Reinhold Bilgeri: Ein Leben zwischen drei Stühlen

Bilgeri

Österreichs Rockprofessor Bestseller-Autor und erfolgreicher Filmregisseur Reinhold Bilgeri feiert kommendes Jahr seinen 70. Geburtstag. Grund genug für ein Gespräch über seine reiche Karriere!

Foto: Jens Ellensohn

Als Rockstar tourte er mit Deep Purple, Status Quo und Whitesnake. Er kannte Superstar Falco und lehrte Deutsch, Geografie und Philosophie. Später schrieb er erfolgreich Drehbücher und Romane und schaffte es als Filmregisseur mit dem packenden Werk „Erik & Erika“ sogar zum Golden-Globe-Screening. Kurz vor seinem 70. Geburtstag lässt das künstlerische Multitalent Reinhold Bilgeri seine einzigartige und schillernde Karriere noch einmal Revue passieren. Dabei nimmt er sich auch politisch kein Blatt vor den Mund.

Reinhold, am 26. März steht dein 70. Geburtstag ins Haus. Als leidenschaftlich Kreativer blickst du diesem Datum aber voller Motivation und Arbeitseifer entgegen. Für negative Gefühle ist da kein Platz?

Der 70er ist überhaupt keine Last. Ich muss sogar lachen, denn als ich so 35 war, in deinem Alter, dachte ich, mit 70 wäre man ein Greis. Wenn man aber auf seinen Körper achtet, gerne arbeitet und sich mit seiner Arbeit als Künstler identifiziert, dann bleibt man jung. Wäre ich nur ein sogenannter „Popstar“ geblieben, wäre ich wohl krank geworden. Später wurde ich Schriftsteller und Filmemacher und dadurch entstand eine psychische Balance in mir. Es ging zudem alles gut und da kann man schon glücklich ins achte Lebensjahrzehnt gehen. Ich bin in einer Zeit angelangt, wo ich mich bedanken möchte, deshalb gibt es 2020 auch eine musikalische Abschiedstour. Für Benefizveranstaltungen stehe ich sowieso zur Verfügung und mit meiner Band habe ich in 20 Jahren schon eine halbe Million für die Krebshilfe eingespielt. Da weiß ich auch, wo das Geld hingeht. Ich war vier Jahrzehnte als Musiker in den Charts und das will ich in einer letzten Tournee noch einmal mit einem Adieu zusammenfassen. Für viele war ich eine Weile ein Soundtrack und vielleicht leben noch ein paar meiner Hörer, die mich nochmal sehen wollen (lacht).

Das Tourmotto lautete „70 and still rocking“ – 70 ist im Rock- und Popbusiness heute ja überhaupt kein Alter mehr.

Die Rolling Stones, Bruce Springsteen, Elton John – alle sind sie 70 oder knapp davor. Mick Jagger war für mich schon immer ein Vorbild. Trotz dreier Herzoperationen rast er mit 76 wie ein Derwisch über die Bühne, das ist einfach unfassbar. Diese Lebensenergie ist schon aus medizinischen Gründen interessant anzusehen. Du siehst keine Sekunde lang den alten Mann, das ist wahnsinnig beeindruckend. Ich versuche auch meine Wehwehchen auf der Bühne zu kaschieren, denn manchmal zwickt es schon. Es gibt nichts Geileres als eine Rock- oder Jazzband zu haben. Bei der kommenden Tour gibt es auch die Möglichkeit mit einigen unserer Helden aufzutreten. In Imst werden wir am 9. Mai etwa mit der tollen Funkrock-Band Mother’s Finest spielen. Das ist für meine alten Jahre noch ein schönes Zuckerl und ich bin ziemlich heiß darauf.

Wie viel Rock’n’Roll steckt heute noch in der Bilgeri-DNA?

Davon verschwindet nichts. Sobald du auf der Bühne stehst, bist du wie konditioniert. Da denkst du nicht an dein Alter. Natürlich geht es nicht ohne gesunden Körper, aber da wird das ganze Adrenalin freigesetzt und ich spüre die Freude an diesem Job. Die knapp 50 Bühnenjahre spüre ich dann nicht in meinem Genick, sondern ich fühle mich pudelwohl.

In deinen Glanzzeiten warst du mit Bands wie Deep Purple, Whitesnake oder Status Quo auf Tour. Du hast den klassischen Rock’n’Roll-Lifestyle in seiner Blütezeit mitbekommen. Wie prägend war das für dich?

