Politische Bildung mit Frittenbude

Anstatt auf Urlaub zu fahren, gehen Frittenbude lieber auf Demos oder machen Musik – gegen Rechts, versteht sich.

FrittenbudeIn Wien würde sich das Trio wohl den Namen „Würstelstand“ gegeben haben, doch im Germanien sagt man zum traditionellen Schnellimbiss eben Frittenbude. Doch egal unter welchem Bandnamen auch immer, die Message wäre immer politisch links, zielgerichtet gegen Nazis, AfD und Konsorten genauso heftig. Auf dem neuen Album „Rote Sonne“ singen, rappen und punken sich Frittenbude durch die Abgründe der politischen Landschaft Deutschlands. Garniert wird immer wieder mit grandiosen NDW-Sounds, die heute ultra-retro sind und vielleicht deshalb so frisch klingen.

Gleich im Opener „Kill, Kill, Kill“ wird der Rechtsextremismus thematisiert. Haben wir aus der Geschichte wirklich nichts gelernt?

Johannes: Sieht so aus, als ob die Geschichte ein ewiger Loop wäre.

Martin: Heute denkt man schon oft, dass der Mensch nicht wirklich etwas dazu lernt. Wenn man die Zersplitterung der EU anschaut … Wie lange ist der Fuck her? Siebzig, achtzig Jahre? Und jetzt zerbröselt schon wieder alles, wie es scheint. Ich hoff‘, dass das alles nicht so wild wird, aber der Mensch kann schon sehr dumm sein.

Johannes: Vielleicht müssen manche Dinge auch zwei, drei Mal passieren, bis man es endlich lernt. Im Kleinen macht man auch so oft Dinge falsch bis man merkt, man müsste es ganz, ganz anders machen. Wenn man seinen Lebenswandel ändert, zum Beispiel. Genauso kann man das vielleicht runterbrechen auf das große Ganze, dass es so oft falsch laufen muss bis es nicht mehr geht.

Jakob: Es ist natürlich erschreckend, wenn man das ganze Ausmaß dieser rechten Bewegung jetzt sieht und denkt: Habt ihr es vergessen? Wird das so umgedeutet? Schnallt ihr es nicht, wie unmenschlich rechtes Gedankengut ist? Wie kann das wieder so sein?

Johannes: Das große Problem ist, dass auf einen Rechtsruck immer ein Linksruck folgt, sagt man. Aber der Rechtsruck geht immer viel weiter nach rechts, als der danach nach links geht. Insofern ist jeder Linksruck noch zu weit rechts, wir bewegen uns einfach kontinuierlich nach rechts.

Martin: Scheinbar kriegt es die Linke im Moment politisch nicht so hin, die Strategien der rechten Parteien zu entzaubern, die super billig sind.

Johannes: Das ist ja genau der Punkt beim Populismus, dass er keine Lösungen anbietet, sondern immer nur reindrischt.

In eurer langen Karriere habt ihr immer wieder gegen rechte Strömungen und Nazis angesungen. Denkt man sich da nicht manchmal: Wozu mach‘ ich das, das hilft ja eh nichts, ich schmeiß‘ den Hut drauf?

Johannes: Na eben nicht! Manches ist so, als ob man ständig den gleichen Fehler machen muss um daraus zu lernen. Da gibt es den Punkt, an dem eh schon alles gesagt wurde und es hat sich nichts geändert. Offensichtlich muss man es noch zehn, zwanzig, dreißig, hundert Mal sagen. Einfach wiederholen, damit es sich irgendwann in den Köpfen einbrennt und es irgendwann eine Veränderung gibt.

Jakob: Letztendlich ist es ja ein Spiegel. Was du schreibst ist ein Spiegel von dem, was du erlebst. Wenn sich nichts verändert, kommt es immer wieder vor.

Johannes: Sobald man sagt, es ändert sich ja eh nichts, gibt man ja auf. Das steht definitiv nicht auf unserer Agenda.

Ganz anderes Thema: Titel wie „Vida“ und „Insel“ erinnern vom Sound her wunderbar an die NDW. Sind diese Retro-Sounds schon wieder so alt, dass sie angesagt sind, weil sie junge Menschen nicht kennen?

