📷 Schifoan & Destroy: Metallica im Ernst-Happel-Stadion

Metallica

Am 16. August gastierten Metallica bereits zum zweiten Male im Rahmen ihrer „Worldwired“-Tour in Wien: Nach ihrem Stadthallen-Besuch im vergangenen Jahr nun im Ernst-Happel-Stadion.

Ziemlich genau drei Jahre nachdem Metallica mit „Hardwired“ die erste Single von ihrem aktuellen Album „Hardwired…To Self-Destruct“ veröffentlicht hatten, kehrten Sie zum zweiten Mal im Rahmen ihrer „Worldwired“-Tour in Wien ein: Nach ihrem Stadthallen-Besuch im März des vergangenen Jahres nun im rappelvollen Ernst-Happel-Stadion.

Es hätte vor knapp 40 Jahren wohl niemand – nicht einmal Schlagzeuger Lars Ulrich, Hirn, Mundwerk und imperativischer Diktator hinter der Marke Metallica – geahnt, in welche Höhen sich ihr Krachkonstrukt einst schwingen vermag, zumal sie immer schon ihren eigenen Weg gingen, ohne es irgendwem – Fans, Labels, der Presse – rechtzumachen, sich gar gefällig anzubidern:

Das Debüt „Kill ´Em All“ war für die Metalszene wie ein Schlag ins Gesicht, zu wild und ungestüm, mit einem rigorosen Verzicht auf Melodie klang es beinahe nach Punk. Dies mag heute – im breiten Genrespektrum zwischen Behemoth, Ghost und Volbeat – unvorstellbar scheinen, aber das waren die Anfänge der Achtziger. Metallica waren damals mit die ersten, die sukzessive eine Artentrennung im zuvor kumuliert als „Heavy Metal“ bekannten Genre forcierten, mit ihnen ward der Thrash Metal – von Ulrich dereinst noch mit „Power Metal“ tituliert, heute Sammelbezeichnung für schwülstige Heroengeschichten, unterlegt mit lieblichem Keyboard-Geklimper – geboren. Im Gegensatz dazu stand der Nachfolger „Ride The Lightning“ (1984), auf dem mit „Fade To Black“ eine Ballade Einzug ins schwermetallische Soundgewand fand – ein singulärer Fauxpas war dies bekanntlich ja nicht, denn schon im Folgejahrzehnt – nach den sukzessive fordernden Ungetümen „Master Of Puppets“ (1986) und „… And Justice For All“ (1988), die ihren aggressiv aufgepauschten Duktus aus der Desperation der Reagan-Ära zehrten – ward Metallica mit ihrem selbstbetitelten „schwarzen Album“ plötzlich und über Nacht nicht nur zum Soundtrack langhaariger Rabauken, sondern auch deren Mütter geworden, welche die Hit-Single „Nothing Else Matters“ als Haushaltsarbeitshintergrundberieselung durchaus zu schätzen wussten. „Load“ und „ReLoad“ (1996 und 1997) – tatsächlich sträflich unterbewertete Heavy-Blues-Scheiben – forcierten diesen Progress der Salonfähigmachung des einstigen plebejischen Bahöl, bevor sich die vier Kalifornier, die sich mittlerweile zu schwerreichen Millionären – Kunstsammlungen, Autofuhrpark und Edelvillen inklusive – hochgelärmt hatten, in einer desaströsen Midlife-Crisis wiederfanden und in ihrer inneren Torschlusspanik mit dem rumpelnden Krachdemo „St. Anger“ (2003) zu kitten versuchten, was geborsten war. Und als all dies nichts half, versuchte man es mit dem übersteuerten „Death Magnetic“ (2008) noch ein Stück geräuschvoller – zu brüllen und wie wild um sich zu schlagen ist bekanntlich in jeder Diskussion das beste Argument. Die Vorgabe, nach wie vor wilde, juvenile Rabauken zu sein, wirkte in aller erster Linie unglaubwürdig, peinlich wie Väter, die mit ihren Kindern vor deren Freunden plötzlich in anachronistischen Jugendakronymen kommunizieren. Nicht zu vergessen auch das – gelinde formuliert – schräge Projekt mit Lou Reed, das anstatt mit „Lulu“ (2011) eigentlich wohl eher mit einem anderen Ausscheidungsprodukt betitelt werden hätte sollen, aber gut: das hätte weniger intellektuell gewirkt. Sie verklagten Napster und pochten auf künstlerisches Eigentum, lange bevor es „in“ war, dies zu tun. Sie verpulverten Millionen für ihren Konzertfilm „Through the Never“ (2013) und ließen für jeden Song ihres Doppelalbums „Hardwired…To Self-Destruct“ (2016) ein Musikvideo drehen, unter anderem auch von „Lords Of Chaos“-Regisseur Jonas Akerlund. Man sieht: Metallica handeln nicht unbedingt nach Lehrbuch und rotem Faden. „Gehasst, verdammt, vergöttert“ – auf keine Band passt dieser Slogan adäquater, nicht einmal auf die eigentlichen Initiatoren, die Böhsen Onkelz.