Das ist kein Klischee, ich wollte dieses Leben. Sex, Drugs und Rock’n’Roll, auch wenn ich es mit den Drogen nie so hatte. Ich war vorher Professor am Gymnasium und habe mich vorher heimlich, ohne dass meine Eltern einen Schlaganfall kriegen, auf die Profizeit als Musiker vorbereitet. Ich bin relativ spät eingestiegen, aber habe es keine Sekunde bereut. Es gibt nichts Geileres, als mit einer Rockband um die Welt zu ziehen. Für mich als Künstler wäre es aber zu wenig gewesen. Ich habe schon mit 15 und mit meinem guten Freund Michael Köhlmeier Hörspiele geschrieben und Kabarettsendungen gemacht. Für mich war klar, dass ich nicht nur Rock- und Jazzsänger bin, sondern auch Romane, Erzählungen und Drehbücher schreiben will. Im letzten Drittel meines Lebens wollte ich Filme machen. Kinofilme, Fernsehfilme und Dokumentarfilme. Das war mein großer Traum und auch eine Art Masterplan. Ich wusste schon als Teenager, wie mein Leben grob aussehen soll – das passierte ganz intuitiv. Rockstar musste ich allein schon der Frauen wegen erledigen und weil es einen Heidenspaß macht. Jazz und Blues haben mich auch immer interessiert. Ich habe schon damals viel Sartre, Camus, Grass und viele Amerikaner wie Roth oder Bukowski gelesen. Auch in die Richtung wollte ich gehen. Zudem habe ich schon in den 60er-Jahren ganz akribisch studiert, was Sergio Leone als Filmemacher fabrizierte. Von „Spiel mir das Lied vom Tod“ bis „Zwei glorreiche Halunken“, Scorsese und Coppola habe ich zerlegt und tausendfach angeschaut. Da es damals noch keine Filmakademie gab, habe ich mir das damit selbst beigebracht. Bis zum ersten Film gab es viele Hürden, denn viele dachten, „was will denn der Has-Been-Rockstar“. Das musste ich mir auch bei der Literatur anhören, aber ich wusste immer, dass ich diese drei Dinge kann. Es war ein so großes Risiko, dass ich mein Haus dafür verpfändete und alles einsetzte, was ich hatte. Anders konnte ich aber nichts ins Filmgeschäft kommen, weil ich keine Unterstützung bekam.

Ich schrieb damals zuerst das Drehbuch zu „Der Atem des Himmels“ und dann erst den Roman. Ich schrieb zwar „basierend auf dem Roman“, aber das war gelogen (lacht). Mit diesem Drehbuch ging ich zu Wega Film in Wien, die gerade mit Michael Haneke die Welt eroberten und denen gefiel es sehr gut. Sie nahmen mich nach Berlin mit zur Frau Ziegler und dort wollten sie eine Koproduktion machen. Sie wollten ein 5-Millionen-Euro-Projekt aber keinem Newcomer überlassen und so habe ich Drehbuch und Rechte wieder zurückgekauft und meine eigene Firma gegründet. Selbst Produzent Oliver Berben wollte das umsetzen und da spürte ich, dass an dem Buch was stimmt. So habe ich dann den Roman dazugeschrieben, sodass etwaige Geldgeber und Förderer sehen, dass ich aus dem Vollen schöpfe. Ich habe 65.000 Stück verkauft, was für ein Debüt nicht so übel war. Meine Einreichung wurde dann noch einmal abgelehnt und dann habe ich mit Betteln und Investoren und Einsatz meiner gesamten Mittel alles auf „all in“ gesetzt. Die nächsten Filme wurden mir dann finanziert, weil ich mich bewiesen habe, aber es war ein harter Weg und ich musste viele Hürden überspringen. Mittlerweile bin ich als Künstler in eine Balance geraten, die mich im hohen Alter so frech werden lässt, dass ich eben sogar noch auf Tour gehe (lacht).

Hast du durch deine Zeit als Rockmusiker im literarischen und cinematischen Bereich dann schon gewusst, wie schwierig es werden würde, sich in einem neuen Metier den nötigen Respekt zu verschaffen?

