Sascha Grammel, der Puppenflüsterer

Sascha Grammel

Sascha Grammel, Puppenspieler, Bauchredner und Gute-Laune-Garant, über Selbstverwirklichung, die Muppets und wieso die Realität bei ihm keinen Platz hat.

Sascha Grammel, der berühmteste Bauchredner und Puppenspieler im deutschsprachigen Raum, hat es in seinem aktuellen Programm „FAST FERTIG!“ (das heißt so, weil der Perfektionist bis zur allerletzten Sekunde an seinen Programmen feilt) auf eine Gute-Laune-Insel verschlagen. Aber weil der Mensch, wenn er Grammel heißt, alles andere als eine Insel ist, begleiten ihn seine altbekannten und ein paar neue Puppen-Freunde und helfen ihm dabei, den Alltag ganz weiß außen vor zu lassen. Wenn Grammel mit sichtlicher Freude mit seinen Puppen den Realismus magisch werden lässt, dann tut er das in bester Tradition der Muppets oder der Sesamstraße. Und das Herz hüpft, egal ob von Jung oder Alt.

Ihr aktuelles Programm heißt „FAST FERTIG!“ Was hat es eigentlich mit dem Titel auf sich?

Eigentlich hat jeder Programmname auch etwas mit mir und meinem Leben zu tun: „HETZ MICH NICHT!“ greift mein „kreatives“ Verhältnis zur Uhrzeit und besonders zur Pünktlichkeit auf. „KEINE ANHUNG“ erklärt sich von selbst – erstrecht, wenn man bedenkt, dass selbst der Programmtitel nicht ganz richtig geschrieben ist. Auf „ICH FIND’S LUSTIG“ bin ich gekommen, weil mich mal ein Journalist gefragt hat, „Sie lachen selbst so viel auf der Bühne. Finden Sie das etwa lustig?“ Und „FAST FERTIG“ soll erklären, dass ich auch mit längst laufenden Programmen nie wirklich fertig bin und immer noch etwas ändere, ausprobiere und jeden Abend anders mache. Sogar bei den allerletzten Liveshows eines Programmes habe ich immer noch etwas geändert und überlegt, was man beim nächsten Mal besser machen könnte. Obwohl es bei der letzten Show ja gar kein nächstes Mal gab. Dabei bin ich aber nie verbissen, sondern eher verspielt. Es steckt einfach in mir drin. Und gleichzeitig würde sonst vielleicht auch eine allzu große Routine eintreten, die der natürliche Feind der Kreativität ist.

Haben Sie auch bei diesem Programm wieder bis zuletzt an Ihrem Programm gefeilt? Woher kommt das? Sind Sie Perfektionist oder tun Sie sich schwer, Projekte wirklich abzuschließen? Treiben Sie sich damit manchmal selbst in den Wahnsinn?

Die Antwort ist A. Und B. Und C. Suchen Sie sich eine aus! Nein. C trifft es wohl am meisten. Ich würde sogar sagen „C plus Sternchen“. Sprich: Ich treibe nicht nur mich, sondern auch mein Umfeld und mein Team in den Wahnsinn. Aber es ist ein liebevoller, alberner Wahnsinn! Wie vorhin schon gesagt: ich mache das ja nur, weil man immer irgendwo irgendwas noch besser/lustiger machen kann. Sei es beim Text, der Musik oder beim Puppenspiel – und das selbst bei der allerletzten Show!

Sie beschreiben sich im Pressetext zum Programm als „dauergutgelaunt“. Stimmt das tatsächlich? Woher kommt Ihre Frohnatur? Und nervt das nicht auch manchmal Ihr Umfeld, wenn Sie ständig gut drauf sind?

Ich würde es so ausdrücken: „gutgelaunt“ ist mein natürlicher Aggregatzustand (lacht). Ich wache tatsächlich mit einem Lächeln auf. Und es gehört schon einiges dazu, mir diese Fröhlichkeit auszutreiben. Außerdem habe ich mir angewöhnt, schlechte Nachrichten gar nicht oder nur sehr dosiert an mich und meine Lieben herankommen zu lassen. Das funktioniert ausgesprochen gut. Kann ich nur empfehlen. Und sollte ich doch mal einen mauligen Moment haben, behalte ich den heimlich für mich. Warum sollte ich auch andere damit belasten? 

Gegenfrage: Was verdirbt Ihre Laune?