Jakob: Die erste Version von „Insel“ war ja noch mehr Neue Deutsche Welle, das haben wir eh schon abgeändert. Generell macht uns Musikmachen immer Spaß, und es gibt da keine klare Grenze, was man nicht machen kann.

Martin: Es ist teilweise auch schwer, nicht retro zu klingen, weil die Musiktechnik an einem Punkt angelangt ist, dass super krasse Sounds, die du nicht kennst, kaum noch vorkommen. In meinen Ohren zumindest.

Jakob: Wenn heute ein Techno-Song raus kommt, verwenden die noch immer Sounds aus den Neunzigern und es klingt wie damals.

Johannes: Das ist es aber auch, was es ausmacht, das ist einfach geil! Wir teilen uns das Studio mit einem jungen Techno-Produzenten, der hat jetzt Drum’n’Bass für sich entdeckt, der kannte das gar nicht.

Ich fand es erheiternd, dass euch Wikipedia in die Pop-Punk-Schublade steckt …

Johannes: Das Problem ist, dass uns jeder anders labelt. Es hat schon einmal jemand Bier-Rave dazu gesagt, weil die Leute bei unserem Konzert durchdrehen und Bier trinken. Elektro-Punk war dann das große Label, das uns aufgedrückt wurde. Das waren wir aber nie. Es hätte Techno-Punk vielleicht besser gepasst. Das Problem ist, dass die Menschen eine Schublade brauchen, in die sie dich stecken können. Deshalb ist es legitim, dass Schubladen geöffnet werden. Wir sehen uns in keiner Schublade.

Martin: Ich für meinen Teil wüsste gerne eine Schublade in der wir sind. Aber ich kann es gar nicht benennen. Es klingt blöd, wenn das Bands über sich sagen. Aber du hast eine ganz langsame Soul-Nummer, als nächstes kommt so eine 80er-Jahre Nummer, dann wird es schon schwer.

Am Beginn des Videos zu „Süchtig“ verwendet ihr eine Szene, in der Waschzwänge angedeutet werden. Weshalb habt ihr gerade dieses Thema an den Beginn des Clips gestellt?

Johannes: Das Ding ist ja adaptiert von „Smack My Bitch Up“ von The Prodigy. Da haben wir uns ganz klar an die Vorgaben des Originals gehalten. Wir haben am Anfang Bild für Bild kopiert aus dem Original, man kann die Videos nebeneinander laufen lassen. Es ist nicht komplett synchron, da der Beat bei uns langsamer ist. Diese Frage müsste man eher an The Prodigy richten.

Was sind eure Süchte, legale oder illegale?

Johannes: Die Sucht nach Leben ist halt immer ein ganz billiges Bild, aber das trifft einfach zu. Das Leben ist der beste Film, den man gucken kann. Lauter billige Metaphern, aber so ist es.

Jakob: Die Leidenschaft des Musikmachens sehe ich auch als Sucht, weil das ja nicht nur Hobby und Spaß ist, es bringt auch ganz viel Frustration und depressives Potential mit, wenn etwas nicht gelingt. Das ist ja auch ‘ne Sucht, weil wir sind alle davon total getrieben, das immer wieder zu machen. Dann gibt’s bei dem einen oder anderen …

Martin: … die klassischen Süchte.

Johannes: Liebe ist auch eine Sucht.

Das Zitat „Wir sind Kinder einer Zeit die es nie gegeben hat“ erinnert mich an die Generation X der Neunziger. Fühlt ihr euch wie eine verlorene Generation?

Johannes: Es gab da ein Buch „Generation X“ und dann hatte ich eines in der Hand, das nannte sich „Generation Freitagstasche“. Ich hab‘ mir das in einem Buchladen durchgeschaut und dachte, Moment mal, das ist ja die Generation X, die jetzt mit den Freitagstaschen durch die Gegend lauft. Das war ein gelungener Schachzug des Autors. Wir sind in einer Zeit groß geworden, in der noch nicht alles im Internet gelandet ist. Alles was danach kam wird festgehalten im Internet, das ist ja quasi die Bibliothek der heutigen Zeit, die Chronik, was passiert. Irgendwann einmal wird es so weit sein, dass es vor der Internet-Zeit nichts gegeben hat.