Das ist korrekt, es war in der Musik genauso. Als ich im Gymnasium war, habe ich noch in meiner Band gespielt und ich habe als Professor genauso oft Schule geschwänzt wie als Schüler, weil ich immer auf der Bühne war. Ich war 30, als ich ins Profigeschäft einstieg. Das war gefährlich, aber darin lag auch der Reiz. Wenn es „on the edge“ war, wurde ich stärker. Meine Eltern hatten immer Schiss, weil sie wussten, wie ich denke. Ich forderte immer das heraus, was sie als große Unsicherheit sahen. Sie haben mich geliebt und wollten, dass ich ein Professor bin und auf die Uni gehe. Dann schmeißt der Bub einen pragmatisierten Job hin, um Profimusiker voller Unsicherheiten zu werden. Mein Vater hat nie ein Konzert von mir besucht, nicht ein einziges Mal. Meine Mutter war einmal dabei, und das war sehr emotional für alle. Irgendwann ging ich in Wien mal an einer Tür bei einem A&R einer Plattenfirma vorbei und hörte den Satz „na was willst denn mit der oiden Ruabn?“ Das war für mich eine irre Spritze, eine reine Adrenalininjektion. „Dir zeig ich es noch, du Wixer“, hab ich mir gedacht. Dann kam die erste Single „Video Life“ und wurde ein Welthit. Nicht so erfolgreich wie „Der Kommissar“, der auch für mich geschrieben wurde, aber da sagte ich, das soll der Hansi machen, weil mir der Song zu nah an „Super Freak“ von Rick James war. Der Rest ist Geschichte.

Deine erfolgreichste Phase als Musiker war in den späten 80er-Jahren, der Hochzeit der Dekadenz und des Hedonismus. Da bist du als jemand, der auch viel gelesen hat, Professor war und Schriftsteller werden wollte, sicher deutlich herausgestochen?

Mir war das einfach zu wenig. Ich habe in Interviews mit Journalisten gemerkt, dass sie mich immer als Popstar ansprachen und nicht wussten, was ich sonst draufhabe. Ich bin aber auch Akademiker und dachte mir oft, dass ich mindestens so belesen bin wie mein Gegenüber. Ich kann auch schreiben. Das wusste Köhlmeier, aber die Journalisten wussten es nicht. Allein das war schon eine Herausforderung. Ich hatte immer die Sehnsucht nach der Sprache. Sie war genauso interessant wie die Musik für mich. Ich schrieb schon mit 16 Dialoge und habe 30 Hörspiele gemacht. Musik, Schriftstellerei, Film – diese drei Genres kann ich. Dafür kann ich keinen Nagel einschlagen, bin eine Flasche in Mathematik, kann nicht kochen und wenn ich nicht so eine tolle Frau hätte, die mein ganzes Leben organisiert, sähe es wahrscheinlich ganz anders aus.

Inwiefern haben sich diese drei völlig verschiedenen Kultur- und Kunstbereiche sich in deiner Karriere gegenseitig befruchtet?

Es floss alles immer vollkommen ineinander, da ist das Schöne. Es gibt nichts Geileres als ein Livekonzert, das ist dem Sex am nächsten. Ohne Frage. Aber dann kommt schon das Erschaffen eines Films. Ich habe dort alles unter einem Dach, da ist alles drin, was ich kann. Du musst zuerst das Drehbuch schreiben und die Geschichte mit der Sprache erzählen. Dann muss ich mir dazu die Bilder imaginieren. Ich habe in der Hinsicht eine Begabung, dass ich den Film immer schon geschnitten im Kopf habe. Ich habe als Teenager schon probeweise mit Super-8-Filmen Nonsens wie Seeräuber-Filme gedreht, aber sah dort schon, dass ich die Sprache des Films verstehe. Musik, Literatur und Bildimagination sind im Film enthalten. Als Musiker habe ich auch einen Vorteil, dass ich den Filmscore immer mitschreiben konnte. Selbst wenn keine Musik im Film ist, ist es trotzdem Musik. Das hat Haneke oft hervorragend vorgezeigt. Er ist ein hervorragender Musiker.

Als Musiker stehst du auf der Bühne und bist zwar irgendwie du, projizierst aber doch ein überhöhtes, dekadenteres Rockstar-Ich. Als Filmregisseur musst du bei einem Werk wie „Erik & Erika“ aber so authentisch und echt wie möglich sein. Diese Widersprüche und Persönlichkeiten zu vereinen, stelle ich mir in der Realität gar nicht so einfach vor.

