Da ich eben meinen Unterrichtsjob habe und auch sehr liebe, bin ich glücklicherweise nicht so drauf angewiesen, von meiner Kunst auch leben zu können. Es gibt da natürlich die andere Seite der Medaille, dass es manchmal tricky sein kann, das alles unter einen Hut zu bringen, ohne dass eine Seite weniger Aufmerksamkeit bekommt, aber ich denke, ich habe meine Waage in den letzten Jahren schon gut gefunden. Ich bin offen gesagt sehr gespannt, wie es „nach der Krise“ oder auch noch währenddessen weitergeht. Ich denke halt auch, dass Kultur nur dann leben kann, wenn die Menschen es sich leisten können – und im Moment bangen halt sehr viele um ihre Jobs und wie es weitergeht. Da stehen dann halt Konzerttickets eher auf der Sparen-Liste. Ich denke, da wird leider noch eine lange Durststrecke anstehen.

Zahlreiche Künstlerinnen wanderten von der Bühne ins Netz, etwa auf Instagram, oder auf ihren Balkon. In einigen Ländern gaben auch ganze Bands professionell aufgezogene Geisterkonzerte, die kostenfrei oder kostenpflichtig ins Netz gestellt wurden. Auch du hast Anfang April einen Livestream gewagt. Siehst du für diese Art von Konzertieren eine Zukunft – nicht als Ersatz für das althergebrachte Livegefühl, aber additiv?

Wir haben uns gleich zu Anfang entschieden, das eher zu lassen und machen dann nur für spezielle Streams eine Ausnahme, sodass es dann auch was Besonderes ist – plus, mir ist es halt auch wichtig, dass gewisser Content halt gut aufbereitet ist. Prinzipiell ist es cool und ein neues Medium, aber es sollte besser früher als später dran gedacht werden, dafür auch etwas zu verlangen. Ich denke in weiterer Folge kann es additiv gut eingesetzt werden, aber ersetzen wird es tatsächliche Live-Konzerte sicherlich nicht.

Die Polizei hat in der Corona-Krise Wien mit „I am from Austria“ beschallt, und die Leute haben applaudiert. Deine persönlichen Gedanken dazu?

Is eh schön. Ich geh halt nicht so richtig konform mit dieser Art von Patriotismus, obwohl ich den Song selbst eigentlich gut finde.

Ein erster Gedanke wäre vielleicht gewesen: Mit dem Veranstaltungsverbot gerät auch die Kulturbranche zum Erliegen. Allerdings: Das Netz ging über mit Kunst. Zeigt sich da auch die Hyperaktivität des globalen Kulturgeschehens?

Es zeigt sich halt extrem, dass es einen Überfluss gibt, einmal mehr quasi. Und dass alle extrem Angst haben, in Vergessenheit zu geraten.

Die Kulturbranche war die erste, die von der Krise betroffen war, und wird wohl die letzte sein, die wieder im vollen Umfang erblüht: Anfangs präsentierte sich die Branche noch kreativ-motiviert, mit der katastrophalen und überhaupt ersten Pressekonferenz zum Kulturthema Mitte April kippte die Stimmung doch gewaltig: Denkst du, wird die Kultur als verzichtbares Luxusgut wahrgenommen?

Ja, definitiv. Und ich glaube, gerade in so einer Zeit verschieben sich die Prioritäten halt extrem, für was die Menschen ihr Geld ausgeben – und auch die Politik. 

Im darauffolgenden Kulturmontag musste sich Staatssekretärin Lunacek nicht nur die Vorwürfe gefallen lassen, sondern es wurde auch „We Are The World“ vorgestellt, ein Cover-Song des Jackson/Richie-Klassikers mit dir und den ESC-Kollegen Sampson, Trent und Bueno. Wem ist die Idee dafür eingeschossen und wie ist das Projekt zustande gekommen?

Das war ein ORF-Projekt und wir wurden gefragt, ob wir die gesanglichen Parts übernehmen wollen.

Die Streaming-Einsätze sollen dem Kultur-Katastrophenfonds für Musikschaffende von AKM und austro mechana zugutekommen. Hast du da einen Überblick, was da bis dato erwirtschaftet wurde und wie da die Ausschüttung passiert?

Nein, damit habe ich nichts zu tun, ich war wirklich nur ausführende Interpretin, genauso wie meine Sängerkollegen und das Orchester. Ich hoffe aber, dass wir alle damit was Gutes tun konnten.

Es ist naheliegend: Eure Version war freilich weniger glamourös und allein zahlenmäßig weniger bombastisch als das Original. Nichts desto trotz findet Herr und Frau Österreicher auch in der Krise genug Gründe, sich auch darüber hinaus zu mokieren. Bist du mittlerweile Häme immun oder muss man hie und da schon mit sich kämpfen, wenn man nicht allein positives und konstruktives Feedback bekommt?

Zum Mokieren findet sich natürlich immer Etwas oder? Ich habe ja letztes Jahr einiges einstecken müssen, das hat mich schon sehr geprägt und ich musste innerhalb kürzester Zeit lernen, mit so einer Art von Mobbing umzugehen. Eine Art war, mir wirklich anzusehen, welche Menschen tatsächlich Zeit dafür haben, solche Kommentare im Internet zu verfassen, das war recht eindeutig. Auch psychologisch verstehen zu lernen, woher so ein Hass kommt, hat mir sehr geholfen. Mittlerweile kann ich mich gut davon distanzieren und es als das sehen was es ist und dass solche Aussagen mehr über die andere Person sagen, als sie es jemals über mich können.