Jakob: Es dürfte nicht mehr 2000 nach Christus heißen, sondern zehn nach Internet oder so.

Martin: Ich glaube, dass wir eher so eine 11. September-Generation sind. Da war ich grad 15, so in den absoluten Teenie-Jahren und es war schon ein mediales Schlüsselerlebnis, das man da erlebt hat.

Wart ihr wirklich öfters auf Demos als mit den Eltern im Urlaub, wie es in „Brennen“ heißt?

Johannes: In einer gewissen Zeit schon, wenn die Gruppe, in der man sich bewegt, wichtiger ist als die Eltern. Wenn das alles scheißegal ist, was die Eltern machen, Hauptsache man muss nichts mit ihnen machen. Man fährt halt dann auch nicht mehr zum 80. Geburtstag der Oma, was man danach bereut wenn man älter ist.

Jakob: Ich hab‘ da 15 Jahre lang keinen Urlaub gemacht, mir war es wichtiger Musik zu machen. In den Sommerferien konnte man dann irgendwo ein Konzert spielenoder in Ruhe an einem Album arbeiten.

Johannes: Das Traurige ist, wenn du in einem Jahr auf drei Demos bist, bist du öfters auf Demos als in fünf Jahren in den Ferien.

Eure erste und letzte Demo?

Martin: Gegen den Irak-Krieg, glaub‘ ich. Und die letzte in Neu-Kölln gegen die AfD.

Johannes: Meine erste war definitiv eine Lichterkette, wenn man das als Demo bezeichnen könnte. 1996, da war ich 15, da war ich auf so einer IG-Metall-Demo in Frankfurt am Main. Da war danach noch ein Konzert, da haben Fury in the Slaughterhouse, Freundeskreis und noch wer gespielt.

Jakob: Eine der krassesten Demos, auf der wir gespielt haben war in Dresden, 2008.

Johannes: Da war eine Nazi-Demo und wir haben bei der Gegendemo gespielt, eingekesselt von den Bullen. Die haben uns nur weiterspielen lassen, damit das nicht eskaliert.

Euer Therapie-Vorschlag für Nazis, AfD und Konsorten?

Martin: Kiffen.

Johannes: Rucksackurlaub alleine irgendwo im Ausland, ganz allein auf dich gestellt, wo du dich mit Händen und Füßen durchkämpfen musst.

Jakob: Reisen, damit die mal raus kommen und die Welt sehen. Das könnte ganz schön viel helfen.

Whisky und Wein helfen beim Schreiben?

Johannes: Auf jeden Fall!

Jakob: Whisky bin ich nicht so, Wein schon.

Johannes: Beim Schreiben von Texten hilft es auf jeden Fall, Whisky ohne Ende. Bei mir gibt es Momente, die kommen einfach, die plane ich nicht. Da sitze ich zu Hause, gehe zum Späti (Laden, der durchgehend geöffnet hat, Anm.) und hol‘ mir vier Budweiser. Whiskey hab‘ ich zu Hause. Dann sitz‘ ich da, mein Bier steht da und der Whisky auch, und dann schreib‘ ich die ganze Nacht durch. Da kommen geile Sachen raus. Manchmal merke ich auch am nächsten Tag, dass ich vier Songs geschrieben hab‘, die alle scheiße sind.

Jakob: Obwohl ich seit Jahren nicht mehr kiffe, weil das zu stark für mich ist, ist es ein Mittel. Wenn man zu viel Musik macht und ein bisschen die Emotion verliert … Das mach‘ ich zwei, drei Mal im Jahr, kiffe einen und spür‘ sofort wieder. Das geht aber nur für eine kurze Zeit, dann werde ich schon faul oder verpeilt. Wenn man da etwas Größeres aufnehmen will: Katastrophe!

Frittenbude spielen am 21., 22. und 23. März im Wiener Flex, Salzburger Rockhouse und im Grazer PPC. Tickets gibt es bei oeticket.com.