Da hast du vollkommen recht. Als Rockstar gehören Pose und Show dazu. Das darf man nicht zu ernst nehmen, da braucht man auch Selbstdistanz. Die meisten Filme habe ich über Menschen gemacht, die mich interessierten. Ich versuche jemandem ein Denkmal zu setzen, der mir imponiert. So war es mit Erik Schinegger. Ich habe mich auf dieses Projekt eingelassen und dann kannst du als Regisseur nicht posen, sondern musst der Geschichte dienen. Da muss man natürlich vom Musikerleben trennen. Die Frage ist sehr sensibel, aber sie ist völlig korrekt gestellt. Man muss sich beim Film unterordnen. Ich musste in diesen Menschen hineinkriechen. Ich habe ihn schon als Erika in meiner Jugend verehrt, weil ich ein riesengroßer Ski-Fan war. Alle Menschen, die extreme Dinge getan haben und über ihre Grenzen gingen, haben mich interessiert. Ich habe stundenlang mit Schinegger geredet. Wie war das? Was ging in seinem Körper vor? Was in seiner Seele? Ich durfte die intimsten Fragen stellen und hat mir bereitwillig erzählt. Diese akribische Suche war aber notwendig, denn es ist hochgefährlich, einem Menschen ein Denkmal zu setzen, der noch lebt. Was wäre los, wenn wir zusammen im Kino sitzen, gemeinsam auf der großen Leinwand sein Leben betrachten und er mich am Ende fragt, was ich eigentlich damit bezwecke? Dann wäre alles im Arsch. Oder hätte ich einen Schauspieler erwischt, der für diese Seelenlandschaft nicht geeignet wäre. Als ich mit Schinegger ganz alleine im Kino saß, hat er mehrmals geweint und noch öfter gelacht und mich am Schluss umarmt. Für mich war das damals das Allerwichtigste, auch wenn der Film gefloppt wäre.

Das Thema der Intersexualität ist noch heute ein heikles. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie das damals, vor einigen Jahrzehnten, war. Auch dahingehend musstest du als Außenstehender sicher besonders sensibel an die Sache rangehen?

Ich habe diese restriktive, verkrustete und konservative Moral in der Zeit live miterlebt. Dieses reaktionäre „Mia san mia“-Gefühl war noch immer da. Wenn du ein Außenseiter warst, wurdest du ausgeklammert. Dann kam einer daher, der intersexuell war und das war für die Menschen ein Skandal. Anstatt dass sie Mitleid empfanden und versuchen, sich in diesen Teenager hineinzudenken, hat man ihn ausgegrenzt. Das wäre heute wohl nicht mehr ganz so schlimm, aber wir wissen alle, dass das Ausgrenzen immer noch ganz tief in der DNA des Österreichers steckt. Auch das wollte ich in dem Film zeigen. Was passiert mit einem, der aus einer Laune der Natur heraus stigmatisiert wurde? Was passiert mit ihm, wenn er als Opfer in der Gesellschaft Platz finden will und keinen findet? Auch die Katholiken haben ihn in der Kirche ausgeklammert. Genau die, die dauernd von Barmherzigkeit reden, werden zu den Brutalsten. In dem Film sind viele Aspekte, die einiges über die österreichische Volksseele aussagen. Selbst nach zwei Weltkriegen mit fast 100 Millionen Toten, die wir beide angezettelt haben, ist die Seele noch immer nicht ganz repariert. Immer wieder geht es bei uns los mit dieser seltsamen autoritätsaffinen und antidemokratischen Kiste. Sie wird immer neu geöffnet und ich verstehe es nicht.

Was hast du eigentlich selbst von einer so beeindruckenden Persönlichkeit wie Erik Schinegger lernen können?

Am meisten fasziniert an seinem Lebenswillen hat mich, dass er nicht ausgewandert ist. Es haben sich viele gefragt, warum er sich nicht irgendwohin zurückzieht, wo er ein schönes Leben führen kann. Ganz im Gegenteil. Dort, wo er am schlimmsten diskriminiert wurde, zuhause, hat er um seine Reputation gekämpft. Am Ende wurde er zum Triumphator seines Lebens. Die Menschen verstehen inzwischen seine Geschichte. Sie wissen noch immer nicht ganz genau, was Hermaphroditismus ist, aber sie haben begriffen, was für eine Leidensgeschichte er hinter sich hat. Durch die bravouröse Art damit fertigzuwerden, wurde er wieder zum Star. Er hat sich durch seine Sehnsucht nach dem Rampenlicht selbst gerettet. Das Rampenlicht hat ihn zuerst als Mädchen glücklich gemacht, als Ski-Weltmeisterin. Später als Mann, weil er sich durch den erfolgreichen Aufbau einer Skischule gegen alle Widerstände in die Gesellschaft zurückgekämpft hat. Am Schluss wollte er bei den „Dancing Stars“ noch einmal ins Rampenlicht. Dieses Licht hat ihn gesunden lassen, obwohl er nie ganz gesund wurde. Er ist nach wie vor traumatisiert, denn damals gab es keine Psychiater, die ihm halfen. Kein einziger Mensch saß sich zu ihm und hörte ihm zu. Er musste ganz alleine durch die öffentliche und private Hölle und das hat mir wahnsinnig imponiert.