Kommen wir zurück auf Livekonzerte: Wie in Thomas Bernhards Stück „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ hieß es im März: „Absagen. Absagen. Wir müssen alles absagen.“ Eine Absage aller Veranstaltungen über Monate hinweg – mit aktuellem Stand etwa ein halbes Jahr – haben natürlich viele Unternehmen unterschiedlicher Größenordnung und auch Einzelpersonen zu kämpfen: Natürlich die jeweiligen Künstler selbst, die einzelnen Häuser, die Veranstalter und Firmen, die sonst zum Gelingen eines Konzertes beitragen – angefangen von Caterern und Brauereien über Securityfirmen bis hin zu Zulieferanten für Equipment etc. Hier stehen Abertausend Existenzen am Spiel. Andererseits ist es natürlich verständlich, wenn der Kunde für ein verschobenes Konzert, teilweise mit noch undefiniertem neuen Datum, sein Geld zurückfordert. Eine Teil-Gutscheinlösung soll hier, nach der aktuellen Idee, beiden Seiten zugute kommen. Wie ist da dein persönlicher Standpunkt – immerhin bist du nicht nur Gastgeberin, sondern freilich auch Gast?

Es geht ja ums große Ganze. Da hängen so viele Menschen dran, vielleicht sogar dein Nachbar, der als Eventtechniker arbeitet und dadurch vielleicht einen Teil seines Einnahmenentfalls trotzdem gedeckt bekommt. Die Menschen müssen vielleicht ein bisschen vertrauen, dass alle daran interessiert sind, diese Branche nicht sterben zu lassen, so schnell wie möglich weiterzumachen oder Konzerte/Veranstaltungen nachzuholen und nicht daran, sich an irgendwas zu bereichern. Und man muss sich auch bewusst machen, dass je größer das Volumen der Veranstaltung ist, desto mehr Menschen arbeiten da mit und verdienen so ihr Geld. Außerdem werden damit Konzerte finanziert, die sich vielleicht nicht selbst finanzieren würden. Alles hängt zusammen.

Ab Herbst soll es wieder möglich sein, in kleinem Rahmen Liveevents zu veranstalten. Dass am ersten September da noch kein Superstar aus Amerika die Stadthalle füllen wird, sollte jedem klar sein: Solange ein weltweites Touring nicht problemlos möglich ist, werden solche Konzerte nicht passieren können. Denkst du, wird dies für einen zumindest temporären Hype an heimischen Künstlern sorgen? Immerhin wurde während der Krise auch propagiert, heimische Unternehmen zu unterstützen, im Sommer dann im Inland zu urlauben.

Es wird ja definitiv auch in den Radios versucht, mehr heimischer Musik eine Bühne zu geben. Ich hoffe jedenfalls, dass das nicht abreißt, sobald das alles vorbei ist, sondern es ein permanentes Umdenken bewirkt hat, dass in der österreichischen Musiklandschaft sehr viel gutes vorhanden ist.

Die „neue Normalität“ ist ein schrecklicher Begriff, der von der Bundesregierung geprägt wurde. Allerdings: Die Krise hat auch gezeigt, ein Zurückkehren in die „alte Normalität“ ist vielleicht an gewissen Ecken und Enden unklug, weil der Alltag etwa unökonomisch war – ich denke da an die zahlreichen Dienstreisen – oder auch ohne Krise schon prekär – ich denke da etwa an Anstellungsverhältnisse oder Förderungen in der Kulturbranche. Welche Änderungswünsche für die „neue neue Normalität“ nimmst du für dich mit, wenn du jetzt eine Runde auf einem Glitzereinhorn reiten dürftest?

Die bunte Wallemähne und mehr Verständnis untereinander. Ich habe extrem das Gefühl, dass sehr viele entschleunigen und Social Media nicht mehr so fokussiert verfolgt wird – und das hat uns gut getan. Ich hoffe, wir steigen danach nicht wieder so ins Gas und leben bewusster.

Früher hätte man gesagt, die Kunst braucht Einflüsse aus aller Welt. Heute stellt sich vielleicht tatsächlich die Frage, wie schädlich die globalisierte Kulturwelt ist. Was ist dein Standpunkt dazu?

Ich glaube, die aktuelle Situation hat sehr viele Debatten aufgeworfen. Ich für meinen Teil habe immer abgewogen, ob es notwendig ist, da oder dorthin zu fliegen, zum Beispiel für ein Konzert. Das Problem, das ich sehe ist, dass dieses „größer-weiter-mehr“ leider nicht weniger wird, nur weil wir grad nicht raus dürfen. Und wie es die Geschichte zeigt, es gibt immer den/die Eine/n, der/die nicht genug hat.

Freilich: Der Shutdown ist schneller passiert als das Wieder-Hochfahren Österreichs: dieses passiert in Etappen und wird, in einigen Bereichen und in Wellen, uns wohl noch länger begleiten. Letztlich werden wir wohl lernen müssen, dass das Virus nicht zu besiegen ist, sondern wie andere Stolpersteine des Lebens – angefangen bei Autounfällen bis hin zu anderen Krankheiten – Teil des Alltages ist. Aber: Auf welche Kleinigkeiten, so banal sie auch sein mögen, freust du dich schon am meisten?

Wieder mit anderen gemeinsam im gleichen Raum Musik machen zu können.

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