Jede Form von Böswilligkeit und Ungerechtigkeit. Und unsere Welt ist leider voll davon. Da ist es für mich inzwischen eine Art Lebensaufgabe, die Menschen wenigstens während der zweieinhalb Stunden in meinen Shows daraus in meine ganz bewusst kindlich-fröhliche Grammelwelt zu entführen.

Wo befinden sich Ihre Puppen, wenn Sie nicht auf der Bühne sind? Haben Sie ein eigenes Zimmer? Oder müssen Sie in einer Kiste ausharren?

Wenn wir nicht zusammen auf der Bühne stehen, haben die Puppen frei. Professor Hacke ist dann meist in seinem Labor, Frederic hängt entweder vor der Spielekonsole ab oder geht mit Kumpels skaten. Und Josie macht so oft sie kann kleine Daytime-Beautyschläfchen inklusive Rundum-Hornhautpeeling und Gurkensalatmaske.

Reden Sie auch privat manchmal mit Ihren Puppen? Zum Beispiel, wenn Sie traurig sind?

Nein, soweit ist es dann noch nicht (lacht). Ich habe zum Glück ganz liebe Menschen um mich herum, mit denen ich über alles reden kann.

Welche ist Ihre Lieblingspuppe?

Tatsächlich wechselt das und ist von meiner jeweiligen Tageslaune abhängig. Bin ich grad selbst ein bisschen aufmüpfig, bringt mir Frederic am meisten Spaß. Bin ich eher verkuschelt und anhänglich drauf, entspricht Josie dann eher meinem Grundgefühl. Und habe ich einen meiner vielen besonders albernen Tage, freue ich mich immer sehr auf den skurrilen Irrsinn von Professor Hacke, dem Außerirdischen Herrn Schröder oder meinem berlinernden Katzenfisch Mieze.

Sprechen manche Ihrer Figuren Dinge aus, die Sie als Sascha Grammel nie sagen würden? Oder anders gefragt: Leben Sie mit ihnen eine Seite aus, die Sie im normalen Leben nicht zeigen würden?

Ganz klar: jein. Ich kann mich schon ganz gut selbst verwirklichen und sagen, was ich meine und denke. Die Puppen können das aber natürlich noch sehr viel charmanter, verrückter oder auch mal emotionaler und direkter als ich ausdrücken.

Woher kommt Ihre Leidenschaft für Puppen? Sind Sie manchmal deswegen auch aufgezogen worden?

Als etwas rundliches, unsportliches und verträumtes Spandauer Kind könnte man meinen, dass ich auf der „Bitte-Hänsel-mich-Skala“ auf einem der vorderen Ränge stand. Wenn man dann noch wie ich, zusätzlich im Keller Zaubertricks übt und mit Handpuppen redet, hätten andere wohl sogar die unangefochtene Pole-Position inne. 

Bei mir war das aber zum Glück nicht der Fall. Ich wurde nie gehänselt. Im Gegenteil, ich wurde gefühlt zu jedem Kindergeburtstag in meiner Klasse eingeladen. Und das obwohl oder vielleicht gerade weil ich die Zauberei und das Puppenspiel schon immer geliebt habe. Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es auch meine Art, wie ich mit meinen Mitmenschen umgehe.

In Ihren Programmen stellen Sie, im Gegensatz zu vielen anderen Comedians, keinen Bezug zu aktuell gesellschaftlichen Problemen her. Sie machen sich auch ausschließlich über sich selbst lustig, niemals über andere. Warum diese Entscheidungen? Und wäre Gegenteiliges nicht oft einfacher, um schnelle Lacher zu kassieren?

Ich mag keine Witze auf Kosten anderer. Besonders dann nicht, wenn diese schon am Boden liegen und man nochmals – verbal – nachtritt. Das finde ich billig und gemein. Ich will das Gegenteil, ich will die Menschen in eine heile, harmlose, manchmal endlos alberne und auch skurrile Welt entführen, in der es keine bösen Überraschungen oder schlechte Nachrichten gibt, in der sie „sicher“ sind – und das garantiert! Da hat zum Beispiel Politik nichts zu suchen. Bei meinen Puppen und mir stirbt niemand, niemand wird ernsthaft krank, niemand streitet sich, niemand wird geschieden, niemand verliert seinen Job und es gibt kein Problem, welches wir nicht mit „drüber reden“ – beziehungsweise „drüber lachen“ – lösen können. Bei uns zählen Freundschaft, Zusammenhalt und Respekt voreinander, auch wenn es natürlich kleine Kabbeleien und Sticheleien besonders zwischen Puppencharakteren wie Frederic und mir gibt. Aber das artet nie in einem echten Streit aus, wie es im wirklichen Leben schnell passieren kann. Meine kleine Grammelwelt ist quasi mein wünschenswertes Ideal unserer realen Welt da draußen.