Ich frage bewusst provokant – diese Geschichte von Erik Schinegger ist sehr pikant. War da von seiner Seite aus nicht die Befürchtung, ob du diesen Stoff würdig stemmen könntest, nachdem du eben nicht das Renommee eines Haneke oder Ruzowitzky hast?

Die Frage ist gut und wichtig, denn auch Erik stellte sich die Frage, ob ich genug Sensibilität für das Thema hätte. Das sagte er mir, weil er skeptisch war, als er meinen Namen hörte. Das Vertrauen habe ich mir erarbeitet, denn es ging um sein Leben. Ich habe ihm auch die Geschichte meiner Mama erzählt, mit sehr großer Behutsamkeit, aber ohne meinen Film „Der Atem des Himmels“ wäre es für die Überzeugung wirklich schwierig gewesen.

Der Film ist dann sogar nach Hollywood geschwappt, mit was man im Vorfeld niemals rechnen kann. Es kam sogar zu einem Screening bei den Golden Globes. Hat dir das im Endeffekt spät aber doch neue Türen in die Traumfabrik weit geöffnet?

Ich bin immer wieder in Los Angeles drüben, meine Tochter lebt mittlerweile in New York bei ihrem Manager. Diese Option ist immer da, denn der Film ging über die ganze Welt. Für „Der Atem des Himmels“ haben die Chinesen die Lizenzrechte noch einmal um sieben Jahre verlängert und wir bekamen auch einen der wichtigsten Filmpreise dort. Ich will vor allem die Geschichte des Weltumseglers Magellan inszenieren. Einerseits hoffentlich für den Universum-History-Channel als Semidoku, andererseits mit Amerikanern, aber vor allem Europäern einen Kinofilm aufzustellen. Das ist aber ein Riesenprojekt, das fast wie ein Damoklesschwert über mir schwebt. So schlimm sich die Amerikaner derzeit auch aufführen, Filmemachen können sie. Deshalb bin ich auch froh, dass meine Tochter bei den besten ist und dort lernen kann. Ansonsten habe ich mit den USA derzeit ein großes Problem.

Wobei Toleranz und Liberalität in New York oder Kalifornien auch eine ganz andere ist, als in den sogenannten „Flyover-States“ im Herzen des Landes.

Das ist natürlich richtig. Die wissen dort ja oft nicht einmal genau, wo Kanada ist. Ich war in den 70er-Jahren so Amerika-affin wie alle Musiker. Ich habe ein paar Platten in L.A. aufgenommen, war bei Peter Wolf und habe Franz Zappa getroffen. Herrliche Zeiten. Aber die Leute sind dort wahnsinnig oberflächlich. Damit meine ich nicht die Leute in den Metropolen selbst, aber sie verdienen diesen Präsidenten, den sie derzeit haben. Das Land ist sowas von durchgeschüttelt und krank im Hirn, das ist wirklich unfassbar. Trump ist leider Gottes wirklich repräsentativ für die USA. Natürlich sitzen in New York oder im Silicon Valley die Besten, aber das Volk an sich hat riesige Mängel.

Hat es dich als geschichtsbewussten und politisch interessierten Menschen niemals interessiert, selbst politisch aktiv zu werden? Vielleicht nicht in Form eines Parteibuchs, aber eben klar doch irgendwie klar deklariert?