Trotzdem – oder gerade: deswegen – sind Metallica heute die größte Heavy-Metal-Band, die zeitgleich auch keine ist: Wie Schrödingers Katze, dem paradoxen Gedankenexperiment aus der Physik, changieren die vier Kalifornier heute mehr denn je zwischen zwei Zuständen, zwar nicht „tot“ und „lebendig“ wie die Katze in der nukularen Kiste, dafür aber zwischen „innerhalb“ und „außerhalb“ der im Grunde recht starren, wenngleich mittlerweile durchaus gedehnten Genregrenzen; Features im ORF, auf Ö3, Präsenzen in den Feuilletons selbst renommierter Tages- und Wochenzeitungen, sogar „Irgendwas mit Fragezeichen“ im Standard von Kollegen Schachinger, versprechen ein Publikum, das eine Woche später auch beim heimischen Volksrock’n’roller zünftig abrocken wird können, im passrecht sitzenden T-Shirt von H&M, EMP oder dem überteuerten Merchandise-Stand vorm Stadion selbst. Dazwischen aber auch immer noch vereinzelt jene, die mit ihren ein süßlich-penetrantes Odeur verströmenden Kutten daran erinnern, dass der Heavy Metal einmal wild und ungestüm, unangepasst, dreckig und erdig, vielleicht sogar bäuerlich-plebejisch war. Was sie bei Metallica eint? Erstens: Bier – und jenes rinnt in Strömen – verbindet. Zweitens: Metallica haben neben einem Händchen für gutes Songmaterial auch ein selbiges für eine gelungene Dramaturgie. Zwischen all ihrem Gehacke und Gepolter weben sie auch stets fein-säuberlich Verschnaufpausen ein, damit das Potpourri letztlich bekömmlich wirkt: So muss sich der bärtige Unhold, in dessen Gesichtsgestrüpp bereits der fünfte Liter Bier versickert, nicht schämen, bei „The Memory Remains“, „The Unforgiven“ oder „Nothing Else Matters“ so etwas wie Gefühle zu verspüren. Andererseits werden aber auch all jene abgeholt, für die 88.6 schon echt rockt und für die die Pommesgabel immer noch ein rebellisches Symbol enthemmter Feierlaune ist – und für die ein brünftiger „Tötet sie alle!“-Schlachtruf nur in Dosen verträglich ist.