Ist Bauchreden eigentlich körperlich anstrengend? Müssen Sie ein bestimmtes Training absolvieren oder haben Sie dafür ein bestimmtes Ritual vor oder nach dem Auftritt?

Nein, ein spezielles Ritual habe ich da nicht. Etwas warmsprechen sollte man sich vor einer Show schon. Und wie auch bei anderen Berufen, die viel Sprechen oder Singen, sollte man seine Stimme etwas pflegen. Im Winter trinke ich regelmäßig Ingwer-Tee oder einfach heißes Wasser. Ansonsten muss man das Bauchreden schon regelmäßig üben, sonst wird man unsauber und die Illusion von frei und selbständig sprechenden Puppen geht kaputt. Die Zuschauer zeigen einem durch ihr Lachen und ihren Applaus ja nur, ob die Gags und das Puppenspiel gut, beziehungsweise lustig waren. Man bekommt aber keine direkte Rückmeldung, ob das Bauchreden auch gut war. Hier helfen mir dann Videoaufnahmen meiner Shows, die ich mir abends noch im Hotel ansehe oder auch Hinweise von meiner Crew, dass ich an bestimmten Stellen unsauber gesprochen habe. Die besagten Stellen übe ich dann. Musiker, Schauspieler und Akrobaten müssen ja auch regelmäßig üben, um jeden Tag gleichbleibende Qualität liefern zu können. Das gehört also dazu.

Welche Ihrer Puppen ist am herausforderndsten für Sie? 

Im aktuellen Programm ganz klar: das Känguru Aaachim Spironsik. Wie beschreibt er seine Stimme selbst ganz treffend: „…ich klinge ja wie eine Ente im Stimmbruch!“. Und jetzt kann ja jeder mal probieren, wie anstrengend so eine Ente spricht (lacht)!

Sie sind Gründer des Benefiz-Projekts „LACHEN TUT GUTes!“. Können Sie sich diesbezüglich an ein besonders schönes oder bewegendes Erlebnis erinnern?

Ich finde, wenn es einem gut geht, sollte man etwas von seinem Glück weitergeben. Deshalb habe ich schon sehr früh den Charity-Gedanken mit mir herumgetragen. Und aus der Notwendigkeit heraus, für meine neuen Shows zu üben, entstand dann die Idee, meine Übungsauftritte mit einer Benefiz-Aktion zu verbinden. Und so kann ich mit meiner eigenen kleinen Benefiz-Idee im Kulturhaus Spandau, 12-mal im Jahr, vor 150 durchaus kritischen Besuchern neue Ideen ausprobieren, die Menschen vor Ort zum Lachen bringen und gleichzeitig Gutes tun. Ich nenne diese Show „LACHEN TUT GUT(es)!“. Und was sich im ersten Moment liest wie ein Schreibfehler, ist wie ich finde, eine der schönsten Ideen, wie man Humor und Hilfe, beste Unterhaltung und unbürokratische Unterstützung ganz einfach miteinander verbinden kann. Von den Leuten wurde das so gut angenommen, dass ich bis heute dabeigeblieben bin. Seit 2007 unterstütze ich mit den Einnahmen aus der Show unter anderem die „Roten Nasen“, das sind speziell ausgebildete Clowns, die in Krankenhäusern versuchen Spaß und gute Laune zu verbreiten und die es immer wieder auf liebevolle Weise schaffen, kranken Menschen mal für ein paar Stunden ihre Krankheit vergessen zu lassen. Und wer einmal gesehen hat, wie die kleinen, aber auch großen Patienten strahlen, wenn die Clowns auf den Stationen unterwegs sind, der muss dieses Projekt einfach unterstützen!

Mit welcher berühmten Puppe würden Sie gerne mal auf der Bühne stehen oder zusammen in einem Film spielen?

Als Puppenspieler war es immer mein Traum Jim Henson persönlich kennenzulernen und mit ihm und einer seiner bekannten Puppen der „Muppet-Show“ wie Kermit oder Miss Piggy zusammen auf der Bühne zu stehen. Leider ist Jim Henson im Alter von 53 Jahren viel zu früh verstorben. Seine Puppen leben allerdings weiter. Mein Traum ist also noch nicht ganz geplatzt.

Sascha Grammel gastiert mit „FAST FERTIG!“ im September in Innsbruck, Salzburg, Wien und Linz. Tickets gibt es bei oeticket.com.

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