Nicht als Politiker. Ich schreibe für die Vorarlberger Nachrichten Kolumnen und Kommentare. Ich mache das schon circa zehn Jahre und die Kommentare wurden immer politischer. Bei allen möglichen Zusammenkünften von zivilgesellschaftlichen Initiativen war ich immer dabei. Bei der Sonntagsdemonstration in Vorarlberg etwa. Ich habe politisch in Wahlkämpfen immer Stellung bezogen und marschierte damals mit Vranitzky mit, weil ich wusste, für mich wäre es das Richtige in den 80ern. Die Sozialdemokratie hat diesem Land früher viel gebracht, später waren es die Grünen. Als der Rechtspopulismus mit Türkis-Blau überhandnahm, stieß mir so viel hoch, dass ich auch als politischer Kommentator versucht habe, mich stärker einzubringen. Für die Politik selbst wäre ich viel zu rabiat und zu wenig diplomatisch. Durch die aktuelle Situation mit den Grünen haben wir eine gewisse Balance, aber ansonsten wäre das für die österreichische Reputation im Internationalen furchtbar gewesen. In den USA habe ich mich dauernd entschuldigen müssen und erklären, dass nicht alle so sind. Die Sicht von außen auf unser Land ist auch dadurch, dass Herr Kurz das so lange zuließ, eine furchtbare.

Auch im künstlerischen und kulturellen Segment werden viele Leute, die in jüngeren Jahren linke Rebellen waren, mit zunehmendem Alter konservativer. An dir scheint das vorbei zu schrammen.

Ich habe nie verstanden, warum Franz Morak, der eigentlich Punkrocker war und wirklich gute Sachen machte, dann bei Schüssel zum Kunst- und Medienstaatssekretär wurde. War das Opportunismus oder was? Ich versehe das nicht. Ich bin kein verblendeter Linker, bin aber schon links der Mitte. Außer den Burschenschaftern kenne ich wenige gebildete Menschen, die nicht auch dort stehen und versuchen die Balance durch den sozialen Aspekt in der Gesellschaft zu erreichen. Die Sozialdemokraten waren damals die einzige Partei die versuchte, Hitler zu verhindern. Die Kommunisten waren da schon im KZ. Die rechten Parteien und die preußischen Junker waren alle Steigbügelhalter für Hitler. Die Sozialdemokraten waren schon in den Dollfuß-Jahren die einzigen, die den Austrofaschismus verhindern wollten und den Parlamentarismus förderten. Das darf man nie vergessen! Natürlich hat die Partie heute große Probleme, aber die Verdienste was die Vergangenheit anbelangt, sollte man nie vergessen. Um die Balance in der Gesellschaft zu halten, ist die Partei auch für die Zukunft ganz wichtig. Ich werde jetzt nichts nach rechts kippen, weil es hip ist und der Populismus gut ankommt. Das Wichtigste in unserem Leben war nach dem Krieg, dass wir eine Demokratie aufbauen durften, die mehr als 70 Jahre Frieden gebracht hat. Dass das nun bröseln soll durch ein Neuaufkommen von Nationalismus, das sehe ich nicht ein. Und Nationalismus hängt immer mit rechtspopulistischem Denken zusammen und ich werde mich niemals von meinem Kampf für die Demokratie verabschieden.

Abschließend – welche Ziele und Wünsche hast du vor dem nahenden 70er noch, wenn du an deine künstlerische Zukunft denkst?

Der Magellan ist mir eben ein großes Anliegen und ich bin auch an einem neuen Roman dran. Ansonsten will ich einfach noch arbeiten dürfen, was mir als Sehnsuchtspaket noch vor Augen liegt. Ich will noch einige Geschichten erzählen und diese Abschiedstour für meine Fans spielen. Ansonsten will ich meine Tochter und meine Frau genießen und lernen, lernen, lernen. Vielleicht gehe ich auch wieder auf die Uni und hole mir neue Eindrücke.

Reinhold Bilgeri feiert seinen Siebziger nicht auf der Couch sondern live auf der Bühne mit zahlreichen Konzerten in ganz Österreich. Der Plan: Bilgeri knallt die größen Hits seiner bewegten Karriere – von „Video Life“ bis „ Desperado“, von „Some Girls are Ladies“, „Missing you“ und „Love is free“ bis zu „Oho Vorarlberg“ – mit einer Energie ins Publikum, als wären sie von heute. Garniert wird das Hit-Programm mit den ewigen Songs seiner Idole – von Stevie Wonder bis Joe Cocker, von James Brown bis Lenny Kravitz. Bei seinem Auftritt in Wien handelt es sich tatsächlich um das Geburtstags-Konzert, denn exakt am 26. März wird Reinhold Bilgeri 70!

Wir verlosen 2×2 Eintrittskarten für das Konzert im Wiener Orpheum, sowie drei signierte Bücher, 3 signierte DVDs und 3 signierte CDs von Reinhold Bilgeri!

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