Zieht man die prominentesten Vergleichswerte zu Rat, Metallicas „Live Shit“ von 1989 im Seattle Coliseum und 1992 in der San Diego Sports Arena, die seit jeher als Blaupause für eine Band auf ihrem Zenit gelten, fällt auf: Am Rezept haben sich seit ehedem nur Nuancen verschoben. Immer noch pauscht Ennio Morricones „The Esctasy of Gold“ die Stimmung auf. Allein von den Tantiemen, die Metallica wohl aus ihrer Portokasse zahlen, könnte sich der italienische Altmeister wohl heute zwei gut gelegene Weingüter kaufen, die Patschen zum Lebensabend hochstrecken und rund um die Uhr gemütlich einen sitzen haben, während der Kontostand „Dingeling“ macht. Urige Klassiker wie „The Four Horsemen“, „Creeping Death“, „For Whom The Bell Tolls“ oder auch das düster stampfende „Harvester Of Sorrow“ haben bis heute weder an Klasse, noch an Vehemenz verloren: Und das, obwohl insbesondere Frontmann James Hetfield, der neben der Gitarre auch noch den Gesang zu bewältigen hat, die Jahrzehnte und seine einstige Alkoholsucht mittlerweile deutlich ins Gesicht geschrieben sind. Trotzdem wirkt er immer noch wie eine hünenhafte Urgewalt, wenn er breitbeinig die – wie die Krone richtig attestierte – viehische Physis von Metallica gibt, und allein mit seinem „Yeah!“ abertausend Seelen aus der bebenden Brust spricht. Hinter ihm eben Ulrich, der Muskel der Band, dessen Zuckungen irgendwas im Gesicht und gleichzeitig glücklicherweise auch am Schlagzeug vollziehen: Das klingt zwar nur manchmal auch wirklich richtig, erahnbar wie originär am Album intendiert, aber als Fan ist man das ohnehin schon gewohnt, dem Adabei fällt es vermutlich nicht auf, man denkt sich: Im Heavy Metal gehört das wohl so. Und ja, noch immer ist die immense Publikumsnähe das A und O im ureigenen Schwermetallrezept: Wanderte Hetfield dereinst im schweißtreibenden Austausch durch die erste Reihe und krakeelte in mal mehr, mal weniger gelungenen Duetten mit dem hysterischen Publikum den Chorus von „Seek And Destroy“ und prolongierte so eine der Bandhymnen gut und gerne auch einmal um ein Drittel, geht man heute fürderhin auf Tuchfühlung, insbesondere für die Fans, die sich im bereits 1991 eingeführten Snakepit – eine in der Bühne eingelassene Schlangengrube für die ganz Hartgesottenen – eingefunden haben. Irgendwann rückt dann auch Ulrich sein Holterdipolter vor an den Bühnenrand, wo sich Bassist Trujillo – ein brünftiger Orang-Utan am Viersaiter – und Hammett an der Lead-Gitarre, die nicht viel weniger als bei seinem juvenilen Alter Ego singt, ohnehin zumeist aufhalten: Ebda. geben beide, während Ulrich und Hetfield wohl das Sauerstoffzelt heimsuchen, wie in jeder Stadt auch einen Funken Lokalkolorit zum Besten; Letztes Jahr kam Falco mehr als unrühmlich zu dieser Ehre, diesmal gab es eine überraschend urige, treue Version von Wolfgang Ambros‘ „Schifoan“ – viel besser sänge es der Urheber heute auch nicht mehr, und so zeigte er sich auch – im Gegensatz zur Schweizer Koryphäe Thomas Gabriel Fischer, dessen „Usurper“ in Zürich verhunzt wurde – in der Klatschpresse durchaus erfreut und geehrt über den Kniefall.

Natürlich: Während das Gros der Masse im Anschluss trunken vor Freude und Bölkstoff gen U2 wankt, sinniert der wahre Fan, immerhin härtester und engstirnigster Kritiker, im Anschluss und erschrickt beim Gedanken, dass er wie die Großeltern schon der guten alten Zeit nachtrauert. Als Hetfield noch rülpsend Bier ins Publikum spuckte und das unrühmliche F-Wort sogar in Capitals auf seiner weißen Explorer prangte. Als noch mit „Am I Evil?“ und „So what?“ zwei Hommagen im Set standen, die – obwohl fremder Natur – die ureigene Grätsche von Metallica wie keiner ihrer eigenen Songs vollzogen: Eine epische, filigrane Hymne mit Pathos auf der einen, ein abgefuckter, räudiger Dreckbatzen auf der anderen Seite – im Freudentaumel ohne Stolperstein glücklich vereint. Oder als statt „Frantic“ noch der wahre Wahn im Set kursierte: „Whiplash“, die Übernummer vom Debüt, die vielleicht mehr Pubertät verströmt als das Bettlaken in einem Bubenzimmer. Fairerweise muss man aber auch den Hut ziehen: Metallica haben sich mittlerweile einen Kontostand erarbeitet, der wohl locker den Haushalt von Schweiz und Luxemburg zusammen übertrifft, man könnte sich also in den Ruhestand begeben. Doch die Maschinerie wird mit immer noch spitzbübischem Verve und Elan am Laufen gehalten, letztlich ist es doch harte Arbeit, vergleichbar mit dem Baugewerbe im Sommer – Privatjets, Luxushotels und Limousinenshuttle zum Trotz –, Abend für Abend gut über zwei Stunden im Akkord und ohne Atempause abertausend Menschen zu beweisen, dass ihre gut 100 Euro wohlfeil investiert waren, auch wenn nicht nur die von Hetfield so oft beschworene Familienzusammengehörigkeit zuletzt dank unrühmlicher Geschäftspraktiken einen Knacks bekommen hat, sondern auch die einstige scharfkantige Härte mittlerweile sanfte Rundungen bekommen hat – die haben so manche Fans zumindest um die Körpermitte herum aber schließlich mittlerweile auch.

Fotos: Pascal Riesinger